desaster

Die Organisatoren des Fyre Festivals haben ihr Budget für Models, Privatjets und Jachten verprasst

"Lasst es uns einfach machen und zu Legenden werden" – das haben die Köpfe hinter dem Fiasko "Fyre Festival" geschafft. Indem sie es spektakulär in den Sand setzten.

von Gabrielle Bluestone
05 Mai 2017, 3:41pm

Titelfoto: Instagram

Einen Monat bevor Tausende reiche Millennials sich darauf freuten, beim Fyre Festival auf einer abgeschiedenen Bahamas-Inseln mit Models abzuhängen und dabei Bands wie Blink-182 oder Major Lazer zu sehen, hatten die Organisatoren der Veranstaltung ein großes Problem.

Sie hatten kaum mehr Geld und Zeit. Dem Festival fehlte es allerdings noch an vielen grundlegenden Dingen – zum Beispiel Toiletten und Duschen. Ein Zulieferunternehmen sagte gegenüber VICE News, dass es im April von den Organisatoren kontaktiert worden sei. Alles Geld der Welt hätte zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht ausgereicht, um die Container für Toiletten und Duschen rechtzeitig durch den Zoll zu bekommen. Das dauert nämlich Wochen. Eigentlich sollte das Festival an zwei Wochenenden Ende April und Anfang Mai stattfinden.

"Auf der Insel fehlte jegliche Infrastruktur für das ganze Equipment. Die Veranstalter hatten nicht mal ein Ladedock errichtet", erzählte das Zulieferunternehmen. Außerdem wussten die Organisatoren anscheinend nicht, ob Fahrzeuge bereit standen, um alles vom Schiff zu laden. "Sie sagten dann Sachen wie: 'Macht euch keine Sorgen wegen des Zolls. Das ist ja nur ein Wochenende'".


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Billy McFarland, der 25-jährige Begründer des Fyre Festivals, hätte sich wegen des Zolls allerdings doch ein wenig Sorgen machen sollen. Direkt am ersten Tag brachen die bahamaischen Behörden die Veranstaltung nämlich ab. "Zollbeamte haben den Festivalbereich abgeriegelt, weil McFarland keine Zollabgaben für die von ihm importierten Gegenstände bezahlt hat", sagte die Tourismusbehörde der Bahamas in einem Statement.

Zwar waren zu diesem Zeitpunkt zumindest ein Toilettencontainer sowie einige Mobilklos auf dem Gelände vorhanden, aber die Besucher hatten schon längst wieder das Weite gesucht. Einige von ihnen verglichen die Zustände auf der Insel mit denen in einem Flüchtlingslager – auch weil die versprochenen "Luxuszelte" Notfallunterkünften glichen.

Interviews mit ehemaligen Fyre-Angestellten, Organisationsfirmen und potenziellen Investoren zeigen, dass den Verantwortlichen schon Monate vorher klar war, nicht mal einen Bruchteil der versprochenen Leistungen umsetzen zu können. McFarland und sein Unternehmen Fyre Media hatten den Investoren aber auch nur wenig vorzuweisen – abgesehen von einem inzwischen berüchtigten Fotoshoot mit zehn beliebten Models und einer Pressemeldung, in der die Partnerschaft mit einer Luxusjacht-Miet-App angepriesen wird.

Mit den ernsthaften logistischen Planungen für das Festival fing man erst Ende Februar oder Anfang März an – also nicht mal zwei Monate bevor Tausende Menschen auf der Privatinsel ankommen und ein Luxuswochenende erleben sollten.

Ein Toiletten- und Duschen-Lieferant, der letztendlich nicht beauftragt wurde, sagte den Festivalorganisatoren, dass es mehr als eine Million Dollar kosten würde, das nötige Equipment überhaupt zu bestellen. Dieser Betrag umfasste allerdings weder die Lieferkosten noch die Kosten für das Schiff, das das anfallende Abwasser von der Insel hätte abtransportierten müssen.

In welchem Debakel das Festival endete, hat inzwischen jeder mitbekommen. Involvierte glauben, dass McFarland und Mitorganisator Ja Rule ihre Versprechen vom absoluten Luxus auf einer Privatinsel inklusive berühmten Models, Jachten, Strandkonzerten und Schatzsuchen anfangs wirklich halten wollten. Sie sagen aber auch, dass die beiden schnell hätten erkennen müssen, dass dieses Ziel nicht realistisch war.

McFarland hat inzwischen versucht, dem schlechten Wetter die Schuld an dem Desaster zu geben. Und Ja Rule sagte in einem Statement, dass ihn keine Schuld treffe und das Ganze keine Abzocke gewesen sei.

Das Fyre Festival war von Anfang an ein Last-Minute-Ding. McFarland entwickelte die Idee im Oktober 2016 und verkündete das Ganze einen Monat später bei Instagram. Anschließend gab er laut in die Planung involvierter Quellen mehrere Millionen Dollar für Models, Privatjets und Jachten aus, um seine erste Großveranstaltung zu promoten.

Allein einen einzigen Instagram-Post von Kim Kardashians Halbschwester Kendall Jenner ließ er sich 250.000 Dollar kosten. Zwar bekamen die nicht ganz so bekannten "Influencer" weniger Geld, aber mindestens 20.000 Dollar gingen trotzdem pro Nase drauf. Das berichtet eine Person, die über die Zahlungen Bescheid weiß.

Fyre-Festival-Mitarbeitern zufolge hatten die Planungen etwas von einer ausufernden Spring-Break-Party: McFarland und seine Teammitglieder flogen wohl jedes zweite Wochenende für "verschwenderische Urlaube" auf die Bahamas. Dabei waren aber nur männliche Angestellte sowie Models erlaubt. "Billy nahm seine ganzen Jungs mit", erzählte ein Mitarbeiter. "Sie redeten dann nur davon, während der Meetings 'Bitches and Hoes' zu ficken."

Der Mitarbeiter berichtete außerdem, dass McFarland im Büro immer bei offener Tür pisste: "Sie machten sich da einen Spaß draus." Laut einem ehemaligen angestellten Unternehmen war die ganze Atmosphäre "unterschwellig sexistisch und rassistisch".

Im März wurden die Aussichten dann immer düsterer. Den Organisatoren ging das Geld aus, obwohl eine New Yorker Investorin, die McFarland durch sein fehlgeschlagenes Kreditkartenunternehmen kannte, viel Geld in das Projekt gepumpt hatte. Deswegen suchte der Fyre-Festival-Chef händeringend nach neuen Geldgebern. Bei mindestens einem Meeting mit einem potenziellen Investor ließ McFarland dann durchblicken, dass schon mehrere Millionen Dollar für Celebrity-Werbung und Marketing ausgegeben worden waren und nun Geld für die Bezahlung von Verkäufern, Angestellten und Künstlern nötig sei.

Trotz des Verkaufsversprechens, das pro Wochenende 10.000 Besucher zu erwarten seien, lief der Ticketverkauf sehr schleppend. Es gingen vor allem die vergünstigten Karten weg. Die meisten Käufer zahlten zwischen 500 und 2.000 Dollar für ihr Ticket. Behauptet wurde aber, dass sich die Leute die extrem teuren VIP-Pakete holten. Dabei waren gar nicht die Reichen und Schönen das Zielpublikum, sondern die Menschen, die diesen Lifestyle leben wollen – ihn sich vor dem Fyre Festival aber nicht leisten konnten.

Ein ehemaliger Fyre-Media-Angestellter erinnerte sich an den Pitch, den McFarland und der 24-jährige Fyre-Fest-Leiter Grant Margolin der New Yorker Investorin vorgelegt hatten: "Sie haben ihr nur Geschichten verkauft und sie mit auf die Insel genommen, auf der auch schon die Models waren. Sie hatte keine Ahnung."

Aber auch die Versprechen den Ticketkäufern gegenüber veränderten sich mit der Zeit. So fand das Festival nicht auf einer ehemaligen Insel Pablo Escobars statt, sondern auf einer Art Neubaugrundstück in der Nähe eines Urlaubsresorts. In einem von Vanity Fair geleakten Pitch behauptet McFarlands Team, vom Distrikt Exuma Land im Wert von 8,4 Millionen Dollar bekommen zu haben. Im Gegenzug sollten sie dort das Festival veranstalten und so die Insel bekannt machen. Zwar interessierten sich McFarland und Margolin nach der ersten Welle an Ticketverkäufen im Dezember tatsächlich für den Kauf einer Privatinsel. Da der Ort jedoch weder Strom noch fließend Wasser noch Platz für mehr als Tausend Festivalbesucher bot, verwarfen sie diesen Plan wieder.

Ursprünglich erwarteten die Organisatoren, bis zum 31. März 40.000 Tickets zu verkaufen. Diese Zahl wurde schließlich auf 20.000 gesenkt, aber der "Privatinsel"-Teil weiter in allen Marketing-Unterlagen versprochen. Nach den ersten Kartenverkäufen verändert das Unternehmen jedoch plötzlich die Unterbringungsoptionen: Das Bild "rustikaler Hütten" wurde gegen eine Abbildung der Notfallzelte ausgetauscht, die die Besucher dann tatsächlich vorfanden.

Die auf der Website angepriesenen Villen hat es laut einem Fyre-Mitarbeiter nie gegeben. Man habe sie lediglich als Witz aufgelistet und nicht erwartet, dass sie irgendjemand bucht. Die Organisatoren ignorierten Mails und ließen Ticketbesitzer bis wenige Tage vor dem Festival im Dunkeln darüber, wann und von wo aus sie auf die Insel fliegen sollten.

Viele Auftragnehmer und mehrere ehemalige Mitarbeiter warten laut eigener Aussage bis heute auf ihre Bezahlung.

Am Donnerstag vor dem Festival wiesen die Organisatoren und McFarland berühmte VIP-Gäste an, besser nicht zu kommen. Das geht aus einer 100 Millionen Dollar schweren Klage hervor, die der bekannte Celebrity-Anwalt Mark Geragos vergangenen Sonntag eingereicht hat.

Weder McFarland noch Fyre Media wollte für diesen Artikel ein Statement abgeben. Sie scheinen ihr Mammut-Vorhaben aber noch nicht begraben zu haben: Am Montag haben die Organisatoren eine Mail herumgeschickt. Darin bieten sie Ticketbesitzern an, anstatt der versprochenen Rückerstattung kostenlose Eintrittskarten für das Fyre Festival 2018 zu erhalten. Es bleibt nur zu hoffen, dass sie aus ihren Fehlern gelernt haben und die Vorbereitungen schon in vollem Gange sind.

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