Anzeige
Polizeiarbeit

Was passiert eigentlich bei einer Razzia in Österreich?

Drogenrazzia, Terrorrazzia, Großrazzia. Begriffe, die wild und nach viel Action klingen – aber ist das wirklich so?

von Anna Weismann
03 Februar 2017, 12:31pm

Foto: ּα | flickr | by CC 2.0

Gleich vorweg – der Begriff "Razzia" ist anscheinend ein umgangsprachlicher. Das war zumindest meine erste Erkenntnis, als ich mit meiner Recherche begann. Auf meine durchaus ernst gemeinte Frage hin, ob es das Wort auch im juristischen Sprachgebrauch gäbe, bekam ich von meiner besten Freundin, die angehende Anwältin ist, folgende Antwort:

1486045871539-Bildschirmfoto-2017-02-02-um-153050

OK. Das war schon mal eindeutig. Nächstlogischer Schritt: Das Internet befragen.

Ich erfahre, dass das Wort Razzia ursprünglich aus dem Arabischen kommt und Kriegszug, Raubzug beziehungsweise Angriffsschlacht bedeutet. Umgangssprachlich ist es meist der Begriff für eine geplante, großangelegte und vor allen Dingen überraschende Polizeiaktion.

Auf meine Anfrage erklärt mir auch Patrick Maierhofer, Pressesprecher der Wiener Polizei, noch einmal lachend, dass das Wort Razzia bei ihnen in der Form gar nicht existiert – es sei eher ein von der Presse heraufbeschworener Begriff. (Gebt es zu – ihr wusstet das auch nicht.) Ansonsten sei das Thema allerdings schnell erklärt und relativ eindeutig, wie er meint.

"In Österreich unterscheidet man zwischen einer Lokal- und einer Hausdurchsuchung. Das ist auch landesweit gleich geregelt", erklärt mir Herr Maierhofer. Hausdurchsuchungen sind beispielsweise genau durch die Strafprozessordnung geregelt und finden, so wie auch Lokaldurchsuchungen, nur bei begründetem Verdacht Anwendung. Gesucht werden kann dabei sowohl nach Gegenständen als auch Personen.

Aus kriminaltaktischen Gründen kann er mir die genaue Vorgehensweise nicht erklären, meistens werden solche Durchsuchungen aber (natürlich im Geheimen) vorgeplant, kommen für die Polizei also naturgemäß weniger überraschend als für die Betroffenen. Je nach Situation wird dann entschieden, wie es um das Gefahrenpotenzial steht, wieviele Beamte notwendig sind, und ob Einsatzkräfte der WEGA oder der Cobra zugezogen werden müssen. Das könne man in der Mehrzahl der Fälle schon im Vorhinein gut einschätzen, sagt Maierhofer. Grundsätzlich geschehen solche Aktionen aber immer mit hohem Eigenschutz.

Verallgemeinern lässt sich der Ablauf einer Razzia trotzdem schwer. "Es ist natürlich ein Unterschied, ob in einer Wohnung jetzt Bewaffnete warten, oder man zum Beispiel lediglich nach Diebesgut sucht. Für Letzteres wird die jetzt Cobra kaum durchs Fenster einsteigen." Das ergibt Sinn.

Wie teuer eine Razzia dem Staat zu stehen kommt, ist auch wieder abhängig vom jeweils benötigten Aufgebot. "Hauptsächlich werden für Durchsuchungen allerdings Polizisten, die ohnehin gerade im Hauptdienst sind, eingesetzt. Das wird dann also mit den normalen Kosten abgedeckt."

Ein Beispiel für eine großangelegte Durchsuchung, die wohl nicht mit den "normalen Kosten" abgedeckt wurde, sind die Anti-Terroreinsätze in Wien und Graz Ende Jänner 2017 gegen ein mutmaßliches Islamisten-Netzwerk, bei dem über 800 Beamte im Einsatz standen. Elf Männer und drei Frauen sind dabei am Ende in den beiden Landeshauptstädten wegen des Verdachtes der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung, genauer gesagt der Terrormiliz IS, festgenommen worden.

Weiterführende Auskünfte wurden "mit Blick auf die laufenden Ermittlungen und insbesondere zur Vermeidung einer Gefährdung des Ermittlungserfolges" nicht gemacht, hieß es in einer Aussendung der Staatsanwaltschaft Graz. Geheim also – ich kenn mich mittlerweile aus.

Treffen kann so eine Razzia theoretisch im Übrigen jeden. Auch dich – außer du genießt politische Immunität. Durchsuchungen dienen nämlich vor allem der Prävention – so können auch Angehörige, Anwohner oder Bekannte ins Visier geraten. Bei der österreichischen Polizei wird deshalb laut eigenen Angaben Wert darauf gelegt, dass der Betroffene (sozusagen als Zeuge) bei Durchsuchungen anwesend ist. Auch die allenfalls beschlagnahmten Gegenstände werden genauestens aufgezeichnet.

Überhaupt braucht die Polizei für eine Hausdurchsuchung eine richterliche Bewilligung. "Bei akuter Gefahr, wenn man zum Beispiel weiß, dass da drinnen gerade Beweise vernichtet werden, kann man die richterliche Bewilligung allerdings auch kurzfristig und telefonisch einholen."

Wie effizient diese Durchsuchungen wirklich sind, konnte man mir nicht beantworten. Ein deutscher Polizeiwissenschaftler, der lieber anonym bleiben will, sagt diesbezüglich gegenüber VICE: "Dabei handelt es sich um polizeiinternes Monopolwissen. Für Externe da ranzukommen ist fast unmöglich."

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.