Salafismus in Österreich

IMAN – Wie Islamisten in Österreich missionieren

Die österreichische Gruppe IMAN ist Teil eines global agierenden Netzwerks missionierender Salafisten. Einige von ihnen sind später in Syrien wieder aufgetaucht.

von Thomas Hoisl & Paul Donnerbauer
06 April 2017, 4:00am

Titelfoto: Screenshot via Facebook

Dieser Artikel ist der Auftakt einer Reihe, in der wir uns mit dem Thema Salafismus in Österreich beschäftigen. 

Die Empörung über Männer mit Kinnbart, Gebetskappe und kurzen Hosen, die auf der Straße für die "wahre Religion" werben und dabei den Koran verschenken, schaukelte sich über die Jahre hoch – von der Duldung bis zum Verbot. Beigetragen hat dazu wohl auch die Meinung "Nicht jeder Salafist ist ein Dschihadist, aber jeder Dschihadist ist Salafist", die sowohl von rechten Parteien, wie auch eher linksorientierten Experten geteilt wird.

In Österreich waren die Koran-Verteiler der Kampagne Lies! vor allem durch ihren Stand auf der Mariahilfer Straße bekannt. In den letzten Monaten ist es um die Gruppe allerdings sehr ruhig geworden. Lies! habe sich freiwillig zurückgezogen, sagte der grüne Bezirksvorsteher Thomas Bimlinger im Mai 2016 gegenüber der Presse.

In Deutschland wurde die Lies!-Kampagne vom Verfassungsschutz beobachtet und schließlich verboten. Der Begründung nach, weil sie einen totalitären, verfassungsfeindlichen Anspruch vertreten würde. Auch in Österreich wurde die Gruppe beobachtet, ein pauschales Verbot gab es allerdings nicht – obwohl eine Studie des deutschen Verfassungsschutz gezeigt hat, dass jeder fünfte Deutsche, der sich in Syrien einer dschihadistischen Gruppe angeschlossen hat, vorher bei Lies! aktiv war. Für Österreich fehlt eine solche Statistik bis heute.

Im Kern scheint die "Dawa"-Bewegung in Österreich von zwei jungen Männern gelenkt zu werden. Einer von ihnen war früher in der SPÖ aktiv.

Wie schon in Deutschland zuvor, ist nun auch in Österreich eine neue missionierende Gruppierung an die Stelle von Lies! getreten. Sie nennt sich IMAN und ist international gut vernetzt. Die jungen Männer tragen gelbe T-Shirts statt weißen Gewändern und verteilen Flyer anstelle des Korans. Vor allem aber scheinen sie den Umgang in den sozialen Netzwerken zu forcieren und sich um ein moderneres, sanfteres Auftreten zu bemühen. Wer steckt hinter dieser neuen Gruppe, wie finanziert sie sich und welche Gefahr geht von ihr aus?

Im Kern scheint die "Dawa"-Bewegung – also jenes Netzwerk, das für den Islam wirbt und zu dem sich Gruppen wie Lies! und IMAN bekennen – in Österreich vor allem von zwei jungen Männern gelenkt zu werden: Zum einen ist das der Oberösterreicher Sertaç Odabas, der als Vorsitzender von IMAN tätig ist, zum anderen der Wiener Amir El-Shamy.

El-Shamy fungiert als Generalsekretär der Gruppe. Zuvor war er bei den JUSOS und der SPÖ Floridsdorf aktiv, was für einiges an medialem Aufsehen gesorgt hat. So empörten sich die FPÖ und diverse Boulevardmedien über den "Salafisten in der SPÖ". SPÖ-Landesparteisekretärin Sybille Staubinger erklärte daraufhin Anfang März: "Ich gehe davon aus, dass er [El-Shamy] seine Mitgliedschaft in der SPÖ selber beenden wird, andernfalls wird die SPÖ entsprechende Schritte setzen müssen."

Amir El-Shamy hatte sich schon 2015 einer tief religiösen, in Teilen exkludierenden Weltanschauung zugewandt.

Allerdings trat Amir El-Shamy nicht freiwillig aus der SPÖ aus. "Die SPÖ hat versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen, um ein Gespräch zu führen. Da er bisher für uns aber nicht erreichbar war, wurde seine Mitgliedschaft ruhend gestellt", erzählt Gerhard Spitzer, Bezirkssekretär der SPÖ Floridsdorf, gegenüber VICE.

Dass zumindest Teile der SPÖ schon länger über El-Shamys Missionarstätigkeit bescheid wussten, zeigen Postings des SPÖ-Gemeinderats Omar Al-Rawi auf der Facebookseite von El-Shamy und der Seite von IMAN. Dort unternahm Al-Rawi im Jänner 2017 den Versuch, seinen Parteikollegen von IMAN wegzubringen. Vergeblich, obwohl El-Shamy Al-Rawi noch im April 2015 als "Kollegen, Freund, Vorbild und Bruder" bezeichnet hat.

Amir El-Shamy hatte sich aber auch schon 2015 einer tief religiösen, in Teilen exkludierenden Weltanschauung zugewandt, auch wenn er sie damals nicht so offen zur Schau gestellt hat, wie heute. So machte die Initiative Liberaler Muslime Österreich (ILMÖ) im Oktober 2015 auf einen Tweet von El-Shamy aus dem Vorjahr aufmerksam, in dem dieser Aleviten absprach, Muslime zu sein.

Im gleichen Monat, aus dem die Tweets von Amir El-Shamy stammen, wählte in die Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich (IGGÖ) in den Bundesvorstand ihrer Jugendorganisation. Vier Jahre zuvor erklärte El-Shamy gegenüber der Presse noch: "Mir ist der Islam nicht wurscht, aber bei mir ist der Glaube nicht so tief wie bei meinem Vater."

Gegenüber VICE erzählt Gerhard Spitzer, dass sich Amir El-Shamy "in den letzten Jahren sehr stark verändert" habe. "Vor wenigen Jahren, zu seiner aktiven Zeit in der Jugendorganisation, war seine Neigung zu extremen Formen der Religionsausübung noch nicht erkennbar", so der Bezirkssekretär der SPÖ Floridsdorf. "Mittlerweile sind der SPÖ seine Aktivitäten bei der Gruppe IMAN bekannt, weswegen sich die SPÖ klar von ihm und der Organisation distanziert."

Wir wollten Amir El-Shamy fragen, wie es zu seiner Wandlung vom engagierten SPÖ-Nachwuchspolitiker zum islamistischen Missionar kam. Wir wollten ihn auch fragen, wie sein Tweet über die Aleviten zu verstehen sei, warum er sich heute für IMAN einsetzt, wer diese Gruppe finanziert und ob von ihr eine Gefahr ausgeht. 

Allerdings verweigerte El-Shamy jegliches Gespräch mit uns. Trotz mehrmaliger Anfragen war auch sonst niemand von IMAN bereit, mit VICE zu sprechen. Stattdessen wurden wir auf den eigenen YouTube-Kanal und ein Pressestatement verwiesen, in dem IMAN erklärt, auf "etwaige unwahre, hetzerische oder verleumderische Berichte, rechtliche Schritte einzuleiten".


Unsere Doku aus dem Inneren des sogenannten "Islamischen Staates":


In einem Videobeitrag der Gruppe gehen der IMAN-Vorsitzende Sertaç Odabas und Amir El-Shamy dann noch genauer auf die Vorwürfe ein, die ihrer Gruppe in diversen Artikeln gegenüber gebracht wurden. Tatsächlich deutet bei IMAN selbst nichts darauf hin, mit irgendeiner terroristischen Vereinigung in Verbindung zu stehen. Im Gegenteil: Terrorangriffe werden von der Gruppe stets verurteilt.

Dennoch provozieren die Mitglieder von IMAN bewusst und vertreten eine zumindest aus demokratischer Sicht problematische Auslegung des Koran, indem sie den Islam als die einzig wahre Lebensphilosophie begreifen. So endet auch das oben erwähnte Video mit einem von Sertaç Odabas vorgetragenen Hadith, das durchaus auch als Drohung verstanden werden kann: "Der Islam wird in jedes Haus kommen!"

Wie Recherchen von VICE ergeben haben, besteht der harte Kern der Gruppe IMAN neben El-Shamy und Odabas aus etwa 15 bis 20 weiteren Mitgliedern, die sich über ganz Österreich verteilen. Manche von ihnen waren auch schon bei der Lies!-Kampagne aktiv.

Manche der Aktivisten auf dem Foto sind heute auch bei IMAN aktiv. Foto: Screenshot via Facebook

Im Umfeld von IMAN taucht auch immer wieder Marcel Krass auf; zum Beispiel in einem gemeinsame Video mit Sertaç Odabas. Marcel Krass ist ein deutscher Salafist und Vertrauter des deutschen Hasspredigers Pierre Vogel. Gegen Krass wurde auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ermittelt, da bei einem der Terror-Piloten seine Telefonnummer gefunden wurde. Das Verfahren wurde allerdings eingestellt.

Auf den Facebook-Profilen mancher IMAN-Unterstützer finden sich neben vielen Koran-Zitaten auch homophobe Statements und antisemitische Postings. Weiter werden auch Vergleiche zwischen der Judenverfolgung in Deutschland und Österreich vor 1945 und islamophober Hetze heute gezogen. Und es gibt Solidaritätsbekundungen für Sven Lau, einen verurteilten islamistischen Hassprediger – neben Hetze gegen Kurdinnen und Kurden.

Zum kurdischen Neujahrsfest schrieb auch El-Shamy einen Blogeintrag, in dem er erklärt, das kurdische Neujahrsfeste hätte "im Islam keinen Platz". Außerdem bezeichnet er die feministischen Kämpferinnen der YPG, die vor allem in Nordsyrien gegen den sogenannten "Islamischen Staat" kämpfen, ganz deutlich als "Terroristinnen".

"Warum hackt man einem die Hand und das Bein ab, der einen Straßenraub begangen hat, und lässt sie verbluten oder kreuzigt sie? All das tut man, um die Menschen davon abzuhalten, böse zu sein und Böses zu tun."

IMAN ist vor allem auf Facebook und YouTube aktiv. Mit professionell geschnittenen Videos, die oft mehr als 100.000 Klicks haben und Titel wie "Muslim widerlegt Mönch", "Muslim widerlegt Theologen", "Verwirrter Atheist trifft auf Muslim" oder "Muslim schockiert christlichen Missionar" tragen, versuchen sie die vermeintliche Überlegenheit des Islams zu propagieren und zu argumentieren.

Neben den Onlineaktivitäten der Gruppe hält IMAN aber auch Workshops ab, wo Mitglieder für die Dawa geschult werden. Außerdem ist die Gruppe immer wieder mit Infoständen aktiv und fährt Kampagnen unter den Titeln: "Was glaubst du?" und: "Ist das Leben nur ein Spiel?"

Letztere hat die internationale Kampagne "Is Life just a Game?" zum Vorbild, die im Rahmen der "World Dawah Mission" von der Islamic Education and Research Academy (iERA) organisiert wird. Wie Sertaç Odabas in diesem Video erklärt, hat IMAN einen "sehr guten Kontakt zu den Brüdern" in London. Die iERA wurde 2009 vom britischen Salafisten Abdur Raheem Green ins Leben gerufen und hat ihren Sitz im sogenannten "Crown House" in London, in dem neben den europäischen Muslimbrüdern mindestens 25 weitere islamistische Organisationen ihren Sitz haben.


Unsere Doku über britische Dschihadisten in Syrien:


Abdur Raheem Green war in der Vergangenheit immer wieder mit extremen Aussagen aufgefallen. 2012 erklärte er zum Beispiel: "Wir wollen ein Umfeld schaffen, das die Menschen ermutigt, gut zu sein, denn was sonst ist der Punkt der Hudood? [Als "Hudood" werden Verordnungen zur Islamisierung des pakistanischen Strafrechts bezeichnet, Anm.] Was sind die Hudood? Warum hackt man einem Dieb die Hand ab? Warum steinigt man den Ehebrecher und die Ehebrecherin? Warum hackt man einem die Hand und das Bein ab, der einen Straßenraub begangen hat, und lässt sie verbluten oder kreuzigt sie? All das tut man, um die Menschen davon abzuhalten, böse zu sein und Böses zu tun." 

Unter Odabas Facebook-Freunden findet sich auch ein gewisser Subboor Ahmad, Sprecher der iERA, der mit Green gemeinsam auf Fotos posiert.

Einer, der ebenfalls für die Kampagne "Is Life just a Game" geworben hat, ist Iftekhar Jaman. Der aus dem britischen Portsmouth stammende Sohn von aus Bangladesh stammenden Einwanderern ist auf mehreren Fotos bei Verteilaktionen der Kampagne zu sehen. Etwa auf diesem Foto vom 14. April 2013, das er auf seinem mittlerweile gesperrten Twitter-Account veröffentlicht hatte:

Screenshot via Twitter

Nur acht Monate später starb der 23-jährige Ifthekar Jaman in Syrien bei einem Angriff auf ein Waffenlager der Regierungsarmee. Er hatte sich der Dschihadisten-Miliz "Islamischer Staat" angeschlossen. Während seiner kurzen Zeit in Syrien avancierte Jaman zum Social-Media-Star der britischen Salafisten- und Dschihadisten-Szene und forderte immer wieder junge Männer und Frauen auf, seinem Beispiel zu folgen und sich dem Kampf in Syrien anzuschließen.

In Österreich ist von keinem Syriengänger bekannt, zuvor mit IMAN in Kontakt gewesen zu sein. Dennoch betrachtet der Islamismusexperte Rüdiger Lohlker an der Uni Wien die Gruppe gerade wegen ihrem Kontakt nach London mit Argwohn. "IMAN ist ja Teil des Netzwerkes World Dawah Mission, das meines Erachtens eine der am effektivsten und am modernsten global auftretenden Dawah-Unternehmungen weltweit ist – mit engen Kontakten zu transnationalen Schlüsselpersonen wie Abdur Raheem Green, Zakir Naik und Bilal Philips. Damit haben sie bedenklichen Einfluss."

Doch auch nach Deutschland pflegt IMAN gute Kontakte. Etwa zum sogenannten Dex-Institut, das vom bereits erwähnten deutschen Salafisten Marcel Krass geleitet wird. Auch im Dex-Institut werden Workshops und Vorträge rund um das Thema Dawa und Missionierung angeboten.

Auch wenn sich die Gruppe rund um Amir El-Shamy und Sertaç Odabas harmlos gibt und jegliche Verbindung zu dschihadistischen Gruppen abstreitet, sind es doch die Kontakte zu Figuren des internationalen Salafismus, die bedenklich sind. Fakt ist, dass sich Personen aus diesem Umfeld immer wieder in Syrien oder dem Irak an der Seite von Terrorbanden wie Islamischer Staat, Al-Quaida und Al-Nusra wiederfinden. Hier gilt es, wachsam zu bleiben, genau hinzusehen und weiter zu recherchieren.

Paul auf Twitter: @gewitterland, Thomas auf Twitter: @t_moonshine

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