Die Technologieausgabe

Mensch gegen Maschine 3: Kräfte gegen die Megakrise bündeln

Wie machen wir uns Technologie besser zunutze?

von Daniel Pinchbeck
28 April 2017, 4:00am

Fotos: Maria Gruzdeva

Aus der Technologieausgabe.

Daniel Pinchbeck ist der Autor von 'How Soon is Now?'

***

Der neue Film Arrival liefert eine ausgezeichnete Analogie für unseren aktuellen Umgang mit Technologie. Darin begreifen die Menschen einfach nicht, dass die futuristische Technologie, welche die "Heptapoden"-Aliens der Erde anbieten, keine Waffe oder Energiequelle ist, sondern ihre Sprache, die das Verständnis der Zeit und allen Seins radikal erneuert. Im echten Leben nutzen wir unsere Technologie bisher fast ausschließlich, um die Natur zu kontrollieren und zu dominieren, statt uns um Symbiose zu bemühen und von den abfallfreien Prozessen der Natur zu lernen.

Mit der zunehmenden Macht unserer Technologien spalten wir uns immer weiter von der natürlichen Welt ab, wodurch der Irrglaube entsteht, wir befänden uns irgendwie außerhalb der Natur oder ihres Einflusses. Das hat zu einem neuen, quasi-religiösen Glauben an die "Singularität" geführt, die Schwelle, ab der Mensch und Maschine verschmelzen – oder ab der künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickelt und ihre eigene Entwicklung ohne menschliches Zutun bestimmt (für viele Forscher eine erschreckende Vorstellung). Leider vergessen wir inmitten der Euphorie über unsere mechanische Macht ihren zerstörerischen Einfluss auf die Vielfalt menschlicher Kultur und natürlicher Ökosysteme, zu denen wir gehören.

Die Menschheit steht aktuell vor einer ökologischen Megakrise. Manche Forscher behaupten sogar, sie könne die Menschheit in den nächsten ein bis zwei Jahrhunderten auslöschen. Die globale Erwärmung schreitet voran, und alle 10 bis 15 Jahre verlieren wir weitere zehn Prozent der Biodiversität des Planeten. Wir lösen Rückkopplungseffekte aus, die vielleicht nicht mehr rückgängig zu machen sind. Der technologische Erfolg unserer Spezies ist auch die Ursache ihres Untergangs.

Theoretiker wie Paul Kingsnorth vom Autoren- und Künstlernetzwerk The Dark Mountain Project sagen, wir befinden uns in einer "Fortschrittsfalle": Jede neue Schicht Technologie tritt eine Lawine von sich zuspitzenden ökologischen Problemen los, woraufhin es neue Innovationen braucht, um sie einzudämmen. Zum Beispiel haben sich Kunststoffe und Chlorpestizide durch die Nahrungskette verbreitet und Krebs und andere Krankheiten verursacht. Nun gibt man Milliarden für neue Krebstherapien aus, statt die industriellen Methoden zu ändern, die sich als so zerstörerisch erwiesen haben.

In meinem Buch How Soon is Now? schlage ich vor, die aktuellen Krisen der Menschheit aus einer systemischen Perspektive zu betrachten und entsprechend dieser neuen Weltsicht Lösungen zu finden. Wir müssen unsere industriellen, landwirtschaftlichen und sozialen Technologien weiterentwickeln, doch das geht nur, wenn wir vorher ein umfassendes Verständnis erlangen. Wir brauchen einen neuen Mythos oder eine neue Vision, was unseren Daseinszweck auf diesem Planeten angeht.

Wenn wir wollen, dass die Technologie besser für uns arbeitet, dürfen wir uns nicht länger ablenken lassen. Wir müssen aufhören, die Natur dominieren zu wollen, und uns stattdessen kollektiv auf die ökologische Krise konzentrieren. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor erhöhten die USA die Steuern für Wohlhabende auf bis zu 94 Prozent, um für den Krieg zu rüsten. 

Auf ähnliche Weise könnten wir auch heute innerhalb eines Jahrzehnts völlig auf erneuerbare Energien umsteigen, wenn das unser Hauptaugenmerk wäre. Wir müssen auch die Technologien der Lebensmittelproduktion überholen, weg von der industriellen und hin zur regenerativen Landwirtschaft; nur so können wir unseren Oberboden retten. Auch andere industrielle Produktionsweisen müssen transformiert werden und einen zyklischen Charakter annehmen, der unsere Umwelt nicht weiter zerstört.

All dies und mehr ist technisch möglich, doch unsere aktuellen Überzeugungen und Gesellschaftssysteme hindern uns daran, es umzusetzen.

Um die nötigen industriellen und landwirtschaftlichen Veränderungen durchzuführen, brauchen wir auch neue soziale Technologien, neue Prozesse zur Entscheidungsfindung und Verwertung. Das Internet kann hierfür die Basis bilden, doch kommerzielle Interessen versperren uns heute den Weg zum einstigen Freiheitsversprechen des Netzes. 

So wie auch in Arrival muss die Menschheit all ihre Kräfte bündeln, um schnellstmöglich Technologien der Kooperation und Kommunikation zu entwickeln. Die brauchen wir als Ersatz für unser aktuelles System, gezeichnet von fossilen Brennstoffen, Atomwaffen, schuldenbasierter Währung und darwinistischem Konkurrenzkampf.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Tagged:
Technologie
VICE Magazine do not use
Jahrgang 11 Ausgabe 2