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Der Erfolg der FPÖ auf Facebook ist gefährlicher als ihr denkt

Wer glaubt, dass Facebook noch lange ein Sammelbecken für hohle Empörungskultur bleiben wird, sollte mal nach Amerika schauen.

von Johanna Siegemund
26 Oktober 2016, 5:00am

Foto: VICE Media

Heinz-Christian Strache sieht bezüglich der aktuellen politischen Lage Österreichs schwarz (beziehungsweise Schwarzrot). Die aktuelle Regierungs-Koalition ist für Strache zusammengefasst das Sinnbild von Unterdrückung und Stillstand. So formulierte er es in seiner Rede "zur Lage der Nation aus freiheitlicher Sicht" anlässlich des österreichischen Nationalfeiertags.

Strache, selbsternannter Verfechter der Meinungsfreiheit, findet, dass Meinungen durch die Medien und ihre politische Korrektheit unterdrückt werden und er da nicht länger tatenlos zusehen kann. Das wirkt insofern seltsam, weil er die Sache mit dem Zuschauen und Nichtstun eigentlich noch nie wirklich praktiziert hat. Zumindest nicht, wenn man auf seine Facebook-Seite schaut.

Dort sind die Meinungen, die geteilt werden, ja bekanntlich sehr frei formuliert. Man könnte jetzt entgegnen, dass Facebook aber nun einmal "so" ist: Ein großes Sammelbecken für Empörungskultur, voll mit Phrasen und leeren Worten, mehr nicht.

So einfach ist es aber nicht. Facebook wird in letzter Zeit auch in Österreich immer mehr zu einem politischen (Träger-)Medium und dient besonders für einzelne Politiker als Präsenzplattform. Der Vorreiter unter ihnen heißt Heinz-Christian Strache. Er wurde von den Machern des Echtzeit-Monitoring-Tools Storyclash im September zu Österreichs beliebtestem Politiker auf Facebook ernannt.

Screenshot Storyclash

Auf den ersten Blick scheint das logisch. Schließlich hat er mit knapp 430.000 Likes auch die meisten Follower. Auf den zweiten Blick zweifelt man vielleicht, ob Interaktion auch wirklich mit Beliebheit gleichzusetzen ist. Fakt ist, dass sich Strache eine enorme Reichweite erarbeitet hat—mehr als die Einwohnerzahlen von Graz und Linz zusammen.

Was das für Auswirkungen hat, konnte man beispielsweise anhand des Postings über den Suizidversuch des Asylbewerbers sehen. Ein wütender Mob ließ sich in menschenverachtenden Facebook-Kommentaren über die Geschehnisse aus. Gegenkommentatoren wie der Wiener Caritas-Generalsekretär Klaus Schwertner und der ZIB-Redakteur Robert Zikmund wurden blockiert. Strache sagte zu den Vorwürfen gegenüber futurezone, dass seine Facebook-Page eben "keine Darstellungsplattform für Kritiker" sei. Und das, obwohl der FPÖ-Klubobmann sonst selbst so gerne betont, wie wichtig ihm Meinungsfreiheit ist.

Damit baut Strache eine digitale FPÖ-Parallelwelt auf, in der Hass und Empörung mittlerweile dem Anschein nach genauso dazugehören wie die blaue Farbe zu Facebook. Manuel Brosch von Storyclash beobachtet ebenfalls, dass das wütende Emoticon eine immer wichtigere Rolle unter den Strache-Posts spielt—und das hängt ihm zufolge gar nicht mal so stark mit der Ablehnung gegenüber ihm zusammen. "Gerade Heinz-Christian Strache generiert die Angry-Emoticons mit seinen Postings auch bewusst. Er macht beispielsweise Umfragen mit diesem Emoticon. Das wirkt schon fast wie eine Provokation.

Aber Heinz-Christian Strache scheint aber nicht nur sehr viel Einfluss auf die Emotionen innerhalb der Plattform zu haben. Er entscheidet mit seiner Fanpage auch über den Erfolg seiner Klubleute. So schaffen es Johann Gudenus, Norbert Hofer und auch Manfred Haimbuchner dank Strache und dessen Promotion für andere FPÖ-Politiker unter die Top 10 der aktivsten Facebook-Nutzer im September.

Und nicht nur da sind die Blauen zahlreich vertreten: Sie sind die, die am meisten geteilt werden, die mit den meisten Likes, den meisten Kommentaren, den meisten wütenden Emoticons. Auf Platz 1 steht immer wieder Heinz-Christian Strache.

Für den Kommunikationswissenschaftler Jörg Matthes liegt das vor allem an seiner sehr professionellen Strategie: "Er hat schon sehr früh angefangen, auf sozialen Medien zu kommunizieren. Er hat also einen Vorsprung vor den anderen. Strache hat auch eine sehr authentische Ansprache. Man hat das Gefühl, dass die Postings wirklich von ihm kommen. Er zeigt sich von einer sehr menschlichen Seite. Zudem personalisiert er sehr viel und zeigt sich in privaten Kontexten. Das passt eben sehr gut zu seiner Person. Außerdem ist er rein quantitativ gesehen sehr aktiv. Er betreibt das sehr professionell."

Der Standard hat in einer sehr umfassenden Analyse die insgesamt 3.400 Posts von Strache analysiert und ist unterm Strich zu folgendem Ergebnis gekommen: Viel Krone.at, viel "Liebe Österreicher" und "Zur Info"—aber auch viele Falschaussagen. Menschen, die den Standard lesen, wissen vielleicht um diese Gefahr. Menschen, die das Vertrauen zu den klassischen Medien verloren haben, womöglich nicht.

Das Facebook-Imperium Straches wird somit teilweise zur einzigen Informationsquelle, erklärt Jörg Matthes: "Menschen, die rechtskonservative Parteien wählen, haben statistisch gesehen eine größere Unzufriedenheit mit den klassischen Medien. Ich sage nur: 'Lügenpresse' und Medienverdruss. Das führt dazu, dass die direkte Kommunikation mit den politischen Akteuren viel wichtiger wird. Man holt sich die Information lieber direkt von den Politikern. Man schaut sich nach anderen Kanälen um, nach Alternativen zu klassischen Medien, weil diese Informationen vielleicht verzerrt sind."

Wie Strache auf Facebook rechte Lügen verbreitet

Verzerrt sind die Informationen auf Facebook zwar meistens auch—vor allem, weil Politiker nicht gerade dafür bekannt sind, besonders selbstkritische Artikel über sich zu posten—, aber mobilisieren und aktivieren kann man seine potenziellen Wähler damit natürlich umso besser. Mobilisiert wurde laut Storyclash im September besonders durch Schafe, die schwarz-rote Regierung und Monatsfahrkarten. Das sind die Themen der Artikel, die am meisten geteilt wurden.

Auf den ersten vier Plätzen der meist geteilten Artikel sind wieder nur blaue Vertreter zu finden. Eigentlich sollte einen auch das nicht verwundern. Schon im Jahr 2011 wurde in einer Studie analysiert, dass sich immer mehr Gefolgsleute rechter Parteien im Netz versammeln. Seit diesen Ergebnissen hat sich die Anzahl von Straches Followern vervierfacht.

Studien zeigen mittlerweile, dass die Facebook-Netzwerke dazu führen können, die Wähler für anstehenden Wahlen zu mobilisieren.

Doch was bedeuten diese Zahlen eigentlich wirklich für kommende Wahlkämpfe? Jörg Matthes glaubt, dass das Potenzial der sozialen Medien auf jeden Fall noch nicht ausgeschöpft ist. In Amerika sind die sozialen Netzwerke mittlerweile essentiell für den Wahlkampf geworden. Das liegt vor allem an dem großen Erfolg von Obamas medialer Präsenz auf Facebook.

Laut einer amerikanischen Studie haben sich die Leute bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2008 nicht nur über Facebook informiert, sondern hier auch gleich über die Kandidaten ausgetauscht. Informationsquelle und Diskussionsforum sind zunehmend verschmolzen. Dasselbe, was man auf den Websites von Nachrichtenmedien beobachten kann, trat also auch bei Facebook ein.

Mittlerweile werden auch politische Debatten auf Facebook-Live übertragen und man selbst als User nur so mit Emoticons bombardiert . Der freie Autor Adrian Lobe sieht diese neue Entwicklung kritisch . weil Facebook durch diese Reaktionen sowohl indirekt als auch direkt unsere Wahrnehmung vom Inhalt manipuliert.

Indirekt, weil man diese Emoticons in keinen Bezug zueinander setzt und keine Ahnung hat, was damit wirklich ausgedrückt werden soll. Direkt, weil Facebook sich bereits 2013 in einer Art "Sozialexperiment" durch die ungefragte Manipulation des Newsfeeds von knapp 700.000 Nutzern. einen sehr zweifelhaften Ruf erarbeitet hat. Und weil Facebook-Mitarbeiter Mark Zuckerberg bereits gefragt haben, inwiefern man Trump verhindern könnte .

Eine Seite zeigt auf, wie FPÖ-Wähler wirklich denken

Die fragwürdige Eigendynamik, die Facebook dadurch entwickelt, ändert aber nichts am Status der Plattform. Facebook ist aus dem Wahlkampf mittlerweile nicht mehr wegzudenken und kann sich auch auf dessen Erfolg auswirken: "Studien zeigen schon, dass die Facebook-Netzwerke dazu führen können, die Wähler bei anstehenden Wahlen zu mobilisieren", meint Matthes. "Immer um einen gewissen Prozentsatz, aber der ist signifikant. Ein kleiner Faktor für den Wahlerfolg kann auch die Aktivität auf sozialen Medien sein."

Dass man anhand von Facebook auch Wahlprognosen ableiten kann, hat Storyclash bereits im Mai bewiesen . Damals haben die Macher eine Analyse dazu erstellt, wie sich dieFacebook-Interaktionen der beiden Bundespräsidentenkandidaten auf die Realität übertragen. "Wir haben daraus eine Wahlprognose erstellt und sind wir relativ nahe ans Ergebnis gekommen", erzählt Manuel Brosch.

Wir sollten nicht ignorieren, dass aktuell niemand Strache das Wasser reichen kann.

Das war natürlich vor der Wahlwiederholung der Wahlwiederholung. Und es war auch nur eine einmalige Analyse. Trotzdem zeigt es, dass soziale Netzwerke ein reales Bild von der politischen Stimmungslage abgeben können. Der Wahlkampf wird sich in den nächsten Jahren vermutlich noch in den sozialen Netzwerken ausbreiten. Momentan spielt Social-Media-Wahlkampf abseits der Strache-Page in Österreich, das bekanntlich nicht unbedingt zu den internationalen Early-Adpoter-Ländern gehört, noch keine wesentliche Rolle. Das meiste Geld wird im Wahlkampf immer noch in Außen- und Printwerbung investiert.

Deswegen sollte uns der immense Erfolg der FPÖ auf Facebook aber noch lange nicht kalt lassen. Wir sollten ihn auch nicht ignorieren. Gerade weil aktuell niemand Strache das Wasser reichen kann.

Fragen, die das neue Strache-Video aufwirft

Ob Facebook sich wirklich als demokratiepolitische Debatten-Plattform eignet, sei in den Raum gestellt. "Die politische Auseinandersetzung, die auf Facebook passiert, ist sehr lückenhaft", meint Jörg Matthes. "Man sieht ja meist nur Wort- oder Satzfetzen. Von einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit dem politischen System ist Facebook weit entfernt. Was Facebook aber kann, ist mobilisieren und aktivieren. Es ist aber weniger dafür geeignet, zu einem Verständnis von Themen beizutragen. Das ist eigentlich die Aufgabe des Journalismus."

Genau für dieses Verständnis muss es mal wieder einen Bericht über Heinz-Christian Strache geben. Und über die FPÖ. Und ja, über beide auf Facebook. Erst vor kurzem ist in einer repräsentativen Online-Umfrage bekannt geworden, dass die FPÖ in Wien mittlerweile mit 40 Prozent vorne liegt. Sie ist damit also wieder mal in einer Region die beliebteste Partei. Wer jetzt wieder mit dem "Das ist doch nur eine Online-Umfrage"-Argument kommen möchte, sollte den Text vielleicht noch einmal von vorne lesen.


Johanna zieht deswegen Twitter vor. Folgt ihr hier.

Foto: Collage von VICE Media
Emojis:
Ansesgob | Flickr | CC BY-SA
Harald Vilimsky: © Parlamentsdirektion / Bildagentur Zolles KG / Mike Ranz
Norbert Hofer: © Parlamentsdirektion / Bildagentur Zolles KG / Mike Ranz
Heinz-Christian Strache: ©Parlamentsdirektion / WILKE
Manfred Haimbuchner (geändert): Cicero39 | Wikimedia | CC BY-SA 3.0