Was Männlichkeit für mich als schwulen Mann bedeutet

Männlichkeit und Homosexualität spielen auf vielen Ebenen zusammen. Genau wie Homophobie und Sexismus.

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Aug. 29 2018, 7:00am

Foto: masterdesigner | Flickr | CC BY-SA 2.0

Dieser Artikel ist Teil unseres Schwerpunkts "Neue Männlichkeit".


"Er ist halt extrem schwul", erzählt mir eine Freundin beim Kaffee. Ich merke gleich, wie unangenehm ihr die eigene Wortwahl in diesem Moment ist und grinse nur belehrend. Wir hatten diese Diskussion schon so oft, heute bin ich einfach zu müde für einen Vortrag. Sie grinst unschuldig zurück. "Komm, du weißt ja, wie ich das meine" – Ich schließe meine Augen und massiere demonstrativ meine Schläfen, um damit meinen Unmut auszudrücken. Natürlich weiß ich, wie sie das meint. Dieser "extrem schwule" Studienkollege, von dem sie mir gerade erzählt, hat einfach ein feminines Auftreten. "Schwul" als Synonym für "weiblich", "effeminiert".

"Schwul" wurde erstmals im 19. Jahrhundert als Schimpfwort für homosexuelle Männer verwendet, erst später wurde der Begriff von der Community neu beansprucht und als feierliche Selbstbezeichnung umgemünzt. Neben der weiterhin bestehenden beleidigenden Variante – laut einer Berliner Studie verwenden 62 Prozent aller Grundschüler "schwul" oder "Schwuchtel" als Schimpfwort – wird die Bezeichnung aber auch verwendet, um jene homosexuellen Männer zu beschreiben, deren Auftreten irgendwie weiblich anmutet. Extrem schwul eben.


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So gesehen ist "schwul" als Schimpfwort in seinem Kern nicht nur diskriminierend gegenüber Homosexuellen, sondern eigentlich auch – und vor allem – abwertend gegenüber Frauen. Jemand, der einen Mann "Schwuchtel" schimpft, impliziert damit im Grunde genommen nichts anderes als eine Minderwertigkeit, die auf femininem Verhalten basiert. Zumindest ein Aspekt von Homophobie ist die Deklassierung von Weiblichkeit.

Wenn allein die umgangssprachliche Bezeichnung für männliche Homosexualität gewissermaßen weiblich konnotiert ist, ist es schwierig, so was wie schwule Männlichkeit zu definieren. Zumal es an Sichtbarkeit mangelt: Wenn wir an stereotype "Männlichkeit" denken, denken wir zuallererst an Männer wie Arnold Schwarzenegger, Bruce Willis oder Sylvester Stallone. Offen schwul lebende Schauspieler gibt es kaum – und der bekannteste von ihnen, Neil Patrick Harris, ist in erster Linie bekannt für seine Rolle als Bro-Archetyp Barney Stinson, was ihn lustigerweise mehr zum Hetero-Schutzpatron als sonst irgendwas macht. All diese Männer mögen vieles sein, aber nicht gerade das, was man unter Schwulenikonen versteht – die sind nämlich in der Regel weiblich.

Zwischen Madonna, Cher und Britney ist man aber selbst immer noch ein Mann, und die Männer, zu denen man sich hingezogen fühlt, stehen ja auch auf Männer, also weiß man irgendwann gar nicht mehr, was Männlichkeit für schwule Männer eigentlich bedeuten soll. Und das kann dann wiederum dazu führen, dass man auch nach dem Coming-out wieder in altbekannte Muster zurückfällt: Rollenspiele. Und ich meine nicht die gute Art.

Das erste Jahr nach meinem eigenen Coming-out war genau deshalb eine einzige Sketch-Comedy: Ich hatte endlich ausgesprochen, was ich so lange versteckt hatte und musste nach all den Jahren nicht mehr so tun, als wäre ich jemand, der ich nicht bin. Trotzdem war ich plötzlich bemühter als je zuvor, mich möglichst männlich, möglichst straight-acting zu verhalten – weil ich die Akzeptanz, die man mir glücklicherweise von allen Seiten entgegengebracht hatte, immer als bedingt betrachtet hatte.

Weil ich vermittelt bekam, dass man mir meine Sexualität "nicht sofort ansehen" würde, und wie unproblematisch das deshalb für mein Umfeld sei. Weil man "nichts gegen Schwule" hat, solange sie es einem "nicht unter die Nase reiben". Weil schwule Männer immer noch – wenn überhaupt – eine bessere Chance auf Akzeptanz haben, wenn sie heterosexuellen Normen entsprechen oder sich diesen beugen.

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Es scheint dieses allgemeine Verständnis zu geben, Heterosexualität – oder ein möglichst maskulines Auftreten, das auf Heterosexualität schließen lassen könnte – gehe mit einer Art Überlegenheit einher. Je eher du als schwuler Mann als Hetero durchgehst, desto männlicher und überlegener bist du, und desto niedriger ist auch die Wahrscheinlichkeit, auf Ablehnung zu stoßen. Das ist auch der Grund, warum Hetero-Männer alles tun würden, um nicht für schwul gehalten zu werden, während ich mich nahezu geschmeichelt fühle, wenn mich jemand fälschlicherweise für heterosexuell hält.

Am einfachsten vergessen wir dabei, dass es eben auch schwule Männer gibt, die sich gar nicht erst verstellen müssen, um einer vermeintlich "männlichen" Norm zu entsprechen, und dadurch vielleicht weniger oft angefeindet werden, sich allerdings innerhalb der Gay Community fehl am Platz fühlen.

Die Doku The Butch Factor porträtiert Männer, die nicht auf den ersten Blick für schwul gehalten werden – Polizisten, Fußballer, Cowboys, Musiker. Für sie ist das innere Coming-out – das Bewusstwerden über die eigene sexuelle Orientierung – der wichtigste und gleichzeitig schwierigste Schritt im queeren Erwachsenwerden. Weil sie sich in keinem der gängigen Schwulen-Klischees wiedererkennen.

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Die Protagonisten sprechen über anfängliche Zweifel an ihrem eigenen Schwulsein, weil sie nun mal nichts mit Popkultur oder Mode anfangen konnten, oder weil sie eben nicht so aussahen wie die Typen auf den Paradewägen. Sie sprechen von Einsamkeit, darüber, wie sie sich innerhalb der Community als Außenseiter fühlen, obwohl sie von der breiten Masse generell Zuspruch erfahren würden.

The Butch Factor zeigt, wie wichtig Identifikationsfiguren für schwule Männer sind – und wie wichtig es ist, dass es sie in unterschiedlichen Variationen gibt. Menschen wie Frank Ocean, Troye Sivan, Conchita Wurst, Kevin Abstract oder Matt Bomer sind nur ein paar Beispiele dafür, wie vielfältig schwule Männlichkeit inzwischen aussehen kann. Von YouTube-Stars und Influencern will ich gar nicht erst anfangen. Welchen Unterschied Sichtbarkeit machen kann, zeigt sich in der Generation Z: Laut einer aktuellen Studie der J. Walter Thompson Innovation Group identifizieren sich nur 48 Prozent der amerikanischen 13- bis 20-Jährigen als eindeutig heterosexuell – die Jugend von heute (ha!) ist also deutlich queerer und aufgeschlossener gegenüber Sexualität und Geschlechterrollen als je zuvor.

Angenommen, wir reißen die ohnehin schon bröckelnde Männlichkeit ein und besetzen sie neu. Mit Mut, der nicht darauf basiert, auf den höchsten Berg zu klettern oder den wildesten Löwen zu besiegen, sondern darauf, Gefühle zuzulassen, obwohl sie keiner sexuellen Ausrichtung und keinem Geschlecht zuzuordnen sind. Jene schwulen Männer, die keine stereotyp maskuline Schablone ausfüllen, könnten die Rollenbilder für eine neue Generation sein. Denn sie sind mutig. Die sind männlich. Und extrem schwul.

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