Neue Männlichkeit

Wie das ländliche Österreich auf einen achtjährigen Jungen in Mädchenkleidern reagiert

Davon, wie tolerant die Leute hierzulande gegenüber männlichen Wesen in Mädchenkleidern wirklich sind, kann Pauli leider ein Lied singen.

von Tori Reichel
06 August 2018, 9:27am

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Kinder und ihrer Eltern

Dieser Artikel ist Teil unserer neuen Reihe "Neue Männlichkeit".


Österreich ist die Heimat des wahrscheinlich bekanntesten Mannes in Frauenkleidern überhaupt. Dass die Republik mit dem Sieg von Conchita beim Euovision Song Contest 2014 von einem Tag auf den anderen zum Land der Toleranz hinsichtlich sexueller Orientierung und Geschlechterrollen geworden ist, haben viele aber schon unmittelbar nach der Eurovisions-Sensation bezweifelt.

Als dann die "Ehe für alle" auch in Österreich endlich eingeführt wurde, aber vom Verfassungsgerichtshof gegen den Willen der Politik durchgeboxt werden musste, schien das unser eher zwiespältiges Verhältnis zu Toleranzthemen in Bezug auf Geschlechterbilder zu bestätigen.

Dieser Zwiespalt zeigt sich nirgendwo so deutlich wie am Beispiel von Pauli, der in einem kleinen steirischen Dorf lebt und hier als männliches Wesen gerne Mädchenkleider trägt. Pauli ist gerade mal acht Jahre alt und hat sich bereits mehr mit der Toleranz und Intoleranz der Leute rund um ihn auseinandersetzen müssen als die meisten Menschen in seinem Alter.

Während sein Zwillingsbruder sich für all die Dinge interessiert, für die sich die meisten Burschen in dem Alter nun mal interessieren – Bagger, Skateboards, Motocross –, hat Pauli seit Jahren eine ausgeprägte Vorliebe für Prinzessinnen, Ballett und die Farbe Rosa.

Für Paulis Mutter Michaela ist das absolut in Ordnung. Und das, obwohl sie sowas wie eine gezielt geschlechtsneutrale Erziehung ihrer eigenen Aussage nach absolut nicht bewusst angepeilt hat. Abgezeichnet hat sich Paulis Vorliebe für klassisch feminine Dinge schon, bevor er überhaupt im Kindergarten war, erzählt sie uns beim Besuch in ihrer Heimatgemeinde.

Als Paulis Opa väterlicherseits – ein Bergbauer, wie er bodenständiger nicht sein könnte – seinen 80. Geburtstag feierte, kam der damals drei Jahre alte Bub auf die Idee, als Geschenk für seinen Opa in einem Prinzessinnen-Kleid zur Feier zu kommen. Seine Mutter willigte ein. "Ich hab ihm gesagt: 'Aber dir muss klar sein, dass immer auch sein kann, dass jemand lacht – und dann musst du so stark sein und dir denken: Er hat das Problem und nicht ich.'"

Damals hatte die Familie ein Au-pair-Mädchen aus Usbekistan. "Als ich dann im Badezimmer stand, kam Pauli heulend zu mir herein, und erklärte mir, dass unser Au-pair-Mädchen ihm verboten hat, als Prinzessin hinzugehen. Also bin ich mit Lockenwicklern in den Haaren zu ihr runtergegangen und habe ihr erklärt, dass er so zu der Geburtstagsfeier gehen kann, wie er es will."

Entsprechend tauchte Pauli zum 80. Geburtstag seines Opas letztendlich mit Stöckelschuhen, lila Kleid und Krönchen auf. "Das hat er schon damals mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein gemacht", erinnert sich seine Mutter.

Dabei sind Pauli und seine Faszination für Stöckelschuhe und Frauenkleider keine Ausnahme. Das bestätigen auch Fachleute gegenüber VICE. "Das gibt es tatsächlich immer wieder – vorausgesetzt, die Kinder bekommen von den Eltern überhaupt die Möglichkeit, ihre Vorliebe in die Tat umzusetzen", erklärt Brigitte Rollett, Entwicklungspsychologin, die an der Universität Wien tätig ist. "In den meisten Fällen verläuft sich das ganze nach kurzer Zeit wieder." Faszination übe auch hier, wie so oft, das Verbot oder die dezidierte Unerwünschtheit aus; wenn man als Junge nicht mit Barbies spielen darf und keine Frauenkleider zu tragen hat, ergeben sich daraus logischerweise Fragen – und folglich auch Interesse. Es komme aber auch immer wieder in so ausgeprägter Form vor, wie das bei Pauli der Fall ist.

"Es gibt Faktoren, die sind umweltbezogen, und es gibt Faktoren, die sind zumindest in gewisser Weise mitgebracht", erklärt Rollett weiter. Gerade die Tatsache, dass es sich hier um Zwillingsgeschwister handelt, wäre im Fall von Pauli etwa ein möglicher interessanter Umweltfaktor. "Zwillinge müssen ja immer darum kämpfen, dass die Leute überhaupt Unterschiede zwischen ihnen wahrnehmen." Auch aus einem solchen Grund heraus könne sich so ein Verhalten entwickeln.

Im Laufe der Zeit kristallisierte sich Paulis Faible für Mädchendinge immer mehr heraus – und es dauerte nicht lange, bis sich das in einem kleinen Dorf herumgesprochen hatte. "Mir ist bewusst, dass viele darüber geredet und sich manche auch darüber lustig gemacht haben", sagt seine Mutter. "Ich bin immer sehr zwiegespalten und nie ganz sicher, wie weit die Ehrlichkeit der Leute bei dem Thema wirklich geht."

"Ein Bub, der mit Mädchensachen spielt, darf eben nicht zu einem Kindergeburtstag kommen – das war nicht die Aussage des Kindes, sondern von einem der Eltern."

"Mir wurde von anderen Eltern auch gesagt, dass ich in ihren Augen bewundernswert sei und ich wurde gefragt, ob ich nicht große Angst habe, dass er schwul wird", erzählt sie. "Ein anderer Bekannter ist auf mich zugekommen und hat gemeint, dass er das nicht zulassen würde, wenn es sein Kind wäre, und dass ich ihn damit quasi in die Transsexualität drängen würde."

Es hat geradezu System, dass ein Verhalten wie das von Pauli schnell mit der sexuellen Ausrichtung vermischt wird. "Dass so ein Verhalten auf die spätere sexuelle Orientierung hinweist, kann man absolut nicht annehmen. Es kann ein Indiz darauf sein – das ist aber sehr selten der Fall", erklärt Rollett. "Es gibt diejenigen, bei denen sich die Neigung zum eigenen Geschlecht früh zeigt, und es gibt genau so solche, bei denen das nicht der Fall ist. Ähnlich ist es bei Transsexualität. Die eigentliche Sexualität und die hormonelle Entwicklung, die entsteht ja erst in der Pubertät – die Kernzeit ist da bei Mädchen in etwa mit elf oder zwölf Jahren, bei den Buben ein knappes Jahr später. Wie die sexuelle Orientierung aussieht, entscheidet sich meistens erst dort."

Pauli in voller Verkleidung.

Den ersten Schultag bestritt Pauli mit einer rosa Schultasche in Blumen- und Herzchen-Optik. In solchen Situationen fragt ihn seine Mutter immer noch, ob er sich ganz sicher sei, dass er sich wirklich den Reaktionen der Leute aussetzen will. "Aber er war auch schon mit seinen sechs Jahren felsenfest davon überzeugt, solche Dinge einfach durchziehen zu müssen." Seinem Selbstbewusstsein habe es Pauli ihrer Ansicht nach auch zu verdanken, dass er heute trotz aller Vorurteile sehr beliebt ist; sei es in der Schule oder im restlichen Dorf.

Nichts desto trotz sei er am Anfang seiner Schulzeit tatsächlich regelmäßig heulend aus dem Schulbus gestiegen, weil die älteren Kinder ihn unter anderem wegen seiner Schultasche aufgezogen hatten. "Und es war das erste Mal, dass ich mir dachte: Ich muss ihm ja auch nicht allem aussetzen."

An diesem Punkt kam aber – zu ihrer Überraschung – der Vater der Zwillinge, der sich bei solchen Dinge sonst eher zurückhält, ins Spiel: "Er wollte überhaupt nicht einsehen, dass er jetzt wegen ein paar frechen Volksschülern eine neue Schultasche kaufen sollte. Also ist er in den Schulbus gestiegen und hat den Sekkierern ziemlich eindeutig klar gemacht, dass sie den Pauli besser in Ruhe lassen sollten, falls sie keine Probleme wollen. Und damit war die Sache dann auch erledigt."


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An einem andern Tag kam Pauli trotzdem wieder unter Tränen nach Hause. Sein Bruder war zu einer Geburtstagsfeier eines Schulkollegen eingeladen worden. Pauli aber nicht. "Weil ein Bub, der mit Mädchensachen spielt, eben nicht zu einem Kindergeburtstag kommen darf – das war aber nicht die Aussage des Kindes, sondern von einem der Eltern", erzählt Michaela.

Am nächsten Tag stand sie in der Schule und bat die Lehrpersonen, mit den besagten Eltern zu sprechen, damit sie so eine Einstellungen zumindest nicht bis in die Schule tragen. "Die Lehrerin und die Direktorin haben großartig reagiert, die Eltern in die Schule bestellt, und kurz darauf kamen dann beide Buben stolz mit einer Einladung für die Geburtstagsfeier nach Hause. Letztendlich haben sie dann trotzdem entschlossen, beide erst gar nicht hinzugehen."

Wie sehr und ob geschlechtstypisches Verhalten überhaupt veranlagt ist, darüber ist sich auch die Wissenschaft nicht einig. Es deutet aber vieles darauf hin, dass typisch männliches oder weibliches Verhalten viel mehr mit Umweltfaktoren zu tun hat als lange vermutet wurde. "Wir alle orientieren uns unweigerlich an den Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft", erklärt die Soziologin Eva-Maria Schmidt, die sich auf das Gebiet der Männlichkeitsforschung spezialisiert hat. "Aus soziologischer Perspektive ist so etwas wie geschlechtsneutrale Erziehung also gar nicht möglich."

Aber warum lassen sich Menschen überhaupt von einer (objektiv gesehenen) Kleinigkeit wie der Tatsache, dass ein Volksschulkind lieber mit Mädchensachen spielt und ab und zu Kleider trägt, stören? In der Soziologie spricht man hier von Hegemonialer Männlichkeit. "Kurz gesagt bedeutet das, dass die Rolle der Männlichkeit gesellschaftlich über alle anderen Rollen gehoben wird", erklärt Schmidt.

Dazu gehöre eben auch, dass all das, was nicht in das gesellschaftliche Bild von Männlichkeit passt, als weniger erstrebenswert angesehen und in weiterer Folge abgewertet wird. Auf die Art lässt sich auch verstehen, warum ein Bub in der Mädchenrolle für viele so viel irritierender ist als ein Mädchen in der Bubenrolle. "Das ist praktisch in allen Gesellschaften so, wenn auch sehr unterschiedlich stark ausgeprägt", führt Schmidt im VICE-Interview weiter aus. "In vielen städtischen Gegenden ist die Sensibilität hier natürlich um einiges höher als in einem Dorf am Land – so etwas wie hegemoniale Weiblichkeit gibt es aber eigentlich nirgends."

Die Reaktionen der Leute seien aber auch am Land keineswegs nur negativ, betont Paulis Mutter weiter. Genau so oft, wie man negativ überrascht werde, erlebe man dann auch positive Überraschungen. "Zum Beispiel, wenn der doch sehr konservative Opa da steht und sagt: 'Jetzt musst du mir deine Ballett-Schritte aber nochmal vortanzen.' Ich bin da schon immer wieder sehr verblüfft, wie ausbaufähig die Akzeptanz der Leute sein kann."

Am wenigsten beeindruckt von den Leuten, die sich an Paulis Verhalten stören, scheinen jedenfalls sein Zwillingsbruder und er selbst zu sein. "Also Kleider und so sind jetzt nicht so mein Ding", meint sein Bruder. "Aber ich kenn ja auch Mädchen, die mit Bubensachen spielen, und das ist ja auch ganz normal."

In letzter Zeit habe er die Kleider aber eh auf den Nagel gehängt, ergänzt Pauli selbst – mit Puppen spiele er aber noch immer sehr gern. "Und wenn's wen stört, dann sag den Leuten einfach, sie sollen lieber mal auf sich selber schauen."

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