Wild und Wertvoll: Bilder eines Vater-Tochter-Roadtrips

Wir haben uns mit dem Fotografen Jesse Burke über seine neue Reihe unterhalten, die seiner Tochter auf Abenteuern in die wilden Landschaften der USA folgt.

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02 Februar 2016, 5:00am

"Dieses Werk ist in gewisser Weise eine Art Familienfotoalbum", hat der Fotograf Jesse Burke neulich bei einem Vortrag gesagt. Doch vermutlich sieht das Fotoalbum der durchschnittlichen Familie nicht annähernd so schön aus wie die Ausstellung, auf die Burke sich bezog: Sie heißt Wild & Precious und ist zur Zeit im Rhode Island School of Design Museum in Providence zu sehen.

Die Ausstellung zeigt Wale und Waschbärbabys und tote Vögel. Es gibt Berge, Flüsse, steinige Strände und Himmel voller Wattewölkchen. Und in den meisten Fotos ist eine kleine Protagonistin zu sehen: Burkes Tochter Clover, die im Alter von 5 bis 9 auf Roadtrips quer durch die USA vor der Linse stand. Mal gräbt sie als einsame Figur am Strand, mal trägt sie einen Schmetterlingskescher als Schleier, und in wieder einem anderen Bild starrt sie mit blutüberströmtem Gesicht in die Kamera—ein harmloser Fall von Nasenbluten, der allerdings sehr eindrucksvoll aussieht.

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Die 15 Bilder der Ausstellung stammen aus einer Reihe von 134 Fotos, die im November bei Daylight Books erschienen sind. Der Band beginnt und endet mit Texten des Vater-Tochter-Teams. In Burkes heißt es unter anderem: "Mein Geist ist erfüllt von bewegten Bildern: Du, wie du zum Meer rennst, während über dir die Möwen lachen; du, wie du dünne Streifen Birkenrinde und flaumige Truthahnfedern sammelst; du und ich, wie wir schweigend unterm grünlich fluoreszierenden Licht unseres Motelbadezimmers Zähne putzen ..." Am Ende des Buchs antwortet Clover: "Wir haben Tiere gehalten, zum Beispiel Vögel, Häschen, Salamander und Insekten ... Ich weiß noch, wie wir den toten Wal gesehen haben und wie schlecht er roch."

Vor Kurzem bin ich mit Burke, der von Time als einer der besten 50 Fotografen auf Instagram bezeichnet wurde, durch die Ausstellung gelaufen.


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VICE: Wie ist es zu dem Projekt gekommen?
Jesse Burke: Meine Frau und ich waren schon immer sehr naturverbunden. Wir gehen wandern und suchen uns Abenteuer. Als wir ein Kind bekamen, war es nur passend, diesen Lebensstil weiterzugeben. Anstatt unser Leben zu ändern, lassen wir sie einfach teilhaben.

Eines Tages beschloss ich, mit meiner Tochter einen Roadtrip zu machen, weil sie Schulferien hatte. Als der Freiberufler der Familie fällt mir die Ferienbetreuung zu, wenn meine Frau nicht freinehmen kann. Ich dachte: "Sehen wir zu, dass wir hier wegkommen, und dabei kann ich für mein Projekt fotografieren."

Anfangs machte ich unterwegs noch die Fotos, die ich eh schießen wollte: Landschaftsfotos von Maine. Manchmal wanderte sie ins Bild und ich dachte: "Oh, cool. Die hier mache ich zum Spaß und zeige sie meiner Frau. Die anderen Bilder sind für meine Kunst." Doch am dritten Tag ging mir auf, dass ich hier vielleicht etwas völlig Anderes hatte.

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Ich finde, eines der intensivsten Fotos ist das, was ich gerade vor mir habe. Es hängt genau auf Augenhöhe. Wir sehen ihr direkt in die Augen.
Das Bild mit der blutigen Nase.

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Ja. Was siehst du, wenn du dieses Bild anschaust?
Wenn ich das ansehe, sehe ich Ruhe, Verständnis und Stärke angesichts der eigenen Verletzlichkeit. Offensichtlich gibt es eine Verletzung oder so. Ein kleines Kind, das blutet. Und sie sieht der Sache völlig ruhig ins Gesicht, anstatt Angst zu haben oder so zu reagieren, wie man es sonst von einem Kind erwartet, wenn es Blut und Verletzungen gibt. Und das liebe ich an ihr. Eine Sache, die mich an ihr schon immer fasziniert, ist ihre Fähigkeit, den Raum zu kontrollieren und sich in Situationen völlig entspannt und zu Hause zu fühlen, egal wo wir sind.

In vielen Fotos musste ich überlegen: "Ist dieses Tier jetzt tot oder schläft es nur?" Es sieht so aus, als sei das Tier meist tot.
Tot. Immer tot. Aber das hier lebt.

[Er deutet auf ein Foto, As Long as the Grass Shall Grow]

Das ist ein Waschbärbaby.

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Sind Ausflüge mit deinem Kind in die Natur auch eine Methode, das Thema Tod anzusprechen?
Ja, auf jeden Fall. Es ist mir immer wichtig, dass meine Kinder ein Bewusstsein dafür haben und sich nicht fürchten. Es ist normal. Es passiert. Und es passiert in unser aller Leben, mit Menschen und Haustieren.

Wenn wir in die Natur gehen, dann haben wir—die Familie Burke, aber auch Menschen im Allgemeinen—einen instinktiven Drang, eine Verbindung zu Tieren einzugehen. Doch das wird nicht erwidert. Die Tiere interessieren sich einen Dreck für uns. Aber wir lieben sie und wollen etwas über sie erfahren, sie erforschen und anfassen. Und sie wollen einfach nur vor uns weglaufen.

Da ich kein Forscher bin und keine Feldstudien über Kojoten mache, können meine Kinder oder ich selbst einen Kojoten höchstens sehen, anfassen und erforschen, wenn wir das Glück haben, im Wald einen toten zu finden. Und dann entsteht eine Verbindung, die viel tiefer geht, als das, was die meisten aus einem Buch, einer TV-Sendung oder einem Zoo mitnehmen würden.

Ich sehe das Bild mit dem Wal als das perfekte Beispiel. Ich wusste aus den Nachrichten, dass der Wal da war. Wenn wir so etwas hören, fahren wir direkt hin, um Fotos zu machen, denn so etwas ist einfach verrückt und unfassbar! Ich meine, das ist ein Meerestier und ich habe die Erinnerung an meine Tochter, wie sie die Flosse des Wals hält und anschaut. Diese Erfahrung ist einzigartig.

Man muss an dem Morbiden vorbei und zum Kern des Ganzen vordringen: Sie hat die Gelegenheit, all diese Wesen zu sehen und fühlen. Und wer mehr Zeit in der Natur verbringt, hat mehr Gelegenheiten.

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