© Pietro Derossi

Die Geschichte von ‚Radical Disco’ – Italiens experimentelle Disco-Avantgarde

Italiens Avantgarde-Discos waren ihrer Zeit weit voraus.

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02 Jänner 2016, 5:00am

© Pietro Derossi

Design befand sich im Italien der 1960er in einer spannenden Phase. Anhänger des Radical Design, eine Bewegung von Architekten, die mit dem Status Quo unzufrieden waren, lehnten das Konzept rein funktionaler Gebäude strickt ab und konzentrierten sich stattdessen mehr auf die Gefühle, die diese erweckten.

In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts erkundeten Gruppen wie Gruppo 9999, Superstudio und UFO neue Raumkonzepte, die, so ihre Hoffnung, Katalysatoren für einen künstlerischen und gesellschaftlichen Wandel werden sollten—und Clubs sollten die Speerspitze ihrer zunehmend ausgefalleneren Visionen darstellen.

Vor dem Hintergrund politischer und sozialer Unruhen in dem Land—den Protesten gegen den Vietnamkrieg, starken wirtschaftliche Ungleichheiten zwischen dem Norden und dem Süden, zunehmender linksradikaler Mobilmachung—entwickelten die Radical Design-Anhänger ein neues System zur Betrachtung des physischen Raums. Die Orte, die schließlich als „Pipers" bekannt werden sollten, waren im Grunde Diskotheken, die auf die wachsende Gegenkultur zugeschnitten waren.

Es dauerte nicht lange, bis andere Clubs in Italien dem Vorbild folgten. Ende der 60er veranstalten auch Läden wie das L'Altro Mondo, das Piper in Turin, das Mach 2 in Florenz und das Space Electronic der Gruppo 9999 Events, die radikales Theater, Undergroundmusik und unzählige andere künstlerische Ausdrucksformen umfassten. Einer der Clubs, Space Electronic, verfügte sogar über einen vollfunktionstüchtigen Gemüsegarten.Die Architekten hofften, dass diese Gebäude, die von Natur aus schon Orte der Utopie waren, zu einem Treffpunkt gleichgesinnter Menschen werden.

Das erste, der Piper Club, wurde 1965 in Rom eröffnet. Als geistiges Kind von Manlio Cavalli und Francesco Giancarlo Capolei waren die Räumlichkeiten ein Ort des experimentellen multimedialen Ausdrucks—ein großräumiger Club, der desorientierende audiovisuelle Technik, Pop Art und Musik vereinte.

Die Bewegung sollte aber recht kurzlebig sein. Mitte der 70er war nur noch eine Handvoll der Clubs in Betrieb und Radical Disco wurde—bis jetzt—zu einer fast vergessenen Periode der Gegenkultur. Man darf schließlich nicht vergessen, dass diese Orte den Disco-Boom der späten 70er nicht mehr miterlebten—ganz zu schweigen von der Explosion elektronischer Musik in den 80ern und 90ern.

Im Londoner ICA findet gerade die Ausstellung „Radical Disco: Architecture and Nightlife in Italy" statt, die diese sonderbaren Gebäude ins Rampenlicht rückt und uns die Gelegenheit bietet, Originalfotos, Blaupausen und verschiedene Objekte aus jener Periode zu sehen.

Ich habe mich mit der Kuratorin Catharine Rossi getroffen, um mit ihr über die Schau zu sprechen.

Liebespaar in einer Schaukel, Bamba Issa in Forte die Marmi, designed by UFO, 1970. (Foto: Carlo Bachi, © Lapo Binazzi, UFO Archive)

VICE: Kannst du mir etwas über den sozialen und politischen Hintergrund dieser Gebäude sagen? Was war damals in Italien los?
Catharine Rossi: Die meisten Architekten, um die es hier in der Ausstellung geht, waren Anhänger des Radical Design. Diese Bewegung war eine recht spezifische Reaktion auf das allgemein recht konfrontative Klima der späten 60er. Wie in anderen Ländern gab es 1968 auch in Italien viele Unruhen. Diese richteten sich mit Forderungen nach Reformen und gesellschaftlichen Veränderungen, die schon direkt nach dem zweiten Weltkrieg versprochen worden waren, nach innen, aber auch gegen globale Themen.

Die Kultur des Massenkonsums und die Zeit des Vietnamkriegs führten zu vielen inländischen Aktionen—einer Protestwelle, aus der fast ein komplettes Jahrzehnt voller Unruhen hervorgehen sollte. Es gab einerseits den inländischen Terrorismus der 70er mit den Roten Brigaden, aber ab Mitte der 60er Jahre war man zunehmend um die Entwicklung der italienischen Gesellschaft besorgt—dem Nachkriegsboom. Nicht alle profitierten vom Wirtschaftsboom. Es war ein wenig wie jetzt: Boom and Bust.

Der Prestigekonsum war in voller Fahrt: der große Fortschritt war durchaus da, aber er war vor allem eine urbane und nördliche Angelegenheit. Etwas, das in der Ausstellung behandelt wird, ist der Beginn des Infragestellens von Werten, mit denen eine Menge Menschen aufgewachsen waren—und auch des Infragestellens von architektonischen Werten, die ebenfalls dieser Zeit entsprungen waren.

Seitenansicht des Piper Club, Rom, 1965 (© 3c+t Fabrizio Capolei, Pino Abbresciae Fabio Santinelli (face2face studio), Corrado Rizza)

Diese Clubs waren ihrer Zeit unglaublich voraus. Glaubst du, dass die Architekten absichtlich versuchten, eine Art Rauscherfahrung hervorzurufen?
Der Piper in Rom war sehr wichtig. Es war die erste von Architekten geführte Manifestation dieser neuartigen Freizeitorte, die gerade in London, New York und anderen Städten auf der Bildfläche erschienen—viel freier und informeller als alles, was es bis dahin gegeben hatte. Es gab Orte wie das Piper in Turn, das von Riccardo Rosso entworfen worden war. Für ihn war das Entwerfen von Räumen zur Freizeitgestaltung eine inhärent politische oder revolutionäre Geste—zum Teil auch wegen der Lesungen, die dort [von diesen Architekten] gehalten wurden. Es wurden dort Texte von Menschen wie Marshall McLuhan vorgetragen—einem Medientheoretiker, der ein glühender Verfechter des befreienden Potenzials neuer Technologien war.

Es war schon eine Art Reizüberflutung.
Genau darauf waren sie aus. Du solltest komplett von der Lightshow, der Musik und den ganzen Menschen aufgesogen werden. Der Gedanke dahinter war, dass sich alle gleichzeitig an einem Ort einfinden, dort tun und machen und diese Freiheit der Kreativität entfesseln. Die Clubs waren mit Overhead-Projektoren ausgestattet, überall flackerten Bilder und die Bildersprache war generell abgehackt. Sie sahen das nicht als negative Erfahrung, es war Technologie, die befreite.

Live Musik im L'Altro Mondo, Rimini, 1967. (© Pietro Derossi)

Wie viel hatte man sich in Italien von zeitgenössischen Gegenkulturen anderer Länder abgeguckt? Wer ging in diese Clubs?
Einige der Architekten des Radical Design waren in den Staaten gewesen und hatten Warhol getroffen und den Electric Circus gesehen. Sie hatten auch The Fillmore in San Francisco besucht, aber das war, bevor der Club dort eröffnet wurde. Sie waren wirklich im Einklang mit dem damals herrschenden Vibe der Gegenkultur und allem, was damit zu tun hatte. Es war definitiv Teil dieser subversiven, politisierten Gegenkultur-Bewegung.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen, wer die Clubs besucht hat. Es waren lokale Künstler, Architekten, Musiker, internationale Schauspieler und Menschen, die im Club auftraten: internationale Theatergruppen wie Living Theatre zum Beispiel. Das war eine amerikanische Gruppe, die an vielen Spielorten ein Auftrittsverbot hatte.

Wenn man sich diese Orte so anschaut, ist es fast schon traurig, dass sie Disco und die spätere elektronische Musik nicht mehr miterlebt haben.
Ja, ich bin definitiv der Meinung, dass die Radical Discos, die wir in unserer Ausstellung zeigen, ihrer Zeit dahingehend weit voraus waren, wie sie neue Technologien eingesetzt haben; wie sie sich mit anderen Kunstformen wie zum Beispiel Theater und bildender Kunst beschäftigt haben. Sie waren ihrer Zeit auch weit voraus, was ihren Sinn für Freiheit anging. Aber auch wenn die Orte Diskotheken genannten wurden, waren sie doch eine sehr frühe Vorstellung von dem, was Diskotheken sind. Es scheint auch zu einem gewissen Grad an dieser Explosion von Kreativität zu liegen, dass daraus nicht mehr geworden ist—zum Teil auch weil die Architekten des Radical Design die Industrie und alles andere ablehnten. Viele von ihnen waren rein konzeptuell ausgerichtet.

Aber als diese Orte dann wieder zumachten, schufen sie Platz für Clubs und Orte, die in den 1980ern eröffneten. In den darauffolgenden Jahren sollte Italien eine wichtige Rolle in der elektronischen Musik spielen.

Danke, Catharine.

Bis zum 10. Januar 2016 kannst du dir die Ausstellung „Radical Disco: Architecture and Nightlife in Italy" im Londoner ICA anschauen.