Fünfzig Jahre Action: Der erfahrenste Stuntman aller Zeiten

Vic Armstrong stieg 1966 ins Stunt-Geschäft ein, wurde zu Harrison Fords Stammdouble und koordiniert inzwischen seit geraumer Zeit Stunt-Sequenzen für einige der größten Hollywood-Filme.

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12 Februar 2016, 5:00am

Vic Armstrong als Stuntdouble für Harrison Ford in ‚Indiana Jones und der letzte Kreuzzug' | Alle Fotos bereitgestellt von Vic Armstrong

Wir befinden uns in dem Film Indiana Jones und der letzte Kreuzzug. Indys Vater (Sean Connery) ist von den Nazis entführt worden und „im Bauch dieser Stahlbestie" (einem Panzer) gefangen. Zum Glück hat Indy (Harrison Ford) ein Pferd. Er reitet durch eine Wüstenschlucht und holt den Panzer ein, denn seine althergebrachten Abenteurerfähigkeiten können mit der faschistischen Maschine locker mithalten. Er reitet neben dem Panzer her, springt von seinem Pferd, landet perfekt, verprügelt ein paar Deutsche und rettet (am Ende) alle.

„Zu Stunts gehört um einiges mehr, als die meisten Leute sich vorstellen", sagt Vic Armstrong. „Man muss nicht nur von einem Pferd springen können."

Armstrong ist Stunt-Koordinator, Stuntdouble und Regisseur mit fünf Jahrzehnten Filmerfahrung. Er hat einen Oscar in der Kategorie „Technical Achievement" gewonnen und ist laut Guinness World Records der aktivste Stuntman aller Zeiten. Er hat mir eine seiner berühmtesten Actionsequenzen im Detail erklärt, bei der er neben seiner Rolle als Stunt-Koordinator auch als Harrison Fords Double auftrat.

Ein Stunt dieser Komplexität fängt am Storyboard an. Einen Monat vor Drehbeginn plante Regisseur Steven Spielberg die Verfolgungsjagd mit seinem Team in Los Angeles. Dann wurden Armstrong und Action Unit Director Micky Moore damit beauftragt, die Skizzen in der Realität umzusetzen. Sie wählten die Locations aus. Dieser Stunt war „verzwickt, weil der Panzer ziemlich nah an einem Abgrund entlang fahren musste", sagt Armstrong. Es wurde im spanischen Almería gedreht, in einer Wüstengegend, die nun als Indiana-Jones-Schlucht bekannt ist, und Armstrong wusste, dass der sandige Boden für das Pferd gut sein würde, weil es so nicht über Steine galoppieren musste. Gleichzeitig konnte der lockere Boden schnell wegbrechen, sodass Armstrong nicht zu nah am Abgrund reiten durfte.

Sie holten einen Bulldozer, der eine Steilwand von zweieinhalb bis drei Metern Höhe aushob, und brachten eine Rampe an, die das Pferd über dem Panzer hinunterlaufen konnte. Kameraschienen sowie Landekissen wurden im Boden versenkt. Dann arbeitete Armstrong mit dem Pferd, Huracan, das er bereits gut kannte. Proben fanden in Fort Bravo statt, den Filmstudios, deren Name zum Synonym für den Western geworden ist. Die Geschwindigkeit des Pferds musste gleichbleibend und auf die des Panzers abgestimmt sein, damit das Pferd sich nicht seitwärts ausbrechen oder langsamer werden würde, wenn Armstrong aufstand, um auf den Panzer zu springen. „In den Studios haben wir einen Misthaufen, denn der bietet die weichste Landung und die größte Fläche, falls bei der Landung Fehler passieren. Ich sprang also von dem Pferd auf den Misthaufen und achtete darauf, inwiefern die Probe noch von der echten Situation abwich."

Armstrong musste sichergehen, dass er genau dann absprang, wenn das Pferd zum nächsten Galoppsprung ansetzte. Er musste beim Reiten einem bestimmten Rhythmus folgen: Auf Zwei war auf dem Pferderücken, an dem für einen besseren Absprung versteckte Fußstützen angebracht waren, auf Drei fing er an, sich abzustoßen, und auf Vier war er in der Luft. Als er den Stunt zum ersten Mal vor laufender Kamera machte, war er den Bruchteil einer Sekunde zu spät dran, und weil seine ganze Energie vom galoppierenden Pferd absorbiert wurde, sah er aus wie „Tom und Jerry, die durch die Luft rennen". Doch dann bekam er es perfekt hin und landete auf einem „kleinen Anderthalb-Zentimeter-Kissen" auf dem Panzer, wobei der Aufprall auch durch seine Schutzkleidung etwas gedämpft wurde. „Ich war so verdammt glücklich zu landen, dass es mir egal war, ob es wehtat."

Vic beim Dreh des Films ‚Eine todsichere Sache' von 1974

Vic Armstrong wurde in der englischen Grafschaft Buckinghamshire geboren und wuchs mit dem Reiten auf. „Mein Vater war Rennpferd-Trainer und ich wollte früher nichts lieber, als Steeplechase-Rennen reiten", sagt er mir. „Ich habe mein erstes Rennpferd mit neun Jahren auf [der Hindernisstrecke] The Gallops in Cheshire geritten. Mit 14 fing ich mit Rennen an, aber ich war ziemlich gut gebaut und musste hungern, um auf 74 Kilo runter zu kommen, also bin ich als Jockey nie über das Amateurniveau hinausgegangen."

Richard Todd, ein Film- und Bühnenstar der Nachkriegszeit, besaß einige Pferde, die von Armstrongs Vater trainiert worden waren. „Er kam oft am Wochenende vorbei und sah den Pferden beim Galoppieren zu. Ich war acht oder neun und beobachtete ihn, wie er in seinem Bentley-Cabrio mit glamourösen Begleiterinnen ankam", erinnert sich Armstrong. „Er erzählte mir von Filmen, in denen er mitgespielt hatte. Ich sah sie mir an und tat dann zu Hause so, als sei ich er. Ich war Rob Roy, der durch die schottischen Glens ritt, und warf mich von meinem Pony—eigentlich ein trauriges Leben, wie ich da so alleine gespielt habe! Aber ich habe es geliebt."

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Fantasie ist allerdings im Stunt-Geschäft ein unabdingbares Element. „Es ist im Grunde wie ‚Räuber und Gendarm'", sagt Armstrong von seinem Beruf. „Du weißt, dass du es nicht wirklich machen kannst, also machst du es im Film."

Dieses schauspielerische Können verbindet Armstrong mit körperlicher Kraft und praktischen Fähigkeiten. „Dass ich mit Pferden aufgewachsen bin, hat mich sehr praktisch werden lassen, denn du musst für ein anderes Wesen mitdenken", sagt Armstrong, „und gleichzeitig musst du dein Denken an das Tier anpassen und hundertprozentig verantwortlich handeln."

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Armstrongs Werdegang im Filmgeschäft begann mit einer Begegnung mit einem Mann namens Jimmy Lodge, der damals einer der führenden Pferde-Stuntmen war. Lodge besuchte den Rennstall von Armstrongs Vater und ritt dort. Er arbeitete an einem Film namens Arabeske mit Gregory Peck und Sophia Loren, und er brauchte ein Pferd aus Armstrong Seniors Stall. Dann brauchte er jemanden, der das Pferd reiten konnte. Armstrong meldete sich für diese Aufgabe und erhielt „die fürstliche Summe von 20 Pfund pro Tag, was damals schon einem ganzen Wochenlohn entsprach".

Schon bald wurde dem Möchtegern-Jockey klar, dass Stunts nicht nur einen Nebenverdienst zu den Pferderennen, sondern vielleicht eine ganze Karriere bedeuten konnten. „Es gab damals, 1965, sehr wenige Stuntleute—definitiv keine jungen", sagt er.

Armstrong schaffte es, in einer Reihe großer Kinofilme mitzuspielen und wurde sogar James-Bond-Double, denn er war jung, geübt im Umgang mit Pferden und besaß die Fähigkeit, Dinge wie Schwertkampf, Höhenarbeit (Stunts in großer Höhe) und Stürze zu lernen („Du bist so konzentriert, dass alles ganz langsam wird. Es scheint Ewigkeiten zu dauern, bis du unten ankommst ... dabei wird viel Adrenalin verbraucht, und das laugt aus.") Beim ersten Indiana Jones-Film verwechselte Steven Spielberg ihn sogar mit Harrison Ford; damit war eine Partnerschaft geboren, die sich durch seine Karriere ziehen sollte: Armstrong diente Ford als Indy, Han Solo und in vielen anderen Rollen als Double.

Vic und Harrison Ford in Spanien am Set von ‚Indiana Jones'. Ford hat das Foto signiert und geschrieben: „Vic — Wenn du sprechen lernst, habe ich ein großes Problem!"

„Ich habe Harrison schon öfter gesagt, dass er einen großartigen Stuntman abgeben würde, wenn er nicht schon so ein guter Schauspieler wäre", sagt Armstrong von dem Mann, dessen Doppelgänger er schon so oft war. „Er ist Zimmermann [Ford brachte sich das Handwerk als Nachwuchsschauspieler selbst bei, um seine Familie zu ernähren], er hat einen logischen Geist und er ist ein totaler Perfektionist—schon zu Drehbeginn sind seine Drehbücher immer mit Notizen vollgekritzelt."

Auf einem Foto, das Ford seinem Stuntman schickte, stand die Widmung: „Wenn du sprechen lernst, habe ich ein großes Problem!"

Heute ist die Stunt-Community viel größer als zu Beginn von Armstrongs Karriere.

„Als ich angefangen habe, gab es vielleicht 40 Leute, die das gemacht haben, und heute sind es bestimmt 400", sagt er. Er findet zwar, es sei noch immer ein „wundervolles Geschäft", doch inzwischen gebe es viel Konkurrenz und man kenne sich nicht mehr untereinander wie früher. „Ich hatte großes Glück, dass ich einigen der Menschen begegnet bin, die dieses Geschäft geprägt haben. Ich habe genau zu Beginn einer neuen Welle angefangen, wenn man so will", sagt Armstrong.

Vic und seine Frau Wendy am Set von ‚Indiana Jones und der Tempel des Todes'

Einer dieser Menschen war George Leech. Er gehörte zu einer Generation von Männern, die ihre militärische Erfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg einsetzten, um im Filmgeschäft Fuß zu fassen, indem sie Action-Sequenzen planten und ausführten. Leechs Tochter Wendy folgte ihm ins Geschäft und arbeitete bei den Superman-Filmen mit Christopher Reeve als Stuntdouble für die Lois-Lane-Darstellerin Margot Kidder. Armstrong war Reeves Double, und so begegneten sich Vic und Wendy als Superman und Lois Lane. Sie heirateten und arbeiteten gemeinsam an einer Reihe Filme.

CGI-Technik hat laut Armstrong alles „unglaublich verbessert", wobei er hinzufügt, dass er sie oft mit Morphium vergleicht: Es sei ein extrem nützliches Mittel, wenn es auf die richtige Art und zum richtigen Zweck eingesetzt werde, doch wenn man süchtig danach werde, dann sei es sehr schädlich. Filme können durch CGI ruiniert werden, allerdings bedeutet es auch, dass alle möglichen Sicherheitsmechanismen eingesetzt und später retuschiert werden können. Beim Dreh von Indiana Jones „musste alles im Bild sein", weswegen Hilfselemente wie die Fußstützen, die er für den Panzer-Sprung verwendete, versteckt sein mussten. Heute kann er Spiderman-Darsteller Andrew Garfield hoch über den Straßen durch die Luft segeln lassen, und das Publikum wird die Ausrüstung, die das möglich macht, niemals zu Gesicht bekommen.

Die Magie des Kinos hält Vic Armstrong allerdings weiter in ihrem Bann, und so ist er nun wieder in Almería und spielt in der Indiana-Jones-Schlucht Räuber und Gendarm.