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"Selten so ein hässliches und dummes Stück Fleisch gesehn!"

Laut FPÖ wird Norbert Hofers Lieblingsmaler Odin Wiesinger oft falsch dargestellt. Wir haben ein paar Sachen gefunden, bei denen man wenig missverstehen kann.

von Hanna Herbst
22 Juli 2016, 5:00am

"Sie haben einen Freund von mir angegriffen: Odin Wiesinger", sagte der einstige Präsidentschaftskandidat der FPÖ, Norbert Hofer, in einer Rede. "Einen hervorragenden Künstler ... Und wir alle werden Odin Wiesinger, diesen tollen Künstler, niemals und nicht im Stich lassen!" Zuvor war Hofer in einigen Medien auf den Künstler angesprochen worden.

Odin Wiesinger sei sein Lieblingsmaler, erzählte Hofer auch in einem Interview mit der Presse am Sonntag, und wollte sich auch auf wiederholtes Nachfragen, unter anderem durch Corinna Milborn ( Puls 4) und Christian Rainer ( profil), nicht von Wiesingers Zeichnungen distanzieren. "Odin Wiesinger ist Burschenschafter, ist ein toller Künstler, ein guter Freund ... Ich mag ihn", sagte er auf Puls 4.

Odin Wiesinger wurde als Manfred Wiesinger im Innviertel geboren. Von der heutigen Kunst hält er ansonsten nur wenig, wie er 1998 in einem Interview mit der weit rechts stehenden Jungen Freiheit (die von der AfD als Alternative zur "Lügenpresse" empfohlen wird) betont. "Die gegenwärtige, offizielle 'Kunst-Szene'? Kurz gesagt ist das zum überwiegenden Teil für mich die Diktatur des Hässlichen, Minderwertigen, Würde- und Maßlosen! Verschüttete und verschmierte Farbe nach Art der Primaten in der Malerei, Pornographie und Gestammel auf den Bühnen."

Lieber zeichnet Wiesinger Landschaften, Gebäude und Menschen. Er selbst gehört einer schlagenden Burschenschaft an und scheint in Burschenschaftern auch eines seiner Lieblingsmotive gefunden zu haben. Mal zeichnet Wiesinger sie bei der Mensur, mal vor einem Wolkenhimmel oder vor der großdeutschen Karte posierend und signiert seine Bilder nicht nur mit seinem Künstlernamen Odin, sondern häufig auch mit der Odalrune, die im Dritten Reich als Symbol für "Blut und Boden" verwendet wurde.

Reichbauernschaft, Hitlerjugend und das Rasse- und Siedlungsamt, Bund Nationaler Studenten und Wiking-Jugend nutzen die Rune ebenfalls als Logo. Ab 1939 gab es außerdem auch eine NS-Zeitschrift mit dem Namen "Odal – Monatsschrift für Blut und Boden". Das Zeichen soll 1902 vom österreichischen Autor Guido von List erfunden worden sein, der von der Überlegenheit der arischen Rasse überzeugt und Vertreter der sogenannten "Ariosophie" war.

Eine Anspielung an die Odalrune konnte man übrigens 2010 auch schon einmal in einem FPÖ-Comic sehen. Heinz-Christian Strache verstand die Aufregung damals nicht und erklärte in einer Pressekonferenz, es finde eine "künstliche Erregung und bewusste falsche Darstellung" statt. Bei Wiesingers Odalrune ist es schwer, das Symbol bewusst falsch darzustellen.

Obwohl es sich eindeutig um eine Odalrune handelt (wenn auch eventuell zufällig), wird das auf unzensuriert.at als völlig falsch bezeichnet. "Odin Wiesingers Steinmetzeichen, bestehend aus seinen Initialen, wird zur Rune umgedeutet", heißt es dort. Im Bestreben, Hofer anzupatzen, würden "schwarze Kleckse auf Wiesingers Werk geworfen".

Wiesinger selbst sagt auf Nachfrage von VICE, es handle sich um ein Steinmetzzeichen: Ein O, ein W und dazu zwei i-Punkte. "Das hat aber mit der Odalrune eigentlich nichts zu tun", so Wiesinger weiter: Irgendein Spinner habe eben einmal gemeint, er müsse das mit der Odalrune vergleichen. Eine Ähnlichkeit ließe sich aber einfach nicht vermeiden, bei O und W.

Links: Odalrune, mitte und rechts Signaturen Odin Wiesingers.

Noch weniger Spielraum für (falsche) Interpretationen lässt ein von Wiesinger verfasster Kommentar, in dem es heißt: "... im Sinne der Freiheit der Kunst: ... selten so ein hässliches und dummes Stück Fleisch gesehen!" Das schreibt Wiesinger auf Facebook über Eva Blimlinger, die Rektorin der Akademie der bildenden Künste unter ein Posting von Jörg Uckermann, der bis 2014 stellvertretender Vorsitzender der rechtsextremen Partei Bürgerbewegung pro NRW war.

Uckermann teilt ein Foto von Blimlinger in der ZIB 2 mit dem Text: "Schlimm dieser Genderwahnsinn!" Im dazugehörigen Interview geht es um gendergerechte Sprache; Blimlinger verteidigt die Nennung von weiblichen grammatikalischen Formen. Mit seinem Kommentar konfrontiert, fragt Wiesinger erst, ob er wirklich so etwas geschrieben habe, und sagt dann, er würde das so heute nicht mehr formulieren. Vermutlich sei er damals im "Sargnagel-Modus" gewesen. Was der Sargnagel-Modus sei, frage ich. "Das es manchmal ein bisschen derb ist, das Ganze."

Auch eher unmissverständlich, trotz Zungenzeige-Emoji, ist Wiesingers Aussage über die ORF-Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher:

Einer der beiden Likes ist dabei von Elmar Podgorschek, bis Oktober 2015 Nationalratsabgeordneter der FPÖ, seither in der oberösterreichischen Landesregierung.

Unter einem anderen Posting, in dem es um den vermeintlichen Mikropenis Adolf Hitlers geht, kommentiert Wiesinger, er habe gelesen, dass "der Führer" ja auch nur einen Hoden gehabt haben soll. Immerhin hieße das aber, dass Hitler mehr Eier gehabt hätte als die Politiker von heute.

"Das können sie interpretieren, wie es Ihnen gefällt", sagt Wiesinger nach langem Lachen am Telefon. Generell würde er solche "Aufdeckungen" über Hitler unnötig finden. Bald würde wahrscheinlich noch veröffentlicht, dass er Wimperntusche getragen habe.

In einem Video, in dem Wiesinger einige seiner Werke abfilmt, läuft im Hintergrund Musik von "Thorak", wie er zum Schluss des Videos angibt. Der Österreicher Josef Thorak galt als einer der erfolgreichsten und meist geförderten Bildhauer des Dritten Reiches. 2015 wurde in Danzig eine 1942 von ihm gestaltete Marmorbüste Adolf Hitlers gefunden.

Sucht man im Internet nach Thorak im Zusammenhang mit Musikgruppen, findet man eine 1998 in Deutschland gegründete Band. Ihre Lieder haben Titel wie: "Stalingrad", "Gassi gehn (mit Adolf Hitler)" oder "Bombenteppich". In ihrer Beschreibung heißt es: "A tribute to Austrian-German sculptor Josef Thorak (1889 – 1952)."

Thorak sei ein grandioser Bildhauer gewesen, aber die Band hätte auch Rodin heißen können, so Wiesinger—die Musik habe ihm einfach gefallen. Für sich genommen mag das durchaus eine schlüssige Begründung sein. Aber es sind eben sehr viele solcher kleinen Aspekte, die gemeinsam ein Bild von Odin Wiesinger zeichnen, das es schwierig macht, die "Einzelfälle" (von der Odalrune über seine Hitler-Verharmlosung bis zur Rechts-Techno-Band) zu seinen Gunsten auszulegen. Dasselbe gilt für Erklärungen von Norbert Hofer zu Odin Wiesinger als Künstler.

Das sage ich auch am Telefon zu ihm. "Ge bitte. Jetzt machen Sie sich nicht lächerlich", ist Wiesingers Antwort. "Wahrscheinlich darf ich nicht einmal einen Schäferhund haben, weil der Hitler auch einen gehabt hat."

Im Büro von Norbert Hofer sagt man auf Nachfrage, Herr Hofer habe für solche Nachfragen keine Zeit, das müsse ich bitte verstehen. Und: Nur weil jemand jemandes Lieblingskünstler sei, müsse man von ihm nicht alles gut finden.