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Verbrechen

Ein Serienkiller erschießt in Florida Menschen auf offener Straße

Mindestens vier Menschen soll er bereits getötet haben. Die Fahndung läuft auf Hochtouren, doch bisher haben die Beamten kaum Hinweise.

von VICE Staff
15 November 2017, 1:52pm

Screenshot via Tampa Police Department/YouTube

Ronald Felton war nicht mal Gemeindemitglied der New Seasons Apostolic Church. Trotzdem konnte Pastor Samuel Washington immer auf den 60-jährigen Bauarbeiter zählen. Mehr als zehn Jahre lang stand Felton jeden Dienstag und Freitag vor dem Morgengrauen auf, um bei der Essensausgabe der Kirche zu helfen. Die New-Seasons-Kirche liegt in einem zentralen Viertel der Großstadt Tampa in Florida.

"Normalerweise sperren wir um 5 Uhr morgens auf, um das Essen vorzubereiten", sagt Pastor Washington gegenüber VICE. "Ronald fuhr herum, um Lebensmittelspenden einzusammeln, und half dann beim Ausladen."

Doch am Dienstag, dem 14. November, kam Felton nie bei der Kirche an. Laut der Polizei von Tampa überquerte er um 4:51 Uhr eine Kreuzung etwa zwei Blocks von der Kirche entfernt, als jemand sich von hinten näherte und ihn erschoss. Zeugen beschreiben den Schützen als etwa 1,80 Meter großen schwarzen Mann in komplett schwarzer Kleidung und mit einer großen Pistole.

Obdachlose, die vor der Essensausgabe Schlange standen, hörten laut Pastor Washington vier Schüsse. "Er wollte extra früh da sein, und dabei wurde er umgebracht", sagt der Geistliche.

Felton ist inzwischen die vierte Person, die in den letzten Wochen auf offener Straße in Tampa erschossen wurde. Die Polizei geht in allen Fällen vom selben Täter aus. "Wir behandeln diese Fälle als zusammenhängend, bis wir etwas anderes feststellen", sagte der Polizeichef von Tampa, Brian Dugan, am 14. November bei einer Pressekonferenz in der Nähe des jüngsten Tatorts.


Auch bei VICE: Die Geschichte des "Cleveland Strangler" und seiner vergessenen Opfer


Wenn es sich tatsächlich um einen Serienmörder handelt, hat er am 9. Oktober zum ersten Mal zugeschlagen, soweit die Polizei das erkennen kann: Der 22-jährige Benjamin Mitchell wurde erschossen, während er auf den Bus wartete. Nur zwei Tage später verschwand die 32-jährige Monica Hoffa, ihre Leiche wurde weitere zwei Tage später am 13. Oktober gefunden – auch sie war erschossen worden. Am 19. Oktober hörten Polizeibeamte Schüsse und fanden den 20-jährigen Anthony Taino Naiboa tot auf. Die Ermittler sehen bis jetzt keine Verbindungen zwischen den Opfern, außer dass die ersten drei alle in der Nähe einer Bushaltestelle erschossen wurden. Außerdem haben alle Opfer gemeinsam, dass es bei ihnen keinerlei Anzeichen für einen Streit kurz vor der Tat gab, und auch keine Indizien für kriminelle Aktivitäten.

Die Ermittler gehen allerdings davon aus, dass der Täter die Verbrechen quasi vor seiner Haustür begeht. "Wer auch immer das getan hat, ist mit dem Viertel vertraut und kann hier sehr schnell untertauchen", sagte Dugan bei der Pressekonferenz. "Ich denke, dass diese Person hier im Viertel lebt. Deshalb brauchen wir die Kooperation der Anwohner. Alle müssen die Augen offen halten."

Beamte des Tampa Police Department und anderer Polizeibehörden patrouillieren am 14. November durch das Viertel Seminole Heights in Tampa, Florida | Foto: Octavio Jones/ZUMA

Der Bürgermeister von Tampa, Bob Buckhorn, hat sich ebenfalls zu dem Serienmörder geäußert: "Bringt mir seinen Kopf auf einem Tablett", wies er seinen eigenen Aussagen zufolge die Polizei an. Bei der Pressekonferenz am 14. November versprach er außerdem, die Stadt werde nicht ruhen, "bis wir den Typen gefasst haben".

Am 14. November suchten Beamte das Viertel ab. Sie haben nur wenige Anhaltspunkte, doch ein Zeuge beschrieb den Verdächtigen als großen, schlanken schwarzen Mann. Vor Kurzem hat die Polizei ein körniges Video veröffentlicht, in dem eine Person in der Nacht des ersten Mordes (Benjamin Mitchell) durch das Viertel rennt.

Wenn die Morde tatsächlich von derselben Person begangen wurden, zählt der Täter offiziell als Serienmörder. Die US-Behörden definieren einen Serienkiller als eine Person, die mindestens drei verschiedene Morde begeht. Serienmörder sind allerdings viel seltener, als die Popkultur nahelegt: Eine Analyse der FBI-Abteilung für Verhaltensforschung ergab 2005, dass Serienmörder weniger als ein Prozent aller Morde in den USA begehen.

Ein typischer Serienmörder mit einer Anomalie

Brianna Fox ist Kriminologie-Dozentin an der University of South Florida und ehemalige FBI-Agentin. Sie war bereits nach dem zweiten Mord an Monica Hoffa überzeugt von einem Serientäter. Die zwei Verbrechen, die seither hinzugekommen sind, haben sie in ihrer Ansicht bestärkt. "Das ist sein Modus Operandi", sagt Fox gegenüber VICE. "Er wählt willkürlich Menschen aus, die Opfer sind allein, und alle Morde haben sich im selben Gebiet im Viertel Southeast Seminole Heights zugetragen."

Fox fügte hinzu, der Mörder sei höchstwahrscheinlich männlich und Anfang 20 bis Anfang 30. Er kenne das Viertel gut, so die Kriminologin. "Er will seine Komfortzone nicht verlassen. Das ist Teil seiner Unsicherheit."

Es gebe nur einen Aspekt im Vorgehen des Täters, das für einen Serienmörder untypisch sei, sagt Fox: Dieser Mörder scheint keine Nähe zu seinen Opfern zu suchen. "Die meisten Serienkiller erwürgen oder erstechen Menschen", sagt sie. "Serienmörder genießen das Machtgefühl und eine Art Verbindung zu ihren Opfern."

Ganz gleich, wie die Motive des Täters aussehen – viele in Southeast Seminole Heights wollen sich nicht einschüchtern lassen. Stan Lasater, Präsident der Bürgervereinigung des Viertels, erzählt VICE, er und seine Nachbarn gingen ganz normal ihrem Alltag nach. "Wir müssen ihm trotzen", sagt er. "Wir lassen uns von diesem Typen keine Angst einjagen. Natürlich passen wir trotzdem gut auf. Wenn man irgendwo hin muss, sollte man einen Nachbarn anrufen und zu zweit gehen."

Er empfiehlt Anwohnern außerdem, zurückhaltend mit ihren Handys zu sein. "Ich sage ihnen, dass sie nicht texten oder auf Facebook gehen sollen, wenn sie gerade zu Fuß unterwegs sind."

Washington, der Pastor der Gemeinde New Seasons, war vor dem Mord an Felton noch etwas weniger vorsichtig. "Ich schaue jetzt vermutlich immer zweimal hin", sagt er. "Aber ganz ehrlich, ich habe keine Angst. Ich glaube an eine höhere Macht."

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