Hackler, Jobber, Karrieristen

Das wichtigste Zukunftsthema für junge Menschen ist die Pension

Die Einstellung der Millennials ist paradox: Einerseits sind sie optimistisch, was ihre berufliche Zukunft betrifft, andererseits haben sie Angst vor sozialem Abstieg. Hier ist Teil 3 der Ergebnisse unserer VICE-Umfrage zur Zukunft der Arbeit.

von Branded
23 Oktober 2017, 12:40pm

Illustration von Janinski | janinski.com

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer Wien entstanden.


Dass die Zeiten vorbei sind, in denen Menschen eine einzige Ausbildung und einen einzigen Beruf vom Jugendalter bis zur Pension absolvieren, wissen inzwischen auch unsere Eltern. Dass diese neuen Gegebenheiten aber nicht nur mehrere Jobwechsel bedeuten, sondern auch ständige Erreichbarkeit und komplett neue Erwerbsmodelle, ist für die Generation der Babyboomer immer noch schwer zu begreifen.

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren jedenfalls stark gewandelt – und wird künftig wohl noch fundamentaleren Umwälzungen unterworfen sein. Während Politik und Wissenschaft über Digitalisierung, Automatisierung und Big Data diskutieren, sind diese Dinge für junge Menschen im Alltag längst Normalität: Smartphones sind allgegenwärtig, egal ob als essentielles Arbeitswerkzeug zum E-Mails checken oder als Kommunikationstool, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben oder dank Tinder Horrorgeschichten zu erleben.

Daneben bestimmen Dienstleistungen, die via Handy-App geordert werden, Navigationssysteme, Self-Check-Out-Kassen, standortunabhängiges Arbeiten, Videokonferenzen und kooperativen Cloud-Tools schon heute den Alltag von berufstätigen Menschen – egal welchen Alters und Bildungsstandes. Nicht nur als Konsumenten, auch als Arbeitnehmer haben wir uns mehr oder minder wissentlich und gezwungenermaßen längst den neuen Gegebenheiten angepasst.

Der dritte und letzte Teil unserer Studie zeigt, dass die Zukunft im Allgemeinen aber nicht nur als Herausforderung, sondern vor allem auch als Chance gesehen wird.

Soziale Themen stehen im Zentrum: Keiner hilft uns mehr!

Aus den Ergebnissen geht deutlich hervor, dass junge Menschen in Bezug auf ihre Zukunft vor allem Themen beschäftigen, die mit sozialer und finanzieller Sicherheit zu tun haben. So sei auf den Sozialstaat klassischer Prägung aus Sicht der befragten Menschen zwischen 20 und 30 heute beispielsweise kein Verlass mehr. Lediglich ein Fünftel vertritt etwa die Ansicht, dass es im österreichischen Sozialstaat gerecht zugehe (Statement "Im österreichischen Sozialsystem bekommt jeder das, was ihm zusteht") und auch dem öffentlichen Pensionssystem schenkt man nur mehr wenig Vertrauen.

Für sechs von zehn der Befragten läuft es auf die bittere Feststellung hinaus: "Wir Jungen müssen für uns selbst sorgen, uns hilft heute keiner mehr."

Als Alternative zu einer ungewissen Zukunft in Sachen staatlicher Pension glaubt die Mehrheit der Befragten, dass hier der freie Markt Abhilfe bieten kann (71 Prozent Zustimmung zum Statement "Die Jugendlichen von heute müssen früh beginnen, sich um eine zusätzliche private Altersvorsorge zu kümmern"). Ein Drittel meint sogar, "Fix keine Pension mehr zu kriegen". Für sechs von zehn der Befragten läuft es auf die bittere Feststellung hinaus: "Wir Jungen müssen für uns selbst sorgen, uns hilft heute keiner mehr."

Als Reaktion auf private Pensionsvorsorgen zurückzugreifen, sieht der AK-Experte Wolfgang Panhölzl kritisch: "Der freie Markt ist keine Alternative für die gesetzliche Pensionsversicherung. Er ist wegen der Verwaltungs- und Vertriebskosten und wegen der Gewinninteressen teuer, es besteht ein wegen Marktschwankungen und Spekulationsblasen ein höheres Risiko und es gibt keine Sozialkomponente für Zeiten der Arbeitslosigkeit, der Krankheit, der Kindererziehung oder Pflege. Das Umlageverfahren der gesetzlichen Pensionsversicherung gewährleistet gerade auch für Junge gute Pensionen. Darauf kann man auch vertrauen."

Entscheidend für gute Pensionen sei laut Panhölzl der Arbeitsmarkt: "Wir dürfen nicht zulassen, dass durch moderne Erwerbsformen die Sozialversicherung ausgehöhlt wird, und wir dürfen nicht zulassen, dass längere Ausbildungen junge Menschen später in der Pension benachteiligen. Schul- und Studienzeiten müssen wieder besser berücksichtigt werden."

Studienleiter Philipp Ikrath spricht im Zusammenhang mit der Relevanz des Pensionsthemas von einer „Rückkehr der Zukunft" und argumentiert: „Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass junge Menschen vor allem in der Gegenwart leben und sich um die Zukunft keine Gedanken, geschweige denn Sorgen machen würden, sondern vor allem danach streben, das Leben im jetzt und heute zu genießen. Diese Zeit geht ihrem Ende zu."

Diese These stützen auch die Ergebnisse aus dem zweiten Teil dieser Serie: Demnach spielen für junge Menschen die berufliche und finanzielle Sicherheit eine große Rolle. Dementsprechend drehen sich die Zukunftssorgen der Befragten vor allem um materielle Dinge. Für 6 von 10 ist etwa eine der größten Sorgen, einmal keine ausreichende Pension zu bekommen. Jeweils rund die Hälfte befürchtet im Laufe des Berufslebens schlecht oder zumindest nicht angemessen bezahlt zu werden.

Hier zeigt sich, dass der sich wandelnde Arbeitsmarkt, der von vielen Befragten wie im ersten Artikel der Serie erwähnt als eine Art "Arena der Einzelkämpfer" wahrgenommen wird, seine Spuren hinterlassen hat. Das zeigen nicht nur die Sorgen um Pensionen und Gehalt, sondern auch die Befürchtung, dass man sich letztlich zwischen Familie und Karriere entscheiden müsse. Überraschend ist hingegen, dass Dinge wie viele unterschiedliche Jobs machen zu müssen oder von einem Roboter beziehungsweise Computer ersetzt zu werden für die Befragten weniger relevant erscheinen – zumindest sind sie nicht so allgegenwärtig, wie die Sorgen um Geld.

Zum Thema Automatisierung hält AK-Digitalisierungsexperte Fridolin Herkommer Panik für unangebracht: "Tatsächlich ist nicht unbedingt von einer gravierenden, digitalisierungsbedingten Arbeitslosigkeit in Zukunft auszugehen. Arbeitsplätze werden sich deutlich verändern, was aber keinesfalls heißen muss, dass sie reihenweise wegfallen."

Was sollten Berufstätige also können, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein? "Nicht nur Arbeitgeber sondern tatsächlich auch Beruf werden sich im Laufe des Lebens ändern – also nicht nur wo wir arbeiten sondern auch was wir arbeiten. Dabei hilft vor allem eine gute Grundausbildung: wer gelernt hat zu lernen, tut sich damit vermutlich auch in Zukunft leichter. Dazu braucht es natürlich aber auch die örtlichen, finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten, um diesen Anforderungen gerecht werden zu können."

Zukunftssorgen drehen sich vor allem um Materielles

Obwohl die Digitalisierung und damit auch eine immer weiter reichende Automatisierung die Berufswelt bereits stark prägt und künftig noch stärker umwälzen wird, ist das Thema für unsere Befragten nicht sehr wichtig. Genauer gesagt rangiert es bei den größten Zukunftssorgen sogar sogar auf dem letzten Platz.

Am relevantesten sind hingegen Dinge, die vor mit Finanziellem zu tun haben: Für 6 von 10 der Befragten ist eine der größten Sorgen, im Alter keine ausreichend hohe Pension zu bekommen, die Hälfte der Befragten befürchten im Laufe ihres Berufslebens schlecht oder nicht ausreichend bezahlt zu werden. Dass man seine beruflichen Ziele nicht erreicht oder sich zwischen Selbstverwirklichung oder Geld entscheiden muss, spielen zwar eine Rolle, im Grunde überwiegt aber hier auch die Sorge um finanzielle Sicherheit und auch, ob man in der Lage sein wird, Beruf und Familie zu vereinbaren.

Auffällig ist generell, dass das Thema Pensionen bei jungen Menschen, die – nach heutigem Stand – noch mindestens vier Jahrzehnte Berufsleben vor sich haben, bereits so präsent ist. "Die Ergebnisse zeigen, dass die Pension eines der ganz zentralen Zukunftsthemen für junge Menschen darstellt", so Philipp Ikrath. Entsprechend stimmen auch lediglich 17 Prozent "voll und ganz" der Aussage zu, dass sie sich über ihre Pension noch gar keine Gedanken machen.

Junge Menschen sind hin und her gerissen zwischen Hürden und Optimismus

So desillusioniert und teils pessimistisch viele über die eigene aktuelle Situation in der Arbeitswelt denken, so optimistisch blicken sie in die Zukunft. Konkret gaben 63 Prozent der Befragten an, in Bezug auf ihre kommende Berufslaufbahn zuversichtlich zu sein. Bei höher gebildeten jungen Menschen (mindestens Matura) ist dieser Wert mit 69 Prozent deutlich höher als bei Befragten ohne Matura – die aber auch immerhin mit 56 Prozent optimistisch sind.

"Die Zukunftsperspektiven der jungen Erwachsenen zeigen sich in den Studienergebnissen widersprüchlich", sagt Studienleiter Philipp Ikrath. "Einerseits vermuten 4 von 10 Befragten, dass sie es im Job einmal schwerer haben werden als ihre Eltern, andererseits sind knapp zwei Drittel tendenziell zuversichtlich, was ihre eigene berufliche Zukunft betrifft."

Hier zeigt sich, dass die Arbeitswelt in Österreich zwar als herausfordernd und mitunter auch unsicher wahrgenommen wird, andererseits aber auch als etwas, wo man auch als junger Mensch Chancen bekommt und sich beweisen kann.

Bei der Frage, wer sich für die Anliegen von jungen Berufstätigen einsetzt, wird die Arbeiterkammer als jene Institution gesehen, die sich am stärksten um die Anliegen junger Berufstätiger in Österreich kümmert. Interessant ist hier, dass andere Akteure – wie etwa politische Parteien (mit Ausnahme der SPÖ) – in den Köpfen der Befragten eine weitaus weniger gewichtige Rolle spielen als etwa die Kammern oder Gewerkschaften.

"Wenn es brenzlig wird, bietet die Arbeiterkammer in vielen Lebensbereichen Service und Beratung an", sagt Lisa Sinowatz von der AK Wien. "Viele denken bei „AK" deshalb an Arbeitsrechtsberatung oder Konsumentenschutz. Für alle, die eine Ausbildung oder ein Studium machen, oder am Einstieg zum Berufsleben sind, gibt es natürlich eine ganze Reihe weiterer wichtiger Themen. Da ist die AK vor allem Anlaufstelle bei Fragen zu Karenz, Beihilfen oder Bildungskarenz – oder bei der Förderung von wissenschaftlichen Abschlussarbeiten. Außerdem gibt es eine Reihe kostenloser Bildungsangebote und Veranstaltungen. Was zwar weniger oft sichtbar ist, aber für den Einzelnen sehr viel ausmacht: Die AK kämpft auch in der Gesetzgebung um gerechte Lösungen in sozialen Fragen. Zum Beispiel bei Themen wie leistbarem Wohnen, Uni, Job und Ausbildung. Wo sie mitreden kann, setzt sie sich für die Anliegen junger Menschen ein – auch und gerade gegenüber den mächtigen Partnern aus Politik und Wirtschaft."

Der Rückzug in traditionelle Nischen ist keine Option mehr

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass junge Berufstätige versuchen, angesichts einer unübersichtlichen oder sogar bedrohlichen Zukunft und dem abnehmenden Vertrauen in die etablierten sozialen Sicherungssystem versuchen, im Job herkömmliche Sicherheiten zu bewahren, sich aber gleichzeitig den neuen Gegebenheiten anzupassen und darüber den Optimismus nicht zu verlieren.

"Der Rückzug in traditionelle Nischen ist keine Option mehr. Man kommt den Anforderungen flexibler werdender Arbeitsmärkte ein Stück weiter entgegen, möchte im Gegenzug dafür aber auch mit festen Verträgen, einem akzeptablen Gehalt und vernünftigen Arbeitszeiten belohnt werden", fasst Studienleiter Philipp Ikrath die Ergebnisse zusammen.

Zum Nachlesen: Im ersten Teil unserer Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien ging es um die Hürden beim Jobeinstieg, der zweite Teil beschäftigte sich unter anderem mit der, Frage, was das beschissensten am Arbeiten sei.

Tagged:
jobs
arbeit
Studie
arbeiterkammer