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Drogen

Die Frau, die Londons geheime Koksbar betrieb

Wir erinnern uns an Erikas gemütlichen Privatclub, in dem man Gras, MDMA und Koks kaufen konnte. Und sprachen mit ihr, auch über ihre Zeit im Knast.

von Jonny B
16 Oktober 2017, 8:38am

Foto: Chloe Orefice

Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Besuch in Erikas* Koksbar.

Mir war das Gras ausgegangen und ich hatte keine Kontakte. Glücklicherweise arbeitete ich mit einem langhaarigen Grafikdesigner zusammen. Der musste doch jemanden kennen, da war ich mir sicher. Und tatsächlich, aber das war nicht irgendein Straßendealer. Er erzählte mir von diesem geheimen Club im Norden Londons, wo man alles bekam, was man wollte.

"Ich bring dir was mit", sagte er.
"Nein. Du nimmst mich mit dahin!"
"OK. Aber ich muss erst um Erlaubnis fragen", entgegnete er.

Am nächsten Tag lief er an meinem Platz vorbei und sagte, wir könnten abends dorthin. Der Feierabend kam und wir gingen los.


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"Es gibt ein paar Regeln, die du vorher wissen musst", klärte er mich auf. "Du kannst dort nicht einfach antanzen, wann immer du willst. Du musst vorher an diese Nummer eine SMS mit der Zeit schicken, zu der du kommen willst."
"OK."
"Und erzähl nicht einfach Leuten von diesem Laden. Ein Wort zur falschen Person und alles ist aus."
"OK."
"Und wenn du jemanden mitbringen willst, musst du erst um Erlaubnis fragen. Warte besser noch eine Weile damit – ein paar Monate mindestens."
"OK."
"Wir sind da." Er drückte auf eine Klingel. Über unseren Köpfen bemerkte ich eine Kamera. Etwa eine Minute später öffnete sich schließlich die Tür. Vor uns stand eine Frau.

"Hi Erika*", sagte mein Kollege.
"Ein neuer Rekrut! Kennt er die Regeln?", fragte Erika.
"Das tut er."
"OK. Zieht eure Jacken aus und kommt rein."

Erika führte uns zu einer weiteren Tür, öffnete sie und da war es.

So sah es in der Koksbar aus | Illustration: "Erika", AKA Postcards from Prison

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber ich war dann doch überrascht. Es sah wirklich nicht im Geringsten nach einer zwielichtigen Drogenhöhle aus. Es war aufgeräumt, an den Wänden hing Kunst und die Menschen lachten und spielten Scrabble. Die Atmosphäre war friedlich wie in einer netten Bar, nur mit Pillen statt Pils.

Erika setzte sich an einen Computer in der Nähe des Eingangs und gab mir ein Zeichen, neben ihr Platz zu nehmen.

Sie fragte nach meinem Namen, meiner Telefonnummer und dem Grund meines Beitritts. Du musstest zwischen Kunst, Comedy, Musik und ein paar anderen Optionen wählen.

"Jetzt brauche ich nur noch deinen Mitgliedsbeitrag. 20 Britische Pfund."

Ich gab ihr das Geld und bekam im Gegenzug eine Karte, auf der die ganzen Regeln standen. Dann bekam ich eine SMS: "Willkommen. Mach's dir bequem und entspann dich. Ich bin gleich bei dir."

Ich stand auf und setzte mich neben meinen Kollegen, der sich gerade mit ein paar Typen unterhielt. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, die ganzen neuen Eindrücke um mich herum aufzunehmen, um mich an ihrer Unterhaltung zu beteiligen. Jedem Neuling erging es so.

Erika kam schließlich zu unserem Tisch und fragte: "Was möchtest du?"
"Gras für 40."
"Was für Gras möchtest du denn?"
"Es gibt mehrere zur Auswahl?"
"Ja. Skunk, Thai-Sticks, Hasch oder weiches Schwarzes."
"Ich nehme Thai. Danke!"

Dann ist mein Kollege an der Reihe: "Ich hätte gerne ein Gramm Koks, ein Gramm MDMA und 35 Gramm von dem Thai."
"Danke", sagte sie, ging in einen anderes Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

Das Hinterzimmer, in dem Erika die Bestellungen vorbereitete | Illustration: "Erika", AKA Postcards from Prison

Es gab auch einen ganzen Haufen ungeschriebener Regeln. Erika sah es nicht gerne, wenn die Menschen ständig ein- und ausgingen. Wenn du herkamst, musstest du auch eine Weile bleiben. Wenn ständig alle kommen und gehen, ist das verdächtig. Sie mochte es auch nicht, wenn die Gäste ihre Handys benutzen. Alle diese kleinen Dingen machten ihr Studio-Loft zu dem, was es war: einen äußerst geselligen Ort. Du hattest gar keine andere Wahl, als dich mit anderen zu unterhalten. Sobald du einmal high genug warst, wolltest du aber auch gar nichts anderes.

Erikas Gäste kamen aus allen Schichten und Ecken. Es war egal, ob du tagsüber auf dem Bau gearbeitet hast, Labelboss, Banker oder Chef warst. Wenn du dich an die Regeln gehalten hast, dich benehmen konntest und das nötige Geld für deine Einkäufe parat hattest, warst du willkommen. Viele neue Freundschaften und Beziehungen entstanden in der Koksbar – darunter auch ein paar, aus denen Ehen und Kinder hervorgingen.

Dir ist auch schon aufgefallen, dass ich über den Club in der Vergangenheit spreche. Vor ein paar Jahren gab es eine Razzia in ihrem Studio und Erika wurde verhaftet, angeklagt und kam ins Gefängnis. Vor Kurzem ist sie entlassen worden. Ich habe sie besucht.

"Wie bist du dazu gekommen, so einen Laden zu schmeißen?", frage ich sie.

"Das ist nicht gerade mein Plan gewesen", antwortet sie. "Alles fing an, nachdem ich mich im Kreativbereich abgerackert hatte. Der Markt änderte sich und irgendwann wurden die Jobs rar. Es wurde immer schwieriger, ausreichend Aufträge zu finden, um mein Studio finanzieren zu können. Das Geld wurde knapp und ich zunehmend verzweifelt. Also schmiss ich eine Party! Ich hatte schon eine Weile Gras verkauft, um meinen eigenen Konsum zu finanzieren, dann wurde mir vorgeschlagen, ein paar 'Pülverchen' ins Programm zu nehmen. Ich dachte nicht, dass ich irgendjemanden kenne, der so was machte, aber wie falsch ich lag! Nun, ich konnte mir damit den Gerichtsvollzieher vom Leib halten. Dann hat es sich allmählich in einen Club verwandelt. Ich habe Mitgliedsbeiträge erhoben und Regeln aufgestellt."

"Und das hast du offensichtlich gut gemacht. Ich habe immer neue Mitglieder reinkommen sehen."

"An einem gewissen Punkt musste ich aufhören, neue Mitglieder anzunehmen – es waren einfach zu viele Menschen. Niemand wollte das Gleichgewicht stören und alle wollten unser kleines Geheimnis bewahren. Mir wurde oft gesagt, dass dieser Ort großartiges Material für einen Roman oder eine Serie hergegeben hätte. Es gibt so viele Geschichte von dort, die man erzählen könnte."

"Hast du dir jemals gedacht: 'Ich muss damit aufhören'?"

"Ich wusste, dass ich in dieser Richtung nicht noch weitergehen wollte. Es war kein sicherer Weg, den ich da eingeschlagen hatte. Auch wenn niemand will, dass diese gute Zeit irgendwann vorbei ist, hatte ich das Gefühl, dass ich mir selbst einen Termin setzen müsste, an dem ich damit aufhöre. Es ist auch nicht gerade gesund, ständig die Gewissheit mit sich rumzuschleppen, dass alles jederzeit zusammenbrechen kann. Also entschloss ich mich, nebenbei ein ordentliches Geschäft aufzubauen und mich komplett aus der Illegalität zu verabschieden. Wenn ich aufgehört hätte, hätte ich auf diese Weise fortlaufende Einnahmen gehabt."

"Und dann wurde dir die Entscheidung abgenommen, nicht wahr?"

"Genau. Es gab eine Razzia. Ich hatte eine Kamera an der Tür, über die ich immer kontrolliert habe, wen ich reinlasse. Als dann aber die Polizei kam, hatte ich keine große Wahl. Die kamen mit einem Durchsuchungsbefehl. Ich habe allen gesagt, dass sie schnell alle Substanzen loswerden müssen. Ich würde die Verantwortung auf mich nehmen und als einzige den Kopf hinhalten."

"Erinnerst du dich an diesen Moment? Wie hast du dich gefühlt?"

"Dir ist ständig bewusst, dass du verhaftet werden kannst, aber gleichzeitig lebst du in so einer Blase. Wenn es dann wirklich passiert, ist das ein großer Schock für dein System. Dir ist schlecht, du bist nervös und fühlst dich komplett lahmgelegt. Ich habe größtenteils die Aussage verweigert und dadurch niemand verpfiffen. So was machst du einfach nicht. Ich habe mich auch schuldig bekannt, um eine mildere Strafe zu bekommen."

Sie öffnet ihre Tasche und zeigt mir einen großen Stapel Postkarten.

"In der Zeit vor meinem Prozess und danach, als ich im Gefängnis saß, habe ich jeden Tag eine Postkarte gemalt. Zuerst zeigten die Bilder meine Gefühle, die meinen Alltag bestimmten. Später, als ich schließlich vor Gericht und dann ins Frauengefängnis kam, wurden die Postkarten ein Weg, mein Leben in Haft und meine neue Umgebung zu dokumentieren. Während meiner Strafe habe ich dadurch versucht zu verarbeiten, von Familie und Freunden getrennt zu sein."

"Wie findest du es, wieder frei zu sein?"
"Ich liebe es, ein Bett zu haben!"
"Wie läuft es sonst?"

"Ich stehe vor neuen Herausforderungen. Sich wieder in der Gesellschaft einzufinden, ist alles andere als einfach. Du wirst in eine Welt entlassen, die Vorbestraften immer noch Hürden in den Weg legt. Mit meinen Postkarten und meiner Geschichte will ich einen Einblick ins Gefängnissystem geben und nicht nur als abschreckendes Beispiel dienen. Stattdessen will ich auf einige Probleme aufmerksam machen, von denen Menschen, die mit dem Strafvollzug zu tun haben, betroffen sind – auf allen Seiten."

*Der Name ist der Redaktion bekannt, wurde aber geändert, um "Erikas" Privatsphäre zu schützen.

Erikas Postkarten werden täglich bei Instagram, Facebook und Twitter veröffentlicht. Limitierte Drucke kannst du hier kaufen.

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