10 Fragen

10 Fragen an eine Linksradikale, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Bist du eine Terroristin? Hast du bei Aktionen schon Menschen verletzt? Wurdest du schon einmal bezahlt, um an einer Demo teilzunehmen?

von Laura Berger
22 Oktober 2018, 10:45am

Alle Fotos: Kaj Lehner

Anna saß schon ziemlich oft in der Gefangenensammelstelle. Wie oft, das wisse sie nicht mehr genau, sagt sie. Aber man gewöhne sich daran, wenn man wie sie um die 20 Mal im Jahr an Demos teilnimmt. Oft gehe es dabei gegen Neonazis. Anna gehört zur Antifa. Laut BVT gehen in Österreich die linksextremen Straftaten im Vergleich zum Vorjahr zurück. Der deutsche Verfassungsschutz warnt hingegen vor einem Anwachsen linker Gewalt und startete ein Aussteigertelefon für Linksextreme – bei dem keiner anrief. Auch Anna würde wohl nicht zum Hörer greifen, auch wenn sie nicht unbedingt dem Bild entspricht, das manche Leute vom Schwarzen Block oder der Antifa haben. Sie hat einen Vollzeitjob, abseits einer Demo würde man wohl kaum darauf kommen, dass sie einen Großteil ihrer Freizeit mit linkem Aktivismus verbringt.

Anna wohnt in Bayern, machte eine Ausbildung und schloss ein Studium ab. Mehr will sie über sich nicht preisgeben, auch nicht ihren richtigen Namen, sagt sie. All das klingt vielleicht paranoid, auch dass sie ihren Rechner verschlüsselt und das Smartphone aus Sicherheitsgründen oft zu Hause lässt. Aber das sei notwendig, sagt Anna: Die Staatsmacht sehe es nicht gerne, wenn Menschen das kapitalistische System stürzen wollen. Und genau das habe sie vor.

Wir haben Fragen.

VICE: Hat G20 euren Ruf nicht völlig ruiniert?
Anna: Das glaube ich nicht. Nach all der medialen Hetze gegen die angeblichen linken Chaoten waren auf der großen Abschlussdemo am Samstag unfassbar viele Menschen, fast 80.000. Die haben sich nicht abschrecken lassen und sich solidarisiert. Ich war bei G20 und es war unfassbar anstrengend. Ich habe ungefähr eine Woche nicht geschlafen. Es war krass, mit was für einer Gewalt die Polizei gegen die Leute vorgegangen ist. Auf der "Welcome to hell"-Demo haben die Bullen ohne Vorwarnung in die Menge geprügelt, mit Quarzsandhandschuhen. Wir sind alle gegen eine Mauer gepresst worden, es ist Panik ausgebrochen. Wir sind die Mauer hochgeklettert, haben uns gegenseitig geholfen, sonst wären wir da wahrscheinlich zerdrückt worden. In dem Moment dachte ich: "Scheiße, jetzt werden hier gleich Leute totgetrampelt." Sowas kann meiner Erfahrung nach zwei Folgen haben: Entweder sind die Leute danach verängstigt und gehen nie wieder auf eine Demo – oder sie radikalisieren sich.


Auch bei VICE: Der Alltag und die Motive der US-Antifa


Ist die Antifa ein Chaotenhaufen ohne Hierarchie?
"Die Antifa" gibt es nicht. "Antifa" steht für "Antifaschistische Aktion" und kommt ursprünglich aus dem Widerstand gegen den aufkeimenden Faschismus in den 30er Jahren. Es gibt unzählige Gruppen, die sich so nennen und jeweils anders organisieren. Der einzige gemeinsame Nenner ist, dass man gegen Rechts auf die Straße geht. Ich finde es sinnvoll, Verantwortliche zu wählen, die zum Beispiel in kritischen Situationen auf der Straße schnell Entscheidungen treffen können. Wenn man das hinterher gemeinsam auswertet, ist das effektiver und sinnvoller, als wenn immer alle jede kleine Entscheidung diskutieren müssen. Aber es gibt auch Gruppen, die alles – also: alles! – basisdemokratisch und im Konsensprinzip entscheiden.

Wurdest du schon einmal bezahlt, um an einer Demo teilzunehmen?
Nein, leider nicht! Ich frag mich auch, wie sich dieses Gerücht so hartnäckig hält. Soweit ich weiß, gab es mal einen Spaß-Artikel, der das mit dem "linken Demogeld" behauptet hat, und alle möglichen rechten Verschwörungstheoretiker haben das ein bisschen zu ernst genommen.

Glaubst du wirklich, mit Radikalität viele Menschen zu erreichen, anstatt sie abzuschrecken?
Ich glaube, Menschen finden nicht Radikalität an sich gut oder schlecht, sondern einen bestimmten Inhalt. Unsere Aktionen müssen so sein, dass die Leute verstehen, worum es geht. Wenn jemand Kriegsgerät angreift oder Nazikadern die Reifen zersticht – dann ist vollkommen klar, worum es geht. Radikalität ist manchmal sinnvoll und manchmal eben nicht. Willkürlich irgendetwas anzuzünden, bringt niemanden weiter und lässt sich auch nicht vermitteln. Es denkt sich ja niemand: "Oh, mein Auto brennt, ich sollte mal über linke Inhalte nachdenken." Das ist anders, wenn ein Panzer brennt. Da versteht jeder, worum es geht. Und es hat einen ganz konkreten Effekt, nämlich, dass ein Panzer weniger in ein Kriegsgebiet verkauft werden kann.

Person von hinten, sie trägt einen Rucksack auf dem steht Refugees Welcome
Anna sagt, sie trägt oft bunte Kleidung. Die schwarzen Klamotten seien bei Demonstrationen eine Taktik, die der Polizei ihre Arbeit erschweren soll

Findest du Gewalt als politisches Mittel legitim?
Das ist doch eine unsinnige Frage. Findest du Gewalt gegen Leute, die sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können und zwangsgeräumt werden, legitim? Oder Gewalt gegen Geflüchtete, die das Land nicht mehr verlassen wollen? Gewalt gegen Diebe, Psychiatrie-Patienten, Arbeitslose? Gewalt ist ein politisches Mittel und aktuell übt diese Gewalt der Staat aus. Und weil der Staat, der uns regiert, hauptsächlich dazu da ist, die herrschenden Besitzverhältnisse durchzusetzen, lehne ich sein Gewaltmonopol ab.

Ich bin keine Gewaltfetischistin. Gewalt ist ein Mittel, um das eigene Ziel zu erreichen – nur wenn es notwendig ist, setze ich Gewalt ein. Alle Umwälzungen der Gesellschaft waren gewaltvoll – auch wenn wir das nicht wollen. Das kapitalistische System ist für mich gewalttätig. Wenn Menschen gewaltvoll davon abgehalten werden, andere vor dem Ertrinken zu retten, oder davor, Bäume vor dem Abholzen zu schützen, wenn sie gewaltvoll daran gehindert werden, sich das Überlebensnotwendige zu nehmen, während nebenan Essen verbrannt wird – das ist für mich die schlimmste Gewalt. Und wenn es Gewalt braucht, um das zu stoppen und diese Perversion endgültig zu beenden, dann ist das eben so. Das finde ich nicht toll, aber friedlich wird sich dieses System nicht überwinden lassen.

Welche Straftaten hast du schon begangen?
Kleinere Sachen. Hausfriedensbruch, um zu Blockadepunkten zu kommen oder um politische Botschaften irgendwo aufzuhängen. Außerdem Sachbeschädigung und Verstöße gegen das Versammlungsgesetz. Zum Beispiel habe ich bei unangemeldeten Demos mitgemacht oder die von Nazis blockiert. Auch wenn sich das alles nicht so dramatisch anhört, muss man bedenken, dass links-politisch motivierte Straftaten um einiges schwerer verurteilt werden können als "unpolitische". Fabio, der bei G20 nichts getan hat, als zu demonstrieren, saß fast ein halbes Jahr in Untersuchungshaft, während Typen, die auf dem Oktoberfest mit Masskrügen auf andere Leute einprügeln, mit Bewährung davonkommen.

Hast du bei Aktionen schon Menschen verletzt?
Ich glaube nicht. Aber 100 Prozent kann ich das natürlich nicht sagen. Die ganzen Geschichten von den vielen verletzten Polizisten, die es angeblich auf jeder Demo gäbe, kann ich nicht bestätigen. Wie soll man die denn verletzen? Die haben richtige Kampfpanzer an.

Und bevor du fragst, ob ich auch Waffen benutzen würde: Da ich schonmal eine Anzeige wegen Bewaffnung hatte, muss ich das wohl mit Ja beantworten… [lacht] Fun fact: Es ging um einen Schraubenzieher, den ich bei einer Demo in meiner Tasche vergessen hatte.

Tragt ihr alle Schwarz aus Gruppenzwang?
Ich trage Schwarz, wenn es sinnvoll ist. Also nicht bei jeder Demo. "Black Block" ist eine Taktik, kein Lifestyle – auch wenn das, zugegeben, auf vielen Demos nicht alle verstanden haben. Das Ziel der schwarzen Klamotten ist es, bei Aktionen, für die man Anzeigen bekommen würde, die Leute zu schützen. Wenn beispielsweise jemand auf einer Demonstration Pyrotechnik zündet oder Leute eine Nazi-Demoroute blockieren, dann macht die Polizei ein Video davon, merkt sich, dass das der Typ in der roten Jacke war und nimmt ihn nach der Demo fest. Wenn aber alle schwarzgekleidet sind, ist das schwieriger und es gibt im Anschluss merklich weniger Anzeigen.

Bist du eine Terroristin?
Nein. Terroristen wollen anderen durch Gewalt ihre Sicht der Welt aufzwingen, sie durch Angst erpressen. Im Gegensatz dazu wollen wir gerade, dass die Menschen mit uns gemeinsam kämpfen, dass sie selbst einsehen, dass Krieg, Nazis und der Kapitalismus im Endeffekt scheiße für uns alle ist. Als kleiner Haufen Radikaler können wir nichts ändern. Gruppen wie die RAF sind mit sinnvollen politischen Ansätzen gestartet, haben dann aber gerade diese Verbindung mit der Masse der Leute verloren. Trotz aller Fehler bin ich aber solidarisch mit den Leuten aus dieser Bewegung und denke, dass wir voneinander lernen können.

Kritisierst du das herrschende System nur oder hast du auch eine Alternative?
Ja klar: eine Gesellschaft, in der jeder selbst über das entscheiden kann, was er selbst erarbeitet hat – basisdemokratisch und kollektiv. Und über Fragen, die die ganze Menschheit betreffen mitzubestimmen, anstatt diese auf Grund von Konzerninteressen zu treffen. Eigentlich ist das gar nicht so unrealistisch. Auch wenn wir in der Geschichte zurückschauen: Vor etwas weniger als hundert Jahren ist in Bayern die Räterepublik ausgerufen worden. Und wenn die SPD sie nicht niedergeschlagen hätte, wer weiß, in welchem System wir heute leben würden.

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