Sex

Wie mein bestes Stück zum Miet-Schwanz einer Domina wurde

In einer Woche habe ich einen Porno gedreht und einer Herrin assistiert.

von Nick Mitchell
13 Mai 2019, 9:34am

Illustration: VICE || Mauer: torange.biz | CC-BY 4.0

Ich sitze in einem schicken libanesischen Restaurant. Mir gegenüber sitzt der Typ, der mein Sperma kaufen wird. Ein komisches Gefühl.

Nennen wir ihn Raymond. Raymond ist pummelig und hat ein raumfüllendes Lachen. Er trägt eine Brille und ein T-Shirt mit einer Popkultur-Referenz, die ich nicht verstehe. Raymond ist ein "Cuckold", ein Gehörnter. So nennen sich Typen, die wie Sexualpartner zweiter Klasse behandelt werden wollen; Typen, die es erregt, wenn dominante Frauen vor ihren Augen Sex mit anderen Männern haben. Insgesamt ist Raymond ein recht devoter Typ. Er steht auf Orgasmus-Verbote und Keuschheitsgebote. Kurz gesagt: Raymond macht es geil, erniedrigt zu werden.

Zu meiner Rechten sitzt Mistress T.

Mistress T ist eine professionelle Domina. Sie ist auch eine der bekanntesten Darstellerinnen in der Welt des Femdom-Pornos, in denen Frauen die dominante Rolle einnehmen. Ihr Twitter-Account hat über 70.000 Follower. Ihre Fans stammen vor allem aus Nordamerika und Europa. Jeden Tag bekommt sie Dutzende E-Mails von Männern, die unbedingt ihre Sklaven werden wollen. Manche sind bereit, Hunderte Dollar auszugeben, nur um sie zum Abendessen einzuladen. Sie lebt in einem wunderschönen Haus – "erbaut durch Masturbation", scherzt sie – mit einem Dungeon im Keller. Außerdem ist sie eine gute Freundin von mir. Ich habe ihr vor Kurzem bei der Fertigstellung ihrer Memoiren geholfen.

Heute Abend helfe ich ihr bei einer anderen Sache aus.


VICE-Video: So normal geht es in den vier Wänden von Sexarbeiterinnen zu


Raymond ist extra aus den Staaten nach Kanada gekommen, um ein paar Stunden mit uns zu verbringen. Das Abendessen und die Drinks gehen auf ihn. Er wird mit uns ins nahegelegene Kino zu einer Vorstellung von Henry & June gehen. Danach werden wir zurück zu Mistress T gehen, wo ich Sex mit ihr haben werde, während Raymond in der Ecke sitzt und zuschaut. Sie wird ihm sagen, dass er nie Mann genug sein wird, um das zu tun, was ich mit ihr tue. Dafür soll ich 200 kanadische Dollar bekommen. 100 für den Akt und 100 für meine Körperflüssigkeiten. Er legt offensichtlich wert darauf, dass es frisch ist. Was er damit vorhat, wollte ich lieber nicht wissen. Die Bezahlung von Mistress T ist wesentlich besser. Raymond ist einer ihrer Stammkunden. Ihre Geschäftsbeziehung reicht Jahre zurück. Heute Nacht bin ich ein Accessoire von Mistress T, ein Miet-Schwanz.

Wie zur Hölle bin ich eigentlich hier gelandet?

Ich habe mich nie als besonders attraktiv wahrgenommen. Ich besitze keine animalische Anziehungskraft. Ich bin einfach nur ein etwas unbeholfener Typ mit einem überdurchschnittlich großen Kopf. Wie dem auch sei, ich werde einen kleinen Einblick in das Leben von Menschen bekommen, die Sex für Geld haben – und die Menschen kennenlernen, die sie bezahlen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Woche Sex zur Befriedigung anderer habe.

Die Feuertaufe: "Hast du Lust, einen Porno zu drehen?"

Als ich Alyssa zum ersten Mal traf, trug sie einen Gips am Bein.

"Ich habe es im Fitnessstudio etwas übertrieben", sagte sie verlegen.

Sie war wunderschön. So, wie man es von einem Pornostar erwarten würde. Sie hatte einen leichten osteuropäischen Akzent. Als wir uns trafen, trug sie kein Makeup und ein weites Sweatshirt. Sie hatte erst kurz vorher eine Szene gedreht. Wir hatten ein Café ausgewählt, um uns kennenzulernen. Online hatten wir uns gut verstanden, aber wenn du planst, mit jemand Fremdem Sex vor der Kamera zu haben, willst du dich zumindest kurz persönlich kennenlernen.

"Es geht vor allem darum, dass du dich wohl fühlst", sagte sie. "Ich mache das, seit ich 19 bin. Ich selbst habe also kein Problem damit, so ziemlich alles vor der Kamera zu machen."

Eigentlich bin nicht ich zu Alyssa gekommen, sondern sie zu mir. Zehn Tage vor unserem Treffen hatte mich Alyssa auf Facebook angeschrieben. Wir haben eine gemeinsame Freundin, die mir vor Jahren mal von ihr und ihrer Pornokarriere erzählt hatte. Alyssas Freundschaftsanfrage erreichte mich aus dem Nichts. Die darauffolgende Unterhaltung ging etwa so:

Ich: Womit habe ich die Ehre dieser Freundschaftsanfrage verdient? Kennen wir uns? Vielleicht von [Name unserer gemeinsamen Freundin]s Geburtstagsparty?

Sie: Ich fand dich einfach süß. LOL

Ich: Kann ich zurückgeben!

[15 Minuten Smalltalk über gescheiterte Beziehungen und Rettungshunde]

Sie: Also, hast du Lust, etwas zu drehen?

Ich: Ernsthaft?

Es ging nicht ums Geld. Männer im Pornogeschäft verdienen erheblich weniger als ihre Kolleginnen. Und Typen im Amateurbereich, wie ich, bekommen normalerweise nur ihre Ausgaben erstattet – ja, du hast richtig gelesen. Die Clips, die Darstellerinnen auf ihre onlyfans.com-Seiten hochladen, lassen sich in der Regel schlechter monetarisieren als kommerzielle Produktionen. Also müssen sie so kostengünstig wie möglich produziert werden. Ohne Crew und mit Amateurdarstellerinnen und -darstellern. Für mich machte das die Sache in vielerlei Hinsicht reizvoller. Weniger Geld bedeutet weniger Druck. Außerdem versicherte mir Alyssa, dass das Video "POV", also aus meiner Perspektive, sein würde. Auch das mit dem Orgasmus auf Kommando – allein der Gedanke daran versetzte mich in Angst und Schrecken – ließe sich problemlos durch den Einsatz falschen Spermas umgehen. Anscheinend ein recht üblicher Kniff in der Branche.

Facebook-Chat und Café zusammengenommen kannten wir uns etwa zwei Stunden, als ich bei Alyssa eintraf. Ihre Wohnung teilt sie sich mit ihrer Mutter und zwei Rettungshunden. Als sie mir die Tür öffnete, war sie nackt. So selbstverständlich, wie sie ohne Kleider rumlief, schien sie das oft zu tun.

Während ich etwas unbeholfen auf der Couch saß und mich an Smalltalk versuchte, rödelte Alyssa rum und schminkte sich. Eine relativ anspruchsvolle Aufgabe, wenn man komplett nackt im hellen Scheinwerferlicht zu sehen sein wird. Wir unterhielten uns über ihre Erfahrungen in der Branche, über ihre Anfänge am Ende ihrer Teenagerzeit, über ihre Arbeit mit Typen wie Tommy Gunn und Evan Stone, über einen Dreh, den sie gerade für blacked.com fertiggestellt hatte – eine Seite, für die Frauen nur mit Schwarzen Männern drehen. "Ich muss mich noch an solche Riesenschwänze gewöhnen", lachte sie. "Ich bin fast gestorben."

"Du lebst hier mit deiner Mutter?", fragte ich.

"Ja, aber keine Sorge." Wieder lachte sie. "Sie geht immer aus, wenn ich drehe."

Gegen meine ganzen anderen Sorgen hatte ich mir kurz vor meiner Ankunft Beruhigungsmittel und eine halbe Viagra eingeschmissen. Letztere erwies sich in ihrer Funktion zwar als überaus hilfreich, verpasste mir aber gleichzeitig höllische Kopfschmerzen. Also warf ich noch ein paar Ibuprofen hinterher und versuchte, mein Herzrasen zu ignorieren. Schließlich kam Alyssa zu mir und setzte sich auf meinen Schoß.

Wir verbrachten ein paar Minuten damit, rumzumachen und uns körperlich anzunähern. Als wir uns für den Dreh zum Schlafzimmer aufmachten, biss mich einer ihrer Rettungshunde direkt unter den Arsch.

Der Dreh selbst war weitaus weniger unheimlich, als ich befürchtet hatte – was ziemlich sicher auch an meinem Medikamentencocktail gelegen hat. Der Sex mit einer Pornodarstellerin vor einer Kamera macht ziemlich genau so viel Spaß, wie du dir vorstellst. Davon abgesehen, dass ich funktionieren und gleichzeitig eine Kamera in der Hand halten musste, war die Arbeit erstaunlich leicht. Außerdem war Alyssa eine liebenswürdige und einfühlsame Partnerin. Ich fühlte mich wohler, als ich es mir je hätte träumen lassen.

Wir legten immer wieder Pausen ein. Ruhten uns ein paar Minuten aus und unterhielten uns, wenn ich müde wurde. Alles in allem waren wir in weniger als zwei Stunden fertig. Mein Orgasmus blieb zwar wie erwartet aus, aber dafür war ja das Kunstsperma da. Für Videos ist es gut genug.

Noch am gleichen Abend berichtete ich Mistress T von meinen Erlebnissen.

"Kinder heutzutage", sagte sie, und wischte sich mit dem Zeigefinger eine imaginäre Träne weg. "Die werden so schnell erwachsen." Dann lehnte sie sich zurück und sagte: "Jetzt, da du ein 'erfahrener' Sexarbeiter bist, wie wäre es, damit ein bisschen Geld zu verdienen?"

Wie bitte?

"Mein Partner ist im Grunde eine Requisite", erklärte sie. "Er muss einen Ständer kriegen, wenn ich einen brauche, und er muss in einer angemessenen Zeit zum Ende kommen."

"Puh, ich weiß nicht, ob ich das kann."

Sie zuckte mit den Schultern. "Ich gebe meinen Typen in der Regel eine zweite Chance. Danach sind sie raus."

Das waren nicht gerade die aufmunternden Worte, auf die ich gehofft hatte.

Die Performance

Im Restaurant unterhält Raymond uns mit Anekdoten aus seinem Sexleben – einem Sammelsurium von Geschäftsverhältnissen zu professionellen Dominas in anderen Städten, die ihn misshandeln und niedermachen. Auf seinen persönlichen Wunsch natürlich. Ich habe mir den gleichen Medikamentenmix verabreicht wie bei Alyssa. Und als wir beim Kino ankommen, dröhnt mir wieder der Schädel. Wir setzen uns in den obersten Rang und Mistress T und ich beginnen, heftig miteinander rumzumachen. Raymond sitzt regungslos neben uns und starrt emotionslos auf die Leinwand. Langsam fühlt sich alles ein bisschen unangenehm an.

Zwei Stunden später sind wir bei Mistress T zu Hause. Das unwohle Gefühl ist immer noch da. Raymond zieht kurz sein Hemd hoch, um das große "Cuckold"-Tattoo auf seinem Bauch zu zeigen. Ein kleines bisschen bewundere ich seine Hingabe ja doch. Im Jargon der Gehörnten bin ich der "Bulle" – ein Ausdruck, über den ich mich etwas amüsieren muss, schließlich habe ich weder Muskeln, überschwängliches Selbstbewusstsein oder überhaupt Körperkraft. Und wenn ich der Bulle bin, was ist dann Raymond? Während Mistress T das Outfit anzieht, das er ihr gekauft hat, ein Einteiler aus roter Spitze, machen wir Smalltalk. Als sie fertig ist, legen wir uns aufs Bett und sie verbannt Raymond in die Ecke des Zimmers.

Auf Befehl einer anderen Domina aus San Francisco lebt Raymond gerade "keusch". Er darf sich also nicht berühren, sondern nur im Dunkeln zuschauen. Obwohl Mistress T und ich in der Vergangenheit schon miteinander Sex hatten, ist heute alles anders. Wir gehen zwar die gleichen Bewegungen durch, dieses Mal allerdings bewusst für ein Publikum. Sex als Theaterstück. Ich tue das, was vom Bullen erwartet wird. Derweil schau Mistress T immer wieder zu Raymond rüber, der brav in seiner Ecke sitzt, und beschimpft ihn. Er werde nie das Zeug dazu haben, sie so zu ficken, sagt sie ihm. Das ganze Spektakel dauert etwa 45 Minuten. Dann schickt mich Mistress T nach oben, und Raymond und sie gehen in die Nachbesprechung. Dann händigt sie ihm das gebrauchte Kondom aus, wie vereinbart. Er darf damit machen, was er will. Um mögliche Orgasmusschwierigkeiten zu umgehen, habe ich es schon am Abend davor vorbereitet und in den Kühlschrank gepackt. Kein Scheiß.

Die After-Show

Ich warte in einem anderen Schlafzimmer auf Mistress T. Abgesehen von einigen komischen Momenten bin ich begeistert, wie ausgesprochen angenehm die ganze Sache gelaufen ist. Davor hatte ich immer ein sehr spezielles Bild von Männern vor Augen, die mit Sex Geld verdienen, Bullen eben, Schwänze, an denen Typen hängen.

Aber vielleicht sind Raymond und ich uns da näher, als gedacht. Ich sah Sexarbeiter als Stellvertreter, als jemanden, der fickt, wie und wen ich gerne ficken würde. Wenn ich ihnen zuschaue, ist mir egal, wie nervös sie sind oder ob sie Viagra-Kopfschmerzen haben. Mir ist egal, ob ihre Körperflüssigkeiten echt sind oder künstlich oder aus dem Kühlschrank. Und das kann mir auch alles egal sein. Der Typ ist genauso Teil der Fantasie wie die Darstellerin.

Mistress T und Alyssa sind im echten Leben ganz andere Menschen. Vielleicht gilt das Gleiche für die Bullen und Mietschwänze dieser Welt. Vielleicht sind sie wie ich einfach etwas unbeholfene Typen mit ungewöhnlich großen Köpfen, die sich fragen, wie zur Hölle sie hier gelandet sind.

Eine Minute später öffnet Mistress T die Schlafzimmertür und lässt 100-Dollar-Scheine regnen.

"Willkommen auf der dunklen Seite", sagt sie. "Also … willst du wissen, was er mit dem Kondom angestellt hat?"

Bevor ich antworten kann, erzählt sie es mir. Sagen wir es so: Ich weiß jetzt, warum er es unbedingt frisch haben wollte.

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