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Foto: Will Bremridge

Ich habe die strengsten Online-Kritiker zum Essen eingeladen und menschlich bewertet

VonOobah Butlerillustriert vonJohn Butler

"Wie teuer ist Ihre billigste Flasche Wein?", fragt Simon. "34 Pfund nehme ich an." – "50 Pfund, Sir." – Er war baff. "Es muss eine für 34 Pfund geben!"

Foto: Will Bremridge

Im Mai 2016 machte ich meinem Redakteur einen Artikelvorschlag. Dreizehn Monate, 173 Nachrichten, zwei TripAdvisor-Bans, einen warnenden Anruf von TripAdvisors Presseabteilung, zwei neue Profile und eine hitzige Diskussion in Londons teuerstem Restaurant später ist dieser Artikel nun Wirklichkeit.

Eigentlich ging alles schon los, als ich Anfang 20 war. Damals arbeitete ich in verschiedenen Restaurants und entwickelte eine Faszination für TripAdvisor. Für mich hatte die Review-Plattform immer etwas von Wildem Westen: Machttrunkene Revolverhelden feuern auf Restaurants und machen so die Lebensgrundlage der Menschen kaputt, die dort arbeiten. Meine Schwester leitete früher ein Restaurant und Gäste drohten ihr ständig damit, schlechte Kritiken zu schreiben. Einige hinterließen dann tatsächlich Ein-Stern-Reviews, ohne überhaupt etwas gegessen zu haben.

TripAdvisor selbst gibt an, unfaire Reviews zu löschen. Wenn man sich jedoch die Profile von Restaurants mit über 100 Bewertungen anschaut, dann wurden offenbar einige solcher Reviews übersehen.

"Die blonde Barfrau hat ihn angefurzt" – eine "überprüfte" Bewertung


Beim Durchlesen der Ein-Stern-Reviews stellte ich mir die gesichtslosen Kritiker vor – die Möchtegern-Essenssnobs, die es stört, wenn das kostenlose Leitungswasser nicht die richtige Temperatur besitzt, oder das Lichtdesign den falschen Farbton erzeugt. Was motiviert diese Menschen? Sind sie in Geschäften und bei anderen Dienstleistungen genauso verächtlich? Oder ist es wirklich nur lauwarmes Essen, das ihnen sauer aufstößt?

Dann kam mir aber eine Idee: Ich finde die strengsten und uneinsichtigsten TripAdvisor-User, lade sie zum Essen ein und bewerte sie als Menschen.

DOUGLAS*
Samstag 26. November, 2016: Mittagessen im La Bodeguita

Nachdem ich drei Monate lang Ein-Stern-Reviewer bezirzt hatte und vorübergehend wegen einer angeblichen "Anstiftung zu einer kostenlosen Mahlzeit" von der Plattform gesperrt worden war, meldete sich endlich einer zurück. Und was soll ich sagen? Er war alles, was ich mir erhofft hatte. Um Essen drehte es sich bei Douglas nur selten, was ihn jedoch nicht davon abhielt, fünf Jahre bei TripAdvison zu wüten. Zu seinen Klassikern gehören: "Schlechter Service! Kellner hat mit meiner Freundin geflirtet!!", und "keine Ahnung, was mit der Bedienung in indischen Restaurants lost ist, aber sie behandeln dich, als würdest du stören." Über die Hälfte seiner Reviews bewerten Lokale als "grauenvoll".

Ich organisierte ein Treffen für uns im La Bodeguita – dem besten kolumbianischen Restaurant im Elephant and Castle Einkaufszentrum. Nachdem ich 15 Minuten in der Lobby gewartet hatte, trat ein Mann durch die Tür: großgewachsen, südostasiatischer Herkunft, tadellos gekleidet und mit einer Sporttasche über der Schulter. Wir setzten uns an einen Tisch.

"TripAdvisor habe ich zum ersten Mal benutzt, als ich eine richtig schlechte Erfahrung in einem chinesischen Restaurant gemacht hatte", sagt er. "Dieser Kellner war richtig genervt und schaute mich an, als würde er sagen wollen: 'Was zum Teufel willst du eigentlich von mir?' Ich musste das einfach anderen Menschen mitteilen. Wenn du meine Reviews liest, klingen die wahrscheinlich so, als wäre ich auf Steroiden: 'Fickt euch! Ich werde euch alle umbringen!' Ich finde aber, dass ich fair bin."

Ist das meins? Ich wusste nicht, dass das so viel ist.

Wir stochern auf unseren Tellern rum, die bis zum Rand gefüllt sind. "Hast du kein schlechtes Gewissen?"

"Nein. Kennst du Gordon Ramsay: Chef ohne Gnade?" In der britischen Serie versucht ein Koch, angeschlagene Restaurants zu retten. Ich nicke. "In 90 Prozent der Fälle denken Restaurants, ihr Essen sei perfekt. Und dann, wenn ein Weltklassekoch ihnen sagt, dass es das nicht ist, wollen sie es trotzdem nicht wahrhaben."

"Du bist also Gordon?"

"Ich will nicht gemein sein, nein."

"Aber wäre es nicht besser, wie Gordon zu sein? Mit dem Manager zu reden, anstatt es im Internet zu verbreiten?" Zum ersten Mal habe ich sein Interesse geweckt.

"Darüber habe ich nachgedacht", sagt er, den Mund voll mit scharfen Würstchen. "Dieses eine Mal hat der Kellner, nachdem ich meine Freundin geküsste habe, gefragt, ob wir gleich Liebe machen. Ich dachte nur: 'Wenn ich das jetzt dem Manager sage, bekommt der richtig Ärger.' Also habe ich es gelassen."

"Siehst du", er zeigt auf mein Glas. "Die haben vergessen, dir Cola nachzuschenken. Aber das werde ich nicht erwähnen." Ist er im Alltag auch so analytisch? "Ich schaue unter die Oberfläche", sagt er. "Es ist schon oft vorgekommen, dass Menschen etwas nicht gesehen haben, niemand etwas gehört hat, und sich später herausstellt, dass ich recht hatte. Ich bin objektiv analytisch."

"Was machst du beruflich?"

"Ich arbeite im Finanzwesen im Zentrum."

Unsere Unterhaltung wird gegen Ende unseres Essens etwas träge.

"Und? Was sagst du zu meinen Reviews?"

"Wenn ich ehrlich bin", antworte ich, während ich die Ausgänge anvisiere und den Berg Essen begutachte, der sich noch immer auf seinem Teller türmt. "Es geht dabei nicht wirklich um Essen, oder?" Sein Kiefer verkrampft sich. "Aber ich schätze, das ist OK." Und so sind unsere 45-Minuten auch schon rum. Douglas muss ins Fitnessstudio und ich bleibe mit der Rechnung zurück."

ROBERT*
Mittwoch, 1. Februar 2017: Mittagessen in The Watch House der Pub-Kette Wetherspoon's

In den elf Jahren seit der Aktivierung seines TripAdvisor Accounts hat Robert einen regelrechten Hass auf die Pub-Kette Wetherspoon's entwickelt, was ich schon etwas verwunderlich finde. Jeder Brite weiß, was einen in einer Wetherspoon's-Filiale erwartet – sie sind alle gleich. Man geht nicht zu Wetherspoon's, um seinen Gaumen in Verzückung zu bringen oder amerikanischen Überservice zu genießen. Man geht hin, um seine Familie für den Preis einer Zigarettenschachtel zu füttern. Keine Filiale braucht eine Review, aber das hält Robert nicht auf.

Als ich das Watch House betrete, steht Robert mit einem Glas Real Ale in der einen und einer Einkaufstüte in der anderen Hand am Eingang. Er ist Mitte 40, trägt sein lockiges schwarzes Haar mit Seitenscheitel und spricht mit einem affektierten australischen Akzent.


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"Sind Veganer überhaupt in einem Wetherspoon's erlaubt?", fragt er mich aus dem Nichts.

"Ich bin Vegetarier, aber meine Freundin ist Veganerin." Er verschluckt sich fast an seinem Bier.

"Das is doch sinnlos, wenn die eigene Freundin kein Fleisch ist!"

Robert arbeitet ebenfalls im Finanzbereich. Im Gegensatz zum kulinarisch zurückhaltenden Oberanalytiker Douglas hat er aber offensichtlich seinen Spaß. Rumpsteak, Surf and Turf, Buffalo Wings, Pommes, ein Bier und Käsesoße. Von jemandem, der Wetherspoon's angeblich hasst, hätte ich das nicht erwartet. "Schau, ich mag Wetherspoon's, die haben gutes Bier." Er nimmt einen Schluck. "Aber Wetherspoon's ist halt das McDonald's der Pubs."

Neun Minuten und vierunddreißig Sekunden später kommt unsere Bestellung auf den Tisch. Wir befinden uns übrigens genau in der gleichen Filiale, deren Bedienung Robert in seiner Reveiw als "schlecht ausgebildet" bezeichnet hat. Angesichts der zur Schau gestellten Effizienz erscheint mir das unfair. Robert sieht das anders: "Die Angestellten arbeiten zu hart und werden vom Manager sitzengelassen, der sie eindeutig nicht anleitet." Robert zeigt mit einem Rippchen auf einen Manager, der etwas teilnahmslos an gestapelten Gläsern vorbeischlendert: "Dem Typen ist doch scheißegal, ob du hier eine gute Zeit hast."

"Aber wenn du nicht versuchst, Wetherspoon's an sich zu verändern, sind die ganzen Reviews dann nicht sinnlos?"

"Auf gar keinen Fall! Ich weiß, dass sich auf TripAdvisor ein par Psychos rumtreiben, die wütend unzusammenhängende Ein-Stern-Bewertungen schreiben. Aber normale Menschen benutzen TripAdvisor auch. Würdest du deine Oma hierhin mitnehmen? Nein! Ich möchte meinen Beitrag leisten und ein Teil der TripAdvisor-Familie sein. Und egal, ob ich Kritiken schreibe oder in den Foren aktiv bin, es ist einfach ein befriedigendes Gefühl, wenn du diese E-Mail-Benachrichtigung bekommst, dass dir ein anderer User einen Daumen-Hoch gegeben hat." Er schaut mich eindringlich an: "Richtig benutzt, sind Foren das Beste am Internet."

Ein linker Idealist, der schlecht genährt aussieht – Roberts Review von Oobah nach dem Essen

Der Nachmittag schreitet voran. Biere werden geleert, Deckungen fallengelassen. Wir kommen wieder auf TripAdvisor zu sprechen. "Mein erster bezahlter Autorenjob war, mehrere TripAdvisor-Accounts zu erstellen und Reviews für bestimmte Restaurants zu schreiben", beichte ich ihm.

Robert stockt. "Du wurdest bezahlt, um falsche Berichte zu schreiben?"

Ich nicke. Zum ersten Mal an diesem Tag lacht Robert nicht mit.

"Junge, das ist eine ernste Sache. Wenn du ein Börsenunternehmen wärst und deine Bilanz fälschen würdest, um deinen Aktienpreis zu erhöhen – die würden dich dafür drankriegen. Du nimmst das Gespräch noch auf, oder? Das muss unbedingt aufgenommen werden." Die Stimmung ist jetzt merklich getrübt. Ich versuche, das Thema zu wechseln, aber versage.

Plötzlich fühle ich mich selbst wie ein Wetherspoon's – Roberts Augen verfolgen argwöhnisch jede meiner Bewegungen. Eine halbe Stunde später verabschieden wir uns.

SIMON*
Dienstag, 16 Mai 2017: Abendessen im Le Gavroche

Seit Monaten war ich jetzt schon an dieser Geschichte dran, aber hatte immer noch keine passende Antwort auf meine Frage gefunden. Weder Robert noch Douglas zeigten im echten Leben das Gesicht, das ich aus ihren Reviews kannte. Im Restaurant lächelten sie freundlich, nur um sich hinterm Bildschirm in einen besonders gehässigen Frank Rosin zu verwandeln.

Aber dann kam Simon. Simon war deutscher Abstammung, hatte jahrzehntelang als Arzt gearbeitet und lebt in einem recht wohlhabenden Teil im Westen Londons. Rotfleckige Wangen, ein überaus markanter Stirnwulst und knapp 1,80 Meter groß. Mit knapp Mitte 60 spricht Simon diesen ausladenden britischen Akzent, von dem anglophone Amerikaner träumen. Außerdem ist er der einzige Menschen, den ich kenne, der Adele "Adelly" ausspricht. Als ich ihm eine Nachricht schickte, antwortete er mit "Ruf mich an" gefolgt von einer Festnetznummer.

"Sie denken vielleicht, ich sei durchgeknallt, aber ich habe nun mal starke Gefühle", sagte Simon am anderen Ende der Leitung. "Ich wundere mich immer wieder über diesen Müll, den Restaurants Menschen vorsetzen. Ich habe mal ausgerechnet, wie viel Geld ich im Jahr in Restaurants ausgebe: knapp 7.000 Euro. Und es ist einfach alles Müll. Wirklich! Ungenießbar! Verpackt in einen Haufen prätentiösen Mumpitz." Simon fing an, präzise Hiebe auszuteilen, wie ich sie aus seinen Online-Reviews kannte. "Menschen, die positive Bewertungen schreiben, nehme ich nicht besonders ernst. Ich mache es andersherum. Wenn etwas durchschnittlich ist, ist es schon ziemlich gut." Ich blieb still. "Ich habe noch eine ganze Menge Reviews abzuarbeiten. Fast 200 muss ich noch schrieben." Egal ob Kaffee oder Kaviar, Simon schreibt seine Mäkeleien auf jede Restaurantrechnung, die er bekommt, und packt sie zu den anderen in seine Jackentasche. Schon bald wusste ich, dass ich ihn gefunden habe: Simon war mein weißer Wahl.

Ein Überblick über Simons Restaurantkritiken

Simon machte den Vorschlag im Le Gavroche essen zu gehen – aber eigentlich sei es ihm egal. Nachdem wir über ein oder zwei mögliche Alternativen gesprochen hatten, war klar: Simon wollte zu Le Gavroche. Ich googelte Le Gavroche. Le Gavroche ist das teuerste Restaurant in London.

Ich bin zehn Minuten zu spät. Nach meinem Sprint durch Mayfair zupfe ich schwitzend meine schwarze Samtjacke zurecht und fühle mich extrem unwohl. Simon wartet draußen in seinem besten Anzug. Man führt uns zu unserem Tisch. Ich entschuldige mich kurz und gehe auf Toilette. Als ich zu zurückkomme, ist unser Tisch leer. Simon hatte in meiner Abwesenheit veranlasst, dass man uns an einen "viel gemütlicheren" Platz setzt. Mit Smalltalk ist hier nichts zu holen. Jede leere Bemerkung wird kritisch abgestraft. "Mit dem Wasser hier sind die ganz interessant. Die machen kein Eis rein, was gut ist", sagt er. "Ja, das ist gut", murmle ich. Simon macht eine kurze Pause: "Nun, es kommt drauf an..."

Eine junge Kellnerin kommt an unseren Tisch. "Wie teuer ist Ihre billigste Flasche Wein?", fragt Simon. "34 Pfund [39 Euro] nehme ich an."

"50 Pfund, Sir."

Er war baff. "Es muss eine für 34 Pfund geben!"

"Ich schaue nach."

"Ich will nicht verhandeln, aber wenn das ihre billigste Flasche Wein ist, komme ich nie wieder her", sagt er und verweist auf zwei billigere Weine, die er in den Menüs der anderen beiden Restaurants des renommierten Kochs und Besitzers Michel Roux gesehen hat.

Ein Sommelier tritt an unseren Tisch heran und die Diskussion flammt wieder auf. Der Sommelier sagt, dass er in einem der Restaurants gearbeitet hätte, das Simon eben zum Preisvergleich herangezogen hatte. Simon sagt, er hätte gerne noch etwas Zeit mit der gigantischen Weinbibel. Meine Zähne knirschen und ich fahre mir mit den Fingern immer wieder durchs Haar.

"Oobah." Ich schaue auf. "Diese Flasche Weißwein hier kostet 45 Pfund, weißt du?"

Simon blickt den Sommelier verächtlich an.

"Oui, Monsieur."

"Dachten Sie, wir würden nur Rotwein trinken?"

"Ich wusste nicht genau, was Sie möchten."

"Schon OK." Der Sommelier schleicht davon. "Natürlich würde er so etwas sagen." Wir lächeln uns an. Eine Kellnerin schenkt den Wein ein.

"Siehst du, er ist nicht kalt genug. Aber ich will mir hier ja keine Feinde machen!"

Ich bitte Simon darum, ein Foto von mir zu machen.

Ich esse ein Käse Soufflé, das mehr kostet als meine Schuhe. Simon kritisiert derweil fröhlich weiter: Ihm gefalle nicht, dass der Wein in der Lobby unweit der Toiletten auf einem Wagen aufbewahrt wird, oder, dass dem Kellner ein Stück Brot auf den Boden fällt. Und er hat recht! Es ist, als hätte er mir die blaue Pille gegeben. Diese ganzen Dinge sind mir jetzt plötzlich auch wichtig.

Wir reden über Preise und Proportionen doppelter Macchiatos in ganz London, als uns jemand unterbricht. "Entschuldigen Sie", sagt eine Frau vom Tisch gegenüber. "Alles, was ich hören kann, ist Ihre Unterhaltung. Die ist auch wirklich sehr, sehr interessant, aber ich verstehe meinen Mann nicht mehr. Können Sie vielleicht ein wenig leiser sprechen?"

Simon: "Das glaube ich nicht." Plötzlich sitze ich kerzengrade in meinem Stuhl. "Ich werde es probieren, aber was ist, wenn das bei mir angeboren ist?"

"Es ist wirklich ein Schande. Es eine so interessante Unterhaltung – über Macchiatos."

"Tja, dann hören Sie halt nicht zu."

"Das versuche ich ja, aber das ganze Restaurant hört Ihnen zu."

"Das ist ganz schön ungewöhnlich, so etwas in einem Restaurant gesagt zu bekommen. Ich kann die Menschen dort drüben auch hören", entgegnet Simon nicht ganz unbegründet.

"Die sind nicht so laut wie Sie!"

Zum Glück kommt jetzt das Hauptgericht und die Stimmung bessert sich. Simon beginnt, mir von seinem letzten Besuch hier zu erzählen. "Vor zehn Jahren war es das beste Restaurant, in dem ich je gewesen war. Ich hatte Schweinefüße, die acht Stunden Zubereitungszeit benötigen. Ich tourte damals alleine durch Restaurants. Es war großartig."

"Gehen Sie nicht gerne mit Freunden aus?"

"Meine Freunde finden, dass ich zu kritisch bin. Es ist außerdem etwas schwierig, wenn ich zum Essen eingeladen werde und ich dann eine negative Review darüber schreibe. Das ist bei meinen Freunden nicht so gut angekommen. Aber ich kann nicht einfach keine Review schreiben."

Der Sommelier kommt zurück. "Sind Sie ein Kritiker?" Er zeigt auf das Aufnahmegerät. Ich lächle: "Nun, das kann man jetzt so nicht sagen." Simons Stirn legt sich in tiefe Falten.

"Sie hätten nichts von diesem Unsinn sagen sollen! Jetzt werden wir hier auch noch bevorzugt behandelt." Ich verstehe nur Bahnhof. "Die können mich behandeln, wie auch immer sie wollen – das ist total irrelevant. Hier geht es nur ums Essen."

"Was meinen Sie?"

"Schauen Sie, ich bin der Meinung, dass Kochen extrem schwierig ist, und dementsprechend respektiere ich Menschen, die das im großen Stil tun. Es ist wie Kunst, Musik oder Literatur. Ich bin begeistert von Menschen, die darin überragend sind. Deswegen stehe ich auch zu den Sachen, die ich auf TripAdvisor schreibe." Er macht eine kurze Pause. "Ein aufgebrachter Restaurantmanager hat dort einmal zu mir gesagt: 'Sie scheinen jeden Laden zu hassen. Warum gehen sie überhaupt aus?' Nun, das ist nicht rational. Ich bin gerne hierher gekommen. Manche Dinge fand ich gut, sehr gut sogar. Aber ich finde den Fisch etwas zu salzig. Allerdings, es ist so: Ich bin auf einem Kreuzzug."

"Einem persönlichen Kreuzzug."

"Nein, es ist kein persönlicher Kreuzzug. Die breite Bevölkerung tut mir leid, weil die meisten Gerichte, die mir vorgesetzt wurden, einfach nicht gut waren – und obendrein noch sehr teuer. Danach, mein Freund, strebe ich: Ich suche nach dem perfekten Restaurant."

Nach drei Stunden habe ich es verstanden. Jede mediokre Mahlzeit, die er verspeist, ist ein weiteres Opfer, das Simon für dich, für mich und für die Menschen bringt, die seine Erfahrungsberichte am heimischen Bildschirm lesen. Damit hofft er, eines Tages das kulinarische Nirwana zu erreichen.

"Simon, welches ist das beste Restaurant, in dem Sie jemals gewesen sind?", frage ich.

"Nun", sagt er achselzuckend. "Dieses hier."

"Das hier ist das beste Restaurant auf der ganzen Erde?"

"Ein besseres fällt mir gerade nicht ein."

"Und wie viele Sterne würden Sie ihm geben?"

Er nimmt einen großen Schluck Wein.

"Drei."

*Namen wurden geändert.

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