Vier Sexsüchtige erzählen, wie sie die Kontrolle über ihr Leben verloren haben

"Manchmal hatte ich kein Geld für Essen mehr, weil alles im Bordell draufgegangen war."

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10 August 2017, 2:29pm

llustration: Ben Thomson

Vor Kurzem lud mich mein Cousin dazu ein, mit ihm und seinen Freunden feiern zu gehen. Das waren aber nicht nur irgendwelche Freunde, sondern seine Kollegen von Sexaholics Anonymous, einer Organisation zur Hilfe von Sexsüchtigen. Ironischerweise landeten wir dann in einem Nachtclub namens Randy Dragon, dessen Inneneinrichtung wohl von einem asiatischen Bordell inspiriert wurde. Die Jungs waren in dieser Konstellation noch nie zusammen ausgegangen. Deswegen lag ein überschwänglicher Enthusiasmus in der Luft – fast so, als ob alle Anwesenden die unangenehme Tatsache verdrängen wollten, dass sie die dunkelsten sexuellen Geheimnisse der anderen kennen.

Laut der American Psychiatric Association kann man von Hypersexualität sprechen, wenn eine Person über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten wiederkehrende, intensive sexuelle Fantasien, Triebe und Verhaltensmuster erfährt und das Risiko ignoriert, sich dabei selbst zu verletzen. Wenn man diese sexuellen Fantasien als Reaktion auf ängstliche oder bedrückte Gemütszustände auslebt, ist das ebenfalls ein Warnsignal.

Trotz solcher recht drastisch klingenden Beschreibungen wirkten alle Anwesenden an diesem Abend ganz normal. Einige puderten sich die Nase, andere hielten sich vor allem im Raucherbereich auf und der Rest nickte sich nur noch zu, weil man keine gemeinsamen Gesprächsthemen mehr hatte. Mit den Frauen an der Bar beschäftigte sich niemand.

Ich merkte, wie sich die ganzen Jungs richtig zusammenrissen, um keine sexuellen Anspielungen zu machen. Deswegen setzte ich mich mit vier von ihnen zusammen und fragte sie über ihre Sucht und deren Auswirkung auf ihr Leben aus.


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"Crystal macht dich verdammt spitz. Also nahm ich die Kreditkarte meiner Mutter und bezahlte damit meine Besuche in Billigbordellen."

Dylan, 26, Finanzberater

VICE: Wann wurde dir bewusst, dass du sexsüchtig bist?
Dylan: Weil ich mit den falschen Leuten abhing, wurde ich schnell abhängig von Crystal Meth und rauchte das Zeug jedes Wochenende. Keine Ahnung, ob du das weißt, aber Crystal macht dich verdammt spitz. Also nahm ich die Kreditkarte meiner Mutter und bezahlte damit meine Besuche in Billigbordellen. Weil die bei der Abrechnung immer irgendwelche Decknamen angeben, kam ich damit eine ganze Zeit lang durch. Irgendwann übertrieb ich es aber und ging viermal pro Woche in solche Etablissements. So ging meinen Eltern, die sowieso nicht viel verdienen, richtig viel Geld flöten und ich ruinierte sie mit meiner Sucht finanziell.

Wie hörte das Ganze dann auf?
Ich beichtete meinen Eltern alles, weil sie wegen der ganzen unbekannten Abrechnungen zur Polizei gehen wollten. Ich schämte mich so sehr. Sie verziehen mir dann unter einer Bedingung: Ich musste mich in Therapie begeben und meine Sexsucht untersuchen lassen. Schon komisch, wie eine so dramatische und peinliche Sache mich dazu motiviert hat, offener zu sein und meine Geschichte zu erzählen. Je mehr ich bei den Treffen von mir preisgebe, desto freier fühle ich mich und desto einfacher ist es, nach vorne zu blicken.

Was hat dir bei Sexaholics Anonymous am meisten weitergeholfen?
Mein Geheimnis zu verraten. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Junkie. Nachdem ich vom Meth losgekommen war, habe ich ja immer noch mein ganzes Geld für Prostituierte auf den Kopf gehauen. Bei den Treffen sind alle immer total nett und wollen einem wirklich weiterhelfen. Die Leute, mit denen ich vorher abhing, machen sich nur gegenseitig runter. Die lachten auch immer nur über mich, so als ob es cool oder witzig wäre, meine Eltern zu beklauen. Da verliert man den Blick fürs Wesentliche. Sexaholics Anonymous hat mir gezeigt, worauf es wirklich ankommt.

"Manchmal fühlt man sich wie ein Perverser, weil es ja nicht normal ist, seine Freizeit fast komplett mit Prostituierten zu verbringen."

Tony, 37, Buchhalter

VICE: Wie bist du bei Sexaholics Anonymous gelandet?
Tony: Ich liebe meine Arbeit und denke auch während meiner Freizeit über Aktien, Analysen und Handel nach. Da kommt mein Sozialleben natürlich oft zu kurz. Einmal war ich aber bei der Party eines Kollegen, nach der wir noch weiterfeiern wollten. Also machten wir uns auf in ein Luxusbordell, wo ich mich in eine der Angestellten verknallte und sie von da an jede Woche sah. Das wurde schnell zur Routine und schon bald besuchte ich sie nicht mehr nur einmal, sondern dreimal wöchentlich.

Wann wurde das Ganze zum Problem?
Als mich diese Routine mehr als 2000 Dollar pro Woche kostete. Irgendwann ging ich nämlich in vier oder fünf verschiedene Bordells und schlief dort manchmal sogar mit mehreren Frauen. Ich vernachlässigte mein Training und meine Freunde. Meine Beziehung ging natürlich auch in die Brüche. Das Ganze geriet außer Kontrolle und ich konnte nicht mehr aufhören, an bestimmte Sexarbeiterinnen zu denken. Sie schrieben mir dann immer – aber nicht, weil sie mich mochten, sondern weil sie mir so viel Geld abknöpfen konnten. Ich tat so, als seien sie meine Freundinnen, aber bezahlen musste ich sie trotzdem.

Letztendlich konnte ich nicht mehr. Ich fühlte mich richtig mies, als mir klar wurde, dass die Frauen nur an meinem Geld interessiert waren. Also erzählte ich einem Arbeitskollegen von meinem Verhalten und er empfahl mir daraufhin ein paar Websites. Es ist nicht einfach, weil ich Frauen liebe und immer Zeit mit ihnen verbringen will.

Wie hat dir die Therapie weitergeholfen?
Es tut gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Manchmal fühlt man sich nämlich wie ein Perverser, weil es ja nicht normal ist, seine Freizeit fast komplett mit Prostituierten zu verbringen. Da kann man auch schnell in Depressionen verfallen. Es ist aber beruhigend, die Geschichten der anderen Jungs zu hören. Ich weiß jetzt, dass das Ganze relativ häufig vorkommt. Es ist halt wie eine Spiel- oder Drogensucht, nur eben mit Sex.

"Manchmal hatte ich kein Geld für Essen mehr, weil alles im Bordell draufgegangen war."

Johnny, 39, arbeitslos

VICE: Wie erging es dir vor der Therapie?
Johnny: Ich bekam alle zwei Wochen mein Arbeitslosengeld überwiesen und gab dann direkt alles für Prostituierte aus. Manchmal konnte ich in der Nacht davor nicht mal richtig schlafen, weil ich die ganze Zeit an Sex denken musste. Diese Gedanken bestimmten mein Leben. Ich war bereit, alles zu tun, nur um mit einer Frau schlafen zu können.

Und wenn du kein Geld zur Verfügung hattest?
Dann schaute ich den ganzen Tag Pornos. Weil ich schon eine ganze Zeit lang hinter Gittern saß, habe ich nicht viele Freunde, die mich irgendwelchen Frauen vorstellen können. Manchmal gehe ich auch in die Bar um die Ecke und versuche, neue Leute kennenzulernen. Dabei komme ich mir jedoch wie ein alter, perverser Sack vor. Einige harte Abfuhren haben dann noch den Rest meines Selbstvertrauens zunichte gemacht. Ich bin sexuell gesehen introvertiert. Das hat mein Leben teilweise richtig erschwert. Manchmal hatte ich zum Beispiel kein Geld für Essen mehr, weil alles im Bordell draufgegangen war.

Wie hat sich Sexaholics Anonymous auf dein Leben ausgewirkt?
Ich bin jetzt in der Lage, meine Gefühle auszurücken und nicht mehr alles in mich reinzufressen. Sexsucht ist eine Krankheit, die mich einige Dinge machen ließ, auf die ich nicht stolz bin. Die Jungs helfen mir unglaublich weiter. Wenn wir unterwegs sind, bekomme ich mein Selbstvertrauen zurück. Ich date jetzt seit einem Monat eine Frau, die ich kennengelernt habe, als ich mit den Jungs unterwegs war. Außerdem stehen ein paar Vorstellungsgespräche an. Ohne Sexaholics Anonymous hätte ich das nie geschafft.

"Meine Kinder wollen zwar nichts mehr von mir wissen, aber das habe ich verdient."

Jason, 52, Vorarbeiter auf Baustellen

VICE: Wie hat sich deine Sexsucht entwickelt?
Jason: Ich bin verheiratet und vierfacher Vater. Ich machte damals eine ziemlich klischeehafte Midlifecrisis durch, mein Leben langweilte mich. Ich nahm Speed und verbrachte immer mehr Zeit in der Bar. Irgendwann zog es mich auch in die Bordelle am Stadtrand. Und schon hatte ich dort so etwas wie eine Freundin, die ich alle paar Tage besuchte. Ich machte ihr dann auch immer öfter Geschenke oder überwies ihr Geld. Ich dachte mit meinem Penis und meine Familie war mir egal.

Das ging doch bestimmt nicht lange gut, oder?
Ich fing an, mit dem Geld aus dem Betrieb ihre Reisen nach Thailand zu bezahlen und ihre "dortige Familie" zu unterstützen. Dank eines Privatdetektivs fand ich aber heraus, dass sie mich nur verarschte und zusammen mit ihrer Familie hier bei uns wohnte. Sie nahm mich nur aus.

Meine Frau kam mir dann auch schnell auf die Schliche, als sie mich bei der Arbeit besuchen wollte, ich aber im Bordell war. Schließlich beichtete ich ihr alles und wir gingen zu einem Eheberater. Meine Kinder wollen zwar nichts mehr von mir wissen, aber das habe ich verdient. Ich muss auch zugeben, dass ich meine Sexsucht noch nicht ganz besiegt habe. Ich gehe immer noch alle 14 Tage zu einer Prostituierten, will das Ganze aber komplett lassen. Manchmal glaube ich, dass wir einfach nur Tiere sind. Wir haben rein körperliche Bedürfnisse, bei denen es nicht um Liebe geht.

Fühlst du dich jetzt besser?
Dank der Therapie konnte ich mein Verlangen schon gut zurückschrauben – von viermal pro Woche in Bordellen und Stripclubs hin zu nur noch einmal alle zwei Wochen. Ich weiß jetzt, was ich an meiner Familie habe. Der ganze Sex und die Partys machen zwar Spaß, aber das verfliegt schnell wieder. Wahre Liebe – zum Beispiel zu den eigenen Kindern – bleibt hingegen ein Leben lang. Und da geht nichts drüber.

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