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ÖVP

Wir haben den alten Sebastian Kurz mit dem neuen Sebastian Kurz diskutieren lassen

2014: "Wir haben zu wenig Willkommenskultur." 2015: "Es braucht ein Ende der Einladungspolitik."

VonHanna HerbstundChristoph Schattleitner

Ja, wir können das Wort "Wahlkampf" auch nicht mehr hören. Irgendwo auf halber Strecke haben auch die 42 TV-Debatten ein bisschen ihren Reiz verloren. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass die wirklich schönsten Duelle leider sowieso nicht im Fernsehen, sondern in unserer Fantasie stattfinden:

Zum Beispiel Christian Kern gegen Werner Faymann bei oe24.tv zur politischen Macht des Boulevards und wer ernster schauen kann. Oder Reinhold Mitterlehner gegen Sebastian Kurz über die Frage des politischen Stils und wer eher wie ein normaler Mensch lachen kann. Oder Julian Schmid gegen die vertriebene Junge Grüne Flora Petrik über Popularität und Aufstiegsstrategien in der Politik – und darüber, nach wie langer Tragezeit ein Pulli eigentlich hinter eine Vitrine gehört. Oder der Frank Stronach von 2012 ("dieser Tag wird in die Geschichte der Welt eingehen") gegen seine engste Vertraute, Katrin Nachbaur, die 2015 als Klubobfrau des Team Stronachs zur ÖVP wechselte – über was auch immer, wirklich, es ist uns egal.

Aber nicht nur innerhalb einer Partei gibt es sehenswerte Konflikte und bemerkenswerte Positionsunterschiede. Auch innerhalb von nur einer Person gibt es solche Meinungsverschiedenheiten.

Das hat zum Beispiel Norbert Hofer im Bundespräsidentenwahlkampf 2016 gezeigt. Er konnte sich mit sich selbst nicht einig werden, ob er gern ein überparteilicher oder freiheitlicher Präsident geworden wäre. Noch deutlicher ist der Unterschied zwischen dem für Integration zuständigen Sebastian Kurz (von 2011 bis 2013 als Staatssekretär, danach als Außenminister) und dem ÖVP-Bundesparteiobmann Sebastian Kurz.

Wir erinnern uns düster an einen Sebastian Kurz, der mehr Willkommenskultur gefordert und verschiedenste FPÖ-Entgleisungen als "jenseitig" bezeichnet hat. Sein scharfer Schwenk von engagierter Integrationsarbeit zu einem harten, rechtspopulistischen Kurs im Wahlkampf hat viele verschreckt. Der syrisch-österreichische Thai-Box-Weltmeister Fadi Merza ist seit einigen Jahren einer von vielen "Integrationsbotschafter" des jungen Staatssekretärs. Im Mai 2017 sagte er gegenüber profil: "Ich wurde seit eineinhalb Jahren nicht mehr eingesetzt. Ich habe das Gefühl, da ist nix mehr dahinter. Man fühlt sich verarscht."

Um die Unterschiede genauer herauszuarbeiten, haben wir uns durch das Archiv namens Internet gestöbert und Positionen von Sebastian Kurz mit Positionen von Sebastian Kurz verglichen. Weggelassen haben wir nur Tweets von Katzen-Aufräumungsarbeiten, abgeschlossenen Studienabschnitten, dem Geilomobil und der Problematik, Freitagnachmittag an Zugangsdaten zu kommen. Manche Web-Sünden muss man der Fairness halber auch einem Sebastian Kurz zugestehen.


Sebastian Kurz diskutiert mit Sebastian Kurz über die FPÖ und Rechtspopulismus

"Jenseitig! FPÖ kann es nicht lassen. Wer ständig auf Vergangenheit schaut, hat keinen Blick für die Zukunft ..." September 2013

"Habe mich entschieden, @HCStracheFP & die #FPÖ zu Gesprächen zur Bildung einer türkis-blauen #Regierung einzuladen." Oktober 2017

"Rechte Hetze ist verantwortungslos – brauchen ein Miteinander statt ein Gegeneinander!" August 2013

"Verantwortungsbewusstsein" herrsche bei der FPÖ, erklärt Sebastian Kurz nach der ersten Verhandlungsrunde mit Heinz-Christian Strache, so die Oberösterreichischen Nachrichten, Oktober 2017

"Wenn's um Sachlichkeit geht, heißt es ab jetzt wohl 'Goodbye Gudenus'. Wirklich unglaublich." August 2013

"Plumpe Ausländerfeindlichkeit war noch nie bürgerlich. Fremdenfeindlichkeit ist weder konservativ, noch liberal, sondern einfach von gestern." Im Interview mit Der Standard, August 2013

"Eine Million Ostarbeiter im Mai? Da hat Strache wieder mal unbegründet Ängste geschürt. Die Arbeitslosigkeit ist gesunken." Juni 2011

"Mölzer vor 1945 steckengeblieben, Strache in 80ern. Geht nicht nur um das Wort (Die EU sei laut Mölzer ein 'Negerkonglomerat', Anm.), sondern um absichtliche Botschaft. Hier klar herabwürdigend!" April 2014

Der Nationalratsabgeordnete Christian Höbart antwortete auf den Tweet: "@sebastiankurz Blablabla! Der aalglatte Mann ohne Profil und Konturen beim analysieren politischer Konkurrenten? Unglaubwürdig!" April 2014

"Mölzer leider wiedermal absolut jenseitig – eine glaubwürdige Entschuldigung der FPÖ & Strache mehr als notwendig", März 2014

"Jenseitig! FPÖ kann es nicht lassen. Wer ständig auf Vergangenheit schaut, hat keinen Blick für die Zukunft ..."

"Höhlenmenschen-Aussage von #FPÖ Niederösterreich #Höbart zu Asylwerbern ist letztklassig & jenseitig. Kennen bei dem Thema noch immer nur Hetze. Unfassbar." November 2014

"Hatten eine konstruktive erste Verhandlungsrunde mit @HCStracheFP & Vertretern der #FPÖ. (1/2)" Oktober 2017

"Haben gemeinsam den Willen echte Veränderungen für #Österreich umzusetzen. (2/2)" Oktober 2017

"Im Kurier-Interview: Rechte vergiften das Klima." August 2015

"Rassismus darf in Österreich keinen Platz haben. Unfassbarer Text (Eine FPÖ-Organisation spricht von "Negern" und "ihren Hass auf uns Weiße", Anm.) zeigt, dass #FPÖ Hetze betreibt & Hass schürt." August 2015

".@TassWall 'Man sollte sich niemals politisch-korrekten Denkverboten unterwerfen. Das zeigt der Verlauf der Flüchtlingsdebatte ganz deutlich.'" November 2016

"Franzosen zeigen klar, dass Protest und Wunsch nach Veränderung nicht immer zu Wahl von Rechtspopulisten führen muss." Mai 2017

"Wie die FPÖ ständig Asyl und Kriminalität vermischt – sie haben es noch immer nicht kapiert ..." Oktober 2012

"Integrationsstaatssekretär beschimpfen halt ich aus. Derart gegen Muslime hetzen überschreitet alle Grenzen." August 2013

"Gute zweite Verhandlungsrunde mit @HCStracheFP & Vertretern der #FPÖ. 1/2" Oktober 2017

Sebastian Kurz diskutiert mit Sebastian Kurz über die EU und Europa

"Meine Regierung (mit der FPÖ, Anm.) wird europagesinnt sein oder sie wird es nicht geben." Im Interview mit Corriere della Sera, Oktober 2017

"Die FPÖ ist eine Partei, die destruktiv ist, grundsätzlich wenig von der Europäischen Union hält und somit auch nicht auf europäische Lösungen setzt." Im Interview mit Der Standard, September 2016

"EU ist eine Gemeinschaft & gerade für Österreich alternativlos. Brauchen überzeugte und überzeugende Europäer." Mai 2016

Sebastian Kurz diskutiert mit Sebastian Kurz über "MigrantInnen" (ja, das ist ein Zitat)

"Ich sehe mich bestätigt in meiner Haltung", meinte Kurz wörtlich und forderte abermals ein Eindämmen der Zuwanderung - "insbesondere von bildungsfernen Menschen aus anderen Kulturkreisen", Kronen Zeitung, August 2017

"Der durchschnittliche Zuwanderer von heute ist gebildeter als der durchschnittliche Österreicher." In: Mistelbacher Bezirksblätter, Januar 2015

"Nicht Herkunft, Hautfarbe, Religion zählen, sondern was man in Österreich weiterbringen will. Sport zeigt, wie's geht!" November 2015

"Nicht die Herkunft ist entscheidend, sondern was man kann." März 2013

"Wir wollen Migranten in Schulbüchern als das darstellen, was sie sind: Leistungsträger!", April 2013

"Stopp der Zuwanderung in unser #Sozialsystem." Oktober 2017

"Man darf Migration nicht auf den Islam beschränken und Integration nicht auf plumpe Botschaften wie 'Kopftuch – ja oder nein'. Wer das macht, der meint es nicht ernst mit dem Thema." In: Heute, 2010

"Wer in Österreich Niqab oder Burka trägt, muss mit Konsequenzen rechnen." September 2017

"Zu oft entscheidet Herkunft statt Talent." Dezember 2012

"Polizei kann viel zur Integration beitragen und tut es auch, wie zum Beispiel den Migrantenanteil erhöhen." Juli 2012

"Müssen Migration jetzt massiv reduzieren", Kronen Zeitung, August 2017

Sebastian Kurz diskutiert mit Sebastian Kurz über Religion

"Wir haben in Österreich eine Trennung von Staat und Religion", Rede im Nationalrat, Februar 2015

"Das Kreuz bleibt." In: Die Presse, Februar 2017

"Der Islam gehört selbstverständlich zu Österreich." In: Kurier, Januar 2015.

"Die Postion der ÖVP wäre interessant gewesen", schreibt der Kurier im Oktober 2017, nachdem alle anderen Spitzenkandidaten ihr Verhältnis zum Islam erklärt haben.

"Gleich startet das Dialogforum Islam, das ein Jahr laufen wird. Dabei wollen wir Sachlichkeit statt Vorurteile." Januar 2012

Sebastian Kurz diskutiert mit Sebastian Kurz über das Amtsgeheimnis

"Beschluss beim Amtsgeheimnis brauchen wir noch vor der Wahl – mit gutem Willen aller möglich." Juni 2013

"Keine Antwort erhalten." Das Forum Informationsfreiheit über die Position von Sebastian Kurz zur Abschaffung des Amtsgeheimnisses, Oktober 2017.

Sebastian Kurz diskutiert mit Sebastian Kurz über den Klimawandel

"Die Entscheidung von Präsident #Trump ist unverantwortlich. #Klimaschutz ist globale Aufgabe & liegt in unser aller Interesse." Juni 2017

"Leugnen des vor allem auch durch den Menschen verursachten Klimawandels führt zu immer weiteren Gefährdung unserer #Umwelt! #Strache." Juni 2017

"Ich freue mich sehr, dass er (Rudolf Taschner, Anm.) nun als Kandidat Teil unserer Bewegung ist." Website von Sebastian Kurz, August 2017

Rudolf Taschner: "Dabei wäre eine schnelle Ernüchterung vom Klimawandelwahn angesagt. Denn statt dieses Scheinproblems ist unser Kontinent mit einem akuten, echten Problem konfrontiert." In: Die Presse, Oktober 2015

Sebastian Kurz diskutiert mit Sebastian Kurz über Integration

"Was spricht gegen früheren Zugang (zur Staatsbürgerschaft, Anm.) für sehr gut Integrierte?", Oktober 2012

"Wir fordern die Öffnung des Arbeitsmarktes für ausländische Akademiker!", Februar 2010

"Heute mit Landeshauptmann Pühringer vereinbart: Länder setzen sich für raschere Berufsanerkennung bei Zuwanderern ein – Leistung soll anerkannt werden!", Juni 2011

"Integration der anerkannten Flüchtlinge: Wir schaffen das!", September 2015

"Die Integration der Flüchtlinge ist eine große Herausforderung." März 2017

Sebastian Kurz diskutiert mit Sebastian Kurz über Vielfalt & Willkommenskultur

"Gerade präsentiert: Integration von Anfang mit neuer Willkommenskultur und Wertevermittlung." April 2013

"Und wieder fast zurück in Wien mit vielen tollen Eindrücken vom Multi-Kulti-Ball." Mai 2011

"Wien ist eine vielfältige Stadt geworden. Und da ist es glaub ich wichtig, diese Vielfalt auch als Chance zu sehen – nicht immer nur an Probleme zu denken." Rede im Rahmen des fünften Familienfests der Islamischen Föderation Wien, 2013

"Wir haben eine massive Migration nach Wien und mehr Österreicher, die Wien verlassen." Sebastian Kurz, Pressekonferenz, September 2017

"Bei Arbeitstreffen mit Expertenrat für Integration aktuelle Projekte besprochen unter anderem Ausbau der Willkommenskultur & Anerkennungsgesetz." Mai 2014

"Habe kritisiert, dass die, die für unbegrenzte Willkommenskultur eingetreten sind, Herausforderungen danach unterschätzt haben." Januar 2016

"Wir haben zu wenig Willkommenskultur", Die Presse, November 2014

"Es braucht ein Ende der Einladungspolitik", Kleine Zeitung, Oktober 2015


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