Wissenschaft

Laut einer Studie gibt soziales Verhalten Frauen mehr als Männern

Nicht zu früh freuen: Die Studie bietet keine Ausrede für männliche Egoisten.

von Katherine Gillespie
11 Oktober 2017, 10:43am

Foto: Ben Grey | Flickr | CC BY-SA 2.0

Frauen sind lieb und zart, Männer egoistisch und hart. So oder so ähnlich lautet das Klischee, das viele mit sich herumtragen. Vertreter beider Geschlechter regen sich (mit gutem Grund) über solche Verallgemeinerungen auf. Aber es gibt Studien, die nahelegen, dass zumindest ein bisschen was dran zu sein scheint: In Verhaltensexperimenten benehmen sich Frauen im Schnitt etwas großzügiger und selbstloser, während Männer eher mal auf andere pfeifen.

Eine neue Studie von Forschern der Universität Zürich hat versucht, diesem Phänomen neurologisch auf die Spur zu kommen. In einer Reihe von Verhaltensexperimenten sollten 56 Männer und Frauen entscheiden, ob sie eine Geldsumme mit anderen teilen oder nicht. Die Neurowissenschaftler beobachteten dann, welche Hirnareale bei großzügigem oder egoistischem Handeln jeweils besonders aktiv waren.

Dabei stellten sie fest, dass der Gehirnbereich namens Striatum bei Frauen stärker auf "prosoziales" Verhalten ansprach als bei Männern. Das Striatum liegt im Vorderhirn und spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Verhaltensregulierung: In diesem Teil des Gehirns befinden sich neurologische Schaltkreise, die für das Zusammenwirken von Gefühlen, Gedanken, Motivationen und Bewegungen verantwortlich sind. Gewisse Teile des Striatums sind vor allem für Belohnung, Motivation und emotionale Verstärkung von Verhaltensweisen zuständig.


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Im Vergleich zu den Gehirnen der weiblichen Testpersonen reagierte das Striatum bei den Männern positiver auf egoistisches Verhalten. Der Studie zufolge belohnt das Gehirn der durchschnittlichen Frau also Großzügigkeit mit einem größeren Dopamin-Kick, während das handelsübliche Männergehirn für eigennütziges Verhalten mehr Belohnungshormone ausschüttet.

Die Forscher beließen es aber nicht dabei: In einer neuen Runde von Experimenten neutralisierten sie das Striatum mit einem Mittel, das die Ausschüttung von Dopamin hemmt. Und siehe da: Die Frauen benahmen sich nun egoistischer, während die Männer großzügiger wurden.

Die Beobachtungen überraschten die Neurowissenschaftler. Der Hauptautor der Studie, Alexander Soutschek, sagt dazu in einer Pressemitteilung: "Dieser Befund zeigt, dass das Belohnungssystem von Frauen und Männern auch pharmakologisch unterschiedlich auf Großzügigkeit reagiert. Zukünftige Studien müssen so gestaltet werden, dass auch auf Unterschiede zwischen Männern und Frauen geprüft wird."

Viele Medikamente werden lediglich an Männern getestet, obwohl Studien belegen, dass die Geschlechter auf diverse Mittel unterschiedlich reagieren oder andere Nebenwirkungen erleben. Für Frauen ist das oft ein Nachteil, denn die Medizin hat häufig nicht erforscht, welche Dosierung eines Mittels ihnen am besten hilft. Dieser Misstand bessert sich zwar seit Jahrzehnten langsam, aber wie die Zürcher Forscher betonen, gibt es auf diesem Gebiet nach wie vor Verbesserungsbedarf.

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind aber nicht unbedingt angeboren: Wie die Forscher selbst eindringlich betonen, liegt es sehr nahe, dass unsere neurologischen Geschlechtsunterschiede nicht genetisch bedingt, sondern anerzogen sind. Frauen "lernen, eher eine Belohnung für prosoziales als für egoistisches Verhalten zu erwarten", erklärt Soutschek in der Pressemitteilung. "Der Geschlechterunterschied, den wir in unseren Studien beobachtet haben, lässt sich in diesem Sinne am besten durch die unterschiedlichen kulturellen Erwartungen an Männer und Frauen erklären."

Viele Medien berichten über diese Studie, als sei der Dopamin-Kick, der prosoziales oder eigennütziges Verhalten belohnt, der ursprüngliche Grund für unterschiedliches Benehmen der Geschlechter. Dabei vergessen viele, dass wir nicht fertig entwickelt auf die Welt kommen. Neurowissenschaften sind sehr komplexe Disziplinen: wenn Verhaltensunterschiede bei den Geschlechtern festgestellt werden, sind sie – wie auch in diesem Fall – meistens sehr klein. Das heißt auch, dass bei vielen von uns kein Unterschied feststellbar wäre – erst in der Masse ergibt sich eine Tendenz.

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