Menschen

Ich bin 33 Stunden wach geblieben, um meine depressive Stimmung zu verbessern

"Es war fast so, als ob ich keine Kraft mehr hätte, mich schlecht zu fühlen."

von Ben Leander Willgruber
05 Dezember 2019, 4:00pm

Foto: imago |  Westend61 |  Bearbeitung: VICE

Ich habe mal Psychologie studiert. In einer Vorlesung hörte ich von Wachtherapie. Dabei machen Patienten mit Depressionen eine oder mehrere Nächte durch, um eine – meist kurzfristige – Verbesserung ihrer Symptome erzielen. Ich beschloss: Sollte ich einmal betroffen sein, werde ich das probieren. Das bringt mich zu diesem Artikel.

Seit einigen Wochen fiel ich immer wieder in mehr oder weniger dunkle Stimmungslöcher. Sie hielten meist nicht lange an, ein paar Tage oder vielleicht mal eine Woche. Von einer richtigen Depression war ich bestimmt noch etwas entfernt. Aber so wie in dieser Phase kannte ich mich nicht. Etwas hatte sich verändert und ich wusste nicht, was. Es war Zeit, etwas zu tun und so fiel mir die Wachtherapie wieder ein.

Zur Vorbereitung für meinen Selbstversuch sprach ich mit Professor Christoph Nissen, Chefarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern. Er setzt Wachtherapie in seiner Arbeit ein und ist Leiter einer Forschungsgruppe zum Thema Schlaf in der Psychiatrie.

Nissen erklärte mir, es sei noch nicht vollständig geklärt, wie die Wachtherapie funktioniere, aber es gäbe Theorien, die mit der synaptischen Plastizität (der Art, wie sich Nervenzellen neu verknüpfen) und der Modulation des Tag- und Nachtrhythmus zu tun hätten. Personen mit Depressionen haben oft Probleme, ein- und durchzuschlafen, fühlen sich am Morgen dann besonders niedergeschlagen. Es gäbe Indikationen dafür, dass Schlaf in den Morgenstunden förderlich für Depressionen sei, ein Phänomen, dem mit Wachtherapie gegengesteuert werden könnte.

Auch wenn die Wirkungsweise noch nicht ganz geklärt ist, scheinen die Ergebnisse für diese Therapieform zu sprechen: Etwa 60% der Patientinnen sollen auf Wachtherapie ansprechen und bereits während der Nacht Verbesserungen spüren. Betroffene seien wie ausgetauscht und berichten, dass sie "die Vögel wieder singen hören" oder "plötzlich alles weiß angestrichen ist, was vorher schwarz war". Das wollte ich auch.

Die Wachtherapie ist kein Wundermittel

Professor Nissen warnte mich aber, dass die Wachtherapie kein Wundermittel sei und nicht bei allen Menschen gleich wirken würde. Sie sei nur für Menschen mit diagnostizierten Depressionen unter ärztlicher Aufsicht gedacht. Bei gesunden Menschen könne sie zu Müdigkeit, Konzentrationsverlust und Unruhe kommen – oder anderen unerwarteten Nebenwirkungen. Außerdem sei die Wachtherapie nur ein zusätzlicher Ansatz zu bestehenden Behandlungen – ein Ansatz, der versucht, schneller Besserung für Betroffene zu erzielen. Nach dem Schlafentzug könne es auch dazu kommen, dass sich Symptome wieder verschlechtern. In der Klinik stehen Patientinnen um 7 Uhr morgens auf, bleiben etwa 34 Stunden wach und gehen am nächsten Tag um 17 Uhr schlafen – allerdings nur bis Mitternacht. Langsam wird dann der Schlaf-Wach-Rhythmus auf eine normale Tageszeit eingestellt.

Außerdem riet mir Nissen davon ab, schwere Depressionen selbst zu behandeln. Es wäre dringend geboten, eine Psychotherapeutin oder Psychiaterin anzusprechen. Daher hier auch eine Warnung: Dieses Experiment habe ich auf eigene Verantwortung durchgeführt, es ist nicht zum Nachahmen gedacht. Schon gar nicht im Alleingang ohne Bezugspersonen.

Vor dem Versuch

Vor ein paar Wochen bin ich aus einem Berlin-Urlaub zurückgekommen und nach meiner Ankunft hat sich meine Stimmung stetig verschlechtert, getrieben von Fernweh und der Vorstellung, dass anderswo alles besser wäre. Der Urlaub hat mich daran erinnert, wie es war, in Berlin zu leben, und nun vermisse ich diese Zeit.

Als ich vorhin von einem anstrengenden Termin mit dem Fahrrad nach Hause gefahren bin, hatte ich Kopfhörer drin. Ich habe bei der Kreuzung nicht auf die anderen gewartet und bin mit Billie Eilish im Ohr bei Gelb über die Straße gefahren. Das Adrenalin hat sich gut angefühlt. In diesem Moment wäre es mir ganz egal gewesen, einen Unfall zu bauen, vielleicht wäre es mir sogar recht gewesen.

Heute bin ich erst nachmittags aufgestanden und trotz des langen Schlafs habe ich mich kein bisschen ausgeruht gefühlt. In wenigen Tagen stand ein Ausflug an, danach ein Urlaub. Einen Auftrag hatte ich wegen Überlastung abgesagt. Leute erwarteten sicher Antworten von mir, doch ich hatte keine Energie dafür. Ich wünschte, ich könnte meinen Kalender mit einem Rotstift leerfegen: keine Termine, keine Arbeit, kein Urlaub.

Obwohl ich weiß, dass man psychische Probleme nicht einfach so nebenbei lösen kann, musste es mir schnell besser gehen, wenn ich nicht zu Hause bleiben und bereuen wollte, nicht genug Energie für einen Urlaub gehabt zu haben. Daher habe ich beschlossen, heute Nacht nicht schlafen zu gehen. Ich weiß nicht, ob Schlafentzug auch auf Spätaufsteher wirkt, aber um 7 Uhr hätte ich es in meiner momentanen Verfassung nicht aus dem Bett geschafft. Ich will einfach schauen, was passiert, ohne die Erfahrung zu sehr zu verkopfen.

2 Uhr morgens (11 Stunden wach)

Abgesehen von den Notizen für diesen Artikel konnte ich mich heute nicht zum Arbeiten bewegen, aber schlafen wollte ich auch nicht, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Seitdem ich nach Hause gekommen bin, habe ich in mein Handy gestarrt, mit meinem Freund gekocht und gegessen und dabei Serien geschaut. Solange bis auch der treueste Partner schlaftrunken aufgegeben hätte. Der liegt jetzt im Bett und alleine weiter streamen is nicht. Da kann ich ja gleich Schluss machen.

Die Recherche zur Wachtherapie führt mich zu einem Artikel über eine Einrichtung, wo diese angewandt wird. Dort wird um 2 Uhr morgens zu Abend gegessen, danach geht man auf eine Nachtwanderung oder gestaltet sich die Zeit frei. In der Früh geht die reguläre Behandlung weiter. Suizidale Gedanken der Patientinnen seien am Tag danach wie weggefegt und die Stimmung deutlich besser. Der Schlafentzug habe eine euphorisierende Wirkung, wie ein natürliches High.

3 Uhr morgens (12 Stunden wach)

Ich will auch auf eine Nachtwanderung gehen. Das hätte ich wohl besser vorher planen sollen, denn wer würde jetzt Zeit haben? Alleine rauszugehen, klang nicht so aufbauend, doch bestimmt war niemand wach, den ich kannte. Konnte ich mir spontan eine Begleitung für einen Spaziergang suchen? Sollte ich um 4 Uhr morgens auf Tinder oder Grindr jemanden suchen, der sich vor der Arbeit ein Stündchen Zeit nimmt? In Berlin hätte ich mich in eine Bar setzen und probieren können, mit jemandem eine Fake-Connection aufzubauen, um dann gemeinsam durch die Nacht zu wandern. Ach Berlin, du bist so voller Wunder. Zumindest in meinen Gedanken.

In diesem Moment fühlt sich an meiner Heimat alles falsch an. Und trotzdem bin ich realistisch genug, um zu wissen, dass ein Umzug meine Probleme wahrscheinlich auch nicht lösen würde. Wenn ich nach ausreichender Vorbereitungszeit bereit wäre, ein neues Leben zu starten, wäre es vielleicht zu spät. Das Leben würde mir neue Hindernisse stellen. Es kommt mir gerade unglaublich schwer vor, mein eigenes Schicksal zu steuern.

4 Uhr morgens (13 Stunden wach)

Vorhin hatte ich mich für einen kurzen Moment auf eine Dating-App begeben, um zu sehen, ob jemand wach war, den ich kannte. Ein Freund war vor Kurzem tatsächlich online, doch meine Nachricht, ob er auch nicht schlafen könne und Lust auf einen Nachtspaziergang hatte, erreichte ihn wohl zu spät. Dafür hat mir whiteboy geschrieben und "bb?" vorgeschlagen. bb steht, nebenbei bemerkt, für bareback, also Analsex ohne Kondom. Ich habe gepasst. Langsam wird es schwierig, wach zu bleiben. Um 4:20 zünde ich mir einen symbolischen Joint an, aber nur mit CBD-Gras. Sonst würde ich vielleicht paranoid werden oder müde, das Risiko will ich nicht eingehen.

6 Uhr morgens (15 Stunden wach)

Irgendwann gegen halb 7 beschließe ich, doch alleine spazieren zu gehen. Es ist ein komisches Gefühl, früh am Morgen ohne Grund durch die Stadt zu streifen. Normalerweise habe ich ein Ziel, wenn ich unterwegs bin. Jetzt übe ich mich in Achtsamkeit (was auch immer das genau sein mag) und versuche, negative Gedanken abzustellen. Das gelingt mir am besten, wenn ich die wundersame Spezies der Frühaufsteher sehe. Was sie antreibt, am Morgen schon Dinge zu erledigen, konnte ich nie nachvollziehen. Aber irgendwie war ich auch immer ein bisschen neidisch auf die Disziplin, die sie zu haben scheinen. Viele wirken aber nicht sonderlich glücklich darüber, in Jogginganzug mit dem Hund spazieren zu gehen.

Ich führe mich selber weiter Gassi und gehe im Uhrzeigersinn ein paar Runden um die buddhistische Stupa im Volksgarten – das soll angeblich Glück bringen. Näher komme ich an Religion und Spiritualität in meinem Alltag nicht ran. Am Kinderspielplatz schaukle ich für ein paar Minuten, beobachte Tauben und versuche, ein Foto von ihnen zu machen. Irgendwann bin ich so langsam und unaufregend, dass sie mich in ihrem Rudel akzeptieren. Danach gehe ich zu einem Wochenmarkt, rede mit einer Verkäuferin und kaufe mir drei Sonnenblumen. Völlig grundlos, einfach weil ich sie mag. Ich bin begeistert, wie leicht mir der Tag bisher vorkommt und bin stolz auf mich, dass ich einfach so und nur für mich etwas gemacht habe. Und wenn es nur ein kurzer Spaziergang ist.

9 Uhr morgens (18 Stunden wach)

Mein Freund ist gerade aufgestanden und hat sich schlaftaumelnd über die Blumen an meinem Schreibtisch gewundert. Er ist wohl noch nicht wach genug für meine Eigenartigkeiten.

14 Uhr nachmittags (23 Stunden wach)

Gerade bin ich mit meinem Freund von einem Ausflug in die Innenstadt nach Hause gekommen. Wir hatten einige Dinge zu erledigen und er hat sich eine neue Brille anfertigen lassen. Ich bin erschöpft, müde und hungrig. Im Innenhof meines Wohnhauses fangen gerade Arbeiten an einem neuen Lift an. Der Lärm ist unerträglich laut.

17 Uhr nachmittags (26 Stunden wach)

Damit ich nicht einschlafe, hatte ich gerade Sex mit meinem Freund. Natürlich auch, weil wir Lust dazu hatten. Die Dusche danach hat mich erfrischt und geweckt. Ich merke, dass meine Einträge kürzer werden. In der Früh war es so schön ruhig, jetzt hat mich die Hektik des Alltags wieder im Griff.

20 Uhr abends (29 Stunden wach)

Ich könnte nun sofort einschlafen und bin todmüde. Von der Energie, die ich tagsüber hatte, ist nichts mehr übrig. Ich bin aber noch ein Stück von meinem Ziel von 34 Stunden entfernt. Freunde wollen sich in der Stadt treffen, meine FOMO meldet sich, also probiere ich, noch etwas durchzuhalten.

Mitternacht (33 Stunden wach)

Wir haben uns in den Park gesetzt und einen ruhigen und gemütlichen Abend verbracht. Als es zu kalt wurde und zu nieseln begann, sind wir aufgebrochen. Ich bin überrascht, wie viel ich heute (und gestern) gemacht habe und kann mir durchaus vorstellen, demnächst in den Urlaub zu fahren – je nachdem, wie es mir die nächsten Tage geht. Jetzt falle ich aber erst einmal ins Bett.

Fazit

Es ist jetzt Mittag am nächsten Tag, bis 11 Uhr habe ich etwa geschlafen. Der Versuch, gleichzeitig mit meiner Verstimmung auch meinen verkorksten Tag- und Nachtrhythmus zu kurieren und mich langsam an eine "normale" Aufstehzeit zu gewöhnen, ist also ganz offensichtlich fehlgeschlagen. Da ich so lange wach war, bin ich mir aber nicht allzu böse, dass ich meine Wecker verschlafen habe.

Kurz nach dem Aufstehen war ich zwar schlecht gelaunt, aber das hat sich schneller gelegt als an den Tagen davor. Ich fühle mich OK, aber nicht mehr ganz so gut wie gestern. Wenn ich ein Fazit abgeben müsste, würde ich behaupten, dass der Schlafentzug durchaus etwas verändert hat. In Artikeln ist oft die Rede davon, dass die Zeit des Schlafentzugs mit Leichtigkeit zu bestreiten ist, das würde ich nicht ohne Einschränkung unterschreiben. Am Morgen ging es mir zwar richtig gut, ich war fast euphorisch, doch im Laufe des Tages ist mein Energie-Level gesunken. Meine Stimmungsschwankungen sind aber in den Hintergrund gerutscht, fast so, als ob ich keine Ressourcen dafür aufbringen könnte, mich schlecht zu fühlen.

Eine Woche später

Es ist jetzt ziemlich genau Mitternacht, aber das ist auch egal, denn es ist bereits eine Woche her, dass ich die Amateur-Wachtherapie gemacht habe, und wie erwartet bin ich dadurch nicht zum Frühaufsteher geworden. Es geht mir momentan gut, fast so wie vor meinen Stimmungstiefs.

Mein Selbstexperiment ist nun dadurch eingeschränkt, dass ich nicht – wie Patienten und Patientinnen in einer Klinik – seit Monaten mit schweren Depressionen kämpfe. Etwas länger als eine Woche habe ich es morgens nicht aus dem Bett geschafft und konnte mich nicht für Dinge motivieren, die mir normalerweise Spaß machen. Das ist nichts im Vergleich zu einer schweren Depressionsphase. Da es nicht lange her ist, dass ich mich normal gefühlt habe, kann ich meine Erfahrungen nach dem Schlafentzug aber gut mit meinem Alltag vergleichen. An einem regulären Abend habe ich keine Probleme, mir Dinge zu merken, Gesprächen zu folgen und nicht einzuschlafen, wenn ich mich kurz auf die Couch lege.

Spät am Tag blühe ich normalerweise auf, bekomme einen Energieschub und kann, ohne Pausen zu machen, arbeiten. Das war nicht der Fall. Dafür war der Morgen nach dem Schlafentzug ungewohnt für mich, denn in der Früh schlafe ich meist oder bin müde. Die Nacht durchzumachen, hat sich nicht als Wundermittel erwiesen und alle meine Probleme beseitigt. Verschlechtert hat sich aber auch nichts. Der Schlafentzug hat mir einen kurzen Push gegeben, der mir gezeigt hat: Es geht auch anders.

Bei psychischen und gesundheitlichen Problemen sollte man Selbstexperimente auf ein Minimum reduzieren und sich besser professionell beraten und behandeln lassen. Wer also mit dem Gedanken spielt, auch mal eine Nacht durchzumachen, dem empfehle ich, mit einem Therapeuten oder einer Psychiaterin darüber zu sprechen.

Wenn du unter Depressionen oder suizidalen Gedanken leidest, wende dich an Bezugspersonen und suche dir professionelle Hilfe. In Krisensituationen kannst du dich in Deutschland an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 wenden, in Österreich an die Nummer 142 und in Schweiz an die 143. Den notfallpsychologischen Dienst erreichst du hier unter 0699 18 85 54 00.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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