Träume

Wenn dich ein geliebter Mensch nach seinem Tod im Schlaf besucht

Elf Personen aus der ganzen Welt haben uns ihre herzzerreißenden Träume erzählt.

von Roc Morin
30 Jänner 2018, 9:01am

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Nachdem meine Großmutter Cecile gestorben war, begann sie, in den Träumen meines Großvaters Leonard aufzutauchen Sie waren die beiden einzigen Menschen auf einer wunderschönen Tropeninsel. Mit 84 war Cecile an einem Schlaganfall im Krankenhaus gestorben, aber hier im weißen Sand waren beide wieder jung. Sie strahlte wie am ersten Tag, als sie sich kennengelernt hatten.

"Wir sollten niemandem von diesem Ort erzählen", sagte Leonard zu seiner Frau, während sie am Ufer entlangspazierten. "Sonst wimmelt es hier vor Touristen."

Erst als er seine Hand nach ihr ausstreckte, erkannte Leonard, dass alles nur ein Traum war. Zwischen ihnen eine unüberwindbare, unsichtbare Barriere. Immer wenn er sie berühren wollte, stieß er dagegen. Es war, als würde sich zwischen ihnen eine unzerbrechliche Glaswand befinden.


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Jahre später fing ich an, Träume aus aller Welt für meinen World Dream Atlas zu sammeln. Dabei tauchte immer wieder das Thema aus dem Traum meines Großvaters auf. Offensichtlich neigt der menschliche Geist dazu, Metaphern zu konstruieren, wenn er sich mit der Unbegreiflichkeit des Todes konfrontiert sieht. Den Dahingeschiedenen begegnet man oft an isolierten und idealisierten Orten. Die Verstorbenen sind in den Träumen häufig lebhaft, jung und leiden nicht länger an Krankheit und Vergänglichkeit. Allerdings sind die Toten fast immer unerreichbar. Sie können aus unterschiedlichsten Gründen nicht berührt werden. Sie sind flüchtig, ständig sind sie kurz davor, wieder zu verschwinden.

Elf Menschen erzählen, wie sie den Tod ihrer Liebsten in Träumen verarbeitet haben.

"Ich war einmal Musiker in Amerika: New York, Chicago, San Francisco. Vor mehreren Jahren bin ich abgeschoben worden und jetzt lebe ich in diesem Park. Diese Bank ist mein Wohnzimmer, hinter der Statue befindet sich mein Schlafzimmer. Ich kann hier gut schlafen, solange die Kinder mich nicht mit Steinen bewerfen. Meistens träume ich von meiner Vergangenheit, meiner Familie. Mein Vater – möge er in Frieden ruhen – war mein bester Freund. Ich war 18, als er starb. Er hatte 1968 versucht, auf einem Floß von Kuba zu fliehen, und ist dabei im Meer ertrunken. Ich habe einmal geträumt, dass ich bei ihm war, als das Floß sank. Er hat noch versucht, mich zu retten. Wir sind zusammen gestorben." – Havanna, Kuba

"Nachdem mein Mann gestorben war, habe ich ihn in einem Traum gesehen. 'Komm mit', sagte er zu mir. 'Als du lebendig warst, hast du mich nie irgendwohin mitgenommen, warum denn jetzt?', entgegnete ich. 'Warum redest du so viel? Komm mit mir', war seine Antwort. Ich war so glücklich. Ich erlaubte mir nicht, die Augen zu öffnen. Für immer wollte ich in diesem Traum bleiben." – Mumbai, Indien

"Meine Mutter ist vor mehreren Jahren gestorben. Seitdem ist sie immer mal wieder in meinen Träumen erschienen. In einem Traum ließ sie mir eine Anleitung da. Es war ein Buch, in dem das Geheimnis des Lebens stehen sollte. Ich würde darin die Antworten auf alle meine Fragen finden, sagte sie mir. Allerdings musste ich versprechen, dass ich es nicht sofort lese. Eine Seite pro Jahr, nicht mehr. Nachdem sie wieder verschwunden war, las ich sofort das ganze Buch in einem Rutsch durch. Als ich fertig war, war ich unglaublich enttäuscht. Es stand überhaupt nichts Erhellendes drin. Nichts davon hatte irgendeine meiner Fragen beantwortet. Nichts davon war besonders tiefgründig gewesen. Es waren einfach sonderbare und banale Dinge. Dann erkannte ich aber, dass ich den eigentlichen Sinn dahinter nicht verstanden hatte. Der Sinn war, dass der ungelesene Teil viel wichtiger als der gelesene war. Der Sinn war, dass einem das Unbekannte Angst macht. Gleichzeitig ist das Unbekannte aber notwendig, damit Hoffnung überhaupt existieren kann. Die Hoffnung lebt im Unbekannten. Sie hatte mir das Buch gegeben, um mir Hoffnung zu geben." – Montague, USA

"Mein Mann ist vor einem Jahr an Nierenversagen gestorben. Er hatte zu hart gearbeitet und zu viel getrunken. Nach seinem Tod konnte ich unsere Tochter nicht von meinem Kellnerinnengehalt ernähren, also wurde ich Prostituierte. Es ist so schwer, allein zu sein. Manchmal allerdings kehrt mein Mann in meinen Träumen zu mir zurück. Er sieht gut aus. Er ist so stark und gesund wie früher, als wir uns kennengelernt haben. Immer redet er, aber ich kann nicht verstehen, was er sagt – egal, wie sehr ich mich anstrenge. Es ist einfach eine lange Aneinanderreihung von Wörtern ohne Bedeutung." – Pattaya, Thailand

"In Afghanistan wurde einer meiner Freunde von seinem besten Freund getötet. Ein Schuss hatte sich aus dessen Waffe gelöst. Als ich Monate später zurück in den USA war, träumte ich davon, dass es an der Tür klingelt. Mein Kumpel stand da und strahlte mich fröhlich an. In der Hand hielt er eine Tasche mit Übernachtungsgepäck. Er hatte einen 48-Stunden-Ausgehpass vom Himmel bekommen. Wir verbrachten das ganze Wochenende zusammen, zogen durch Bars, diskutierten und gingen mit meiner Hündin Roxy im Park spazieren. Dort trafen wir seinen besten Freund. Mein Kumpel umarmte ihn und sagte: 'Du wirst immer mein Bruder sein. Ich will nicht, dass du Schuldgefühle wegen dem hast, was passiert ist.' Dann sah ich, wie mein Kumpel sich den Hals hielt, Blut sprudelte heraus. Dann sah ich ihn in seinem Sarg. Er hatte seine Ausgehuniform an. Alles Leben war aus ihm verschwunden. Ich fing an, heftig zu schwitzen, und Tränen sammelten sich in meinen Augen. Ich wachte auf, als Roxy mir das Gesicht ableckte." – Columbus, USA

"Meine Mutter, die vor vielen Jahren gestorben ist, taucht immer wieder in Träumen auf, um mich anzuleiten. 'Du liebst Tiere', sagte sie einmal. 'Also solltest du nett zu ihnen sein. Es ist besser, Vögel singen zu hören, als sie zu essen.' Seit dieser Nacht habe ich nie wieder Fleisch angerührt." – Aït-Ben-Haddou, Marokko

"Sie mussten mich von seinem Sarg wegtragen. Am Tag danach googelte ich, wie man sich am effizientesten umbringt. Ich fühle mich schuldig für seinen Tod. Wenn ich an dem Morgen wacher gewesen wäre, hätte ich ihm sagen können, dass es regnet und er besonders vorsichtig sein soll. Das Erste, was der Arzt zu mir sagte, war, dass er einen Lastwagen getroffen hatte. Er hatte sich den Hals gebrochen. OK. Immerhin hat es ihn nicht in Fetzen gerissen. Ich sehe das Gesicht meines Mannes in den Träumen. Immer trägt er seine Arbeitsuniform. Von irgendwoher ist er zurückgekommen. Ich fühle mich dann immer so erleichtert. Es ist endlich wieder wie ein normaler Morgen. Ich versuche, etwas zu sagen, aber ich kann einfach nicht. Ich fange an, mich schwach zu fühlen, und ich weiß, dass ich sterbe. Ich sterbe an seiner Stelle und ich bin so glücklich, dass sein Gesicht das Letzte ist, was ich sehe." – Tokio, Japan

"Im Schlaf habe ich die Stimme meines toten Freundes gehört. Sehen konnte ich ihn aber nicht. 'Babu, Babu', sagte er, 'ich habe solchen Durst. Gib mir etwas zu trinken.' Plötzlich bekam ich selbst einen unglaublichen Durst. Ich lief zum See und trank. Ich trank den ganzen See aus, aber danach war ich immer noch durstig." – Devapur, Indien

"Meine Großmutter ist tot. Sie hätte das leicht vermeiden können, wenn sie nur zum Arzt gegangen wäre. Als es geschah, hat es mir das Herz gebrochen. Ich war unglaublich sauer auf sie, dass sie mich einfach verlassen hatte. Direkt nach ihrem Tod habe ich in drei Nächten nacheinander von ihr geträumt. Sie kam zu mir und wollte mich umarmen, aber ich sagte: 'Nein! Du bist verdammt noch mal gestorben und du hättest nicht sterben sollen! Lass mich in Ruhe! Seitdem habe ich sie angefleht zurückzukommen, aber sie hat es nie getan. Ich bereue es bis heute." – New York, USA

"An dem Tag, an dem mein Vater starb, habe ich von ihm geträumt. Er trieb auf einem Fluss. Ich führte seinen Körper, schob ihn durchs Wasser. Wir kamen zu einem Tempel und ich sah dabei zu, wie sich sein Körper von meinen Händen löste. Wie in einem Labyrinth bewegte er sich im Zickzack um den Tempel, bevor er schließlich durch den Eingang ins Innere ging und durch ein Loch im Boden fiel. Als ich aufwachte, war ich traurig. Ich fühlte mich aber auch erleichtert, dass ich ihm hatte helfen können, in die nächste Welt überzutreten." – Jerusalem, Israel

"Meine Mutter ist vor sieben Jahren gestorben. Danach habe ich viel von ihr geträumt. Es klingt vielleicht bescheuert, aber es fühlte sich an, als würde sie mich in meinem Träumen besuchen, um zu sehen, wie es mir geht. An einen Traum kann ich mich besonders gut erinnern. Ich hatte gerade von einer Studie gehört, in der die glücklichsten und die deprimierendsten Städte der USA aufgezählt wurden. Der deprimierendste Ort zum Leben war Detroit, der glücklichste Boulder in Colorado. Ein paar Nächte später habe ich davon geträumt, dass ich mit meiner Mutter skype. Ich weinte, weil ich sie so lange nicht gesehen hatte. 'Wo warst du? Ich habe dich vermisst! Ich habe mir solche Sorgen gemacht!', sagte ich zu ihr. Sie schaute mich an und antwortete: 'Ich bin in Boulder, Colorado.'" – New York, USA

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This article originally appeared on VICE US.