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Auftragsmorde, Hurtcore, Drogen: Eine Reise in die dunkelsten Abgründe des Darknets

Die Autorin Eileen Ormsby ist in die Drogenmärkte und Mordseiten des Darknets eingetaucht. Wir haben mit ihr über Schlüsselfiguren, Risiken und die Zukunft des Netzwerks gesprochen.

von Max Daly
20 März 2018, 10:23am

Foto: PxHere | Public Domain

Im Februar wurde der 29-jährige Cambridge-Abgänger Matthew Falder zu 32 Jahren Gefängnis verurteilt. Die 137 Verbrechen, die der Brite gestanden hat, umfassen unter anderem Erpressung, Voyeurismus, die Produktion und den Besitz anstößiger Fotos von Minderjährigen sowie Anstiftung zur Vergewaltigung eines Kleinkindes. Als Teil einer sadistischen Community hatte Falder Fotos und Videos seiner Taten mit Gleichgesinnten im Darknet geteiltmit Gleichgesinnten im Darknet geteilt. Durch den Prozess wurde die "Hurtcore"-Szene einer breiten Öffentlichkeit bekannt und zeigte uns einmal mehr, dass das Darknet neben reich bestückten Drogenmärkten und großen Freiheiten auch unvorstellbaren Horror bereithält.

In genau diesen düsteren Schlund war die Journalistin und Bloggerin Eileen Ormsby hinabgestiegen, bis in die abstoßendsten Ecken des Internets. Das neue Buch der Australierin, The Darkest Web, ist eine Geschichte über Reisen auf Drogenbasare und Angebote für Auftragsmorde. Einige der Schlüsselfiguren hat sie sogar persönlich getroffen.

Ich habe mich mit Eileen über ihren Ausflug auf die dunklen Seiten des Internets unterhalten.


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VICE: Wie wichtig ist Verschwiegenheit in der Darknet-Community?
Eileen Ormsby: Anonymität ist im Darknet hochheilig. Doxxing, also das Herausgeben persönlicher Informationen anderer, gilt dort als eines der schlimmsten Vergehen. Das Darknet stellt einen Ort bereit, an dem sich die Mitglieder einen Namen und eine Identität geben können, die zu ihrer eigenen wird. Sie gehen davon aus, dass niemand sie im echten Leben identifiziert und ihr virtueller Treffpunkt niemals abgeschaltet wird. Es herrscht ein starker Gemeinschaftssinn. Diese Umstände ermöglichen es Gleichgesinnten, auch aus verabscheuungswürdigen Motiven zusammenzukommen – immer in dem Bewusstsein, dass sie niemand zurückverfolgen kann.

Ist die Darkweb-Gemeinschaft vom echten Leben abgeschnitten?
Unsere Leben spielen sich mittlerweile so sehr online ab, dass die Online-Welt die reale Welt ist. Es gibt dazwischen keine Grenze mehr. Was das Darknet besonders macht, ist der Mantel der Verschwiegenheit. Er bringt manche Menschen dazu, Dinge zu tun, die sie woanders nicht tun würden oder könnten. Das kann auch etwas Gutes sein. Das Darknet gibt Menschen eine Stimme, die normalerweise keine hätten. Es wird von Whistleblowern oder Menschen genutzt, die in Ländern mit repressiven Regimen leben.

Es kann Menschen allerdings auch dazu bringen, Dinge zu tun, die sie im echten Leben wirklich niemals tun oder zugeben würden. Der Computer-Nerd, der noch nie jemandem in seinem Leben geschlagen hat, kann plötzlich zum Gangsterboss werden. Die Menschen im Darknet jagen einem körperlich nicht so viel Angst ein wie die Menschen in der kriminellen Unterwelt. Wenn du per Knopfdruck einen Mord in Auftrag geben kannst, musst du vielleicht auch gar nicht eingeschüchtert sein.

"Es ist unbegreiflich, wozu Menschen fähig sein können. Wirklich erschreckend ist aber, wie normal sie zu sein scheinen."

Du hast dich auch mit "Lux", aka Matthew Graham, beschäftigt – dem jungen Mann, der aus seinem Kinderzimmer heraus einige der schlimmsten Pädophilen- und "Hurtcore"-Seiten des Darknet betrieben hat. Du warst bei seiner Anhörung 2016 dabei, als der Richter ihn als das "pure Böse" beschrieb. Welchen Eindruck hattest du von ihm?
Er war vor allem ein erbärmlicher, trauriger kleiner Junge ohne Freunde. Sozial war er total unfähig. Er hatte eine Menge Probleme und das war seine Art, wichtig und ein Jemand zu sein. Im Grunde war er aber ein erbärmlicher Verlierer. Die ganze Sache wäre fast tragisch, aber er war so verabscheuungswürdig in seinen Taten, dass du mit ihm kein Mitleid haben kannst. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass seine Eltern wussten, was er da tat. Ich habe seinen Vater in diesen Verhandlungen gesehen – einen gebrochenen Mann, der sich anhörte, was sein Sohn direkt vor seiner Nase getrieben hatte. Es war niederschmetternd.

Was für Menschen sind in diesen "Hurtcore"-Communitys?
Es ist unbegreiflich, wozu Menschen fähig sein können. Wirklich erschreckend ist aber, wie normal sie zu sein scheinen. Du würdest denken, dass du ihnen das Abgründige irgendwie ansiehst, aber sie machen den Eindruck rationaler und intelligenter Menschen, denen es nicht unbedingt an sozialen Fähigkeiten mangelt.

Gibt es eine Gemeinsamkeit, die Menschen verbindet, die im Darknet aktiv sind?
Du musst technisch schon ein bisschen versiert sein. Es sind eher Menschen mit Bürojobs oder Akademiker, überwiegend männlich, größtenteils aus westlichen englischsprachigen Ländern – vor allem USA, Europa und Großbritannien. Die meistverwendete Sprache im Darknet ist Englisch, aber mittlerweile gibt es dort auch eine Menge russischsprachiger Foren.

Du hast dich bei der berüchtigten Besa Mafia eingeschlichen, der größten Auftragsmorde-Seite des Darknets. Was ist da passiert?
Besa Mafia war eine schick aufgemachte Seite, die viele Menschen im Darknet für authentisch hielten. Mithilfe ein paar gehackter Dateien, die mein britischer Freund Chris Monteiro im Internet gefunden hatte, haben wir uns Zugang zur Datenbank und Inbox der Seite verschafft. Es wurde etwas unheimlich, als der Betreiber der Seite anfing, mir Gewalt anzudrohen. Er schien, nervös zu werden.

"Etwa 25 Personen hatten Besa Mafia Tausende Dollar in Bitcoin gezahlt, damit jemand umgebracht wird."

Du hast in der Datenbank eine Liste mit echten Menschen gefunden, die andere tot sehen wollten. Was hast du damit gemacht?
Etwa 25 Personen hatten Besa Mafia Tausende Dollar in Bitcoin gezahlt, damit jemand umgebracht wird. Es waren größtenteils Ehepartner oder abgewiesene Liebhaber – ein Mix aus Männern und Frauen aus der ganzen Welt. Monteiro und ich haben die Polizei kontaktiert und ihr einen Link zur Datenbank geschickt.

Die Beamten haben sehr langsam reagiert. Immer wieder haben sie uns gesagt: "Wen interessiert's, das ist doch ein Scam." Aber der Punkt war, dass diese ganzen Menschen große Summen echtes Geld gezahlt hatten, um Morde ausführen zu lassen. Als Dank für seine Mithilfe brach die britische National Crime Agency auch noch Monteiros Tür ein. 48 Stunden war er in Haft, bevor die Polizei erkannte, was sie angerichtet hatte.

In deinem Buch gehst du auch intensiv auf den stillgelegten Darknet-Marktplatz Silk Road ein. Was sagst du dazu, dass Gründer und Betreiber Ross Ulbricht Morde in Auftrag gegeben haben soll?
Mehrere Jahre lang glaubte ich wirklich an Ulbrichts Vision des Darknet-Marktplatzes Silk Road. Als die Polizei nach seiner Festnahme verkündete, dass er nie ausgeführte Auftragsmorde veranlasst haben soll, glaubte ich das erstmal nicht. Ich hielt das für Gerede der US-Regierung, um die Leute gegen ihn aufzubringen, weil er ja so gefeiert wurde.

Herauszufinden, dass es diese Aufträge wirklich gegeben hat, war niederschmetternd. Ich redete mir ein, dass er keinen anderen Ausweg gesehen hatte oder so. Eine Tatsache bleibt aber bestehen: Ulbricht hat sich immer als friedlichen, liberalen Menschen inszeniert, der einen gewaltfreien Raum zum Drogenkauf geschaffen hatte. Und trotzdem war er zum Schutz seines Imperiums bereit, Gewalt einzusetzen. Enttäuschend.

Was würdest du Leuten raten, die zum ersten Mal im Darknet unterwegs sind?
Außerhalb der etablierten Märkte ist es sehr wahrscheinlich, dass du trotz Bezahlung nichts geliefert bekommst. Darknet-User müssen ständig auf der Hut vor Phishing-Seiten sein, die es auf Bitcoin-Accounts abgesehen haben.

Es ist unglaublich wichtig, sich umfassend zu informieren und ein Gefühl dafür zu bekommen, was echt ist und was nur Abzocke. Wenn du im Darknet unbedacht auf den erstbesten Link klickst, fällst du mit großer Sicherheit auf eine Phishing-Seite rein. Im Allgemeinen solltest du dort sowieso nie auf unbekannte Links klicken, denn so stößt du schnell auf Dinge, die du leider nie wieder vergisst.

"Das goldene Zeitalter von Silk Road ist wohl vorbei. Heute sind die Drogen-Märkte viel kleiner und dezentraler. Niemand traut mehr anderen Usern."

Sind die Darknet-Drogenmärkte in den letzten Jahren wirklich chaotischer geworden?
Das goldene Zeitalter von Silk Road ist wohl vorbei. Die Märkte, die danach kamen, waren zwar größer, aber niemanden scherte es, was die User dort verkauften. Viele Verkäufer hörten einfach auf, als sie genug Geld gemacht hatten. Dazu kamen die vielen Razzien.

Heute sind die Märkte viel kleiner und dezentraler. Niemand traut mehr anderen Usern, niemand will Bitcoins treuhänderisch verwalten lassen. Das System, das damals bei Silk Road so perfekt funktioniert hat, passt nicht mehr. Die Integrität und die Stabilität von damals sind weg. Ulbricht versuchte, Silk Road so ehrlich wie möglich zu betreiben. Die Käufer und Verkäufer bedeuteten ihm etwas.

Auch Bitcoin wäre ohne Silk Road niemals da, wo es heute ist. Der Darknet-Markt hat gezeigt, wie nützlich eine stabile und dezentrale Krypto-Währung wirklich ist.

Verlieren Online-Drogenmärkte in Zukunft wieder an Bedeutung?
Wenn User zu oft abgezogen werden oder die Sache zu kompliziert wird, kaufen sie ihre Drogen mit Sicherheit wieder auf die alte Weise. Ein kleiner Kern an Verkäufern wird sich meiner Meinung nach aber trotzdem halten und erfolgreich bleiben – vor allem bei weicheren Drogen wie Cannabis, MDMA oder LSD.

Befürworter des Darknets beschreiben das Netz als lebhaften Raum der Online-Freiheit und Privatsphäre. Ist das nur eine Ausrede?
Ich finde, wir sind nicht paranoid genug. Jedes Mal, wenn du auf einen Link im normalen Internet klickst, merkt sich das ein Algorithmus und du gibst einen weiteren kleinen Teil von dir preis. Diese Daten verkaufen die Verantwortlichen dann teuer weiter.

Meiner Meinung nach lässt sich diese Entwicklung auch nicht mehr rückgängig machen. Kinder und Jugendliche kennen so etwas wie Privatsphäre ja schon fast nicht mehr. Sie stellen alles ins Internet, für sie ist das normal. Wir wissen nicht, wie viel man hinter den Kulissen über uns sammelt oder wie diese Informationen in Zukunft genutzt werden.

"Wir leben in einer Welt ohne Privatsphäre – ohne es zu merken."

Wo siehst du das Darknet in Zukunft?
Meiner Meinung nach leben wir in einer Welt ohne Privatsphäre – ohne es zu merken. Vielen Menschen ist es aus Bequemlichkeit egal, wenn sie persönliche Daten preisgeben. Ich glaube aber, dass bald eine größere Bewegung kommen wird, die die Kontrolle über diese Daten zurückhaben will. Manchen Leuten ist dieses Thema nämlich nicht egal. Datenschutz-Applikationen aus dem Darknet werden Einzug in unseren technischen Alltag finden, damit wir selbst entscheiden können, wie viel von uns wir mit der Welt teilen wollen.

Was ist deiner Meinung nach die beste Seite im Darknet?
Ich kann den Namen hier nicht verraten, aber ich bezeichne die Seite immer als kleine Darknet-Ecke der Regenbogen und Fröhlichkeit. Dort kommen Psychedelika-Fans zusammen, um ganz friedlich über Gott und die Welt zu plaudern.

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