The Burnout and Escapism Issue

Sucht, Babys und wahre Liebe: Fotos aus dem Alltag junger Frauen in Armut

Brenda Anne Kenneally fotografiert Mädchen und Frauen, denen im Leben nichts geschenkt wird.

von Brenda Ann Kenneally
11 Februar 2019, 9:24am

Kayla Stocklas (links) und Chantelle sind seit neun Jahren zusammen und haben sich schon mindestens 20-mal getrennt. Bei Kayla führt dieses Beziehungsmuster zu ernsten Gesundheitsproblemen: Sie war in Therapie und bekam Antidepressiva verschrieben. Kayla und Chantelle sagen, sie seien abhängig voneinander. Troy, New York, 2011

Aus der Burnout and Escapism Issue.

Meinen ersten Schluck Hochprozentiges trank ich mit zwölf Jahren. Ich verlor das Bewusstsein. Laut der Familien-Folklore trat ich damit in die Fußstapfen meines Vaters und Großvaters – beide wollen früh angefangen haben, sich die Lichter auszuschießen.

Mein erster Freund hatte was mit dem Mädchen aus dem Gemischtwarenladen angefangen, mit dem Wodka aus der Speisekammer wollte ich mich betäuben. Es war gar nicht so sehr der Verlust des Jungen, der mich schmerzte: Ich war verliebt, und dieses schöne Gefühl wollte ich nicht verlieren. Schon bevor ich anfing zu trinken, war ich mir sicher, dass mir im Leben vieles verwehrt bleiben würde. Es machte mir Angst, wie trostlos die Existenzen um mich herum aussahen: eine flache Linie von der Wiege bis zur Bahre.

Auf Alkohol war, zumindest eine Zeit lang, mehr Verlass als auf die Liebe. Ich sah eine grenzenlose Zukunft vor mir, selbst als ich die Highschool abbrach oder wenn ich mal wieder Ärger mit den Cops hatte. Zwei Jahre, zwei gescheiterte Ehen und zu viele vergessene Nächte später sagte mir Maureen, meine Sponsorin von den Anonymen Alkoholikern: "Ein Alkoholiker ist ein Mensch, der versucht, ein Loch in seiner Seele zu stopfen." Mir wurde klar: Nichts Physisches würde das jemals schaffen. Ohne diese Erkenntnis nehmen wir mehr und mehr, womöglich bis in den Tod. Bei den AA hieß es immer, ich könne anderen helfen, sobald ich trocken sei. Andere in meinem Umfeld schienen ihr Leben gerade so zu ertragen. Es erfüllte mich mit Demut, dass jemand mir zutraute, daran etwas zu ändern. Dass jemand fand, ich hätte das Zeug zum vollwertigen Menschen.

Seither habe ich zwei Bücher veröffentlicht, beide sind unter anderem meiner Sponsorin gewidmet. Die folgenden Porträts junger Frauen stammen aus meinem neuen Buch, Upstate Girls.

Ich war seit 16 Jahren trocken, als ich junge Menschen aus Upstate New York kennenlernte, die ähnlich aufwuchsen wie ich damals. Ihre Leben mitzuerleben, wurde für mich zu einer geistigen Droge. Statt Flaschen zu leeren, saugte ich Wahrheit auf. Früher suchte ich Klarheit in der chemischen Abhängigkeit, heute sehe ich durch mein Objektiv scharf. Ich erkenne, was uns auf Abstand hält. Die Löcher in unseren Seelen, die wir mit dem nächstbesten Stoff füllen. Und ich fühle die Euphorie, wenn ein Foto das Einzige einfängt, das Seelen wirklich heilen kann: Liebe.

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Big Jessie ein paar Wochen nach ihrer Entlassung aus der Haft, 2005
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Big Jessie während ihres Hausarrests, 2004
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Big Jessie und ihre Mutter Terri. Troy, New York, 2007

"Big" Jessie Schubart hatte keine Vorstrafen, als sie versehentlich ein leerstehendes Gebäude in ihrem Viertel in Brand setzte. Sie bekam Hausarrest, doch dann wurde sie mit Freunden in einer verlassenen Schule erwischt und musste für zehn Monate ins Gefängnis. Dort diagnostizierte man bei ihr Trennungsangst, eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Depressionen. Big Jessies Vater war Alkoholiker, doch mit der Hilfe seiner Kirche war er trocken geworden und hatte das Sorgerecht für Jessie und ihre Schwester Dana zurückgewonnen. Die Trennung von ihrem Vater hatte Jessie so sehr getroffen, dass sie Beruhigungsmittel brauchte und Sozialhilfe für behinderte Menschen bekam. Nach der Haft wurden die Kirche und der strenge Glaube ihres Vaters zu einem wichtigen Teil ihres Lebens.

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Andi-Lynne mit zwölf Jahren
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Andi-Lynne mit 15 Jahren, in der Woche ihrer Entlassung aus dem Gruppenheim. Troy, New York, 2007
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Andi-Lynne während ihrer letzten Schwangerschaft. Troy, New York, 2014
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Andi-Lynne zeigt ein FaceTime-Bild von ihrer Tochter, dem jüngsten ihrer Kinder. Das Sorgerecht hat sie aufgrund ihrer Ecstasy-Sucht verloren

Als sie zum ersten Mal in ein Gruppenheim kam, wurden bei Andi-Lynne Cavanaugh PTBS, eine Angststörung und Depressionen diagnostiziert. Sie bekam Antidepressiva. Nach drei Monaten zog sie zu ihrer Stiefschwester Kayla Stocklas. Andi-Lynnes Mutter und ihr Stiefvater stritten viel, wenn sie zu Hause war, daher hielt ihre Mutter das für das Beste. Heute ist Andi-Lynne 28 und hat drei Kinder. Während sie 2017 in einer von Missbrauch geprägten Beziehung lebte, wurde sie süchtig nach Ecstasy und verlor das Sorgerecht für ihre Tochter an deren Vater. Aktuell versucht sie, ihre Depressionen mit Therapien zu besiegen. Sie wohnt mit ihren zwei Söhnen bei ihrem Freund, der das Sorgerecht für die beiden hat.

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Tony Stocklas im Laufe der Jahre – 2007, 2014 und 2018
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Wie ihre eigene Mutter bekam Kayla Stocklas mit 17 ihr erstes Kind. Kaylas Sohn Tony wurde schon nach Wochen zum ersten Mal vom Kindergarten suspendiert. Am Ende des Jahres hatte er mehrere Diagnosen: PTBS, bipolare Störung, ADHS, oppositionelle Verhaltensstörung. Er musste in eine Sonderklasse und bekam Medikamente verschrieben. Call of Duty: Black Ops wurde sein ständiger Begleiter, also bestrafte ihn seine Mutter bei jeder Suspendierung mit einem Videospielverbot. Im Frühling 2010 drohte Tony deshalb, aus dem ersten Stock zu springen. Er kam in ein Krisenzentrum, die Dosierung seiner Medikamente wurde überprüft. Auch heute verbringt Tony den Großteil seiner Freizeit mit Call of Duty. Manchmal weigert er sich, zur Schule zu gehen, damit er spielen kann. Seine jungen Tanten und Onkel sind fast allesamt Gamer, im Haus laufen oft zwei oder drei Spiele gleichzeitig. Deswegen leidet Tony sehr, wenn er selbst mal wieder Spielverbot hat.

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Chantelle sitzt im Auto und hält eine Urne mit der Asche ihrer Tante Corrina Lee Cota, bei der sie zum Teil aufgewachsen ist. Corrina war für Chantelle wie eine zweite Mutter
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Terri Lyn Secore und ihr Freund. Bei Terri Lyn wurden eine bipolare Störung und Depressionen diagnostiziert, jahrelang kämpfte sie mit ihrer Crack-Abhängigkeit. Zuletzt war sie ein Jahr lang clean. Sie lebte bei ihrem Vater in Plattsburgh im Staat New York, wo auch ihr Schmerztherapeut wohnte, doch dann kehrte sie nach Troy zurück, um bei ihrer Tochter Chantelle zu sein. Oft fand Terri Lyn keine Mitfahrgelegenheit zu ihrem Arzt und kaufte deshalb auf der Straße Drogen gegen ihre Schmerzen. Am 16. Mai 2018 starb Terri Lyn im "Pigeon Park" in Troy, einem Treffpunkt für Leute von der Straße. Sie hatte mit Fentanyl versetztes Heroin gezogen. Chantelle, die unter anderem in Pflegeeinrichtungen aufgewachsen ist, war am Boden zerstört. Ihre Mutter war ihre letzte lebende Angehörige.

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Kandice in ihrem Zimmer im Haus ihrer Mutter. Troy, New York, 2011
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Ein Restebeutel von Dunkin’ Donuts
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Ein gerahmtes Poster lehnt an der Wand
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Kandice kommt 2012 nach der Geburt ihres ersten Kindes, Brayden, aus dem Krankenhaus heim zu ihrer Mutter

Kandice hat einen anderen Vater als die meisten ihrer Geschwister und fühlt sich deshalb wie eine Außenseiterin. Als sie zwölf war, bekam ihr Vater das alleinige Sorgerecht. Sie lebte bei ihm, bis sie 18 war, doch die Trennung von ihrer Mutter fiel ihr schwer. Vorübergehend landete sie in einer Krisenstelle für Menschen, die sich selbst verletzen könnten. Bei ihrem Vater bekam Kandice eine strenge katholische Schulbildung und Erziehung – ein großer Kontrast zum chaotischen Leben bei ihrer Mutter und dem Rest ihrer Familie. Als sie bei ihrem Vater auszog, genoss sie dieselben Freiheiten wie ihre Geschwister. Sie suchte sich ihren ersten Job und ihren ersten Freund, bekam ein Baby von ihm. Ihren Lohn aus dem Fastfood-Lokal sparte sie für ein Flugticket nach Tennessee, um eine alte Schulfreundin zu besuchen. Kandice ist die erste in ihrer Familie, die mit einem Flugzeug geflogen ist.

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Lawrence schläft in seinem Bett. Troy, New York, 2007
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Madison sitzt in ihrer Burger-King-Uniform auf ihrem Bett. Troy, New York, 2018
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Madison steht mit freiem Oberkörper in ihrem Zimmer. Troy, New York, 2018

Lawrence lernte ich kennen, als er zwölf war. Er lebte damals mit seiner Mutter und zwei Schwestern in einem Obdachlosenheim. Sie hatten im selben Viertel gewohnt wie die meisten Familien aus meinem Buch Upstate Girls – bis schwerer Regen das Dach ihrer Wohnung zum Einsturz gebracht hatte. Mit 15 hatte Lawrence seinen ersten Freund, acht Jahre später begann er seine Transition zu Madison. Lawrences Familie war 75 Mal obdachlos, bevor sie endlich eine feste Wohnung bekam – dort kam Madison zum Vorschein. Lawrence sei ein "riesiges Miststück" und sehr unglücklich gewesen, erzählt Madison heute. Erst durch ihre Selbstfindung habe sie ihr Übergewicht verloren.

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