Ein Tag im besten Flughafen der Welt

Im Changi-Airport von Singapur gibt es Kinos, Karaoke und Cocktails, bis du nicht mehr kannst. Ich habe versucht, alle Annehmlichkeiten in nur fünf Stunden auszuprobieren.

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15 Jänner 2019, 8:53am

Foto: Kris Mok

Mit einer Fläche, die nicht einmal doppelt so groß ist wie Wien, gehört Singapur zu den kleineren Ländern dieser Welt. Was dem südostasiatischen Staat an Größe fehlt, macht er allerdings durch Reichtum, florierenden Tourismus und Rekorde brechende Gebäude und Bauten wieder wett. In Singapur steht die erste Doppelhelix-Brücke der Welt, es gibt dort den größten hochgelegenen Pool – das bauliche Kronjuwel ist aber ohne Zweifel der riesige Flughafen Changi.

Zum sechsten Mal in Folge hat Skytrax, das führende Unternehmen für Flughafen-Bewertungen, Changi im vergangenen Jahr zum besten Flughafen der Welt gekürt. Der Airport gehört aber auch zu den meistgenutzten: 2017 nutzten über 62 Millionen Passagiere das wichtige Drehkreuz zwischen Europa und Südostasien. Wegen all der Attraktionen, Restaurants und Shopping-Gelegenheiten könnte man aber schon fast von einem Luxus-Resort oder einer Luxus-Mall reden. Im Film Crazy Rich spielt Changi auch eine Rolle: Die Hauptdarstellerin ist ganz begeistert vom dortigen Schmetterlingsgarten und den Kinos.

Je nach persönlicher Überzeugung und dem Kontostand kann man Changi entweder als prunkvolles Highlight oder als Konsumhölle betrachten, in der die ganzen Attraktionen nur den einen Zweck haben, noch mehr Geld in die Kassen der Flughafenbetreiber zu spülen. Weil ich das Phänomen mit eigenen Augen sehen will und praktischerweise sowieso eine Reise nach Singapur ansteht, werde ich die ganzen Annehmlichkeiten einfach selbst ausprobieren.

Children drive karts around an inflatable track with Mr. Bean cartoons on the wall
Alle Fotos, sofern nicht anders angegeben, vom Autor

Um mir bei meinem Vorhaben zu helfen, stellt mir das PR-Team des Flughafens eine Begleiterin zur Seite. So muss ich mich auch nicht mit den ganzen Sicherheitskontrollen herumschlagen. Trotzdem trete ich schon eine Stunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt durch den Eingang von Changi. Ich will nämlich zuerst noch entspannt im Hawker Center des Terminals zu Mittag essen. Außerdem nutze ich meine Zeit ohne Guide, um den Mr. Bean-Vergnügungsbereich – im Wesentlichen ein quietschbunter Spielplatz mit Plastikrutschen und Gokart-Bahn für Dreiräder – und das temporäre Harry-Potter-Areal auszuchecken.

Mit vollem Magen treffe ich später auf Kris Mok, die mir in den kommenden Stunden im Flughafen mit Rat und Tat zur Seite steht. Der erste Halt ist das kostenlose Kino, in dem gerade Mission: Impossible 6 läuft. Da ich den Film bereits gesehen habe und keine Zeit verlieren will, stecke ich nur kurz meinen Kopf in den Saal. Tom Cruise hängt gerade – wie eigentlich immer – an irgendwelchen Felsen, und ich ziehe weiter in den bereits erwähnten Schmetterlingsgarten. Dort bin ich anscheinend der Einzige, der es nicht hinbekommt, dass eines der hübsch anzusehenden Insekten auf mir landet.

Nach einer kurzen Pause am nahegelegenen Koi-Karpfen-Teich und einem Zwischenstopp an einer Whiskey-Probier-Station geht es nach oben an eine lange Bar. Ihr Name überrascht: Long Bar. Dort serviert mir der Barkeeper einen Singapore Sling. Den Cocktail kann ich auch gut gebrauchen, um den nächsten Punkt auf unserem Tagesplan zu überstehen.

a wall of traditional Singaporean duplex home facades
Nach fünf Stunden muss ich einsehen: Mein Widerstand ist gebrochen

Changi wird schon lange als touristisches Highlight angepriesen. Dabei ist der Flughafen noch gar nicht fertig gebaut. So ist nicht nur ein fünftes Terminal in Arbeit, sondern auch ein riesiges "Lifestyle-Zentrum" namens Jewel. Dieses Zentrum soll drei Terminale miteinander verbinden und im Laufe dieses Jahres eröffnen – und das auch für Leute, die nicht irgendwo hinfliegen.

Kris besteht darauf, dass ich mir eine halbstündige Präsentation über Jewel ansehe, in der es von Baumodellen und Statistiken zur Parkkapazität nur so wimmelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass normalerweise nur potenzielle Investoren diese Präsentation vorgeführt bekommen. Deshalb versuche ich, so zufrieden wie möglich zu wirken, als mir erklärt wird, wie viel Geld Jewel den Touristen aus der Tasche ziehen soll. Innerlich graust es mir aber davor, dass Jewel eigentlich nur ein weiteres Abbild unserer kapitalistischen Gesellschaft sein wird. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass die geplanten Trampolin-Fußwege doch ziemlich cool aussehen.

Als das Jewel-Geschwafel endlich vorbei ist, geht es weiter ins zweite Terminal. Obwohl mein Smartphoneakku noch gut geladen ist, schwinge ich mich kurz auf eine der Fahrrad-Ladestationen und trete in die Pedale. Den dabei erzeugten Strom verbrauche ich wieder, als ich danach auf dem Kaktus-Dachgarten ein paar Fotos schieße.


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Kris führt mich daraufhin zum "Social Tree", einer Fotostation, bei der Reisende Bilder machen können, die dann auf riesigen Bildschirmen über ihnen angezeigt werden. Ich habe keine Ahnung, warum man so etwas machen sollte, aber aus Höflichkeit lasse ich mich trotzdem mit meiner Begleiterin ablichten.

Als wir im Schwimmbad des Flughafens stehen, verfluche ich mich dafür, keine Badehose eingepackt zu haben. Weil ich mir aber vorgenommen habe, hier so viel wie möglich auszuprobieren, frage ich Kris, ob ich auch in normalen Unterhosen kurz in den Pool hüpfen darf. Sie nickt und ich springe ins Wasser. Danach geht es weiter zum nächsten Terminal. Jetzt mit feuchtem Höschen.

a man stands on a playground jungle gym that is inside an airport
Foto: Kris Mok

Nach einem Spaziergang durch einen Garten mit Glasfaser-Lichtblumen bitte ich Kris, mich auf einem Dschungel-Klettergerüst zu fotografieren. Zwar will mich meine Begleiterin zunächst davon überzeugen, dass es sich bei den raumhohen Fenstern hinter dem Spielplatz um eine "Aussichtsgalerie" handelt, aber ich durchschaue ihren raffinierten Versuch, die Glasscheiben als etwas Besonderes zu verkaufen.

Der Autor auf einem Laufband
Foto: Kris Mok

Auch beim Rest der Tour jagt eine Aktivität die nächste: Erst jogge ich kurz auf einem Laufband, dann spiele ich eine Runde Ms. Pac Man, nur um direkt danach bei der Malstation mit Buntstiften zu Werke zu gehen.

Es folgen noch mehr Alkohol, ein Museum zur örtlichen ethnischen Gruppe der Peranakan, ein Film im Romeo & Julia-Stil, der auf eine Häuserfassade projiziert wird, und ein einminütiges Nickerchen im Nickerchen-Bereich des Flughafens.

Bei all dem steht mir Kris stets fröhlich zur Seite und erfüllt mir bereitwillig alle Fotowünsche. Ihr scheint es sichtlich Freude zu bereiten, dass ich alles sehen und erleben will, was mir Changi so bietet. Allerdings nähert sich unser Abenteuer langsam seinem Ende, als wir uns mit Keksen, Süßigkeiten und Trockenfleisch an den traditionellen Essensständen eindecken, die im ganzen Terminal verteilt sind.

Der Autor macht ein Nickerchen
Foto: Kris Mok

Um es zum Abschluss noch mal richtig knallen zu lassen, lege ich in einer der Karaoke-Kabinen eine kleine Gesangseinlage hin, während mir Kris geduldig zusieht. Zwar kenne ich das Lied nicht, aber ich gebe trotzdem alles und widme meiner Begleiterin am Ende noch ein wirklich aufrichtiges Dankeschön. Dabei wird mir plötzlich eine Sache klar: Trotz meiner linken Ideale und meiner anfänglichen Bedenken hatte ich im Changi-Flughafen wirklich eine Menge Spaß.

Der Autor und seine Begleiterin auf dem Riesenbildschirm

Ich fühle mich wie Winston Smith am Ende von 1984: Mein Widerstand ist gebrochen. Der Flughafen hat sich seinen Weg in mein Herz gebahnt. Und egal wie skeptisch ich solchen vor Kapitalismus nur so triefenden Bauten auch gegenüberstehen mag, eines weiß ich jetzt ganz genau: Ich werde Changi auf jeden Fall vermissen, wenn ich das nächste Mal in irgendeinem Provinz-Flughafen gestrandet bin und mit einem trockenen Acht-Euro-Brötchen in der Hand nach nicht vorhandenen Steckdosen für mein Handyladekabel suche.

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