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Eine Begegnung mit den Kannibalen von West-Neuguinea

Der australische Journalist Paul Raffaele war der erste Weiße, der von einem Menschenfleisch essenden Stamm willkommen geheißen wurde.

Mitglieder des Korowai-Stammes. Alle Fotos: bereitgestellt von Paul Raffaele

Als der 34-jährige Matthew Williams dabei erwischt wurde, wie er sich über das Gesicht einer jungen Frau hermachte, die er zuvor in sein Hotelzimmer gelockt hatte, ertönte auf der ganzen Welt ein kollektiver „Was zum Teufel ist bloß mit der Menschheit los?"-Aufschrei. Für die meisten Menschen ist Kannibalismus zwar eine der schrecklichsten Vorstellungen überhaupt, aber für einige Mitglieder des Korowai-Stammes aus West-Neuguinea gehört Menschenfleisch einfach zu ihrer Kultur dazu—so wie manche von uns nicht auf das Kebab am Ende einer versoffenen Nacht verzichten können.

2006 brach der australische Journalist Paul Raffaele zu einer Expedition auf, bei der er diesen Stamm kennenlernen und die Hintergründe der altertümlichen Rituale verstehen wollte. Paul war der erste westliche Mensch, der die Pazifizierungsgrenze überschritt, die an die Gebiete der Clans tief im Wald angrenzt. Während die Stämme weiter flussabwärts bereits mit der westlichen Kultur in Berührung gekommen sind, leben die weiter flussaufwärts befindlichen Lebensgemeinschaften noch immer komplett von der Außenwelt abgeschottet und praktizieren weiterhin die Gewohnheiten, die bei ihnen schon seit Jahrtausenden vorherrschen.

Noch nicht einmal die indonesische Polizei oder Kornelius—Pauls Fremdenführer, der schon seit Jahren bei den Korowai lebt—haben sich jemals so weit in den Dschungel hineingewagt. Grund dafür ist die Angst vor den Stämmen, die Außenstehende umbringen könnten. Nachdem Paul ein paar haarsträubende Situationen überlebt hatte, in denen er um sein Leben fürchtete, wurde er schließlich bei den Korowai willkommen geheißen und schlief die darauffolgenden Nächte Seite an Seite mit einigen der weltweit letzten Kannibalen. Ich habe mich mit Paul über seine Zeit im Dschungel unterhalten und wollte dabei wissen, wie es war, auf den obersten Krieger des Letin-Stammes zu treffen oder einen menschlichen Schädel von dem Mann zu bekommen, der das darin befindliche Gehirn verspeist hatte.

VICE: Wie bekamst du Zugang zu dem Stamm?
Paul Raffaele: Dabei half mir Kornelius, mein Fremdenführer. Er stammt ursprünglich aus Sumatra und hat die Korowai schon vor zehn Jahren besucht, um sie besser kennenzulernen. Um zu entscheiden, wie mit ihm verfahren wird, musste er eine Prüfung bestehen: Eines Abends wurde ihm etwas zu Essen vorgesetzt und gesagt, dass es sich dabei um Menschenfleisch handelt. Wenn er es isst, dann darf er bleiben; wenn nicht, dann muss er gehen. Er aß es und baute so eine enge Verbindung zu den Korowai auf.

Der oberste Krieger des Letin-Stammes ehrt Paul mit einer Willkommenszeremonie.

Wie fühlte es sich an, als erster Weißer die Pazifizierungsgrenze zu überschreiten?
Wir wollten den Letin-Stamm besuchen. Die hatten es zuvor noch nie mit Fremden zu tun gehabt. Selbst Kornelius hatte sich noch nicht in dieses Gebiet vorgewagt, weil er befürchtete, getötet zu werden. Wir gerieten in einen Hinterhalt. Wir reisten in einer Piroge [ein aus einem Baumstamm gefertigtes Kanu] auf dem Ndeiram Kabur flussaufwärts und trafen dann auf eine Gruppe nackter Männer, die mit Pfeil und Bogen herumfuchtelten.

Wir hatten sie überrascht und deshalb entschieden sie sich dazu, uns anzugreifen. Es wurde bereits dunkel und sie schrien uns an. Ich überlegte mir schon, was wir im Falle von auf uns zufliegenden Pfeilen machen könnten. Ich war bereit, in den Fluss zu springen und mich bis nach Yaniruma treiben zu lassen. Das hätte wohl ein paar Tage gedauert—wenn mich nicht vorher ein Krokodil gefressen hat.

Was ist dann passiert?
Zum Glück spricht Kornelius Korowai und konnte so mit ihnen verhandeln. Sie sagten, dass wir den Gott des Flusses beleidigt hätten und dafür jetzt bestraft werden müssten. Einer der Krieger kam immer noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet zu uns herüber gepaddelt. Wir mussten ihnen indonesische Rupiah im Wert von ungefähr 30 Dollar geben, um weiterfahren zu dürfen. Das habe ich dann gemacht und wir setzten unsere Reise flussaufwärts fort.

Kannst du uns erklären, wieso die Korowai Menschenfleisch essen?
Wenn jemand aus seinem Baumhaus fällt oder im Kampf umkommt, dann ist das für die Korowai eine klare Sache. Aber Mikroben und Keime—und davon gibt es im Regenwald zuhauf—sind ihnen nicht geläufig. Wenn jemand auf mysteriöse Weise (also an einer Krankheit) stirbt, dann glauben sie, dass daran ein sogenannter Khakhua Schuld ist, ein Hexenmeister aus dem Reich der Toten.

Ein Khakhua ergreift Besitz vom Körper eines Mannes (Frauen sind davon ausgeschlossen) und beginnt dann auf magische Art und Weise, dessen Innereien aufzuessen. Nach der Logik der melanesischen Gebote ist man nämlich verpflichtet, seine Schuld in Naturalien zu bezahlen. Anschließend muss der Khakhua ebenfalls aufgegessen werden, weil er ja auch den Verstorbenen verspeist hat. So funktioniert ihr auf Rache basierendes Rechtssystem.

Frauen des Korowai-Stammes.

Zu den ersten Korowai-Mitgliedern, die du während dieser Reise kennengelernt hast, gehörten auch die Brüder Kili-Kili und Bailom. Erzähl uns doch bitte von diesem Aufeinandertreffen.
In dieser Nacht sind wir in unserem Boot im Dorf angekommen. In einer nach oben offenen Hütte saßen wir an einem Lagerfeuer und konnten den Fluss überblicken. Aus der Dunkelheit tauchten dann zwei Männer auf, der eine in kurzen Hosen und der andere komplett nackt bis auf eine Kette aus wertvollen Schweinezähnen und einem Blatt über der Spitze seines Penis. „Das ist Kili-Kili", erklärte mir mein Begleiter, „er ist der berüchtigste Khakhua-Killer."

Sie fragten mich: „Willst du den Schädel des Mannes sehen, den wir als letztes getötet haben? Wir kannten ihn, er war ein guter Freund." Ich bejahte und sie reichten mir besagten Schädel. Ich wollte ihn eigentlich gar nicht anfassen, aber ich hatte keine große Wahl.

Wie hat er sich angefühlt?
Gruselig. Das Licht erschuf eine gespenstische Atmosphäre und der Schädel war kalt. Wie gesagt, ich wollte ihn eigentlich gar nicht anfassen, aber sonst hätte ich nicht ihr Vertrauen gewonnen. Kili-Kili ist eigentlich schon ein komischer Name für einen Mann, der 23 Menschen getötet und verspeist hat. Sie haben den Schädel oben aufgeknackt, um ans Gehirn zu kommen—ihre Leibspeise.

Wird das Menschenfleisch gekocht oder einfach nur roh gegessen?
Alles wird in einem aus Blättern und Steinen erbauten Ofen gedünstet. Das Ganze wird wie Schweinefleisch zubereitet. Die Beine werden separat abgetrennt und in Bananenblätter eingewickelt. Dann wird der Kopf abgeschnitten und der Person gegeben, die den Khakhua gefunden hat. Deshalb gehörte der Schädel auch Kili-Kili. Der rechte Arm und die rechts liegenden Rippen werden in einem Stück entfernt, genauso wie die linken Gegenstücke dazu. Ich fragte sie, wie das Fleisch denn schmecke. Obwohl immer fälschlicherweise angenommen wird, dass das Ganze wie Schweinefleisch schmeckt, hat es laut ihnen eher den Geschmack von Kasuar—ein in Neuguinea und Nordaustralien vorkommender Vogel, der wie ein Strauß oder ein Emu aussieht.

Wird der Mensch komplett verzehrt?
Nein, die Haare, die Finger- und Fußnägel sowie der Penis werden übrig gelassen. Kinder unter 13 dürfen gar kein Menschenfleisch essen, weil die Korowai glauben, dass der Verzehr des Khakhuas sehr gefährlich ist. Es sind ja immerhin böse Geister involviert und die Kinder sind noch zu verwundbar.

Kili-Kili mit Bunops Schädel—diesen Mann hat er vorher getötet und gegessen.

Kannibalismus ist neben Inzest womöglich die Sache, die bei den meisten Menschen wohl die schlimmsten Albträume hervorruft. Ist das vielleicht etwas, das wir uns über die Zeit angeeignet haben, und keine angeborene Eigenschaft unserer Spezies? Warum gibt es diese Abscheu nicht auch bei den Korowai?
Ich fragte sie, warum sie Menschen verspeisen. Sie antworteten, dass sie keine Menschen, sondern Khakhuas essen. Sie sehen Khakhuas nicht als Menschen an, obwohl es sich um ihren Bruder, ihren Onkel oder ihren Cousin handeln könnte.

Kannst du mir ein bisschen von Wa Wa erzählen?
Als wir in Kili-Kilis Dorf waren, kam Kornelius zu mir und sagte: „Es gibt hier einen kleinen Jungen namens Wa Wa, der von der Gemeinde verstoßen wurde. Nachdem seine Eltern gestorben waren, vermutete der Stamm, dass er sie als Khakhua mit schwarzer Magie umgebracht hat. Sie werden jedoch nichts unternehmen, bis er 14 Jahre alt ist." Man musste den Jungen nur kurz anschauen, um die schreckliche Angst in seinen Augen zu erkennen.

Ich habe lange mit Kornelius über die ganze Sache diskutiert. Ich kann hier nicht zu viel verraten, weil ich versprochen habe, nichts über den Aufenthaltsort des Jungen zu sagen. Er ist jedoch in Sicherheit. Normalerweise würde ich so etwas nicht durchziehen, weil ich finde, dass Kinder innerhalb ihrer eigenen Kulturkreise aufwachsen sollten. In diesem Fall war das aber etwas anderes. Seine Familie meinte zu mir, dass sein Leben in Gefahr wäre.

Wa Wa (rechts) einen Monat, nachdem er von Kornelius adoptiert wurde.

Hast du dir nicht irgendwann Sorgen gemacht, dass sie dich auch für einen Khakhua halten könnten?
Nein, denn das ist gar nicht möglich. Nur Stammesmitglieder können zu Khakhuas werden. Damals habe ich das zwar noch nicht gewusst, aber ich hatte trotzdem keine Angst. Angst vernebelt deine Sinne. In solchen Situationen ist es wichtig, mit klarem Verstand zu agieren. Man muss gewisse Signale und die Körpersprache richtig deuten können, falls es irgendwie ein Problem gibt.

Hast du dich den Korowai irgendwie verbunden gefühlt, obwohl sie mit der westlichen Kultur eigentlich so gar nichts gemeinsam haben?
Wir sind doch alles Menschen, oder? Hier ein Beispiel: In den Baumhäusern leben die Männer und die Frauen voneinander getrennt. Deshalb habe ich Agoos, meine Begleitung beim ersten Trip, gefragt, wo sie denn dann Sex hätten. Er meinte: „Wenn es uns überkommt, dann gehen wir einfach in Dschungel. Dort sind wir ungestört." Man muss bedenken, dass sie ja keine Kleidung tragen. Deshalb hakte ich nach: „Sind die Mücken dort nicht extrem nervig?" Darauf antwortete er: „Nein. Du hast dabei ja so viel Spaß, dass dir das egal ist!" Das war ein schöner Moment. Wir waren einfach nur zwei Menschen, die sich unterhielten.

Nur weil man in der Steinzeit lebt (ich wurde schon für die Verwendung dieses Ausdrucks kritisiert, aber das ist eben die akkurate Terminologie), ist man nicht gleich dümmer. Zu 90 Prozent sind sie genau wie wir. Sie verspüren Liebe, Hass, Lust und Wut. Sie sind ehrgeizig und wenn jemand zum Beispiel Führungsqualitäten besitzt, dann wird ihm auch mehr Verantwortung zugesprochen. Niemand ist weniger intelligent als ich, nur weil meine Vorfahren das Rad erfunden haben. Das ist für mich nicht wichtig.

Diese Menschen konnten einfach nur nicht so wie wir die Vorteile der interkulturellen Vermischung genießen. So sind wir zum Beispiel durch die Seidenstraße an Seide aus China gekommen. Wir hatten auch keine Ahnung von Mathematik, bis die Araber uns darüber aufklärten.

Wären wir in Stämmen abgeschottet von der Außenwelt im Regenwald aufgewachsen, würden wir uns jetzt genauso verhalten. Das menschliche Gehirn bleibt eben das menschliche Gehirn.

Verspeist der Stamm der Korowai heute immer noch Menschen?
Das kann ich nicht sagen, weil ich dort schon seit Jahren nicht mehr zu Besuch war. Laut Kornelius machen sie das allerdings noch, zumindest in den abgelegenen Gebieten. Er sagt, dass die Vorstellung des Khakhuas beim Letin-Stamm und bei den Stämmen noch weiter flussaufwärts immer noch vorherrscht.