Psychische Erkrankungen

Mein Leben mit posttraumatischer Belastungsstörung

Wenn mich jemand berührt, versetzt mich das zurück in eine Situation, in der ich Gewalt ausgesetzt und mein Leben in Gefahr war. Das macht den Alltag oft unmöglich.

von Marie Steiner
14 März 2017, 5:00am

Ich fahre Straßenbahn und sitze auf dem Platz, auf dem ich seit zwei Jahren immer sitze. Es ist der einzelne Platz direkt vor dem Gelenk, von dem es in jeder der Niederflurgarnituren der Wiener Linien fünf gibt. Denn auf diesem Platz ist es am unwahrscheinlichsten, dass mich jemand berührt. Ich meine damit nicht das, was die meisten Frauen aus den Öffis kennen, dass sich jemand eng an einen schmiegt, einen an Brust oder Hinterteil streift. Das kenn ich auch, aber das meine ich nicht.

Es braucht viel weniger, um mich aus der Fassung zu bringen. Bei mir genügen ganz unschuldige Berührungen, die durch die Enge in den durch die Stadt ruckelnden Straßenbahnen kaum zu vermeiden sind. Seit zwei Jahren versuche ich, sie zu vermeiden. Es ist nicht so, dass ich nicht berührt werden will, sondern, dass ich das, was diese Berührungen auslösen – und das mag jetzt drastisch klingen, aber das ist es auch – innerlich beinahe nicht überlebe. Ohne es selbst erlebt zu haben, kann man es sich nicht vorstellen, das ist mir bewusst, und ich beneide alle, die sich nicht vorstellen können, wovon ich spreche.

Wenn mich jemand berührt, versetzt mich das zurück in eine Situation, in der ich Gewalt ausgesetzt und mein Leben in Gefahr war. Davon kann ich mich nicht einfach ablenken. Ich kann mich dann auch nicht beruhigen. Nein, ich übertreibe auch nicht. Nein, ich stell mich nicht an. Nein, es würde mir nicht helfen, wenn ich Yoga machen würde und es liegt auch sicher nicht an der Ernährung. Was ich habe, nennt man komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Man kann sie bekommen, wenn das eigene Leben wiederholt in Gefahr ist und das Gehirn deshalb anders arbeitet als sonst. Oder anders formuliert: Wenn mehr Schreckliches passiert, als das Hirn unbeschadet verträgt.


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Ich fahre also Straßenbahn und versuche, keinen Flashback zu bekommen. Flashbacks kennt man vielleicht aus Hollywood-Filmen, wo die Betroffenen meistens Soldaten sind, die im Krieg waren. Aber nicht nur im Krieg gibt es Dinge, die zu grausam sind, um sie normal verarbeiten zu können. Wenn ich einen Flashback habe, lässt mich mein Gehirn nicht hier leben, sondern schickt mich dorthin, wo ich in der Hölle war. Die schrecklichen Erlebnisse werden im Stammhirn abgespeichert. Das Stammhirn kennt nur das Jetzt – es gibt keine Vergangenheit.

Das heißt, wenn ich Pech habe und mich irgendjemand triggert, habe ich das Schreckliche wieder ganz real am Hals. Mit Gerüchen, Geräuschen und Gefühlen auf der Haut. Mein Gehirn spielt mir Dinge vor, die eigentlich in der Vergangenheit liegen. Jemandem, der vor 17 Jahren vom Auto überfahren wurde, ist noch immer das amputierte Bein nicht nachgewachsen. Und mein Hirn hat immer noch Angst. Das ist sich sehr ähnlich. Nur eben woanders verortet.

Jemandem, der vor 17 Jahren vom Auto überfahren wurde, ist noch immer das amputierte Bein nicht nachgewachsen. Und mein Hirn hat immer noch Angst. Das ist sich sehr ähnlich. Nur eben woanders verortet.

Aber man redet anders über meine Erkrankung. Ich bin nicht krank, sondern ich habe "den Verstand verloren". Deshalb gehöre ich "in die Anstalt" oder "ins Irrenhaus". Und das nicht alleine, sondern gemeinsam mit Menschen, die allerlei Schwachsinn von sich geben. Die "spinnen" nämlich. Und ich auch.

Ich sitze immer noch in der Straßenbahn. Sie ist ziemlich leer, was meine ohnehin immer übersteigerte Körperspannung zumindest nicht noch stärker werden lässt. Ich werfe sogar hin und wieder einen Blick aus dem Fenster. Das mache ich nur, wenn niemand neben mir ist. Ansonsten habe ich dauernd das Gefühl, drohendem Unheil ausgesetzt zu sein. Das war nicht immer so. Früher war ich gerne unter Menschen. Früher bin ich alleine auf Urlaub gefahren, weil ich es immer interessant fand, neue Menschen kennenzulernen.

Das war erst vor zwei Jahren – aber zwei Jahre sind eine lange Zeit, wenn man auf einmal nicht mehr so ist, wie man sich selber kennt, wenn man auf einmal dauernd Angst hat, nicht schlafen kann, sich nicht entspannen kann, oft lieber tot wäre als noch einen Tag diesen Dreck mitzumachen.

Ich habe, seit mein Leben implodiert ist, viele Ratschläge bekommen. Ich soll "mich zusammenreißen", ich soll "mir nicht so einen Stress machen", "mich nicht gehen lassen" und ich habe es satt, zu erklären, dass das Gehirn ein Teil des Körpers ist und demnach auch krank werden kann. Und man sucht es sich ebenso wenig aus wie Darmkrebs oder zystische Fibrose. Das Vorhandensein von psychischen Symptomen als persönliches Versagen darzustellen, ist nicht nur unangebracht und verletzend für die Betroffenen, sondern schlicht und ergreifend Diskriminierung von kranken Menschen.

Das Vorhandensein von psychischen Symptomen als persönliches Versagen darzustellen, ist Diskriminierung von kranken Menschen.

Die Straßenbahn hält. Ein Mann mit einem Hund steigt ein. Hunde schnuppern manchmal an mir und dann geht es mir mindestens 20 Minuten lang höllisch. So lange dauert es etwa, bis der Körper die Dröhnung Hormone, die er bei der kleinsten Berührung ausschüttet, ein wenig abbaut.

Aber dieser Hund schnüffelt nicht, er hat Angst. Er schaut dauernd hin und her, duckt sich, zuckt zusammen, schaut zu seinem Besitzer und zu mir. Ich fühle mit dem Hund, also frage ich den Mann, weshalb der Hund so ängstlich ist. "Er wurde geschlagen." Das hatte ich mir gedacht. Ich hatte auch gedacht, dass er mit diesem schlaksigen Mann, der ihn immer wieder beruhigend streichelt, in Sicherheit ist. Ich bin überzeugt, dass der Mann nicht derjenige ist, der den Hund geschlagen hat, sonst hätte er es mir ja nicht erzählt. Zumindest denk ich mir das.

Wenn ich es dem Hund ansehen kann, warum sagen die Leute mir immer wieder, dass man meine Krankheit mir nicht ansehen kann? Dabei verraten viele Dinge, wenn wir Angst haben: die Körperhaltung, die Anspannung, die Augen.

Ich will aussteigen. Die Straßenbahn ruckelt. Eine Frau berührt mich mit ihrem Fingernagel am Mittelfinger, weil wir uns gleichzeitig an derselben Stange anhalten wollen. Ganz leicht nur. Sie bemerkt es wahrscheinlich gar nicht. Hätte ich früher auch nicht, aber heute ist das anders. Ich verliere beinahe den Boden unter den Füßen, mir ist speiübel, mein Herz rast.

Bevor ich noch die Straßenbahn verlassen habe, habe ich mein T-Shirt und meine Weste durchgeschwitzt. Ich werde von Angst und Wut und Hass übermannt. Die Frau hat mir nichts getan, aber ich bin momentan so orientierungslos, dass ich sie dafür hasse, dass sie mich berührt hat. Ich weiß, dass sie nichts Böses getan hat. Aber es fühlt sich an, als wolle sie mich töten.

Ich muss mich beim Aussteigen festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Jetzt stehe ich an der Straßenbahnhaltestelle und versuche, tief zu atmen. Ich stemme beide Hände gegen die Hausmauer und versuche, zu spüren, dass ich da bin. Hier, am Urban-Loritz-Platz. Aber es geht nicht. Stattdessen spüre ich, dass ich sterben werde. Ich zittere und ich bin alleine, weil ich nicht da bin, wo alle sind. Mein Körper ist da, aber ich bin es nicht. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht einfach vor ein Auto zu laufen, damit ich Ruhe habe.

Wie lange ich im Flashback bin, weiß ich nicht, aber es kommt mir jedes Mal vor wie das Ende der Welt. Immer und immer wieder habe ich Todesangst, schrecke bei Kleinigkeiten zusammen. Mein Leben kreist um meine Krankheit und ich weiß nicht, wie ich da wieder herauskommen soll. Meine Therapeutin schätzt, es wird noch drei Jahre dauern, bis ich wieder mit einer annehmbaren Lebensqualität rechnen kann. Ich hoffe, sie hat Recht.

Wenn ihr oder jemand in eurem Umfeld Hilfe benötigt, wendet euch an entsprechende Stellen, die euch unterstützen können und scheut euch nicht, danach zu fragen.

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