Integration

In einem Pfadiheim lernen eritreische Flüchtlinge, die Schweiz zu verbessern

"Für einmal haben wir die gleichen Rechte mitzureden, für einmal haben wir die gleichen Möglichkeiten zu lernen."

von Vanessa Sadecky
11 April 2017, 9:43am

Titelfoto: Yodit Estifanos und Mussie Yohannes. Alle Fotos von Thomas Knellwolf

Selim ist wütend. Der junge Eritreer spricht voller Inbrunst davon, dass er keine Schweizer Zeitung mehr lesen will: "Wenn über Menschen aus Eritrea berichtet wird, geht es nur um die negativen Seiten." Er fährt fort: "Natürlich gibt es Probleme, aber es wird nie über unsere positiven Seiten gesprochen. Nie kommen Eritreer in den Berichten selber zu Wort, nie werden Lösungen präsentiert." Um diese Lösungen zu finden und zu verbreiten, verbringen Selim und rund 50 andere geflüchtete Eritreer und Eritreerinnen aus der ganzen Schweiz eine Woche in einem Pfadiheim in Winterthur. Hier entwickeln die Flüchtlinge im Alter zwischen 17 und 25 Jahren an einem Empowerment-Workshop von imp!act for refugees Ideen, die ihnen und anderen Eritreern die Integration erleichtern sollen. Das Besondere am Projekt ist, dass die Geflüchteten dabei fast ausschliesslich von Eritreern gecoacht werden, die schon seit mehreren Jahren in der Schweiz leben und im sogenannten (r)evolution lab der Nonprofit-Organisation euforia ausgebildet wurden. Die Projekte, an denen sie jetzt mit Papierbögen und Filzstiften arbeiten, sind ganz unterschiedlich: Eine Gruppe will einen Jugendtreff gründen, eine andere einen Fussballverein und eine dritte sucht nach Ansätzen, um eritreische Frauen zu fördern. Am letzten Tag des Workshops werden alle Vorschläge einer Jury aus Experten von Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen präsentiert.

Die beiden Eritreerinnen Rahel Dawit und Yodit Estifanos leben seit acht und sieben Jahren in der Schweiz. Sie sind zwei der insgesamt sechs eritreischen Coaches und haben den Workshop mitorganisiert. Die jungen Frauen flüchteten beide als Teenager in die Schweiz. Sie machen eine Ausbildung im medizinischen Bereich und sprechen fast perfekt Dialekt und Hochdeutsch. Sie sind ein Paradebeispiel gelungener Integration. Doch sie wissen, dass das nicht selbstverständlich ist: "Die Schweiz ist eine völlig andere Welt als Eritrea. Das ganze System hier ist wahnsinnig kompliziert. Wenn du keinen Kontakt zu jemandem findest, der dir alles erklärt, hast du keine Chance dich zurechtzufinden", sagt Rahel. "Genau darum braucht es solche Integrationsprojekte, bei denen Betroffene andere Betroffene beraten und motivieren", ergänzt Yodit, die in Eritrea nach einem misslungenen Fluchtversuch im Gefängnis sass. Die 23-Jährige ist stolz darauf, die Zukunft ihrer Landsleute selber in die Hand nehmen zu können und nicht auf Behörden vertrauen zu müssen: "Für einmal haben wir die gleichen Rechte mitzureden, für einmal haben wir die gleichen Möglichkeiten zu lernen."

Es ist kein Zufall, dass sich das Pilotprojekt auf Flüchtlinge aus Eritrea konzentriert. Eritreer machten in den vergangenen Jahren die grösste Gruppe Asylsuchender in der Schweiz aus. Jeder zweite in der Schweiz lebende Flüchtling oder vorläufig Aufgenommene stammt aus dem kleinen Land am Horn von Afrika. Politiker äussern Ängste, dass sich eine Parallelgesellschaft bilden könnte: Den Eritreern, deren Muttersprache Tigrinya oder Arabisch ist, fehlen oft landessprachliche Kenntnisse und viele sind von den Erlebnissen auf der Flucht traumatisiert. Der Isolationsgefahr sind sich die Coaches des Workshops bewusst. Yodit nennt mir ein konkretes Beispiel: "Viele Frauen fürchten sich, auf die Strasse zu gehen, weil ihnen das Selbstvertrauen fehlt oder weil sie denken, dass es unsicher ist."

Am Workshop ist es Zeit für die Marshmallow-Challenge. Die Projektteams haben 20 Minuten Zeit, um aus Spaghetti, Schnur und Marshmallows einen möglichst hohen Turm zu bauen. Sie knien und sitzen konzentriert auf dem Boden, diskutieren und feuern sich gegenseitig an. Die Übung soll ihnen zeigen, dass es sich lohnt, für Ideen Prototypen zu entwickeln. Ich frage Mussie Yohannes, der seit sieben Monaten in der Schweiz ist, was er sich vom Workshop erhofft. Er überlegt eine Weile und antwortet mir dann langsam auf Deutsch: "Ich will lernen, wie ich im Leben weiterkomme." Er fährt fort: "Ich habe noch viel vor, ich möchte Arzt werden."

Das Echo auf das Pilotprojekt ist bisher sehr gut ausgefallen, wie Christian Fischer, Ausbildungsleiter bei United Changemakers, sagt: "Wir haben Anfragen aus ganz Europa erhalten und hoffen, dass die mit imp!act for refugees ausgebildeten Flüchtlinge das Projekt auch in andere Nationen tragen können." Bis es soweit ist, werden Fischer und sein Team von euforia in der Schweiz noch weitere Workshops organisieren. Die Unterlagen, um Workshops zu organisieren, stellen sie allen Interessierten frei zur Verfügung.

Ich verabschiede mich von der Gruppe. Die Teilnehmer und die Coaches bedanken sich, und wedeln mit ihren offenen Handflächen statt zu klatschen. Das ist keine eritreische Eigenart, sondern ein Zeichen, dass sie sich für den Workshop aus der Gebärdensprache geborgt haben, weil es mit seiner Lautlosigkeit Zeit spart. Es ist wie ein Symbol für das ganze Projekt: Einfache Mittel genügen, um etwas zu bewegen.

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