Internet

Was passiert eigentlich in den Foren von 'Standard' und 'Krone'?

Und sind sie wichtig für den gesellschaftlichen Diskurs oder dank Facebook längst überflüssig?

von Verena Bogner
18 Jänner 2017, 3:00am

Collage von VICE Media

"Danke ihr GRÜNwählenden Mädis. Ich hoffe sehr für euch, dass ihr nicht irgendwann so einem testerongesteuerten Mann über den Weg läuft. Dankt drann: die sind seit Monaten ohne 'Liebe'……………" Das ist der erste von 2701 Kommentaren, der zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Artikels unter der Meldung zum Wahlergebnis der Bundespräsidentenwahl vom 4. Dezember auf krone.at zu sehen ist. 

Sieht man sich die Community-Richtlinien an, sollte der Kommentar hier eigentlich nicht stehen, denn unter anderem seien auf krone.at sowohl in den Storykommentaren als auch im Forum "Provokationen jeglicher Art" verboten, heißt es im Regelwerk. Ein Begriff, der viel Spielraum lässt. 

Unter einem vergleichbaren standard.at-Artikel zum Wahlergebnis finden sich 1694 Kommentare. Der erste, der angezeigt wird, beschäftigt sich mit der Frage, ob und warum Norbert Hofer seine Behinderung oftmals "versteckt", zum Beispiel in TV-Auftritten im ORF. Mit dem Thema des Artikels hat der Kommentar nicht unbedingt zu tun, weshalb er laut den Community-Regeln von standard.at, die Themenbezug der Kommentare verlangen, theoretisch gelöscht worden sein sollte.

Sowohl das standard.at- als auch das krone.at-Forum sind kleine Mikrokosmen und wohl zwei der wichtigsten Foren in der österreichischen Medienlandschaft, in denen sich Diskussionen abseits von Facebook abspielen—mit dem bedeutenden Unterschied, dass die Diskussionen hier moderiert, also Kommentare hier freigegeben und gelöscht werden, wenn sie den jeweiligen Community-Regeln nicht entsprechen. 

Immer wieder wird auch international die Frage diskutiert, ob nicht nur die Kommentarfunktionen unter bestimmten Artikeln, sondern generell Foren von großen Medienanbietern deaktiviert werden sollten. Manche finden das Abdrehen fast schon antidemokratisch, andere halten es für das gute Recht eines jeden Mediums. Beispielsweise schloss das Wissenschaftsportal Popular Science seine Kommentarfunktion, nachdem eine Studie belegt hatte, dass sich negative Kommentare unter einem Artikel auch negativ auf die Wahrnehmung des Artikels auswirken. Auch auf VICE gibt es seit dem Redesign der Website im Dezember 2016 keine Kommentarfunktion mehr. Aber was passiert in diesen Foren eigentlich? Sind sie wichtig für den gesellschaftlichen Diskurs oder dank Facebook längst überflüssig? 

Die meisten von uns wissen mittlerweile—nach zahlreichen medialen Debatten—was auf Facebook eigentlich passiert. Man weiß aufgrund des Filterblasen-Phänomens meist, welche Kommentare einen auf welcher Page und unter welchem Posting erwarten. Man weiß auch, dass Facebook in Hinblick auf Löschung von verhetzenden und anderweitig kritischen Inhalten mehr als lasch agiert. Aber wie geht es im krone.at- und standard.at-Forum zu? Worüber wird hier diskutiert, wer diskutiert und wie streng wird hier wirklich von den Community-Managern eingegriffen? Wir haben uns die beiden Foren näher angesehen und nachgefragt. 

Die User

Laut Christian Burger, Leiter des Community Managements bei derstandard.at, beteiligen sich 1,3 Prozent der 2 Millionen Unique User des Online-Angebots vom Standard im Forum. Das macht 25.000 aktive Poster und 765.000 Postings monatlich. Laut Peter Zeilinger, Teamleiter Community bei krone.at, gebe es mehrere tausend aktive User pro Monat; die Anzahl der Kommentare würde stark nach aktuellen Themen variieren. Im November 2016 sei man in den Storykommentaren unter Artikeln, dem krone.at-Forum und den Social Media-Kanälen auf 450.000 Kommentare gekommen, so Zeilinger gegenüber VICE. 

Die Regeln

Sowohl für das standard.at-Forum als auch für das von krone.at gelten bestimmte Community-Regeln, die eine sachliche und respektvolle Diskussion sicherstellen sollen. Im Forum von standard.at müssen Kommentare zum Beispiel Themenbezug haben und relevante Aspekte des Textes ansprechen, respektvoll anderen Usern gegenüber, sachlich formuliert und rechtlich unbedenklich sein. Außerdem dürfen sie weder rassistische noch sexistische, frauenfeindliche, homophobe, antisemitische oder anderweitig menschenfeindliche Aussagen beinhalten, müssen verständlich formuliert und dürfen nicht doppeldeutig oder obszön sein. 

Postings, die freigeschalten wurden, obwohl sie den Community-Regeln widersprechen, sollen von anderen Usern gemeldet werden. Gelöscht wird ein Posting meist dann, wenn es gegen die Richtlinien verstößt. "Es kommt aber durchaus vor, dass ein grenzwertiges Posting online bleibt, aber vom Moderator entsprechend kommentiert wird", so Burger weiter. 

Auch in der krone.at-Netiquette finden sich grundlegende Richtlinien, die rassistische Äußerungen, Rufschädigung oder pornografische Inhalte verbieten. Außerdem sind, wie schon eingangs erwähnt, "Provokationen jeglicher Art", Propaganda für verfassungsfeindliche Organisationen und die Verherrlichung von Drogen und Straftaten verboten. 

Auch die ständige Verwendung von Großbuchstaben und Emojis ist verboten, außerdem seien öffentliche Diskussionen über die Netiquette nicht gestattet. "Wir haben versucht, in den vorliegenden Punkten die grundlegenden Richtlinien unserer Community abzubilden, natürlich befinden sich gewisse Punkte im stetigen Wandel und werden mit der Zeit angepasst", erklärt Zeilinger. Genauere Auskünfte zu den Hintergründen einzelner Richtlinien und was beispielsweise alles als "Provokation" gesehen werden kann, bekommen wir auf Nachfrage nicht. 

Die Postings

Auf krone.at werden laut Peter Zeilinger an starken Tagen bis zu 15.000 Storykommentare verzeichnet, zusätzlich gibt es dann noch das krone.at-Forum. Die Relation von gelöschten und freigegebenen Kommentaren unterscheide sich je nach Thema: "Je nachdem, ob eine Story 'emotionalisiert', bemerken wir eine größere Anzahl an Kommentaren und somit auch Löschungen. Auch sind da die verschiedenen Foren-Plattformen, die wir bedienen, sehr unterschiedlich. Wo bei den Storykommentaren eher pointiert Meinungen abgegeben werden, bieten wir in unserem Forum die Möglichkeit, ausführlicher über gewisse Aspekte zu diskutieren."

Auf derstandard.at wurden im Jahr 2016 5,06 Prozent der insgesamt 9,1 Millionen Postings gelöscht, so Burger auf Nachfrage. Die schlimmsten Kommentare seien gefährliche Drohungen gewesen. Diese würden auch zur Anzeige gebracht. 

Um herauszufinden, wie in den beiden Foren unter Artikeln diskutiert wird, haben wir uns jeweils die ersten hundert Kommentare unter Artikeln zum selben Thema angesehen. Beim Durchlesen der ersten hundert Kommentare unter der Meldung des Ergebnisses der Bundespräsidentenwahl auf derstandard.at entsteht der Eindruck, dass größtenteils sachlich diskutiert wird. Verschwörungstheorien zur Wahl oder etwaige Beleidigungen sind nicht zu finden. 

Ob alle Kommentare etwas mit dem Kern des Artikels zu tun haben, ist fraglich, jedoch bleibt auch bei dieser einen bestimmten Community-Regel viel Spielraum für Interpretationen. Ein Punkt der Community-Regeln von derstandard.at regelt die Sachlichkeit der Diskussion und legt fest, dass die im Forum geäußerten Meinungen sinnvoll untermauert sein müssen. Dennoch finden sich Kommentare wie "Sie könnten froh sein, wenigstens 10 Prozent von der Intelligenz von VdBellen zu haben, aber wirklich—im Ernst" auf der Seite. 

Sieht man sich die ersten hundert Kommentare unter dem krone.at-Artikel zum Wahlsieg von Alexander van der Bellen an, findet man bereits auf der ersten Seite Kommentare, die ziemlich sicher als Provokationen durchgehen und auch Theorien zu Verschwörungen rund um die Wahl werden stehen gelassen. Außerdem findet man Kommentare, die sinngemäß ausdrücken, dass die Krone von nun an keine Horrormeldungen über Sexattacken mehr bringen solle, denn schließlich wolle man es ja nicht anders und außerdem stehe uns in Österreich ohnehin bald die Einführung der Kinderehe bevor. "Österreich wach auf!"

Unter dem standard.at-Artikel zur Alt-Right-Versammlung nach Donald Trumps Wahlsieg stehen insgesamt 123 Kommentare, größtenteils mit kritischer und schockierter Tonalität. Es sind zwar auch hitzige Diskussionen zwischen Usern zu lesen, jedoch kommt es zu keinen Beleidigungen oder anderen untergriffigen Postings. 

Unter dem krone.at-Artikel zum selben Thema finden sich 107 Kommentare, die sich weitaus vielfältiger gestalten. In den Kommentaren findet man so ziemlich alles von "Lügenpresse" bis "widerlich" und jede erdenkliche Nuance dazwischen. Verschwörungstheorien oder andere keineswegs untermauerte Äußerungen werden stehen gelassen. 

Zur Meldung, dass Österreich im Jahr 2016 die viertmeisten Asylanträge in der EU hatte, gibt es auf derstandard.at 245 Kommentare. Schon im zweiten Kommentar ist die Rede davon, dass Österreich sich selbst zerstöre. Scrollt man durch die restlichen Kommentare, entsteht jedoch durchaus der Eindruck, dass hier sachlich diskutiert würde, ohne dass die Diskutanten sich beschimpfen oder anderweitig respektlos behandeln. Auch etwaige Gefühls- oder Unmutsäußerungen ohne Argumente findet man nur selten, einmal liest man das klassische "Danke Merkel". 

Die krone.at-Kommentare zum Thema sehen etwas anders aus. Hier findet man keine sachlichen Diskussionen. User sprechen beispielsweise davon, dass das "Deutsche" langsam ausgerottet werde und wir alle auf dem besten Weg seien, uns selbst abzuschaffen. 

Die Community-Manager

Der Standard verzeichnet jährlich 14.000 Stunden Moderationsaufwand, die sich auf 12 Mitarbeiter verteilen. Unterteilt wird in regulierende Moderation und aktivierende Moderation, die die Mitleser ansprechen und konstruktiven Beiträgen Aufmerksamkeit schenken soll. Regulierende Moderation bedeutet, dass die Moderatoren aktiv nachfragen und einzelne User ansprechen. Ein Beispiel hierfür wäre, wenn ein Moderator auf einen User-Beitrag antwortet und fragt, was denn der erste Satz zum Inhalt des restlichen Postings beitrage. 

Täglich beschäftigen sich zwei Moderatoren mit der Post-Moderation, so Burger. "Wir lesen Diskussionen mit und melden uns zu Wort—sowohl wenn Regeln verletzt werden als auch, und das immer mehr, um User zu aktivieren, nachzufragen und noch mehr interessante Aspekte in die Diskussion zu holen." Das macht den Kern der oben angesprochenen aktivierenden Moderation aus. Das Community-Management-Team des Standard arbeitet außerdem nicht nur manuell, sondern nutzt zusätzlich eine Software zur Moderation. 

Das Community-Management-Team von krone.at besteht aus 10 Personen, 7 davon arbeiten als Forenmanager. Diese Manager prämoderieren manuell—das bedeutet, die User-Kommentare werden ähnlich wie auf derstandard.at erst gelesen und anschließend freigeschalten. Aufgrund der großen Anzahl von Postings könnten jedoch auch Kommentare wie der eingangs genannte durchrutschen, so Zeilinger auf Nachfrage. Welche Kommentare letzten Endes gelöscht werden, liegt im Ermessen der Forenmanager. 

Gegen eine generelle Schließung der Kommentarfunktion äußern sich sowohl Krone als auch Standard im Gespräch mit VICE. Zeilinger von krone.at meint dazu: "Wir versuchen grundsätzlich immer, die Kommentarfunktion 'offen' zu lassen, da wir die Meinungen unserer Leser sehr schätzen und wir auch eine Diskussion über tagesaktuelle Themen sehr wichtig finden." 

Christian Burger vom Standard sieht diese Entscheidung als Positionierung: "Obwohl es Zeiten gibt, in denen uns in der Moderation sehr viel abverlangt wird, sind wir bisher immer dabei geblieben, unser Forum als Diskussionsort offen zu halten. Damit positionieren wir uns bewusst anders als die meisten Medien, zum Beispiel Spiegel Online."

Fazit 

Wühlt man sich durch die Foren von krone.at und derstandard.at, wird einem schnell klar, dass man es hier mit zwei kleinen Facebook-Parallelwelten zu tun hat. Vor allem ist der Umgangston—vermutlich aufgrund der Tatsache, dass die Diskussionen moderiert werden—ein völlig anderer. Die Diskussionen laufen hier merklich sachlicher ab, wobei im krone.at-Forum doch ein eindeutig rauerer Ton herrscht als im Forum von derstandard.at

Hier sieht der Journalismusforscher Fritz Hausjell einen der positivsten und wichtigsten Aspekte von derartigen Foren, wie er auf Nachfrage von VICE erzählt: "Je nachdem, wie sorgfältig die Foren von Onlinemedien moderiert werden, besteht die gesellschaftliche Bedeutung darin, eine digitale Kommunikationskultur abseits von Hate-Speech und anderen destruktiven Interaktionen weiterzuentwickeln." Außerdem generieren die Medien anhand ihrer Foren und aufgrund des User-Engagements Traffic auf ihren Seiten, was die Foren wiederum medial relevant werden lässt, so Hausjell weiter. Dass Medien, die sich dazu entschließen, derartige Foren zu betreiben und mit großem Aufwand zu moderieren, dafür auch immer mehr Geld aufwenden müssen, steht außer Frage.

Generell seien Foren wichtige Verhandlungsplätze für Kritik und können auch eine Ventilfunktion erfüllen: "Wenn jemand nach verrauchtem Grant und Ärger die Möglichkeit hat, seine heftigen Postings ein Stück zurückzunehmen, können Foren von Onlinemedien ein guter Ort dafür sein. So wie wir durch ein 'sorry' oder eine Relativierung des mitunter lautstark Gesagten das face-to-face ja auch immer wieder einmal schaffen—und dadurch das Klima entgiften."

Moderierte Foren von etablierten Online-Medien wie krone.at oder derstandard.at sind wichtig. Sie sind vielleicht der letzte Ort im Internet, an dem man andere nicht beschimpfen oder beleidigen und seinem Hass zumindest theoretisch nicht ohne Konsequenzen freien Lauf lassen darf. In solchen Foren geht es um Meinungsaustausch und das gegenseitige Verstehen. Das sind Dinge, die auf unseren restlichen Kommunikationsplattformen deutlich zu kurz kommen. 

Wichtig ist nur, dass die Moderation funktioniert und das Augenmerk auf die richtigen Punkte gelegt wird—oder wie Hausjell sagt, sorgfältig moderiert wird. Das passiert sowohl bei auf krone.at als auch auf standard.at—mal mehr und mal weniger, denn auch, wenn immer wieder Kommentare stehen gelassen werden, die grenzwertig sind, sind sie im Vergleich zu Beiträgen in anderen Foren oder auf Facebook wohl mehr als harmlos. Und auch dadurch, dass die Einschätzung einzelner Kommentare im Ermessen des jeweiligen Community Managers liegt, kann es hier immer wieder zu unterschiedlicher Auslegung der Richtlinien kommen.

Außer in Hinblick auf temporäre Schließungen auf Artikelbasis wäre es laut Hausjell ein großer Fehler, Foren zu schließen: "Eine Schließung treibt die Poster und Posterinnen in die Arme dubioser Forenanbieter. Klare Spielregeln, die für alle transparent gemacht und eingehalten werden, sind ein Segen für das Erreichen einen fairen, demokratischen Dabattenkultur."

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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