LGBTQ

Als Transgender-Elternteil in der Kleinstadt

Ein Elternteil macht die Erfahrung, dass seine Kinder mit seinem Transgender-Dasein kein Problem haben. Mit den Nachbarn ist es nicht ganz so einfach.

von AJ Ripley
16 Jänner 2017, 9:00am

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Amond Paul ist allein erziehender Vater zweier kleiner Mädchen. Er sagt, sein Erziehungsstil sei so ähnlich wie der von entspannten Dads aus 90er-Jahre-Serien, wie Tony Micelli aus Wer ist hier der Boss? und Danny Tanner aus Full House. Er kocht mit Gemüse aus dem eigenen kleinen Garten, den er mit seinem Ex-Mann angelegt hat. Als ich Amond 2011 interviewte, arbeitete er für eine künstlerische Nonprofit-Organisation und hielt kreative Workshops für Kinder. Damals hatte er noch lange Haare und ein großes Geheimnis.

Heute sitzen wir zusammen in seinem Haus in Fredericton in der kanadischen Provinz New Brunswick. Fredericton ist nicht gerade auf dem Land, aber die Stadt mit 55.000 Einwohnern hat in puncto LGBTQ-Rechte noch immer zu kämpfen. Auf dem Boden in Amonds Wohnzimmer stehen Körbe, Kuscheltiere, Puzzlespiele und diverse andere Spielsachen. Er ist Textilkünstler und ich bewundere eine unfertige Puppe, halb Mensch, halb Einhorn, die auf einem Regal sitzt. Als ich die Stimmaufnahme auf meinem Handy starte, entschuldigt sich Amond, um ein Fläschchen für seine Jüngste, die 18 Monate alte River, aufzuwärmen.

Sie zahnt gerade, was für jedes Baby schmerzhaft ist, doch für River ist es besonders schlimm, weil bei ihr vor Kurzem eine Gaumenspalte korrigiert wurde. River hat Down-Syndrom und kam neben der Gaumen- auch mit einer Lippenspalte und Herzfehlern auf die Welt. Zwar kann sie nicht gehen, weil sie an Muskelhypotonie leidet, doch Rivers Augen folgen Amond überall hin. Hin und wieder krabbelt River zu einem mit Pflanzen überwucherten Zimmerbrunnen. Sie wiegt sich neben dem beruhigenden Geplätscher vor und zurück.

Amond kehrt zurück und hebt River hoch, um sie zu füttern. Ich fange an, ihm Fragen über sein Leben als Transgender-Elternteil zweier Kinder zu stellen, als seine sechsjährige Tochter L. ins Zimmer schleicht.

"Pops?", fragt sie. Pops, so nennen die Mädchen Amond. "Kannst du für mich Angry Birds auf dem Computer starten?"

Wir werden im Laufe des Interviews noch häufig von den Bedürfnissen der Kleinen unterbrochen. Am Trinknippel von Rivers Fläschchen ist ein schmales Röhrchen; so kann sie leichter trinken. Amond entschuldigt sich für das dreckige Geschirr in seiner Küche und erwärmt das zweite Fläschchen, während er mir von seiner eigenen Kindheit erzählt. Er wuchs im ländlichen Südwesten des US-Bundesstaats Ohio auf. Als Kind ging Amond auf eine katholische Schule, auch wenn nur sein Vater gläubiger Katholik war.

"Sie lieben mich. Sie wissen nur nicht, was sie mit [meiner Transition] anfangen sollen."

Amond sagt, er habe sich bereits in jungen Jahren männlich gefühlt, auch wenn er sich den Großteil seines Lebens als "agender" oder "genderfluid" identifiziert hat. In den 1990ern, als Amond gerade das Erwachsenenalter erreichte, gab es noch keinen solchen Überfluss an Geschlechteridentitäten und Sexualitäten. Trotzdem hatte er ein kompliziertes Verhältnis zum Thema Gender.

"Ich bin schon ewig als queer bekannt. Ich habe das Gefühl, ich war eigentlich niemals ungeoutet. Alle, die mich schon jahrelang kennen, haben gesehen, wie der Mann in mir zum Vorschein kam. Als ich 2010 zum ersten Mal schwanger war, sagte ich laut meiner Doula: 'Ich weiß schon, dass dieses Baby in mir wächst und so, aber ich bin ein Mann.' Manchmal platzt man einfach mit der Wahrheit heraus, wenn man schwanger ist."

Amond legt River in eine Stofftragetasche für Babys, sodass sie dicht an seine Brust gekuschelt ist, und legt sich über eine Kissenrolle am Boden. Während das Fläschchen auf dem Couchtisch abkühlt, erklärt er mir, wie schmerzhaft es gewesen ist, in seiner Familie eine Distanz zu spüren, wo sie ihn früher unterstützte. In den letzten sechs Monaten hat er seine Familie gebeten, männliche Pronomen für ihn zu verwenden; das haben sie noch nicht. Erst diese Woche hat er seinen Namen geändert; die Familie hat mitgeteilt, dass sie sich noch nicht bereit fühlt, den Namen zu verwenden. Er hat den Namen Amond gewählt, weil seine Mutter ihn so genannt hätte, wenn er bei der Geburt männlich gewesen wäre.

"Ich dachte, vielleicht würde meine Namenswahl sie in einen Zustand versetzen, wo sie mit diesem Baby in ihr, mit Amond Paul, spricht. Ich dachte, vielleicht würde mein Vater sich daran erinnern, wie er mich liebevoll auf den Waschbeckenrand setzte und ich so tat, als würde ich mir neben ihm auch das Gesicht rasieren."

Vor etwa zwei Jahren, als er mit River schwanger war, bat Amond die Leute, die geschlechtsneutralen englischen Pronomen (they/them/theirs) für ihn zu verwenden.

"Das war für mich ein leichterer Weg in die Transition. Nachdem sie auf der Welt war, musste ich fünf Monate lang jede Woche eine Flugreise zum Krankenhaus machen. Ich wollte, dass die ganze Aufmerksamkeit meinem Kind gilt, weil es Hilfe brauchte, und nicht mir, oder der Tatsache, dass mein Ausweis meinen Angaben widerspricht."

Nach Monaten der medizinischen Versorgung war River endlich bereit für ihre Gaumenspaltenkorrektur. Gleichzeitig war Amond bereit, sich endgültig zum Transmann zu wandeln. Er erinnert sich an die Schwierigkeiten, die das Krankenhauspersonal damit hatte, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Jeden Morgen nahm er einen Filzstift mit ins Krankenzimmer seiner Tochter und schrieb fein säuberlich seinen Namen, seine Pronomen und seine Elternanrede "Pops" auf das Whiteboard.

Rivers Ärztin akzeptierte Rivers Transition, doch die meisten Krankenhausangestellten sprachen ihn weiter als Frau an. Sie stellten Fragen über seine Fähigkeit, weitere Kinder zur Welt zu bringen. Sie weigerten sich, seinen neuen Namen zu verwenden und verwiesen stattdessen auf eine angebliche interne Regel, die es dem Personal vorschreibe, Menschen mit ihrem offiziellen Namen anzusprechen. Amond wollte sich wehren, doch mehr noch wollte er für River da sein und Energie für sie haben.

"Ich hatte im Krankenhaus schon genug mit einem kranken Kind zu tun. Sobald da noch Transphobie hinzukam, fühlt ich mich, als hätte man mir einen Arm oder ein Bein abgeschnitten und ich müsste so versuchen, mein Kind in Sicherheit zu bringen."

Amond meint, nicht nur Transphobie stecke hinter den Reaktionen im Krankenhaus, sondern auch die allgemeine Sicht auf die Vaterrolle.

"Wenn ich alleine bin, gehe ich oft [als männlich] durch. Wenn meine Kinder bei mir sind, werde ich als die 'Mama' und als ' ma'am' angesprochen. Das heißt, die Gesellschaft sieht Männer gar nicht als fähig, Kinder physisch zu versorgen. Und es ist auch wahr, ich sehe sehr selten Männer, die Kinder herumtragen."

Kleine Kinder großzuziehen, ist keine leichte Aufgabe, und für Amond kommt noch erschwerend hinzu, dass River nicht laufen kann. Jeden Moment könnte es nötig werden, dass er sie trägt. Deswegen muss Amond seinen Wunsch nach operativer Entfernung seiner Brüste und Fortpflanzungsorgane noch mindestens zwei Jahre verschieben. Die Geschlechtsidentitätsstörung ist für Amond ein täglicher Kampf, doch er hat nicht viele, mit denen er seinen Schmerz teilen kann. Diagnosen psychischer Störung haftet noch immer ein Stigma an, und er möchte nicht, dass Leute seine Fähigkeit, Kinder großzuziehen, infrage stellen.

"Ich habe aufgehört, geschlechtsangleichende Operationen zu recherchieren. Ich bin jedes einzelne Mal geschockt, wenn ich aus der Dusche komme und feststelle, dass ich keinen Penis habe. Es ist, als hätte ich Phantomschmerzen. Wenn meine Kinder schlafen und ich selber ins Bett gehe, überkommt mich diese Welle der Dysphorie. Ich fühle mich, als hätte ich keinen Platz in der Gesellschaft. Das sind die Situationen, in denen ich mich daran erinnere, wie viel Hass es gegen mich gibt, und dann fühlt sich alles hoffnungslos an."

L., Amonds sechsjährige Tochter, hat sich zu Halloween als Power Ranger verkleidet und zieht sich ihr Batman-Kostüm an, wann immer ihr danach ist. Oft beugt sie sich weit vornüber, damit ihre kleine Schwester mit ihrem langen braunen Haar spielen kann. Sie verbringt auch viel Zeit damit, ihre eigene Sprache zu erfinden und Regenbogen und Einhörner zu zeichnen.

"Bei L. gab es für mich keinen Übergang von Mama zu Papa. Ich war nie wirklich eine Mama. Als sie erst zwei oder drei Jahre alt war, zeichnete sie Bilder von mir mit Bart. Ich bin jetzt 'Pops', aber ich habe ihr auch nie 'Mama' weggenommen. Sie weiß, dass sie mich so ansprechen darf, wenn es ihr im Herzen wehtut. Sie scheint aber zu verstehen, dass 'Mama' trotzdem ein Mann ist und das schon immer war."

Als Amond mit seinen Kindern in sein neues Haus zog, lud er die Nachbarn zu Grillpartys und Lagerfeuern ein. Wie alle Eltern wollte er, dass seine Kinder so wenige Hindernisse überwinden müssen wie möglich. Wann immer Nachbarn Amond mit dem falschen Geschlecht ansprachen, korrigierte L.: "Pops ist ein Mann." Nachdem L. einem sturen Nachbarn erklärt hatte, Männer könnten sehr wohl Babys bekommen, weil die Geschlechtsidentität sich im Inneren befinde, kam der Nachbar auf Amond zu und bot an, L. könne mit seiner Familie in ein christliches Sommerlager mitfahren. Da wurde Amond klar, dass es vielleicht nicht so viel Kontakt zu den Nachbarn geben würde.

"Neunzig Prozent unserer Erfahrungen als Familie sind mit Verbündeten. Die anderen 10 Prozent sind ein Glücksspiel. Wem werden wir begegnen? Wird jemand abfällige Worte für Rivers Behinderung wählen? Wird jemand mich als Schwuchtel bezeichnen? Wird jemand mein Kind angreifen oder ihr sagen, dass sie nicht weiß, wovon sie da spricht, weil sie behauptet hat, Männer können Kinder zur Welt bringen? Aber den Großteil des Tages ist alles so lustig, so schön und so spaßig, und das möchte ich der Welt von meinem Elterndasein zeigen."

Amond erklärt mir, er habe erst Mitte 30 mit der Transition angefangen, weil das der richtige Zeitpunkt gewesen sei. In seiner Branche wartet ein Job auf ihn, er hat ein Haus und die Unterstützung des biologischen Vaters der Kinder. Er macht sich Sorgen, dass viele junge Transpersonen sich unter Druck fühlen, ein Coming-Out zu machen, und möchte ihnen sagen, dass es auch keine Schande ist, sich bedeckt zu halten. Vor Kurzem hat er angefangen, sein Familienleben auf Instagram zu teilen.

"Ich möchte den Leuten sagen, dass es in Ordnung ist, eine Transition zu machen, auch wenn man Kinder hat, solange sie bereit dafür sind. Es schadet den Kindern nicht und verwirrt sie auch nicht, so wie es immer heißt. Sie lieben dich und arbeiten mit dir daran."

Am Ende unseres Interviews steckt L. noch einmal den Kopf ins Zimmer. Über ihr an der Wand hängt ein buntes Poster mit dem Schriftzug: "Share Joy. Spread Hope."

"Pops, meintest du, dass ich nochmal zwei Marshmallows zum Nachtisch haben kann, oder zwei insgesamt?" L. grinst wie jemand, der schon geübt in Verhandlungen ist.

Amond grinst zurück. "Insgesamt zwei."

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