Wie es ist, als Thai-Masseurin zu arbeiten

"Männer haben mich schon oft bedroht, wenn ich gesagt habe, dass ich keine 'Happy Ends' anbiete."

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20 Februar 2017, 9:24am

Im Februar 2017 hat die Polizei von Stockholm eine Razzia in einem Thai-Massage-Studio durchgeführt und die Besitzerin verhaftet. Die Polizei schätzt, dass von den 300 Thai-Massage-Studios in Stockholm etwa 40 mit illegaler Prostitution zu tun haben. Zwar ist es in Schweden nicht verboten, sexuelle Dienstleistungen anzubieten, doch es ist illegal, dafür zu bezahlen oder ein Bordell zu betreiben.

Thai-Massage wird oft mit Prostitution in Verbindung gebracht, doch die meisten Studios haben diesen Ruf in keiner Weise verdient. Ich wohne neben einem solchen Massagestudio, also habe ich einen Nachmittag mit der Besitzerin Pin verbracht und sie gefragt, wie es ist, eine seriöse Firma zu betreiben, von der viele Kunden etwas anderes erwarten.

Als ich mein erstes Massagestudio eröffnete, hatte ich keine Ahnung, wie scheiße alles werden würde. Mehrmals täglich fragten Männer, ob wir "Happy Ends" anböten, telefonisch oder persönlich. Ich war damals sehr naiv und wusste nicht, wovon sie sprachen. Als ich es herausfand, war ich schockiert und angewidert. Bald wurden diese Anfragen allerdings für mich zum Teil des Berufsalltags.

Inzwischen besitze ich zwei Thai-Massage-Studios in Stockholm. Das erste habe ich vor 11 Jahren eröffnet, das zweite vor 18 Monaten. Ich stehe jeden Tag um 6 Uhr morgens auf und schaue, dass zu Hause alles in Ordnung ist, bevor ich mich von meinen beiden Teenager-Töchtern verabschiede und mit dem Taxi zur Arbeit fahre. Um 9 Uhr bin ich da.

Meine Angestellten kommen ab 9:30 Uhr und zusammen machen wir das Studio bereit. Wir füllen die Regale mit Ingwertee, Massageöl und sauberen Handtüchern. Um 10 Uhr kommen die ersten Kunden. Weil meine Mädchen kein Schwedisch sprechen, kümmere ich mich um die Buchungen. Mein Telefon klingelt deswegen fast ständig, immerhin sind es ja zwei Studios. Unsere Standardmassage kostet 500 Kronen [ca. 53 Euro], aber wir haben auch einen Whirlpool, eine Sauna und einen Maniküre-Bereich.

Im neuen Studio arbeiten vier Vollzeit-Masseurinnen und immer mindestens zwei Praktikantinnen. Ich koche jeden Tag Mittagessen und dann wechseln wir uns mit Pausemachen ab. Meine Studios sind bis 20 Uhr geöffnet, also renne ich den ganzen Tag zwischen beiden hin und her. Gegen 21:30 Uhr gehe ich heim.

Fotos von Nikita Velasquez soweit nicht anders angegeben

Ich habe dieses Geschäft nicht nur gegründet, weil ich gut in meinem Beruf bin, sondern auch, weil ich Leuten, vor allem Paaren, eine Möglichkeit zur Entspannung bieten will. Etwa 90 Prozent meiner Kunden sind Frauen, Sportler oder Paare.

Ich stamme aus dem Nordosten Thailands, genau wie die meisten meiner Angestellten. Leute aus dieser Region haben den Ruf, hart und hingebungsvoll zu arbeiten. Die Thai-Massage ist ein uraltes Heilsystem. Sie ist eine angesehene Praktik und ich bin stolz, ein Teil davon zu sein. Eine traditionelle Thaimasseurin muss 800 Ausbildungsstunden absolvieren, bevor sie ihr Zertifikat bekommt. Ich bilde meine Angestellten gratis aus. Das mag kitschig klingen, aber wir sind eine große Familie.

Aber so friedlich war es nicht immer. Als ich mein erstes Studio eröffnete, hatte ich keinen Schimmer, was mir ins Haus stand. Es sind schon Männer gekommen, die Blowjobs verlangt haben, die einen runtergeholt haben wollten, oder die sich vor der Massage komplett ausgezogen haben. Mich haben schon mitten in der Nacht Fremde am Telefon belästigt.

Auch an meinen beiden Töchtern ist das nicht spurlos vorbeigegangen. Sie mussten jung lernen, keine Anrufe von unbekannten Nummern zu beantworten. Manchmal lasse ich meinen Ex-Mann rangehen, weil sie das hoffentlich verscheucht. Männer haben mich schon oft bedroht, wenn ich gesagt habe, dass ich keine "Happy Ends" anbiete. Dann sagen sie zum Beispiel, dass sie mein Studio sonst online schlecht bewerten. Manche habe ich der Polizei gemeldet, aber dabei ist nichts herausgekommen.

Denjenigen, die tatsächlich sexuelle Dienste anbieten, mache ich keinen Vorwurf. Da stecken Frauen drin, die in die Armut geboren wurden, die nichts haben und ihre Familie durchbringen müssen. Ich halte die Frauen, die so etwas machen, nicht für den Grund, dass mein Beruf so verschrien ist. Ich denke, verantwortlich sind eher Männer, die Polizei und die Medien.

Es ist traurig, dass diese Sache, auf die ich zutiefst stolz bin, als schmutziges Geschäft gilt. In Stockholm gibt es etwa 300 Thai-Massage-Studios und die Polizei vermutet, dass etwa 40 davon sexuelle Dienste anbieten. Das sind zwar viele, aber ein Großteil ist es nicht.

Natürlich hängt diese ganze Situation auch mit dem Ruf Thailands als Urlaubsort für Sextouristen zusammen. In gewisser Weise ist Thailand zum Reiseziel für die Perverslinge der Welt geworden. Diese Vorstellung bringen sie dann wieder mit in ihre Heimatländer, wo sich dadurch der Eindruck verbreitet, bei Thai-Massage ginge es immer um Prostitution.

Jedes Mal, wenn es Medienberichte über Prostitution in einem Thai-Massage-Studio gibt, weiß ich, dass ich wieder seltsame Anrufe kriegen werde. Ich halte durch, bis die Welle abflaut, aber die nächste lässt selten lange auf sich warten. Auf mich wirkt es, als würden sie diese Medienberichte nur zu Unterhaltungszwecken bringen – und nicht, um etwas zu ändern oder uns zu schützen. Meine Mitarbeiterinnen wissen, dass sie bei mir sicher sind, aber sie haben mir auch schon viele Horrorgeschichten von ihren früheren Arbeitsplätzen erzählt.

Zwar ist alles inzwischen ruhiger als früher, aber mein Beruf bleibt für mich weiterhin Fluch und Segen in einem. Deswegen wünsche ich mir auch, dass meine Töchter einen anderen Beruf wählen. Ich hoffe, meine harte Arbeit zahlt sich aus und ermöglicht ihnen eine strahlende Zukunft. Letzten Endes mache ich das alles nur für meine Kinder.

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