Von Kopftattoos und 3D-Druckern

Für sein neuestes Projekt will Lee Wagstaff den Schädel seines toten Vaters zermalmen und per 3D-Druck zu seinem eigenen formen. Aber warum?

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09 Dezember 2014, 10:05am

Lee Wagstaff in den Räumen von „Rise", seiner Galerie in Berlin

Vor ein paar Jahren kam der Künstler Lee Wagstaff in den Besitz des Schädels seines verstorbenen Vaters. Aber anstatt das Teil mit Pflanzen und Erde zu dekorieren und an den nächsten Antiquitätenladen zu verscherbeln, will er es jetzt zerstören und die kalkhaltigen Überreste für sein neuestes Projekt benutzen—eine Nachbildung seines eigenen Schädels aus einem 3D-Drucker.

Durch die Verwendung des Schädels seines Vaters will der Doktorand am Royal College of Art das zerstrittene Verhältnis zwischen den Beiden aufarbeiten. Weitere Leitmotive sind dabei religiöse Verehrung, Vergöttlichung und ewiges Leben. Der fertige Schädel soll nächstes Jahr in London präsentiert werden. Er wird mit Mustern versehen sein, die Wagstaffs geometrischen Kopf-Tattoos nachempfunden sind.

Und der Bildhauer recycelt nicht zum ersten Mal körperliche Substanzen im Namen der Konzeptkunst: Anfang des Jahres onanierte er dreieinhalb Monate lang täglich auf ein Sister of Mercy-Shirt und stellte das Werk namens 100 Nights of Solitude in seiner Berliner Galerie aus. Sein Projekt Shroud bestand aus einem Selbstporträt, das mit seinem eigenen Blut im Siebdruckverfahren erstellt wurde. David Bowie nannte das Ganze „​beunruhigend heldenhaft und [...] seelisch arrogant."

Eine digitale Vorschau seines des 3D-gedruckten Schädels.

VICE: Hey, Lee! Wie kamst du zu dem Schädel deines Vaters?
Lee Wagstaff: Der Schädel wurde mir vermacht. Ich kann da jetzt nicht wirklich ins Detail gehen, weil das eine Familienangelegenheit ist.

Na gut. Warum hast du dich dazu entschieden, ihn in deine Kunst einzubauen?
Ich habe sofort überlegt, ob und mit was man die Pulver ersetzen kann, die man normalerweise beim 3D-Druck benutzt. Für mich sind körpereigene Materialen das Gleiche wie Kunstmaterialien—zum Beispiel Tinte, Farbe oder Gips. Bei den Ureinwohnern werden solche Dinge wie Blut sogar ziemlich häufig verwendet. Nur in einer sauberen, zeitgenössischen Welt wie unserer erregt alles Aufmerksamkeit, was auch nur im Geringsten eklig ist.

Sind dem Ganzen nicht auch gewisse legale Grenzen gesetzt?
Wenn du irgendwelche menschlichen Körperteile in deiner Kunst verarbeiten willst, dann ist das vor allem im Vereinigten Königreich sehr kompliziert, weil du für alles eine Genehmigung brauchst—für die Arbeit, für die Ausstellung und so weiter. Vor langer Zeit habe ich mal etwas mit Blut gemacht [Shroud aus dem Jahr 2000], aber seitdem haben sich die Gesetze geändert. Selbst für die kleinsten Mengen an Haaren und Haut braucht man jetzt eine Lizenz. 

Shroud: Lees Selbstporträt, mit seinem eigenen Blut im Siebdruckverfahren hergestellt.

Zu deinem Vater hattest du in den Jahren vor seinem Tod keinen Kontakt, oder?
Unsere Beziehung war ziemlich kompliziert. Auf seinem Sterbebett habe ich ihn nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder gesehen—das war dann auch das letzte Mal. Er war nicht mal bei Bewusstsein. In meinem Projekt geht es zum Teil auch darum, dieses komische Verhältnis aufzuarbeiten.

Mich interessierte die Übertragung der Eigenschaften und der Ansichten meines Vaters. Ganz im Sinne von Reliquien ist alles, was mit einem heiligen oder besonderen Menschen zu tun hatte, irgendwie erfüllt von dem, was diesen Menschen ausmachte. Wenn man diese Reliquie dann berührt—oder auch einfach nur ansieht—, dann wird das Ganze in gewisser Weise auch auf dich übertragen. Die Vorstellung von der Übertragung dieser Eigenschaften finde ich interessant.

Womit hat er sein Geld verdient?
Mein Vater war Jäger—ich bin jedoch Veganer und ziemlich empfindlich, was tote Sachen angeht. Eigentlich ging es da mehr um das Abschießen, zum Beispiel von Federwild und so weiter. Er war sogar auch mal für das Wild auf einem noblen Anwesen zuständig. Er züchtete also Fasane heran, ließ sie anschließend frei und reiche Leute konnten dann auf die Jagd gehen.

Ich bin ganz traditionell aufgewachsen, aber unser Haus war immer voller Tauben und Hasen. Meine Mitschüler wollten damals immer zu mir nach Hause kommen und das Ganze sehen. Ich glaube, mein Vater hatte irgendwie immer den Wunsch, eine Art Country-Gentleman zu sein. In seinem späteren Leben hat er sich diesen Wunsch ja auch erfüllt: Er hat uns verlassen und ist aufs Land gezogen.

Wir waren früher ständig von toten Dingen umgeben—ich war also schon immer von Anatomie und Funktionsweisen fasziniert. Sobald etwas tot ist und nur noch das Skelett übrig bleibt, wird es einfach zu einem Objekt. Man muss es berühren und ganz fest daran glauben, dass es das ist, was es mal war. 

Lee und seine Kopftätowierung

Als Objekt wird es dann aber auch zum Kunstwerk.
In der Kunst werden schon seit Langem Knochen, Skelette und Schädel beim Malen oder beim Bildhauen eingesetzt. Ich glaube, dass mein Projekt diese Tradition fortführt. Ich finde es ziemlich komisch, wenn manche Menschen die Asche von Verstorbenen bei sich zu Hause aufbewahren. Persönliche Gegenstände wie eine Tasse oder ein Kleidungsstück haben für mich einen größeren Wert. Ich glaube, dass ich bei so etwas empfindlicher wäre als bei etwas, das nicht mehr lebt. Deshalb ist es für mich kein Problem, mit einem Schädel zu arbeiten.

Wie wirst du die Kopie deines Schädels anfertigen? Ist dafür zuerst ein Ausdruck nötig?
Das kommt darauf an, welche Technologie mir zur Verfügung steht. Ich hab schon mit einigen Radiologen gesprochen und anscheinend ist eine hochauflösende Röntgenaufnahme der Schlüssel zum saubersten und genauesten Scan meines Schädels. Für den weiteren Verlauf gibt es eine Menge Bearbeitungssoftware, die solche optischen Scans in geeignete STL-Dateien umwandeln kann. Im Vereinigten Königreich ist es jedoch ziemlich schwierig, eine Röntgenaufnahme aus nicht-medizinischen Gründen machen zu lassen. Deshalb muss ich das wohl privat oder irgendwo anders in Europa durchziehen.

Ich stehe mit einigen Unternehmen in Kontakt. Wenn ich aber erzähle, was ich vorhabe, dann zögern die Leute häufig. Zur Zeit ist jeder sehr vorsichtig. Es geht nur noch um den eigenen Ruf, wie man von der Außenwelt wahrgenommen wird und wie das alles deine Geschäfte beeinflussen könnte. Ich wollte meine Kopftätowierung in den Schädel eingravieren. Das ist dann so ähnlich wie bei vielen malischen Artefakten, wo das Tätowieren fast bis zum Knochen durchging. Mich interessiert, wie eine Person aussieht und wie sie sich der Welt präsentiert—zu was sie selbst nach ihrem Tod noch wird. So behält man sie in Erinnerung und das ist, was für immer mit ihnen verbunden wird.

Wurdest du religiös erzogen?
Da kam bei mir vieles zusammen: Die Familie meines Vater war hinduistisch und die meiner Mutter katholisch. Wir haben zuerst katholische und später dann baptistische Gottesdienste besucht. Das hat mich schon ziemlich beeinflusst. Wie wohl jeder andere Teenager auch habe ich zuerst gegen viele dieser Sachen rebelliert, aber mit zunehmendem Alter sieht man das Ganze dann in einem anderen Licht. In der Bibel habe ich immer sehr viel Inspiration gefunden. Viele der darin enthaltenen Geschichten sind kontroverser als die Serien von HBO. Biblische Erzählungen sind zum Teil wirklich ungeheuerlich. Deshalb finde ich das und die Konzepte der Opfergabe und der Beichte richtig faszinierend.

Vielen Dank, Lee.

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