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Wie ich einen Chatbot nicht überzeugen konnte, dass ich kein Chatbot bin

Durch das philosophische Rätselspiel 'The Talos Principle' habe ich den Glauben an die eigene Realität verloren.

von Josef Zorn
19 Oktober 2015, 10:45am

Cover ,The Talos Principle: Deluxe Edition‘

Videospiele können eine recht stumpfsinnige Angelegenheit sein. Monotone Bewegungsabläufe werden solange wiederholt bis das Goldstück "Ping" macht oder man die Kampfausrüstung mit den bisschen besseren Stats aus der Leiche des Blutelfen geborgen hat. Gaming hat wahrscheinlich gerade deshalb auch seinen besonders hohen Stand in Punkto Freizeit-Zeitvertreib: Für ein paar Stunden lässt du dein "Ich" links liegen und gehst mit einer neuen Persönlichkeit auf Monsterjagd.

Ich bin aber bei der Suche nach genau so einer Form von Zerstreuung beinahe ein bisschen BANANAS geworden. Ich hatte nach The Talos Principle einen Punkt erreicht, an dem ich ernsthaft meine eigene Existenz hinterfragen musste. Das war ein unerwartet geistig herausforderndes Spielerlebnis, anders als, sagen wir, Bubble Bobble—obwohl nichts gegen Bubble Bobble!

Alles Screenshots vom Autor (c) The Talos Principle

Eine Gottesstimme, Elohim, schickt mich, also den Protagonisten, der eine Art Roboterwesen zu sein scheint, wie eine Laborratte durch antike Versuchsanordnungen. Diese Rätsellabyrinthe sind vielleicht nur Simulationen von Ruinen eines griechischem Altertums, ausgestattet Tech-Anachronismen. Ich kann über dieses Spiel nichts mit Sicherheit behaupten.

Man muss sich durch zig einzelne Räume rätseln, bis man zu dem Stück Käse kommt—in diesem Fall bunte Tetris-Bausteine—, was mich anfangs ehrlicherweise nur wenig herausforderte, aber Talos erinnert an Portal, weshalb es eine Chance verdient hat. Ich hatte recht und mittlerweile sind die Levels richtig schwierig geworden zu lösen.

So zermartere ich mir arithmetisch die Synapsen der räumlichen Vorstellungskraft, wohin denn das Schutzschild-Störgerät gestellt werden muss, wenn ich doch den Laser mit dem Lenkprisma in das richtige Türöffner-Modul führen möchte. Wie man an diesem wohl schwer nachvollziehbaren Satz erkennt, ist mein rattiges Gehirn glücklich im Sudoku-Mode von  Talos und mein "Ich" schwebt im Hyper-Schlaf hinter der beschäftigen Hand-Augen-Motorik meines Hirns.


Nach einiger Zeit wird man Elohim gegenüber aber skeptisch und hinterfragt ihn. Und nicht nur das, die Spielwelt hinterfragt sich selbst, das Spiel auch allgmeine "Spielkonzepte" und plötzlich hintefrage ich mich, im und außerhalb der Spielwelt: Wofür oder für wen sprinte ich überhaupt durch die einzelnen Test-Parcours?! Und gleichzeitig fühle mich auch extrem von Talos zu diesen Skeptizismus geleitet—oh je, Meta-Brainfreeze, ich kippe schon wieder ins Hasenloch.

Dann gibt es die einzelnen Computer-Stationen, die überall lockend piepsen. Wenn man sich einloggt, bekommt man winzige Auszüge aus einer enormen Datenbank von vor längst vergangenen Zeiten, die beschreiben, wie Wissenschaftler kurz davor sind, Künstliche Intelligenz zu entdecken oder zu entwickeln—alleine hier das richtige Verb zu verwenden bereitet mir Kopfschmerzen. Jede Nachricht, Mail und Chat-Transkript wird zum Mindfuck—ich weiß, Lesen in Videospielen ist so LucasArts-90er, aber zahlt sich hier echt aus.

Vor DOS-Eingabe-Feldern absolviere ich Tests um zu bestätigen, dass ich auch wirklich eine Person bin. Es kommt aber nichts Befriedigendes bei der Profilbildung raus und auch nicht—bis jetzt jedenfalls nicht—, ob meine Antworten richtig, also nachweisbar menschlich sind. Warum zum Teufel bestätigt mir Talos nicht, dass ich der schlaue Typ bin, der ich glaube zu sein, und der "über" dem Spiel steht.

Existenziell verunsichert stoße ich auf einen archivierten Dialog, indem es darum geht, dass Chatbots in einer Chat-Konversation eigentlich schon fast unüberführbar geworden sind. Im Gespräch verdächtigen sich dann die User gegenseitig Chatbots zu sein. Die Möglichkeit eines gut geschriebenen Programms auf gigantische Informationsnetzwerke und Archive aus Billiarden bereits geführter Konversationen zurückzugreifen, macht es in einer Chat-Situation fast unmöglich mit Sicherheit nachzuweisen, dass dein Chat-Partner kein Programm ist.

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Plötzlich wirft mir eine besonders frecher Logarithmus oder User vor—wie gesagt, keine Ahnung was in dem Spiel abgeht—, dass ich nur eine programmierte Matrix sei. Ich schaffe es nicht, das Terminal vom Gegenteil zu überzeugen! Mit jeder philosophischen Antwort auf was Bewusstsein "natürlich" und nicht physisch erfassbar mache, werde ich von der scheiß Texteingabe bloßgestellt und schafft es Talos tatsächlich, mich—den Typen in langen Unterhosen vor dem Panasonic-Fernseher—an der eigenen Identität zweifeln zu lassen.

"Weißt du, warum du diese Tetris-Teile sammelst?" fragt mich der DOS-Troll, der mir mit dieser rhetorischen Meta-Schikane das spielerische Sammeln meiner Bausteine mies machen will, und ich schreie „Nein!" durchs Wohnzimmer. Dieses Minos-Labyrinth mit Lastenaufzügen und Myst-artigen Puzzles weiß, dass es ein Spiel ist. Und es weiß, dass ich weiß, dass es ein Spiel ist. Ob Gott es auch weiß und ich deshalb nicht in den verbotenen Turm hoch darf? Und as macht denn überhaupt meine Intelligenz nicht künstlich?! Was, wenn Talos vielmehr mit mir spielt, als ich mit ihm

Durchatmen.

Man kippt schnell von Philosophie in die Theologie. Passend dazu der Genesis-Mythos verlachende Text in Talos (Bild oben). Der Mensch habe in Wahrheit gar keine Angst vor den apokalyptischen Terminator-Maschinen-werden-uns-versklaven-Fantasien, wenn es um die Künstliche Intelligenz geht, sondern viel mehr vor der Vorstellung, dass ein Bewusstsein, dieser heilige menschliche Gral, einfach aus der richtigen Kombination von toter Materie entstehen könnte.

Wir haben die Geschichte mit der "Krönung der Schöpfung" doch so lieb gewonnen. Ich bin mir nun sicher, dass der göttliche Controller mich mit Absicht auf dieses Videospiel der Selbsterkenntnis treffen hat lassen und der Urcode des Universums nicht viel mehr ist, als Java-Script. Wo ist mein Aluhut!?

Nach so viel existenzialistischer Gedankengymnastik sollte man mit einer Folge Bob's Burger und Fertigpizza jegliches Reflektieren hinter sich lassen. Ja, Videospiele sind normalerweise Eskapismus, außerkörperliche Projektion und ein paradiesisches Weißes Rauschen—aber manchmal ficken sie auch so richtig dein Gehirn.

Josef auf Twitter: @theZeffo