Dieser Wiener will die IS-Propaganda mit religiösen Argumenten bekämpfen

Die Terrormiliz IS tut, als wäre sie eine Religion. Deshalb wird ihre Propaganda jetzt auch theologisch analysiert—und widerlegt.

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Juli 26 2016, 8:37am

Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz danach aussieht, dieser sympathische Mann ist eine ernsthafte Bedrohung für die Terrororganisation IS. Der deutsche Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker, der seit 2003 an der Universität Wien lehrt, hat vor knapp einem Jahr mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern ein vielversprechendes Forschungsprojekt ins Leben gerufen.

Das "Vienna Observatory of Applied Research on Terrorism and Extremism" (VORTEX) will die Terrormiliz IS auf einer bisher eher unbeachteten Front angreifen. Gemeinsam mit der größten muslimischen Organisation der Welt, Nahdlatul Ulama (NU), die über 50 Millionen Mitglieder zählt, wollen sie ein "Alternativnarrativ" zur islamistischen Interpretation des Korans entwickeln und etablieren.

Dafür untersuchen die Islamgelehrten jeden Punkt und Beistrich der IS-Propaganda, um sie dann theologisch zu widerlegen. Dadurch soll den Terroristen der ideologische Unterbau unter den Füßen weggerissen werden, mit dem sie ahnungslose Jugendliche aus aller Welt zum "heiligen Krieg" animieren.

VICE: Die IS-Miliz ist derzeit militärisch eingekreist . Einige meinen sogar, der Tag, an dem die IS-Hauptstadt Mossul zurückerobert wird, rückt rasch näher. Ist das Problem damit gelöst?
Rüdiger Lohlker: Sicher nicht. Selbst wenn der IS-Anführer al-Baghdadi und die Top Ten der IS-Miliz tot wären, würde das nicht viel ändern. Die Ideen des extremistischen Islams sind in der Welt. Da findet sich früher oder später wieder ein Anknüpfungspunkt. Libyen etwa ist längst noch nicht gerettet. Außerdem haben wir auch IS-Kämpfer in Afghanistan, Somalia und Jemen. Die sind überall! Wir müssen lernen, mit Terror zu leben, aber gleichzeitig nicht paranoid werden. Ich weiß, das ist schwer und ermüdend, aber ich bin noch immer Optimist, obwohl ich mich jetzt knapp 20 Jahre mit dem Thema beschäftige.

Warum funktioniert die Rekrutierung der Terrormiliz so gut? Oder anders gefragt: Wie wird innerhalb von Wochen aus einem Jugendlichen mit europäischer Schulbildung ein islamistischer Massenmörder?
Es ist fast immer ein Moment einer individuellen Krise vorhanden, bei der die Person kippt. Das können ganz harmlose Sachen wie ein abgelehntes Projekt sein. Nach Syrien gehen viele Teenager; und Teenager-Sein ist per Definition eine Krise. Gleichzeitig braucht es eine Psychostruktur, die das befördert. Wahrscheinlich haben diese Leute ihr Urvertrauen verloren—etwa das Vertrauen, dass sich jemand um sie kümmert. Das heißt natürlich nicht, dass all diese Kinder zu Terroristen werden.

Und die IS-Miliz spielt für diese Leute dann Ersatzfamilie?
Die IS-Miliz ist ein Ersatz für die Leere, die der Einzelne in sich fühlt. Die Miliz gibt ihnen durch Gemeinschaft Sinn im Leben. Das kann aber genauso in einem Sportverein, in einer Musikgruppe, oder aber in einem kriminellen Milieu stattfinden.

Das heißt, Rechtsradikale und Dschihadisten unterscheidet weniger, als man glaubt?
Mich verblüfft es immer wieder, wie ähnlich der Drang zur Festigung der Identität bei Rechtsradikalen und Dschihadisten ist. Beide haben eine sehr fragile männliche Identität, die sie mit einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe verstärken müssen. Identitätssuche ist am Anfang vollkommen harmlos, jeder macht das. Extremistisch wird es erst, wenn die Identität das Sein bestimmt. Nach dem Tod des "Führers" etwa haben sich viele umgebracht, weil sie den Zusammenbruch der Identität nicht ausgehalten haben. Auch Dschihadisten sagen, sie würden in ein schwarzes Loch fallen, würden sie ihrem Kommandeur nicht folgen.

Zur Erstellung einer Identität braucht es gute Bilder und Propaganda. Ist der IS-Miliz die Bedeutung der Medien-Kriegsführung mehr bewusst als seinen Feinden, den Regierungen?
Ja, das würde ich schon sagen. Wenn die Miliz des IS zum Beispiel einen jordanischen Piloten gefangen nimmt, filmen sie nicht nur die Hinrichtung, sondern veröffentlichen auch die persönlichen Daten anderer jordanischer Piloten. Das ist gut gemacht, das kann man leider nicht anders sagen. Vielleicht war im Kalten Krieg das Bewusstsein für Propaganda bei Regierungen stärker und ist jetzt bei uns ein wenig verloren gegangen. Heute spielen die Medien jedenfalls noch eine größere Rolle als beispielsweise im Ersten Weltkrieg. Auch deshalb interessiert sich die IS-Miliz für europäische Jugendliche, die meistens kaum militärische Erfahrung haben. Sie sind medienaffin und sprechen europäische Sprachen, die die IS-Miliz für ihre Propaganda braucht.

"Atheismus würde das Problem lösen. Aber die Leute, die zur IS-Miliz gehen, interessieren sich leider nicht für Atheismus."

Aufgrund der aktuellen Ereignisse wird viel über die Gefährlichkeit des Islam diskutiert. "Der Terror hat zurzeit ein islamisches Etikett", sagte vor kurzem Kardinal Christoph Schönborn . Ist der Terror ein islamisches Problem?
Man kann sagen, dass es islamische Gewalt gibt, aber nicht, dass der Islam die Ursache dafür ist. Das ist—zugegeben—schwierig voneinander zu trennen. Aber ich versuche, es zu erklären: Es gibt derzeit eine islamische Sinngebung des Terrors, wie etwa in Nizza. Da wurde aus einem Anschlag ein IS-Anschlag gemacht.

Ich habe das in jener Nacht live in den IS-Kanälen mitverfolgt: Zuerst wurden die Nachrichten über den Anschlag nur geteilt, dann für gut befunden, bis immer mehr IS-Anhänger gesagt haben: "Das ist unsere Sache!" Die IS-Anführer konnten gar nicht anders, als den Anschlag für sich zu beanspruchen, andernfalls hätten sie sich von den eigenen Anhängern entfernt. Dadurch wurde dem Anschlag ein islamischer Sinn gegeben, obwohl man nicht einmal weiß, was der Attentäter wirklich vorhatte. Die IS-Propaganda produziert einen eigenen Sinn und—wenn man will—eine eigene Theologie, bis hin zu Anleitungen zur Koran-Rezitation.

Aber damit belügt der sogenannte "Islamische Staat" seine Anhänger doch, oder?
Ich würde es nicht Lüge nennen, da kommt man schnell ins falsche Fahrwasser. Die IS-Miliz kommuniziert viel mehr eine Vorstellung, wie es sein soll und knüpft gleichzeitig die Forderung daran: "Wenn wir richtig kämpfen, dann kommt das!".

Rüdiger Lohlker beobachtet zahlreiche dschihadistische Gruppen bei Telegram, dem "Herz der IS-Propaganda". In eine der Gruppen hat er eine Woche lang nicht hineingeschaut. Auf ihn warteten 18.000 ungelesene Nachrichten. Fotos: Christoph Schattleitner / VICE Media.

Dieses "wenn du X machst, kommt Y für uns alle" klingt schon sehr nach einer religiösen Heilsversprechung.
Genau. Das ist ein Hinweis, dass es religiös gedacht ist. Und das wirkt. Die religiöse Grundierung zieht sich durch, manchmal auch nur in einfachen Parolen. Atheismus würde das Problem lösen. Aber die Leute, die zur IS-Miliz gehen, interessieren sich leider nicht für Atheismus. Deshalb sind wir überzeugt, dass es eine theologische Antwort braucht.

Wie kann man sich das vorstellen? Sollen Behörden und Geheimdienste ihre Gegenpropaganda auf YouTube und Telegram verbreiten?
Es gibt bereits sogenannte "Counter Narratives"—etwa vom US-Außenministerium. Aber wir haben das mal untersucht: Das bringt nichts. Sie erreichen das gewünschte Lager nicht.

Warum nicht?
Das liegt einerseits an der Ansprache, andererseits an der mangelnden islamischen Begründung. Und dann kommt noch der Absender dazu. Welcher 15-Jährige, der in IS-Gruppen ist, schaut sich Videos an, die vom State Department gemacht wurden? Selbst, wenn das Innenministerium bekannte YouTuber, Blogger und Popstars für die Sache einspannen würde, bleibt die Frage der Glaubwürdigkeit.

Deshalb also Ihre Idee der innerislamischen Kritik.
Genau. Wir haben zwar schon viel innerislamische Kritik am "Islamischen Staat", aber es fehlt eine konkrete Kritik an der Theologie der Gewalt. Das ist leider für manche islamische Gelehrte schwierig, weil sie eng mit einer jeweiligen Regierung verbunden sind, wie etwa im arabischen Raum.

"Wir möchten die Vorstellung etablieren, dass es einen Islam gibt, der demokratie-orientiert, tolerant, pluralistisch und in den Gesellschaften verankert ist."

Wie funktioniert ihr Projekt?
Wir haben anfangs analysiert, was die Terrorgruppe IS und andere extremistische Islamdeutungen inhaltlich ausmacht. Dann haben wir uns angeschaut, warum die visuelle Propaganda des IS so erfolgreich ist. Und zuletzt haben wir den Gelehrten der NU auf ihren Wunsch sehr viele IS-Texte zugeschickt, die die Islamgelehrten nun kritisieren werden. Die ersten Videos davon sind beinahe fertig und sollen in viele Sprachen übersetzt werden.

Das Ganze soll auf zwei Ebenen passieren: Einerseits im Internet, andererseits auch "auf der Straße" bei den Jugendarbeitern. Wir hoffen, die sagen uns dann, ob sie unser Material gebrauchen können oder ob wir es adaptieren sollen. Wir müssen das alles erst einmal testen, überlegen aber auch schon, das auf andere Bereiche—etwa auf Summer Schools—auszuweiten, um auch aus Europa muslimisches Gegenmaterial zu entwickeln.

Was ist Ihre Aufgabe bei diesem Projekt?
Es ist wichtig, dass die Kritik von muslimischer Seite kommt. Von uns Islamwissenschaftlern kommt kein inhaltlicher Input, wir unterstützen das Projekt nur in organisatorischen Aspekten, beispielsweise mit Übersetzungen und der Recherche von IS-Propaganda. Das Theologische übernehmen die Kollegen von der NU. Wie es sich für richtige Gelehrte gehört, drehen diese seit Monaten jedes Wort 10 Mal um. Wenn sie fertig sind, veröffentlichen wir ihre Kritik. Ich hoffe, dass wir bis September zwei bis drei Videos fertig bekommen.

Was wollen Sie mit dem Projekt im besten Fall erreichen?
Wir möchten die Vorstellung etablieren, dass es einen Islam gibt, der demokratie-orientiert, tolerant, pluralistisch und in den Gesellschaften verankert ist. Dieser Islam sollte nicht nach einem globalen Gottesstaat streben und alle anderen ausschließen. Er soll sich regional entfalten—in Europa, Indonesien und Westafrika—und die Ideologie des IS einschränken. Dieses Potential ist definitiv vorhanden! Wir erkennen das auch daran, dass sich die IS-Miliz mit Videos gegen den südostasiatischen Islam der NU richtet. Das gab es davor nicht. Die nehmen unsere Arbeit offenbar ernst.

Die Auslöschung des "Islamischen Staat" ist kein Ziel?
Das ist ein mögliches hartes Ziel, aber mir geht es mehr um Maßnahmen der sogenannten Soft Power. Denken wir daran, nach 2001 gab es Al-Qaida offiziell auch nicht mehr. Aber die Ideen sind draußen und haben im Internet überwintert. Das zu ignorieren wäre sträflich. Ich wünsche mir die Eindämmung des dschihadistischen Materials auf den harten Kern und eine breite Diskussion überall auf der Welt, was das alternative Material beinhalten soll.

Stellt man Muslime nicht unter Generalverdacht, wenn man sie gezielt auffordert, sich gegen die IS-Miliz zu engagieren?
Das Projekt VORTEX ist anders aufgebaut. Wir wollen niemanden zu etwas überreden, wir unterstützen bloß, wenn Bedarf besteht. Ich werde den Teufel tun und zu Muslimen sagen: "Ich erzähle euch da jetzt mal etwas." Ich sehe meine Aufgabe darin, Menschen zum Denken zu erziehen, und nicht darin, dass sie mir etwas nachplappern. Gleichzeitig bin ich froh, dieses Projekt gemeinsam mit Muslimen und Musliminnen umsetzen zu dürfen. Weil: Wir Wissenschafter könnten noch sehr lange in diesem Gebiet forschen, es gibt viele Förderungen. Aber welchen Zweck hat das? Am Ende des Tages ist es nicht zufriedenstellend. Wir müssen raus aus der Blase.

Glauben Sie, der NU wird es eher gelingen, ein starkes Alternativnarrativ aufzubauen?
Die NU ist nicht nur die größte muslimische Organisation der Welt, sondern hat auch zwischen 200 und 300 Jahren Erfahrung in der Bekämpfung des extremen Islams. Das verleiht ihnen Glaubwürdigkeit. Ich sehe hier ein echtes Potential, das schlummert und langsam wieder geweckt werden kann. Dieser Ansatz ist aber nicht in allen Gesellschaftsschichten beliebt, viele wünschen sich mehr Tempo und ein härteres Vorgehen. Aber ich finde, dieses Risiko muss man eingehen. Es ist der einzige wirkliche Ausweg.

Christoph auf Twitter: @Schattleitner

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