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Sport

Die zwielichtige Unterwelt des Thaiboxens

Als europäischer Muay-Thai-Kämpfer in Bangkok habe ich manipulierte Kämpfe, Spielschulden und Kindesausbeutung gesehen.

von Alexander Reynolds
22 Oktober 2014, 11:37am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung des Autors

Muay Thai ist eine der härtesten Kontaktsportarten der Welt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung: Ich war fast zehn Jahre lang Thaiboxer in Bangkok. Meine Frau arbeitete für das Entwicklungshilfeministerium und so wurden wir im Oktober 2003 nach Thailand geschickt. Statt meine Zeit im „The Queen Vic”, einem Pub in der britischen Botschaft, zu verbringen, habe ich mich im Rompo Gym eingeschrieben, einem Boxstall im Herzen von Bangkoks Schlachthaus-Bezirk.

Mit 19 habe ich mit dem Thaiboxen angefangen. Aber im Herzen von Bangkoks professioneller, organisierter Szene musste ich erst einmal wieder verlernen, was ich im Westen erlernt hatte. Ich musste auch meinen Bierbauch loswerden und meinen Mann stehen. Über einen Zeitraum von acht Jahren, zehn Monaten, drei Wochen und fünf Tagen lernte ich viel über die „Kunst der acht Gliedmaßen” und das Leben als Undercard-Kämpfer—das Muay-Thai-Äquivalent zur Vorband.

Rompo Gym im Zentrum von Bangkok war ein versifftes Rattenloch, das an eine Reihe armseliger Hütten angrenzte. Es war Liebe auf den ersten Blick und ich liebe es immer noch. Kämpfer aus der ganzen Welt kamen ins Rompo Gym, weil sie dort Titelkämpfe in wichtigen Venues bekommen und ihren Traum leben konnten. Rompo Gym war in Muay-Thai-Kreisen aber auch als „Mafia Gym" bekannt. Ich liebe es noch immer. Kämpfer von der ganzen Welt kamen hin, weil sie dort Titelkämpfe in großen Locations bekommen und ihren Traum leben konnten. In Muay-Thai-Kreisen war es aber auch als das “Mafia-Gym” bekannt.

Die erste Lektion, die ich gelernt habe, war, dass die härtesten und verschlagensten Gegner diejenigen außerhalb des Rings waren. „Mr. Pek” war unser Promoter. Er war in den 70ern ein Champion und Superstar gewesen und hatte insgesamt 114 Kämpfe auf dem Buckel. Jetzt arbeitete er als Kampfpromoter, der alles organisierte und bezahlte, was bei einem Muay-Thai-Kampf so anfällt. Mr. Pek stand in der Hackordnung ganz oben und er erleichterte alle anderen um ihr Geld.

Einer der Rompo-Schüler, ein Kämpfer aus dem Westen—auch „farang” genannt—wurde einmal von Mr. Pek im Norden des Landes in Buriram („der Stadt des Glücks”) zurückgelassen, weil er einen thailändischen Kämpfer, der dafür berüchtigt war, seine Gegner mit seinen Knien zu malträtieren, durch K.o. besiegt hatte. Mr. Pek raste vor Zorn. Er war ein in die Breite gegangener Glücksspieler und hatte all sein Geld auf den thailändischen Kämpfer gesetzt. Nachdem er dämlicherweise gegen seinen eigenen Kämpfer gewettet hatte, hatte er kein Geld mehr in der Tasche. Darüber hinaus sah der Kämpfer sein Preisgeld nicht—Mr. Pek ließ ihn in der Wildnis stehen. So musste er sich selbst zurück nach Bangkok durchschlagen, entmutigt und desillusioniert, ein Sieger, der völlig pleite war.

Das Glücksspiel ist so tief in diesem Sport verwurzelt, dass ein Mitglied des Olympischen Komitees in einem Bericht von 2013 angab, dass der Sport—obwohl er weltweit sehr populär sei—in naher Zukunft mit Sicherheit nicht als olympische Disziplin aufgenommen werde. Es gebe keine richtige Doping-Kontrolle, dafür aber einen Interessenkonflikt, der tief im Sport verwurzelt sei.

Neulinge in der professionellen Szene stellen denn auch schnell fest, dass die Muay-Thai-Szene in Bangkok eine Welt voller Zigarettenqualm, dicker Bäuche und öliger Gauner mit Fu-Manchu-Bärten ist. Und dass sie selbst kurzlebige Konsumgüter in einem großen, organisierten, peripher kriminellen Geschäft sind. Denn es geht ums Geschäft. Wenn niemand kämpft, verdient auch niemand Geld.

Was das Stichwort zur zweiten Lektion ist, die ich gelernt habe: Nicht alle Kämpfe sind fair. Lebensbedrohliche Fehlpaarungen waren an der Tagesordnung. Viele ausländische Boxer, mich eingeschlossen, ließ man häufig gegen Boxer antreten, die zehn Kilo schwerer waren. Das ist ein klassischer Trick. Der Promoter bietet einen großen Kampf im Lumpinee-Stadion an (das Wimbledon für Thaiboxer), doch der Haken daran ist, dass man fünf bis zehn Kilo in zwei Wochen abnehmen muss, um in einer anderen Gewichtsklasse kämpfen zu können. Nach zwei Wochen strengen Fastens und Schwitzens in der Sauna trefft ihr auf euren Gegner—der so viel wiegt wie ihr vor zwei Wochen gewogen habt. Nur einige wenige Typen, ich eingeschlossen, sind aus diesem abgekarteten Spiel mit einem Sieg im Stil von Rocky hervorgegangen. 

Die Thais andererseits behaupten gern, dass das Gewicht des Gegners für sie keine besonders große Rolle spielt. Für sie geht es nicht um Gewinnen oder Verlieren; es geht darum zu zeigen, dass man die richtige Technik beherrscht, Mut hat, sowie „das Herz eines wahren Kämpfers”. Das mag poetisch klingen, ist aber auch ganz großer Schwachsinn. Ein fairer Kampf ist genauso selten wie ein weißer Rabe. Genauso wie Boxen im Westen ist Muay Thai ein blutiger Sport. Kämpfe werden manipuliert, Boxer gedopt, Kampfrichter bestochen, Veranstaltungsorte bombardiert.

Sind die Thailänder im Muay Thai besser als die Westler? Um Längen. Sie haben schnellere Beine und sie klammern (vertikales Ringen mit Knien und Ellenbogen, ein Markenzeichen von Muay Thai). Westler bewegen normalerweise aber ihre Hände und ihren Kopf besser (was allgemein ein No-Go beim Muay Thai ist, weil man so leichter ein Knie an den Kopf bekommen kann). Doch die Zeiten ändern sich. Immer mehr ausländische Kämpfer—aus England, Irland, Frankreich, Russland, Israel und dem Iran—werden zu ernstzunehmenden Gegnern, sehr zum Leidwesen der Locals. 

Thaiboxern aus dem Westen fällt allerdings häufig die Kinnlade herunter angesichts der durchschnittlichen Anzahl der Kämpfe, die ein Thaiboxer in seiner Karriere absolviert hat (meistens Hunderte). Sie finden auch schnell heraus, weshalb dem so ist. Kleine Kinder, Jungen und Mädchen, werden als Kämpfer an Boxvereine verkauft und müssen dann die Schulden der Familie abarbeiten, die sich wegen hoher Zinsen oder Glücksspiel angehäuft haben. Sie verdienen kein Geld und können sich nicht aussuchen, ob sie kämpfen wollen oder nicht. Diese ausbeuterische Abmachung ist durchaus grausam. Ich habe einmal beobachtet, dass ein Kind, das höchstens 13 Jahre alt war, mit einem Springseil aus Plastik geschlagen wurde, weil es sich geweigert hatte, die Anweisungen seines Betreuers und Promoters zu befolgen.

Das ist eine der Tatsachen in diesem Geschäft: Die Promoter sind meiner Erfahrung nach Lügner und Betrüger, die sich meistens einen Dreck um die jungen Kämpfer scheren—wenn sie nicht gerade große Champions sind. Mir wurde von einem skrupellosen australischen Promoter (der behauptete, früher Scharfschütze bei den Sondereinsatzkräften gewesen zu sein) mal ein „einfacher Kampf” mit einem „abgehalfterten Kämpfer” vermittelt. Fünfzehn Minuten bevor ich in den Ring stieg, erfuhr ich, dass mein Gegner „Jaradorn the Rocket” war, ein ehemaliger Weltmeister mit einem bösartigen rechten Roundkick. Ich verlor in der ersten Runde durch technisches K.o., nach 123 Sekunden. Glücklicherweise schüchterte mein Kumpel Tomas Nowak, zu der Zeit Weltmeister im Schwergewicht, den Promoter ein und marschierte mit ihm zur Geldausgabe. So wurden wir noch am gleichen Abend bezahlt—eine Seltenheit in Bangkok.

Während man im Rompo Gym dauernd neureiche Promoter mit Gewalt unter Druck setzen musste, war Schläue im Ring unerlässlich für den Sieg. Es ist immer am besten, einen Thailänder durch KO zu besiegen. Weshalb? Wenn es nach den drei thailändischen Ringrichtern geht, werden sie immer gegen euch entscheiden oder ein Unentschieden bestimmen. Wenn ihr richtig viel Glück habt und eine Weltmeisterschaft gewinnt, dann kann es auch da einen Haken geben: Es kann sein, dass ihr für den Gürtel bezahlen müsst. In einem Fall überstieg der Preis für den Gürtel (25000 Baht, ca. 610 Euro) das Preisgeld (23000 Baht, ca. 560 Euro). Na ja, zumindest dürfen sich ausländische Kämpfer, die einen Titel gewinnen, mit dem Gürtel fotografieren lassen, bevor er ihnen von irgendeinem Funktionär wieder weggenommen wird.

Glaubt es oder nicht, aber das Training ist härter als die Kämpfe. Ihr müsst fünf Mal die Woche zehn Kilometer laufen und fünf bis sechs Mal die Woche in der Trainingshalle boxen. Ihr trainiert die ganze Zeit und nehmt auch höchstens zwei Tage die Woche frei. Sonst macht euch euer Trainer die Hölle heiß. Die Verletzungen sind auch alles andere als angenehm: blaue Flecken von der Größe eines Golfballs auf euren Schienenbeinen, leichte Gehirnerschütterungen und Narben von Ellenbogenstößen auf der Stirn. Mir wurden drei Backenzähne ausgeschlagen, mein Kiefer wurde ausgerenkt, ich hatte eine Knieverletzung, die mir fast ein Jahr lang den Schlaf geraubt hat, hatte zwei Mal eine Plantarsehnenentzündung sowie Bindehautentzündungen im Auge vom Clinch-Training.

War es das wert? Ich denke mit Zuneigung an meine Zeit im Rompo Gym zurück und ich glaube nicht, dass ich je wieder so viel Spaß haben werde. Muay Thai ist schwachsinnig—genauso wie Boxen im Westen. Niemand interessiert sich für die Boxer, es gibt kaum Geld und man kann sich schwere Verletzungen zuziehen, die man sein Leben lang mit sich herumschleppen wird. Aber ums Geld geht es auch gar nicht. Es geht um den Ruhm. Und wenn wir unsere Karriere beenden, kann uns niemand unseren Ruhm nehmen. Genauso wenig wie den Nervenkitzel, den ein gelegentlicher Sieg mit sich bringt.