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Eine Krematorin erklärt, wie es ist, sein Geld mit Leichenverbrennung zu verdienen

„Man kann es nur schwer den Angehörigen erklären. Es ist eine gewaltsame Art, eine Leiche zu beseitigen. Das Verbrennen einer Leiche kann man nicht schönreden."

von Alexis Linkletter
23 Juli 2015, 4:00am

Fotos von Brian Weis

Lauren Rosen ist 26 Jahre alt und ist Technikerin und Hausmeisterin in einem Krematorium. Sie ist stylish und zierlich, mit Tattoos und welligem dunklem Haar, sieht also ganz und gar nicht so aus, wie sich die meisten von uns Bestatter vorstellen. Rosen gehört zu einer neuen Welle weiblicher Mitarbeiterinnen in der Bestattungsindustrie. Laut der US-amerikanischen National Funeral Directors Association sind 57 Prozent der Studierenden in dem Fach „mortuary science" Frauen. Als Kremationstechnikerin gehört es zu Rosens Aufgaben, Leichen in Kremationsapparate zu heben, Knochensplitter aus Kremationsöfen zu kehren, „Zehenzettel" zu lesen und Leichenteile richtig zuzuordnen.

Rosen arbeitet in Detroit, einer Stadt, die eine enge Beziehung zum Tod hat. Sie ist eine der gefährlichsten Städte der USA, mit einer Gewaltverbrechensrate von 21.23 auf 1.000 Einwohner. Der absolute Großteil der Morde in Detroit wird in den hauptsächlich von Afro-Amerikanern bewohnten innerstädtischen Vierteln begangen und die Mehrheit der Selbstmorde in den größtenteils von Weißen bewohnten Vororten. Zusätzlich gibt es in Detroit eine verblüffende Zahl von verlassenen Grundstücken. Diese leerstehenden Gebäude dienen oft als Drogenhäuser, in denen Gewaltverbrechen häufig vorkommen.

Rosen bemüht sich, eine professionelle Distanz von den Persönlichkeiten und Identitäten der zu verbrennenden Leichen zu wahren, während sie gleichzeitig sicherstellt, dass jede einzelne mit Sorgfalt und Würde behandelt wird. Es ist ein schwieriger Balanceakt.

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VICE: Wie bist du in die Bestattungsindustrie geraten?
Lauren Rosen: Ich hatte in sehr jungen Jahren schon einen Tod zu bewältigen. Ich habe eine Person, die mir sehr nahestand, auf sehr tragische Weise verloren, und das hat bei mir irgendwie ein Interesse ausgelöst. Es wurde zu einer Art morbiden Neugier. Als ich anfing, Karriereoptionen zu recherchieren, fand ich heraus, dass die Arbeit in Begräbnissen, Einbalsamierung und Bestattungsfeiern sehr auf dem Verkauf von Produkten basiert. Zusatzverkäufe wären ein riesiger Teil meiner Aufgaben, und dabei war mir nicht wirklich wohl. Ich wollte nicht die Person sein, die trauernde Familien abzockt. Ich habe Kremation gewählt, weil sie nicht viel kostet und die umweltfreundlichere Option darstellt.

War es schwierig für dich, in diesen Beruf hineinzukommen?
Aufgrund meiner Größe haben die Leute daran gezweifelt, dass ich das hier kann. Ich bin 1,62 Meter groß und wiege 56 Kilogramm und hier muss man viel schwer heben. In dem Krematorium, in dem ich zur Zeit arbeite, haben wir nicht viel von der neuen Technologie, die es in brandneuen Krematorien gibt. Wir müssen mehr von Hand machen als andere Kremationstechniker. Da ist eine Leiche in einem langen Pappkarton oder einem Holzrahmen und wir müssen das von Hand schieben. Wir haben einen Satz Rollen, damit wir sie leichter vorwärts bewegen können. Mein Chef hatte also seine Zweifel, aber ich schätze, das ist einer meiner Lieblingsaspekte an diesem Job: Ich konnte es in nur ein paar Monaten allen beweisen. Ich bin körperlich sogar um einiges stärker geworden.

Was ist das Ekelhafteste, das du in der Arbeit tun musst?
Manchmal kriegen wir Leichen, die schon ziemlich verwest sind. Weil ich in einem Detroiter Krematorium arbeite, kriegen wir oft Leichen, die in verlassenen Häusern gefunden wurden und die eine ganze Weile dort lagen, bevor man sie entdeckt hat. Ich muss dann sicherstellen, dass die Leiche zu den Dokumenten passt, also muss ich die Zehenzettel und Armbändchen überprüfen und einen Überblick über alles haben. In letzter Zeit haben wir mit den Universitäten zu tun und kriegen Spenderleichen von ihnen. Die sind nicht immer in einem Stück, und dann hat jedes Teil dieselbe Identifikationsnummer, damit keine Teile verlegt werden. Ich musste einen abgetrennten menschlichen Kopf halten und er war viel schwerer, als ich erwartet hätte. Das könnten viele Leute ein bisschen seltsam finden.

Wenn die Leichen in einem schlechten Zustand sind, dann riecht es definitiv und diesen Geruch vergisst du nie im Leben. Ich bin ihn gewöhnt. Manchmal verwesen die Leichen schon so lange, dass vielleicht Fliegen oder Maden auf ihnen sind. Im Sommer, wenn es heißer ist, wird der Geruch durch die Temperaturen noch intensiver. Es gibt definitiv Momente, wo ich ein paar Sekunden brauche, um mich zusammenzureißen, damit ich mich nicht übergeben muss und meine Arbeit weitermachen kann.

Erklär mir den Kremationsvorgang.
Eine durchschnittliche Kremation dauert etwa zwei Stunden. Die Durchschnittstemperatur beträgt dabei um die 980 Grad Celsius. Die Körperteile, die am Ende noch übrig sind, sind deine Hüftknochen, deine Wirbelsäule, dein Schädel und Teile des Gehirns. Wenn nur noch 30 Minuten übrig sind, sehe ich meist in den Ofen. In der Regel kann ich eine kleine schwarze Masse erkennen, das ist das Gehirn, und dann kann ich noch die Wirbelsäule und das Becken erkennen. Manchmal bleibt auch noch das Gehirn übrig, nachdem die Kremation komplett abgeschlossen ist. Es ist so dicht und die meiste Zeit während der Kremation durch den Schädel geschützt, und selbst wenn der Schädel weg ist, dann ist es immer noch unfassbar dicht. Wenn ich die Knochen rausnehme und den Ofen ausfege, kommt alles auf einen Metalltisch und meist sehe ich dann noch Stücke des Gehirns.

Wie wissen die Leute, dass sie ihr Familienmitglied bekommen und nicht einfach einen Haufen Staub?
Wir kochen die Knochen nicht zu sehr. Wir lassen kleine Knochenfragmente zurück. Es gab eine Familie, die ein Krematorium hatte und den Leuten eine Zementmischung zurückgab, während sie die tatsächlichen Leichen auf ihrem Grundstück begrub, also bekamen die Leute nicht wirklich ihre Familien zurück. Wegen dieser Geschichte kam [in den USA] vermehrt Nachfrage danach auf, dass Angehörige bei der Kremation dabei sein dürfen.

Wie genau läuft das dann ab?
Die Familien können ins Krematorium kommen und zusehen, wie ihre Angehörigen in den Ofen geschoben werden. Sie können sich noch mal verabschieden, ein Gebet sprechen und sogar selbst den Knopf drücken, der die Kremation beginnt, wenn sie wollen. Das kam immer häufiger vor, als die Leute anfingen, der Industrie gegenüber misstrauisch zu werden. In letzter Zeit gibt es nicht mehr so viele Anfragen dafür, aber mein Chef hat mir erzählt, er hätte früher täglich so eine Anfrage gekriegt. Ich würde sagen, wir machen etwa einmal die Woche eine Kremation vor Zeugen. Ich mag die Vorstellung, dass die Angehörigen empfänglich für den Prozess sind und beteiligt sein wollen. Ich finde das sehr cool. Es ist kein sanfter Vorgang und man kann es nur schwer den Angehörigen erklären. Es ist eine gewaltsame Art, eine Leiche zu beseitigen. Das Verbrennen einer Leiche kann man nicht schönreden.

Eine Hüftprothese, die bei einer Kremation übrig geblieben ist. Foto: Lauren Rosen

Hattest du schon mal ungewöhnliche Erfahrungen mit Angehörigen oder Freunden der Verstorbenen?
Bei der ersten Kremation vor Zeugen, die ich durchgeführt habe, waren die Töchter der verstorbenen Frau dabei. Ich erklärte ihnen den ganzen Vorgang, was zum Prozedere gehört, wenn es bei einer Kremation Zeugen gibt. Sie machten Smalltalk mit mir, als eine der Frauen sich zu mir drehte und sagte: „Meine Mom steht jetzt komplett in Flammen, oder?", und ich sagte: „Ja, das tut sie." Sie fing plötzlich an, hysterisch zu lachen, komplett hysterisch, und ihre Schwester weinte unkontrollierbar.

Kommst du je nach einem langen Tag ganz staubig und voller Asche nach Hause?
Ja, ich komme staubig nach Hause. Es ist schwierig, denn es landet in deinem Haar, auf deinem Kragen, du kriegst Ruß ins Gesicht und merkst es nicht. Manchmal komme ich heim und denke daran, wie viel davon ich den ganzen Tag eingeatmet habe. Das sind die einzigen Tage, an denen die Arbeit mich auch nach Feierabend nicht loslässt. Ich denke mir: „Da ist ein Haufen Mensch in mir."

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