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Der Vortrag des jüdischen Philosophen Zygmunt Bauman wurde von Rechtsradikalen gestört

Vergangene Woche stürmten polnische Rechtsextreme den Vortrag des jüdischen Soziologen in Wien. Wir haben die Hintergründe.

von Paul Donnerbauer
11 April 2015, 6:30am

Screenshot via YouTube

Wie das linke Nachrichtenportal Indymedia zuerst berichtete, wurde ein Vortrag des jüdischen Soziologen und Philosophen Zygmunt Bauman im Wien Museum am Karlsplatz durch polnische Rechtsextreme gestört.

Der 89-jährige sollte dort einen Vortrag zum Thema „Diasporic Terrorism" halten, in dem er seine Analysen zu den sozialen Auswirkungen der weltweiten Diaspora darlegen wollte und über Möglichkeiten eines antirassistischen Umgangs mit Ereignissen wie etwa dem Attentat auf Charlie Hebdo in Paris aufzeigen wollte.

Bauman selbst musste bereits zwei Mal aufgrund seiner ethnischen Herkunft fliehen. Einmal 1939, als Nazideutschland sein Heimatland Polen überfiel. Damals flüchtete Bauman mit seiner Familie in die Sowjetunion. Nach dem 2. Weltkrieg kehrte er nach Polen zurück und lehrte Soziologie an der Warschauer Universität. Nach den März-Unruhen 1968 und der darauf folgenden antisemitischen Hetzkampagne verlor Bauman seinen Lehrstuhl und floh zum zweiten Mal aus Polen. Er emigrierte zunächst nach Israel, bekam aber bereits 1971 einen Lehrauftrag in Großbritannien und unterrichtete dort bis 1990 Soziologie an der University of Leeds. Bekannt wurde Bauman vor allem mit seinen Arbeiten über das Verhältnis von Moderne und Totalitarismus, im Besonderen dem Nationalsozialismus und dem Holocaust. Er wurde unter anderem mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet.

Am 8. April sollte Zygmunt Bauman mit dem Vortrag die Veranstaltungsreihe der jährlichen Patočka Memorial Lecture des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen eröffnen. Der Vortrag wurde von einer Gruppe von zirka 10 Personen gestört, die auf Polnisch antisemitische und antikommunistische Parolen riefen und den Vortragenden beschimpften. Die Störenfriede riefen unter anderem „Kommunisten lassen wir nicht leben. Nieder mit dem Kommunismus!"

Foto vom Autor

Das Institut für die Wissenschaften vom Menschen bestätigte den Vorfall, will sich dazu aber nicht näher äußern. Dort heißt es nur, das Ganze wäre sehr „ärgerlich", aber die Störenden wären zumindest bald wieder verschwunden. Bauman selbst habe lediglich „furchtbar" dazu gesagt und den Vortrag fortgesetzt. Die Polizei habe man nicht verständigt, was auch Polizeisprecher Patrick Maierhofer bestätigt: „Die Polizei ist nicht verständigt worden. Der Sicherheitsdienst ist eingeschritten, die Männer haben darauf das Gebäude ohne Widerstand verlassen."

Bei den Personen dürfte es sich um Mitglieder der Wiedeńska Inicjatywa Narodowa (Nationale Initiative Wien) handeln—zumindest tauchte nur kurze Zeit nach der Störung des Vortrages ein Link auf deren Facebook-Homepage auf, der zu einem Video der Aktion führt. Die verlinkte Seite ist außerdem nach einer rechtsextremen Wochenzeitung benannt, die von 1935 bis 1939 in Warschau herausgegeben wurde. Kommentiert wird das Posting etwa mit Aussagen wie „Nieder mit der roten Pest".

Die Gruppe Wiedenska Inicjatywa Narodowa fiel in der Vergangenheit vor allem wegen ihrer Teilnahme am sogenannten Marsch für die Familie—einer Demonstration klerikaler Abtreibungsgegner und ultrakonservativer Christen—, der Organisation eines rechtsextremen Vernetzungstreffens und nationalistischer Kundgebungen auf.

In ihrem Selbstverständnis heißt es unter anderem: „Wir sind eine national-katholische Jugendbewegung, deren Zweck die Erziehung der jungen Generation von Einwanderern und die Pflege und Förderung der polnisch nationalen Tradition ist." Außerdem steht die Gruppe der rechtsradikalen polnischen Partei Ruch Narodowy (Nationale Bewegung) nahe, die auch zu den Europa-Wahlen 2014 antrat und aus Polen einen „christlichen Religionsstaat" machen will. Ruch Narodowy wurde als Wahlbündnis verschiedener rechtsextremer Organisationen gegründet, stellt mittlerweile aber den Kern der neofaschistischen Bewegung Polens dar und pflegt gute Kontakte zu autonomen Nationalisten.

Unter der Telefonnummer, die auf der Facebookseite von Wiedenska Inicjatywa Narodowa angegeben ist, ist seit dem Vorfall niemand zu erreichen. Auch an der Vereinsadresse in Meidling war niemand anzutreffen.

Verletzt wurde bei der Störaktion niemand. Für Bauman war es nicht das erste Mal, dass er während eines Vortrags von polnischen Nationalisten unterbrochen wurde. 2013 kam es im Rahmen einer Vorlesung in Wroclaw ebenfalls zu einem Zwischenfall, bei dem an die 100 Rechtsradikale Bauman beschimpften und „Hau ab" skandierten.

In Wien ermittelt nun der Verfassungschutz: „Das Video von dem Vorfall wird derzeit vom Landesamt für Verfassungsschutz überprüft. Es wird in alle Richtungen ermittelt", sagt Polizeisprecher Patrick Maierhofer.

Der Vortrag am Mittwoch war nicht der einzige Auftritt Baumans in Wien. Ein zweiter Vortrag, der ohne Zwischenfälle verlief, fand Donnerstag Abend im Kreisky Forum statt. Freitag Nachmittag war Bauman außerdem im Republikanischen Club zu einer Debatte zum Thema „Diasporic Terrorism" eingeladen. Verstärkte Polizeipräsenz gab es nicht, die Veranstalter waren aber laut eigenen Angaben auf alle Störaktionen vorbereitet.