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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
DIE LITERATURAUSGABE 2013

Werwolf

Anna Noyes erzählt die Geschichte von Claire, deren Familie glaubt, dass ihr Cousin Paul sie als Kind missbraucht hat, und eigentlich war es der Gärtner.

von Anna Noyes
15 August 2013, 12:00am


Gemälde von Julie Adler

Der Tag hatte bereits gut begonnen. Ein Vogel schlägt gegen das Fenster. Irgendwo über dem Türrahmen ist ein Nest. Claire ist unfähig, ihre Augen zu öffnen, aus Angst vor dem, was sie sehen könnte—ihrer beider auf dem Boden verstreuten Klamotten, auf dem Nachttisch das Glas mit Orangensaft und Wasser, bei dem sich das Fruchtfleisch in einer Wolke auf dem Boden abgesetzt hat und dessen Rand Spuren ihres Lippenstifts aufweist, irgendwie vorwurfsvoll, ebenso vorwurfsvoll wie die Gläser, die sie aus dem Geschirrspüler räumt, sauber bis auf ihren hartnäckigen Lippenstift. Sie muss sie zweimal spülen. In der Küche stapelt sich das schmutzige Geschirr, dabei hat sie gestern, als sie und Hal, ihr Ehemann, von der Party zurückkamen, mit dem Arm in das fettige graue Spülwasser gegriffen, um die Essensreste aus dem Abfluss zu holen. Sie war mit dem Haferbreiklumpen ins Badezimmer marschiert, um ihm Vorwürfe zu machen. „Das ist echt widerlich“, sagte sie. „Das passiert, wenn man es vorher nicht abspült.“ Aber es war auch ihr Fehler, denn sie machte jeden Morgen Haferbrei und ließ den schmutzigen Topf auf dem Herd stehen.

Danach stritten sie, weil sie die Party früher hatte verlassen wollen als Hal. Er war betrunken und flüchtete sich mitten im Streit unter die Dusche. Sie folgte ihm. Er stand mit geschlossenen Augen unter dem heißen Wasserschwall, die Haare an die Stirn geklebt, während sie auf ihn einredete. Und dann fing sie unvermutet an zu schluchzen. Hal nahm sie in die Arme und das Wasser strömte zwischen ihren Bäuchen hindurch.

Während sie weinte, spürte sie in ihrer Brust einen echten, handfesten Kummer, aber ebenso gab es da einen kalten Teil, der unbeteiligt von außen zuschaute. Dieser Teil wusste, dass sie sich mit den Tränen Hals Zärtlichkeit und einen Teil des heißen Wassers gesichert hatte. Sie hatte gewonnen, weil sie bei ihm Schuldgefühle erzeugt hatte.

Der zuschauende Teil von ihr war emotionslos, auf eine Weise, wie Claire es nie war.

Sie schien von allem, ob Freude oder Trauer, immer vollständig eingenommen zu sein. 28 war zu jung für geplatzte Äderchen unter den Augen. Nicht nur waren die Augen geschwollen, sondern da waren auch diese winzigen, violetten Äderchen, durch die Anstrengung vom Weinen.

Aber gleichzeitig gab es dieses kalte Etwas, das zu­schaute. Werwolf, dachte sie, und das beunruhigte sie. Sie hatte diesem zweiten Ich kaum Beachtung geschenkt, nicht, weil es zu klein oder nur selten aufgetaucht wäre, sondern, weil es immer anwesend war. Und wenn sie es früher bemerkt hatte, hatte sie bei sich gedacht, dass dieses Zeugen-Ich sie Gott nahebringen würde. Sie hatte nie gedacht, dass es bösartig sein könnte. Werwolf. Das Wasser floss zwischen ihnen hindurch und ihr drehte sich der Magen um. Sie dachte, was, wenn ich ein schlechter Mensch bin?

Im Bett setzte sie sich auf Hal und schlief mit ihm, wie sie es tat, wenn sie betrunken war. Um einzuschlafen, sagte sie ein Mantra auf, damit sie aufhören könnte, über Gut oder Böse nachzudenken.

Am nächsten Morgen denkt sie nicht mehr an diese Dinge. Sie denkt, dass sie vielleicht einen Kater hat, und befürchtet, dass sich dies beim Öffnen ihrer Augen bestätigen könnte. Hal hat seinen Arm um ihren Körper geschlungen. Ein Drama scheint in seinem Traum dem Höhepunkt zuzustreben und seine Hand zuckt und drückt die kleine Falte, die sich an ihrem Bauch bildet, wenn sie auf der Seite liegt. Sie ist erschrocken. Das plötzliche Bewusstwerden ihres schlaffen Bauches beunruhigt sie. Obwohl sie sich da keine Sorgen machen müsste. Sie hat einen guten Körper.

Es ist der Kater, der jedes Mal dafür sorgt, dass sie sich in ihrem Körper unwohl fühlt—physisch, aber auch, und vielleicht sogar in erster Linie, weil sie von Schuldgefühlen heimgesucht wird. Sie ist verheiratet, sie hat jetzt ihre eigene Familie und bald, vielleicht in einem Jahr oder so, möchte sie ein Baby haben. Aber wenn sie getrunken hat, wandern ihre Gedanken am nächsten Morgen direkt zu ihren Eltern. Und der Gedanke an sie macht sie traurig, als hätte sie sie enttäuscht. Es macht keinen Sinn.

Sie möchte den ganzen Tag verschlafen, aber heute ist ihr Sonntag mit Paul. Auch wenn die Vorstellung, zu ihm zu fahren, um ihn abzuholen, billige Pizza zu essen und sich einen dieser Trashfilme anzuschauen, die ihm gefallen, nahezu unerträglich ist.

Mittlerweile hat Paul wahrscheinlich geduscht, sich angezogen und seinen Duft aufgelegt und wartet draußen auf sie, wie er es auch an noch so kalten Tagen zu tun pflegt, sogar dann, wenn sie anruft, um seiner Betreuerin mitzuteilen, dass sie sich verspäten wird. Oder wie damals, als sie absagen musste und die Betreuerin ihn nicht dazu bringen konnte, wieder reinzukommen, und das mehrere Stunden lang.

Sie steigt aus dem Bett und weiß, dass sie es ertragen kann. Sogar sein Duftwasser (ihre eigene Schuld, ein Geschenk aus der Ramschkiste), mit dem er sich überschüttet, ist etwas, das sie ertragen kann.

Heute ist ein Tag für viel Make-up und sie lässt sich Zeit, um ihr Gesicht wieder zum Leben zu erwecken. Ihre Augen haben rote Ränder vom Weinen. Hal kommt ins Badezimmer und streicht mit den Fingernägeln über ihren nackten Rücken. „Der Sex war richtig heiß“, sagt er. Die Erinnerung an den Sex hat, ebenso wie ihr Weinen, etwas Unklares, Verschwommenes. Aber sie weiß, dass sie irgendwie anders war. Besser, vielleicht. Im Sinne von wilder.

Hal nimmt eine kurze Dusche und sie arbeitet weiter an ihrem Make-up. Der Spiegel läuft ständig an von seinem Wasserdampf, sodass Claire ihn abwischen muss. Er schlingt die Arme um sie und flüstert ihr ins Ohr: „Hallo, Werwolf.“

Das plötzliche klare Aussprechen dieses Worts, in ihr Ohr gehaucht, lässt sie zusammenzucken. Es war, als habe man ihr eine Waffe vorgehalten, eine verrückte Vorstellung, aber genau daran musste sie denken—eine Waffe. Es ist, als wär er hinter ihr Geheimnis gekommen.

„Nenn mich nicht so“, sagt sie.

„Du bist ganz schön stolz auf dich selbst, oder? Führst alle an der Nase herum.“

„Das tue ich nicht“, sagt Claire. „Ich hasse das Spiel. Ich hasse es, Werwolf zu sein. Das macht mich total nervös. Meine wichtigste Strategie ist schlichte Ignoranz.“ Es stimmt, sie hasst das Spiel.

Er fährt mit seinen Händen ihre Hüftknochen entlang.

„Hallo, ich bin’s“, sagt er. „Ich bin dein Ehemann, erinnerst du dich? Mich kannst du nicht zum Narren halten, ich durchschaue dich. Jetzt spielst du gerade das Spiel.“

„Bitte“, sagt sie und kann fühlen, wie ihre Handflächen und Füße zu schwitzen beginnen, so, wie sie es taten, als sie als Werwolf erkannt wurde. „Das tue ich wirklich nicht. Ich kapier’s nicht.“

„Ach, jetzt kommt schon. Lass die Masche mit der gespielten Unschuld. Es ist niemand da, der zuschaut.“

„Jetzt lass mich in Ruhe“, sagt sie und trägt ihren Lippenstift auf.

Sie hat das Gefühl, als würde sie zittern, zieht aber sauber ihre Lippen nach.

Sie dreht sich um, um Hal zu küssen. Sein Bart ist nass und sein Mund schmeckt nach Minze und den Drinks der letzten Nacht. Er versucht, ihr die Zunge in den Mund zu schieben, aber es ist zu schnell und zu nass, um ihr zu gefallen. Sie wendet den Mund ab und vergräbt ihr Gesicht in der warmen, nach Seife riechenden Dunkelheit seines Halses.

Hal kennt sie, natürlich, und er hat natürlich recht. Sie spielt immer noch.

Aber dann denkt sie, ich weiß wirklich nicht, wie das Spiel gespielt wird. Und es macht mich wirklich nervös.

Und wer verteidigt sich jetzt? Der Werwolf. Sie hatte kurz geglaubt, es sei Claire, aber es war noch immer der Werwolf.

Ja, das Spiel macht sie nervös. Gestern Abend, als es auf der Party ruhiger wurde und alle zusammenkamen, um Werwolf zu spielen, begannen Claires Füße und Hände zu schwitzen. Und doch sagte sie zu Hal, gerade laut genug, dass die Mitspieler es hören konnten, das sie eine Todesangst davor haben würde, als Werwolf ausgewählt zu werden. Dass wer auch immer als Gott für die Auswahl zuständig sein würde, sie besser nicht aussuchen solle. Sie war naiv, sie war nervös. Nicht so der Werwolf. Dadurch, dass sie ihre Angst bekundete, sorgte sie dafür, dass sie als Werwolf ausgewählt werden würde und dass die anderen die nervöse, süße Claire nicht verdächtigten. Der Werwolf verfolgte bereits seine Strategie. Aber Claire hatte damit nichts zu tun. Claire hatte Angst.

Zu Anfang hatte sie wirklich nicht verstanden, wie das Spiel gespielt wurde. Zumindest bestimmte nebensächlichere Komponenten nicht, wie den Detektiv oder den Schutzengel. Aber sie verstand, worin ihre eigene Rolle als Werwolf bestand, wenn alle ihre Augen schlossen und eine Stadt spielten, die sich schlafen gelegt hatte, bis dann Gott, gespielt von einem ihrer Freunde, den Werwolf anweisen würde, die Augen zu öffnen und jemanden zu „töten“. Dann fühlte sie, wie sich ihr friedliches, schlafendes Gesicht in etwas Manisches, Wildes verwandelte und sie öffnete ihre Augen und zeigte auf die Person, die sie töten wollte, sorgfältig darauf bedacht, dabei nicht mit dem Kleid zu rascheln. Dann wechselte ihr Gesicht wieder in die friedliche Schläfrigkeit, damit sie authentisch als Stadtbewohnerin aufwachen und mit den anderen rätseln konnte, wer der Werwolf wohl sein mochte.

Nach jeder Tötung versuchte Claire, freundlich zu sein—jene verteidigend, die als Werwolf beschul­digt wurden, und sich lediglich vor denen hütend, die Beschuldigungen aussprachen. Und bei jeder Runde stellte Claire Fragen zum Spiel, auf deren Antworten sie wirklich nicht gekommen wäre. (Aber auch hier stellte sich die Frage, ob es der Werwolf war, der das Spiel spielte und schon in ihren eigenen Gedanken Unschuld simulierte? Ja, wahrscheinlich war es so. Das brachte sie völlig außer Fassung.)

Sie erneuerte ihren Lippenstift, der vom Küssen mit Hal verschmiert war.

Die Rolle eines Stadtbewohners war ganz einfach. Sie spielte einfach sich selbst. Alles, was sie tun musste, war, den Teil ihres Gehirns abzuschalten, der wusste, dass sie der Werwolf war. Auf diese Weise fühlte es sich nicht wie Lügen an. Sie war eine schlechte Lügnerin (bzw. regte es sie auf zu lügen, sodass sie lieber schlecht darin war), aber auf der Highschool und dem College war sie eine gute Schauspielerin gewesen und zwischen den Tötungen dachte sie nicht an den Werwolf.

Zum Ende des Spiels, als alle getötet worden waren, ohne dass jemand auf sie getippt hätte, gab sie sich zu erkennen. Ihre Freunde schüttelten ungläubig lachend den Kopf, warfen ihr Seitenblicke zu und sagten Dinge wie: „Da glaubt man, jemanden zu kennen …“

Da sie ihre beste Freundin auf der Party oder Hal nicht täuschen konnte, tötete sie sie in der ersten und zweiten Runde, um dies zu umgehen.

Sie sagt Hal: „Du hast recht. Ich bin ein Superhirn und spiele jetzt gerade das Spiel.“ Es hört sich sarkastisch an, obwohl es sich echt anhören sollte, ein Bekenntnis, um die Strategie des Werwolfs zu untergraben.

Wie absurd, bei einem dummen Spiel, das Manipulation und Täuschung erfordert, an Superhirn zu denken. Aber genau so spielt man, wenn man gewinnen will.

Aber es geht nicht um das Spiel, denkt sie, im Wagen auf dem Weg zu Paul, das Radio zur Ablenkung laut aufgedreht. Es geht um das, was das Spiel offenbart: dass hinter all der Nettigkeit und Freundlichkeit und den Gefühlen und Tränen, die sie der Welt zeigt, ein grundlegend böses zweites Ich stecken könnte.

Sie ist sich nicht sicher, was das zweite Ich will, aber es hat etwas mit Gewinnen zu tun.

Als Kind war sie eine Lügnerin. Sie erinnert sich nur an drei Lügen, allerdings mit einer Klarheit, die an die kalte Wachsamkeit erinnert, die sie bei den Nachwehen ihres Streits gespürt hat.

Nur eine davon scheint von Bedeutung zu sein, trotzdem sind die beiden anderen ihr im Gedächtnis haften geblieben.

Bei der ersten wartete sie mit ihrem Dad in seinem Lkw auf den Schulbus. Es regnete. Der Bus raste an ihrer Einfahrt vorbei, ohne anzuhalten, sodass ihr Vater hupte und der Bus rechts ranfuhr. Sie musste aussteigen und durch den Regen laufen. Als sie einstieg, sagte ein Mädchen, das mit ihr in die erste Klasse ging: „Hey, hast du nicht heute Geburtstag?“ Die Art, wie es das sagte, war irgendwie gemein, denn das Mädchen gehörte zu der Sorte, die andere schikanieren. Der Bus fuhr ruckend an und Claire nickte und trat den Weg durch die Sitzreihen an. Es war nicht ihr Geburtstag. Es war der Tag vor ihrem Geburtstag. Der Busfahrer hatte es mitbekommen und ließ den Bus singen. In der Schule gaben sie die Lüge über die Lautsprecheranlage bekannt, ihre Klasse sang ebenfalls und ihr Lehrer schenkte ihr einen Donut mit einer Kerze.

Sie weinte, sobald sie nach Hause kam und ihren Vater sah. Er hörte sich an, was passiert war, und nahm sie auf den Schoss, obwohl ihre Regenkombi tropfnass war. Der nächste Tag, ihr Geburtstag, verlief wie jeder andere Tag auch.

Bei der zweiten Lüge spielte sie Marco Polo auf dem Spielplatz und rannte mit geschlossenen Augen gegen die Rutsche. Ihr war gerade einen Monat zuvor ein Frontzahn gewachsen. Ihr Mund blutete und sie fuhr mit der Zunge über den scharfen Stumpf, der von ihrem Frontzahn übriggeblieben war. Als sie den Mund öffnete, starrten ihre Freunde ungläubig und sagten: „Meine Güte“, einige schreiend und andere lachend. Der Lehrer ließ sie einen Blick in den Badezimmerspiegel im Klassenzimmer werfen und dann kamen ihre Eltern, um sie abzuholen.

Sie erzählte ihnen, jemand habe sie gegen die Rutsche geschubst. Sie wollten den Namen des Schuldigen wissen. Als Claire Teenager war und ihr falscher Zahn ihr immer noch Probleme bereitete (Wurzelkanalentzündung, blutiges Zahnfleisch), sagte ihr Vater: „Komm schon, raus damit, hör endlich auf, diesen kleinen Scheißkerl zu schützen.“ Aber sie lachte aus Angst und schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht beichten. Zu viel Zeit war vergangen.

Und dann war da die dritte Lüge. Sie saß auf dem pinkfarbenen Fensterplatz im Haus ihrer Großmutter. Es muss Weihnachten gewesen sein, denn Paul, ihr Cousin, und sein kleiner Bruder Reuben waren ebenfalls da, mit ihrer Mutter, Tante Ray. Claire war damals sechs, Reuben also sieben und Paul neun. Sie kann sich sogar noch an ihre Hemdbluse erinnern: rot mit einem Schottenmuster. Ihre Mutter wusste, dass irgendwas nicht stimmte, noch bevor Claire den Mittagstisch verließ und sich ans Fenster setzte, um allein zu sein. Ihre Mutter folgte ihr. Und jetzt kommt, was sie nicht sagen wollte, was sie bisher noch niemand gesagt hatte: Früher am Tag hatte sie ein Mann, der auf der Farm ihrer Großmutter arbeitete, in ein altes Gartenhäuschen mitgenommen, das jetzt von den Kindern als Spielhäuschen genutzt wurde. In dem Spielhäuschen gab es ein Stockbett. Sie kletterten auf das oberste Bett. Der Mann zog seine Hose aus und forderte sie auf, ihn anzufassen. Sie kann sich nicht erinnern, ob sie ihm Folge leistete oder nicht. Sie kann sich nur erinnern, dass er sie küsste, intensiv genug, um fühlen zu können, dass er keine Zähne hatte, obwohl er noch jünger war. Sie wollte weg, hatte aber Angst, die Leiter hinunterzuklettern.

Stattdessen erzählte sie ihrer Mutter also, dass sie an dem Tag mit ihren Cousins im Bad gespielt habe und dass Paul nach draußen gegangen und mit einem Stock zurückgekommen sei, um damit nach ihr zu stoßen.

Ihre Cousins waren oben, um sich bettfertig zu machen, und ihre Mutter führte sie an der Hand zur Treppe und rief nach ihnen, ihre Stimme vor Wut und Angst zitternd. Paul und Reuben kamen oben auf die Treppe, mit den Weihnachtsmützen, die die Großmutter für alle Kinder gestrickt hatte, unförmige Mützen mit Glöckchen und zu viel Spitze.

„Paul“, sagte Claires Mom, „hast du mit einem Stock nach Claire gestoßen?“ „Wieso?“, fragte Paul. Und ihre Mutter sagte: „Du hast dir also keinen Stock geholt, als Claire im Bad war, und sie dann damit gestoßen?“ Paul schüttelte den Kopf. Reuben schüttelte ebenfalls den Kopf und meinte: „Wir haben heute nicht mal gebadet.“ Dann erschien Tante Ray auf dem Treppenabsatz und Claires Mutter erklärte noch mal, was passiert war. Ray ging die Treppe hinunter zu Paul, dessen Wangen rot waren, als er zu weinen begann. Sie legte ihm den Arm um die Schulter und fragte: „Hast du Claire im Bad wehgetan?“ Und Paul sagte: „Nein.“ Und Reuben sagte: „Ich schwöre es, er hat nichts gemacht.“

Reuben war immer auf Pauls Seite, denn Paul hatte das Down-Syndrom und war kleiner als Reuben, obwohl dieser zwei Jahre älter war. So ging es eine ganze Weile, ihre Cousins, die ihre besten Freunde waren, schauten erstaunt auf sie hinunter und ihre Tante, den Arm um Pauls Schultern gelegt, sagte: „Aber das stimmt, ich habe sie gestern Abend gebadet. Heute waren sie nicht in der Wanne.“

Warum Claire diese Lüge erzählt hat, weiß sie nicht. Sie sagte, Paul habe sie gestoßen, aber sie kann sich nicht erinnern, gesagt zu haben, dass er sie zwischen den Beinen gestoßen habe, obwohl sie so etwas gesagt haben muss. Und sie erinnert sich an die Lügen, die sie später in dieser Woche in der Arztpraxis erzählte, so deutlich, als hätte man die Bildschirmauflösung ihres Lebens für einen einzigen Moment voll aufgedreht und dann sofort wieder heruntergesetzt, als der Teil kam, an dem sie untersucht wurde—woran sie sich überhaupt nicht mehr erinnern kann. Sie erinnert sich, wie sie in ihrem Papierkittel auf dem Rand des Untersuchungstisches sitzt, nach Details suchend, um die Lüge glaubwürdiger zu machen—Paul ist nach draußen gegangen (hier stellte sie sich vor, wie er zur Hintertür rausgeht) und hat einen Stock im Schnee gefunden (sie stellte sich ihn suchend bei Großmutters Hecke vor) und ihn hereingebracht, um damit nach ihr zu stoßen. „Es war noch etwas Schnee dran“, erzählte sie dem Arzt.

Jahre später würde ihre Mutter sich dazu äußern, wie ruhig und klar Claire das Geschehene hatte ausdrücken können. Und das mit gerade mal sechs Jahren. Ihre Mutter erzählte die Geschichte immer wieder, aber nur Claire. Wie tapfer Claire für ein solch kleines Kind gewesen war und wie ihre Mutter gewusst hatte, einfach nur gewusst hatte, dass etwas nicht stimmte. Ihre Mutter verwendete den Begriff „Missbrauch“ für das, was mit dem Stock in der Badewanne passiert war. Obwohl die Sache natürlich kompliziert war, weil Paul ebenfalls noch sehr klein war, weil er das Down-Syndrom hatte.

Warum Paul? Sie hätte ebenso gut Reuben beschuldigen können. Oder wusste sie vielleicht schon mit sechs Jahren, dass Paul der Schwächere war, dass die Leute die Lüge nur glauben würden, wenn ihr Wort gegen seines stand?

Wann immer Claire später bei Familienessen das Wort erhob, warf Tante Ray ihr einen wissenden Blick zu, der sagte, sie halten dich für so süß, aber ich durchschaue dich. Dann zog sie ihren Sohn auf ihren Schoß, streichelte Paul Wangen und Haar, ließ ihn mit den Fingern von ihrem Teller essen und beobachtete Claire. Jedenfalls sah es so aus. Claire—mit ihren guten Noten, Tanzvorführungen und Theaterstücken in der gesamten weiterführenden Schule und später auf der Highschool, während Reuben erst Süßigkeiten, dann Feuerzeuge und schließlich Bier stahl und Paul dick wurde. Bei den Familientreffen hörte Paul nicht auf zu essen und lud seinen Teller mit Spaghetti und Knoblauchbrot voll; und obwohl er als kleiner Junge so dünn war, dass seine Haut fast durchscheinend war, wuchs er zu einem 90 Kilo schweren, 1,52 Meter großen Teenager heran. Eines Abends im Sommer schrie ihn ihre Großmutter über den Esstisch an: „Hör auf, dir das ganze Essen reinzustopfen“, und meinte zu Ray: „Dein Sohn ist ein Schwein. Warum bringst du ihm keine Manieren bei?“

„Ihr seid ein Haufen Arschlöcher“, meinte Ray. Sie schob ihren Stuhl zurück und er kippte um. Sie ging nach draußen auf die Veranda, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, dass sie wieder aufsprang und offen blieb. Der Rauch von Rays Zigarette fand den Weg in die Küche.

„Oh, ganz toll, vor den Kindern zu fluchen“, schrie Großmutter ihr hinterher. „Kein Wunder, dass deine Jungs solche Tiere sind.“

Paul fuhr mit dem Essen seiner Spaghetti fort, wobei er sich nach jedem Bissen fein säuberlich den Mund mit einer Serviette abtupfte. Claire begann, den Tisch abzuräumen. „Braves Mädchen“, meinte ihre Großmutter.

Und während der gesamten Zeit im Internat und auf dem College und danach, als sie ordentlich aussehende Freunde mit nach Hause brachte und schließlich einen von ihnen heiratete, blieb sie ein braves Mädchen. Sie holte Paul jeden Sonntag aus seinem Heim ab und sie gingen gemeinsam ins Y schwimmen und ließen sich treiben, dann zu Denny’s zum Abendessen oder auch mal zum Sub-Sandwich und danach ins Kino, oder sie kaufte ihm Videokassetten für einen Dollar das Stück im Second-Hand-Laden.

Allerdings schaute sie diese Kassetten nie mit ihm zusammen an—sie hatte ihn nur einmal in seinem Heim besucht, einem Trailer, der nach angebranntem Hamburger-Fleisch roch, das die Betreuerin mit einer Hamburger-Gewürzmischung für das Abendessen zubereitete. An besagtem Abend war sie zum Essen geblieben, die Betreuerin, eine krumme, bucklige Frau mit Sauerstoffgerät namens Pam, ließ sie sich alle an der Hand nehmen (klebrige, schweißnasse Hände), während sie das Vaterunser aufsagte. Nach Pams Gebet meinte Paul, auch er wolle ein Gebet aufsagen, und er faltete seine Hände vor dem Herzen und sagte, dass der Herr sie zu seiner Familie gemacht habe und dass Er sie bitte alle beschützen möge, und dann, mit fest zusammengedrückten Augen, sagte er, er könne Großmutter im Himmel sagen hören, dass sie sie alle lieben würde und dass Claire ein Engel sei, Amen. Claire zwang sich, das graue Fleisch zu essen und trank das Glas Wasser voller Eiswürfel, die nach Gefrierfach schmeckten. Die anderen Kinder schauten sie an, aber sie waren eigentlich keine Kinder mehr, sondern ein Mann und eine Frau, obwohl die Frau ständig ihre Hände ableckte und der Mann einen Fahrradhelm mit neongrünen Rallyestreifen an den Seiten trug.

Nach dem Abendessen saß Claire auf Pauls Bett und schaute sich eine der Videokassetten an, die sie ihm gekauft hatte. Sie hieß Air Bud und handelte von einem Golden Retriever, der Basketball spielte. Sein Zimmer roch nach Feuchtigkeit, schmutzigen Haaren und Kartoffelchips und über dem einzigen Fenster des Zimmers waren zwei Handtücher angebracht. Es gab ein klopfendes Geräusch und Claire dachte, jemand würde an Pauls Schlafzimmertür klopfen, aber es war niemand, der an die Tür klopfte, sondern der Junge mit dem Fahrradhelm, der mit dem Kopf gegen die Flurwand schlug. Sie kam nie wieder zum Abendessen vorbei. Aber danach blieb sie länger mit Paul weg und ging manchmal mit ihm in eine Abendvorstellung im Kino, die fünf Dollar mehr kostete als die Matineevorstellungen, und kaufte ihm bei Denny’s, was immer er haben wollte, obwohl sie wusste, dass es falsch war, ihn das essen zu lassen (doppelte Bacon-Cheeseburger mit Ketchup und extra Gewürzgurke, aber ohne Zwiebel, Senf, Salat oder Tomate) bei seinem schwachen Herzen und allem. Dass Menschen mit Down-Syndrom früh starben, wusste sie, ohne zu verstehen, warum, sie hatte sich nie intensiv genug damit beschäftigt, um es zu verstehen, und sie konnte sich nicht damit beschäftigen, ja kaum darüber nachdenken. Sie hatte noch nie einen Menschen mit Down-Syndrom mit grauen Haaren oder Falten gesehen, wobei sie überhaupt noch nicht viele andere Menschen mit Down-Syndrom gesehen hatte, nur die paar, die ihr unvergesslich geblieben waren, vielleicht ein Dutzend.


In ihrem Hinterkopf hört sie Hal immer wieder sagen: „Jetzt gerade spielst du das Spiel“, und das Steuerrad fängt in ihren schwitzenden Händen an zu kleben. Jetzt gerade. Und jetzt.

Wie Tante Ray mit ihren Seitenblicken immer schon angedeutet hatte: Du bist deiner selbst ganz schön sicher, oder? Hältst alle zum Narren. Selbst wenn Ray Claire umarmte, mit ihrem weichen Körper, den dicken Armen und den warmen, mütterlichen Wollstrickjacken, hatte ihr Blick etwas Abschätzendes, Herausforderndes, wenn sie sich zurückzog, wie bei einer Bärenmutter, die mit ihren Jungen überrascht wird und zum Angriff bereit ist. So jedenfalls empfand es Claire. Es war Claires eigene Mutter, die ein Stück der Wahrheit gespürt hatte—der Mann, das schwankende Stockbett, seine Nacktheit. Ray besaß das gleiche mütterliche Gespür, was Claires Lüge anbetraf—die Lüge, die Lüge—als sie hinter ihrem Sohn mit seiner Weihnachtsnarrenmütze und seinen viel zu großen Wollsocken auf der Treppe stand und ihre Arme um seine Schultern legte, als wolle sie sagen: „Das ist nicht wahr“, und: „Ich bin seine Rüstung.“

Als Claire 17 war, wurde Tante Ray krank, und Claire wusste, dass sie die Wahrheit beichten musste. Aber zunächst beichtete sie ihrer Mutter.

Am meisten belastete es sie, dass sie zugelassen hatte, dass ihre Mutter sich und Claire die Lügengeschichte wieder und wieder erzählte, als handelte es sich um einen einzigartigen Triumph der mütterlichen Intuition und der Reife Claires, weil sie so klar und ehrlich gewesen war.

Das Gehirn ist eine vertrackte Sache und manchmal, je nach Stimmung vertraute Claire der Verwirrung, die auf ihre Beichte gefolgt war.

„Eine Sekunde mal“, sagte ihre Mutter, nachdem Claire ihr von dem Mann erzählt („Ach, Liebes“, hatte ihre Mutter gesagt und zu weinen begonnen) und ihr gebeichtet hatte, dass sie die ganze Geschichte mit Paul erfunden hatte. „Du sagst, du seist wegen des Mannes durcheinander gewesen, wegen all dem, was er gemacht hat, aber die Sache mit Paul ist an Weihnachten passiert. Deine Großmutter hat über Weihnachten niemanden beschäftigt. Das muss im Sommer gewesen sein, als der Mann das mit dir gemacht hat.“

Aber um die fragwürdige zeitliche Einordnung ging es gar nicht. Claire konnte einfach an den Mann gedacht haben, vielleicht war das, was mit ihm geschehen war, an einem anderen Tag, Monate zuvor, geschehen, ging ihr aber gerade im Kopf herum, als ihre Mutter sie auf der Fensterbank zur Rede stellte. Claire hatte den Kopf im Schoß ihrer Mutter und ihre Mutter streichelte ihr das Haar. „Mein armes Ding“, sagte sie. „Es macht mich wahnsinnig. Du warst so klein. Kleine Kinder haben so etwas Schlimmes nicht verdient.“

„Aber sieh mal, ich weiß, dass die ganze Sache mit Paul eine Lüge war“, sagte Claire. „Da bin ich sicher. Ich kann mich ganz deutlich daran erinnern, wie es sich angefühlt hat, zu lügen. Beim Arzt. Sich all das mit dem Schnee auszudenken und so.“

„An was kannst du dich noch erinnern?“

„An viel mehr nicht“, sagte sie. Das stimmte. Alles, was nicht mit den Lügen zu tun hatte, war verschwommen.

Ihre Mutter erinnerte sich jetzt daran, dass sie nach ihrem Geständnis, was Paul mit ihr gemacht hatte, beim Pinkeln geschrien und geweint hätte. „Es brennt“, hätte sie geschrien, „es brennt“. Als der Arzt sie untersuchte, hatte er kleine Schnitte an ihren Schamlippen entdeckt. Er vermutete, es könne noch ein Stückchen vom Stock in ihrer Scheide sein, wollte es aber von allein rauskommen lassen.

Ihre Mutter strich ihr über das Haar und Claire weinte in ihrem Schoss, während sie darüber sprachen, wie seltsam das Gedächtnis ist und wie sehr sie sich geschämt haben muss, als ihre Tante und ihre Cousins von der Treppe auf sie hinabschauten und ihrer Geschichte widersprachen.

„Es stimmt aber“, sagte Claire, „wir haben an dem Tag nicht gebadet. Ich weiß, dass wir nicht gebadet haben.“

„Du hast recht. Nicht mit Wasser. Aber du warst trotzdem in der Wanne und hast nackt gespielt. Das hast du jedenfalls dem Arzt erzählt.“

„Ich kann mich nicht erinnern.“

„Ich finde es erstaunlich, dass du dich überhaupt an etwas erinnerst“, sagte ihre Mutter und gab Claire einen Kuss auf das Haar. „Du warst ein kleiner Fratz. Und alles hat ein gutes Ende genommen. Warum lässt du das kleine Mädchen nicht mal in Ruhe?“

Claire dachte an sich als kleines Mädchen, unten an der Treppe stehend, und wollte das Bild etwas weicher machen. Aber alles, was sie sah, war eine Sechsjährige, die größer und aufgeweckter war, als ihr gut tat, und die ungerührt ihre Lügengeschichte wiederholte, sich immer mehr darin verstrickend und zu feige, um sie aufzulösen.

„Tante Ray weiß Bescheid“, sagte Claire. „Das ist auch der Grund, warum sie mich hasst. Ich weiß, du bemerkst das nicht, aber ich. Sie schaut mich immer so seltsam an.“

„Oh, Ray ist einfach nur ein Miststück. Entschuldige, ich liebe sie, sie ist krank, aber sie ist auch eines der größten Miststücke, die es gibt. Also sei ein bisschen nachsichtig mit ihr. Auch mit dir. Sei nicht immer so hart zu dir selbst“, meinte ihre Mutter. „So was tut dir nur weh.“

Und der Teil von ihr, der darum bemüht ist, eine gute Tochter, Ehefrau und Freundin zu sein, der Teil, den sie jeden Tag pflegt und dem sie Lippenstift aufträgt, der Teil, der Paul zum Essen ausführt und bei den Special Olympics ruft: „Schwimm, was das Zeug hält, Paul!“, dieser Teil glaubt, dass sie sich durch ein Gedächtnismanöver all diese Jahre selbst dazu gebracht hat, zu glauben, sie habe eine Lüge erzählt, wo sie doch in Wirklichkeit nie gelogen hat.

An einem kalten, distanzierten Ort jedoch, einem dunklen, blauen Ort irgendwo unter ihrem Herzen herrscht die grundlegende Gewissheit, dass der Arzt falsch lag. An diesem Ort, einer Art Höhle, ist sie überzeugt, hat sie keinerlei Zweifel, dass sie gelogen hat.

Als sie in die Einfahrt zum Heim einbiegt, sitzt Paul auf einem Felsblock auf dem Rasen, ganz in Rot gekleidet, im Schneidersitz und gewaltig wie ein lachender Buddha.

„Hallo, meine Schöne“, sagt er, und spricht es Schöö-ne aus, etwas, das Claire manchmal für Hal nachmacht („Guten Morgen, mein Schööner“), ohne darüber nachzudenken.

„Du bist schön“, antwortet sie.

Er fährt sich mit der Hand durchs Haar. „Das weiß ich.“

„Und das Rot? Ganz schön auffällig.“ Er trägt schon seit Jahren einfarbige Outfits, weiße oder schwarze, aber das Rot ist neu. Sie hat ihm die rote Hose gekauft, fällt ihr ein, zusammen mit einer schwarz-weißen, in der Sondergrößenabteilung für Frauen-Freizeitkleidung bei Walmart—Frauen deshalb, weil sie aus Leinen sind und einen Kordelzug haben, was sie geeigneter macht als Männerhosen.

„Ich bin der Rote Rächer“, sagt Paul.

Sie lacht. „Das gefällt mir. An wem rächst du dich?“

„Oh, weißt du, an den Bösen, Dr. Doom, dem Riddler, die Sorte.“ Er nennt eine Reihe von anderen Filmbösewichten, deren Namen sie sich nicht merken kann.

„Also, Baby“, sagt er und tut so, als müsse er gähnen und sich strecken, um so den Arm um sie legen zu können, während sie fährt. „Wie wär’s, wenn wir für unsere Verabredung in dieses tolle italienische Restaurant gehen, das ich kenne?“

„Echt? Hier in der Stadt?“ Er drückt ihren Arm und lehnt sich zu ihr rüber.

„Hey, hey, du gehst ja ran“, sagt sie, „lass mir noch etwas Luft zum Atmen.“ Er zieht den Arm zurück und sagt, „OK, OK, ist ja gut. Ich habe den Wink verstanden“, aber er lächelt und macht Spaß. Das gehört zu ihren Ritualen.

„Die haben da nette Pasta-Specials, richtig nette Pastagerichte und Salate. Es heißt Pizza Hut. Warst du da schon mal essen?“

„Dann lass uns das machen“, sagt Claire.

Als sie sich ihm gegenüber in die Bank setzt, sieht sie, dass er ein Headset trägt, das wie ein Bluetooth-Ohrhörer aussieht.

„Nettes Telefon“, sagt sie. „Mit wem telefonierst du?“

„Mit einer Menge Leuten“, sagt er achselzuckend. „Mit meinem Bruder in Vermont manchmal, weißt du, mein Bruder hatte Geburtstag, also habe ich ihn neulich abends angerufen. Und mit meiner lieben Cousine“, über den Tisch in Claires Richtung zeigend, „und manchmal, weißt du, spreche ich mit meiner Mutter, Pamela und so.“

„Du sprichst mit deiner Mutter?“

„Ja, ich spreche mit meiner Mutter, Pamela, weißt du, meinen Freunden.“

„Was sagt deine Mutter?“

„Dass du und ich heiraten werden.“

„Ich vermisse sie.“ Claire vermisst sie eigentlich nicht. Was sie vermisst, sind bestimmte Momente. Zum Beispiel wenn Tante Ray jeden Sommer mit ihrem Chinook-Wohnmobil in die Stadt kam. Es hatte hinten zwei Betten und eine Herdplatte. Ray fuhr mit ihnen zum See und danach spielten sie im Wohnmobil Vater-Mutter-Kind, bis Sand zwischen den Laken der beiden Betten war. Und nach dem See konnten sie den Sand noch Stunden auf ihrer Kopfhaut spüren. Sie lag dann im Bett und kratzte sich den Kopf, die Fingernägel schwarz vom Sand. Aber dabei ging es eher um das Vermissen der Kindheit, nicht um Ray.

„Vermisst du sie nicht?“, fragt Claire.

„Schon, irgendwie. Ich meine, ich rede mit ihr, wenn mir danach ist.“

Er zuckt wieder mit den Schultern und schließt die Augen, sein Headset so ausrichtend, das sich das Mikrofon vor seinem Mund befindet.

„Mom?“, sagt er. „Ich bin’s, Paul. Bist du da?“

Doch dann schwingen die Türen zur Küche auf und die Pizza wird gebracht. Er öffnet die Augen und sagt: „Manchmal ist sie nicht da.“

Wenn Claire beim Werwolf-Spiel gegen Tante Ray antreten würde, würde Claire sie nicht töten, obwohl ihre Tante ihre größte Bedrohung wäre, denn sie war als Einzige davon überzeugt, dass Claire hinterlistig war. Wenn man seine Feinde zu früh tötete, war man zu leicht zu durchschauen.

Aber das Leben war kein Werwolf-Spiel und Tante Ray war mit 46 Jahren an Eierstockkrebs gestorben, der den ganzen Körper befallen hatte. Vor ihrem Tod fuhr sie ein letztes Mal im Wohnmobil nach Maine, brachte Paul im Pflegeheim unter und ging mit Claire und ihrer Mutter in die Kirche, obwohl unter gewöhnlichen Umständen niemand von ihnen das Jahr über zur Kirche ging. Ray—fast einen Meter achtzig groß, breit und mit einem schönen, ernsten Gesicht—besaß eine prächtige, volltönende Stimme, die nicht zu den zittrigen Sopranstimmen um sie herum passte, und sie schloss die Augen und stampfte beim Singen mit den Füßen und wiegte sich hin und her. Claire dachte, dass sie möglicherweise nicht die Einzige war, die sich neben Ray klein und schwach fühlte, zurechtgewiesen, einfach nur aus dem Grund, in ihrer Nähe zu sein—vielleicht ging es anderen Frauen ja auch so, vielleicht sogar Männern.

Im Krankenhaus hatte Claire Angst, Ray könne sie endlich zur Rede stellen, aber sie schaute sie nicht einmal an. Ray hatte auf jeder Schulter die Hand eines ihrer Söhne, Claires Mutter hielt einen der Füße, ihre Großmutter den anderen. Claires Hand hatte keinen Platz, also legte sie sie schlaff auf den Oberschenkel ihrer Tante, auf die nackte Haut, unsicher, ob sie sie dort drücken oder streicheln sollte. Das Bein sah ganz kräftig aus, ebenso wie der Körper ihrer Tante unter dem Krankenhaushemd, aber Rays Gesicht war klein und ausgezehrt. Bevor sie starb, sprach sie über Cheeseburger und Reubens Posaunenspiel und neue Kinofilme und den Tanz, den Paul mit den anderen Heimbewohnern einstudierte. Dann hörte sie auf zu reden. Sie blickte abwechselnd auf ihre Söhne, erst auf Reuben, dann wieder auf Paul.

Letztendlich kam Claire zu dem Schluss, dass Ray kei­nerlei Energie mehr besaß, um sich mit so etwas Nichtigem wie einer falschen Anschuldigung wegen eines Stocks zu befassen. Was war die Konsequenz? Hier waren ihre beiden Teenagersöhne, an ihrer Seite, mit den Händen auf ihrer Schulter—Reubens lange, Gitarre spielenden Finger und Pauls dicke Finger mit den Ringen, die er so gern trug. Sie waren fast erwachsen. Paul würde sich ohne seine Mutter in der Welt behaupten müssen. Sie sprachen über alles—ihr Leben, die Schule, Mädchen, alles, sogar über das, was sie an diesem Tag zu Mittag gegessen hatten. Alles war von größter Wichtigkeit. Es gab in Rays Herz absolut keinen Platz, um sich mit der Lüge zu beschäftigen, die Claire verzehrt hatte. Und Claire erkannte, dass es keine Rolle spielte, ob Lüge oder nicht Lüge—beides war nebensächlich. Nebensächlich zumin­dest für Ray und Paul und darauf kam es an.


Im Sommer nach Rays Tod trafen sich alle Kinder aus der Stadt am Fluss, um mit dem Schwingseil zu spielen. Claire holte Paul zum Abendessen bei der Großmutter aus dem Pflegeheim ab und nach dem Essen nahm sie ihn mit zum Fluss. Er war ein guter Schwimmer. Alle Sommerkinder waren da—namenlose Gruppen braungebrannter Mädchen und Jungen, die aus Connecticut für zwei Wochen Ferien angereist waren, dazu auch Einheimische. Sie spielten ein Spiel, das Krokodilgrube hieß und bei dem man sich von einem Ufer des Flusses zum anderen schwingen musste. Als Paul sein Hemd auszog, glotzte niemand, aber sie konnte ihre Augen auf seinem blei­chen, dicken Bauch spüren, der über dem Bund seiner Badehose herunterhing. Alle schafften es zu schnell über die Krokodilgrube, in Minuten, so schien es, und dann waren Paul und Claire allein auf dem einen Ufer und die ganze Kinderbande auf dem anderen, von wo aus sie herüberschauten, lachten und warteten. Ein Junge schwang das Tau für sie zurück.

„Ich hab’s“, sagte Paul und knackte mit den Fingern. Vom anderen Ufer rief jemand herüber, „Los, Mann“. „Bist du sicher?“, fragte Claire. Er nickte ihr zu: „Ich bin sicher“, und griff nach dem Seil. Er sprang ab und schwang sich graziös auf den Fluss hinaus, unter großem Beifallsgeschrei, aber entweder hatte er nicht genug Schwung, um es ganz bis auf die andere Seite zu schaffen, oder er war einfach zu schwer. Er kam bis ganz kurz vor das Ufer und alle stießen ein kollektives „Ahhh“ aus, als er wieder zurück zu Claire schwang, immer langsamer hin und zurück, bis er ans Seil geklammert über der Flussmitte hing.

„Was soll ich tun?“, rief er. Das Seil drehte ihn mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung.

„Du schaffst das, lass einfach los“, sagte Claire.

„Ich habe zu viel Angst“, rief Paul. „Ich kann nicht.“ Er weinte und die Kinder auf der anderen Seite waren still geworden. Er weinte laut.

„Hey, bei drei lässt du einfach deine Hände los, fertig? Eins, zwei, drei“, sagte Claire. Seine Badehose rutschte ihm die Hüften runter und sein Gesicht wurde langsam rot von der Anstrengung des Festhaltens. Doch Claire war überrascht, wie stark er war.

„Ich kann das nicht“, sagte er. Sie sah zu, wie seine Hände nach und nach vom Seil rutschten und er heulte und schrie. Das Seil drehte ihn hin und her, bis er schließlich ins Wasser fiel. Er schrie.

Paul kam nahezu sofort wieder an die Oberfläche. Sein Körper verhielt sich im Wasser immer so, er trieb mühelos oben. Er konnte Stunden im Wasser verbringen, wenn sie ihn ins Schwimmbad mitnahm, wie ein bleiches, großes Floß auf dem Wasser treibend.

Er kraulte zu ihr hinüber ans Ufer und zog seine Hose hoch. Ein Junge rief vom anderen Flussufer herüber: „Er ist OK, oder? Wir gehen eine rauchen“, und damit zerstreute sich die Gruppe im Wald.

Paul saß im Schneidersitz auf einem Fels. Er weinte. Es wurde dunkel und kühl, seine Kleidung war nass und er wollte nicht mit ihr reden. Es wurde Zeit zu gehen und das sagte sie ihm auch. Es wurde Zeit, ihn wieder ins Heim zu bringen. Sie nahm ihn an die Hand und sie gingen zurück zum Haus der Großmutter. Seine Hand war klebrig, aber erst, als sie bereits am Haus waren, sah sie die roten Streifen in seinen Handflächen, wund und glänzend, wo das Seil ihn verbrannt hatte. Egal, es war keine Zeit mehr, um ihn zu trösten; sie mussten ihn vor neun wieder im Heim abgeben. Sie sagte, dass sie ihn bringen würde. Sie fuhren den ganzen Weg, ohne zu sprechen, und sie setzte ihn einfach ab, noch immer weinend, mit einer Tube Neosporin in der Hand. Es war eine ungerechte Schweinerei, dass Pauls Mama nicht mehr da war und er seine Salbe nehmen und reingehen und in einem Haus voller Fremder ins Bett gehen musste, bei dem Zustand, in dem seine Hände waren. Aber damals war Claire erst 17. Sie war Ray und auch Paul etwas schuldig, aber sie wusste nicht, wie sie das wieder gutmachen sollte. Also begann sie, ihn jeden Sonntag zu besuchen. Sie hatte in den letzten elf Jahren nur zwei Sonntage verpasst.


Paul hat die Pizza aufgegessen, bis auf ein Stück, das Claire sich genommen und an dem sie herumgepickt hat. Sie könnte Paul ihre Lüge beichten, aber was hätte das für einen Sinn? Er braucht ihr Geständnis nicht. Sie erinnert sich an das Abendessen vor langer Zeit, als ihre Großmutter ihn aufforderte, sich das Essen nicht mehr so reinzustopfen, und er zufrieden weiter aß, als sei er eine auf einer warmen, schönen Weide grasende Kuh und sie eine Fliege. Sie weiß, wenn sie ihm jetzt beichtet, sagt er: „Schon OK“, zuckt mit den Schultern und fragt sie dann, ob sie ihre Kruste noch isst.

Stattdessen sagt sie: „Würdest du gern bei mir und Hal leben?“

Paul zuckt mit den Schultern. „Ich glaube schon. Wenn du das möchtest.“

Das reicht, um die Sache zwischen ihnen abzumachen. Auf dem Parkplatz geht Paul zu einer Straßenlampe rüber, hockt sich hin und legt die Hand auf das Pflaster. „Hier ist was passiert“, sagt er. Das macht er häufiger, so eine Art mystischer außersinnlicher Wahrnehmung, als würde sich vor seinem inneren Auge ein Film aus der Vergangenheit abspulen.

„Was ist passiert?“, fragt sie.

„Ein Krieg“, antwortet er. Das ist jedoch schon alles, was er dazu sagt.

Zu Hause liegt sie im Bett neben Hal und schaut ihn an. Sie hat ihm nichts von ihrer Einladung an Paul erzählt und trotz allem, was er über sie weiß, kennt er die Geheimnisse nicht, die ihr Gesicht heute Abend birgt: Paul, Werwolf, ihre Dunkelheit. Ihre früheren Gedanken über den Werwolf fühlen sich weit entfernt und zu verrückt an, zu schwer zu fassen, wollte sie versuchen, sie jetzt im Bett nachzuvollziehen, wie eine schwierige mathematische Gleichung, die sie nicht zweimal lösen kann. Was bleibt, ist das undeutliche Gefühl, dass ihre Güte nicht auf Reinheit beruht, sondern eher auf einem dunklen Fleck, der sich selbst tarnen muss, immer wieder.

„Hey“, sagt Hal und greift rüber zu ihrer Halskette, die er ihr zu ihrem letzten Jahrestag geschenkt hat, mit einem eingefassten Smaragd. „Deine Haare haben sich alle in der Kette verfangen.“

So ist es—um die Schließe hat sich ein dunkler Knoten aus Haaren gebildet—und obwohl sie es immer wieder versucht, sind die Haare zu eng darum geschlungen, um den Knoten noch an diesem Abend zu lösen. Der Blick nach unten auf die Kette verursacht ihr Kopfschmerzen.

Sie dreht sich zur Seite und Hal legt den Arm um sie. Er ist ein guter Mann und er liebt sie, was irgend­etwas heißen muss. Sie weiß, dass Hal Pauls Umzug in ihr Heim letztendlich akzeptieren wird, wenn auch vielleicht nicht sofort. Aber Paul gehört zu ihr und Hal gehört zu ihr und so wird sich mit der Zeit alles regeln. Und zwischen ihrem Mantra denkt sie an die gesunden Mahlzeiten, die sie Paul kochen wird, wenn er erst einmal eingezogen ist, und an das Zimmer, das sie immer als Kinderzimmer eingeplant hatte und das jetzt sein Zimmer werden könnte und daran, in welcher Farbe sie es streichen wird.
 

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anna noyes
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Literaturausgabe 2013
Jahrgang 7 Ausgabe 6