the Earth Died Screaming Issue

Die Sandräuber von Marokko

Als essentieller Bestandteil von Beton, Glas und Mikrochips ist Sand ein gefragtes Gut. Durch den Schwarzhandel mit Sand entgehen Marokko jährlich fast eine Milliarde Euro Steuergelder.

von Manon Quérouil
05 August 2015, 4:00am

An drei Tagen die Woche fahren Arbeiter im marokkanischen Larache mit Bulldozern über die Stranddünen und tragen so viel Sand ab, wie sie können. Ihre Chefs haben Genehmigungen, doch an den Wochenende kommen viele zudem schwarz hierher und verwüsten das Land mit Eseln und Schaufeln weiter

Foto oben: Viele Jungs in Larache, Marokko, arbeiten als Sandräuber, anstatt in die Schule zu gehen.

Als essentieller Bestandteil von Beton, Glas und Mikrochips ist Sand ein gefragtes Gut. Jedes Jahr wird marokkanischer Sand im Wert von ca. 880 Millionen Euro exportiert. Etwa die Hälfte des marokkanischen Sandhandels verläuft illegal.

Durch den Schwarzhandel mit Sand entgehen dem Staat jährlich fast 1 Milliarde Euro Steuergelder. Fast die Hälfte des Sandes, der in marokkanischen Bauvorhaben Verwendung findet wird, ist illegal. Mehrere Strände sind bereits komplett verschwunden.

In der Sandraub-Hochburg Larache angekommen erreichten wir unbehelligt den Strand. Alle Arbeiter dort stammten aus einem nahegelegenen Dorf und konnten sich noch erinnern, wie schön er früher war. Der Sandraub verläuft organisiert, und die marokkanische Regierung hat kürzlich größere Transparenz versprochen, was die Verantwortlichen angeht.

Etwa 700 Lkw fahren täglich jeweils drei Mal über den Strand, mit Ladungen von ca. 11.300 Litern Sand—deutlich über der gesetzlichen Vorgabe. Die Laster dürfen nur von Montag bis Mittwoch fahren, an den restlichen Wochentagen plündern Diebe den Strand.

Der typische Sandräuber ist ein Junge zwischen 10 und 17 Jahren, der 4,50 Euro am Tag damit verdient, einen Esel mit Sand zu beladen. Wir haben am Strand keine Frauen entdeckt. Die Dorfbewohner investieren für gewöhnlich gemeinsam in einen Esel und in den Lohn für den jungen Dieb. Sie zahlen ihn aus und im Anschluss teilen sich die Erwachsenen untereinander den Gewinn.

Vor Jahren arbeiteten die Einheimischen in den nahegelegenen Erdnussfeldern, doch nun ist Sand lukrativer. Er nimmt Kindern auch den Anreiz zur Bildung: Ein junger Mann sagte uns, die nächste Schule sei zweieinhalb Kilometer entfernt und er habe kein Fahrzeug. „Wenn wir schon schwitzen müssen, dann wollen wir auch daran verdienen", sagte er.

Dabei bedenken sie nicht, dass der Sand und damit das Einkommen irgendwann ein Ende haben werden—und zwar schon sehr bald, wenn die Stadt und die marokkanische Regierung nicht einschreiten.


Der Sand wird mithilfe von Eseln und Schaufeln in kleinen Fuhren gestohlen.


In wenigen Jahren werden einige marokkanische Strände der Sandaus­beutung zum Opfer gefallen und komplett verschwunden sein.


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