Verkatert an der Zürcher Weinmesse Expovina

Zum schlimmstes während einem Kater gehören fremde Menschen. Und davon bietet die Expovina viele. Sehr viele.

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08 April 2016, 8:00am

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Immer wieder geschehen Zufälle, die eigentlich keine sind und mich verfolgen. Zu diesen gehört es, dass ich meistens dann schon verkatert bin, wenn ich seit Tagen oder Wochen weiss „Morgen wirst du Alkohol trinken". Der Mechanismus, der mich in solche Situationen bringt, ist grausam und eigentlich immer derselbe: Ich plane am Dienstag wie etwa diese Woche die Zürcher Weinmesse Expovina zu besuchen und ein Freund erinnert mich am Montag daran, dass ich zugesagt habe, an seinen „Kunst und Trinken"-Anlass zu kommen. Ich gehe natürlich hin und trinke.

Ein Privileg ist es jeweils, diese Situationen mit einer Person zu teilen, der es ebenso geht. Ich danke darum den Göttern, dass ich bei der Expovina nicht alleine dem Erste-Welt-Horror des Katertrinkens ausgesetzt war. Pflichtbewusst stehen ich und meine Begleitung am Dienstag mit schmerzdurchzogenen Schädeln und eher träger Motivation vor dem Security Mitte sechzig, der erstaunliche Ähnlichkeiten zu Bilbo Beutlin aufweist und nichts von unserer Akkreditierung zu wissen scheint.

Solche Probleme wirken überproportional nervtötend, wenn man einen Kater hat—wie alle Herausforderungen, die das Leben stellt, mit einem Kater deutlich schwerer zu meistern sind. Der Türsteher scheint aber meine Pein zu erkennen und gewährt uns ohne grosses Tamtam Zutritt zu seinem Auenland. Ich bin wohl nicht die erste verkaterte Person, die sich in den letzten Tagen an die Expovina geschleppt hat.

Während ich voller Reue daran denke, wie glücklich ich gestern jeweils mein Glas zum Nachfüllen über den Tisch gestreckt habe, werden wir langsam von einer leicht wankenden Masse erfasst. Und gleich fällt mir die nächste Sache auf, die sehr unangenehm ist, wenn man einen Kater hat: fremde Menschen. Ganz besonders, wenn sie in Gruppen auftreten und das tun sie an der Expovina zuhauf. Meine vom Kater geprägte Wahrnehmung malt eine Masse aus prallen, von ihren Fettlebern fast ausgefüllt scheinenden älteren Herren, die sich angetrunken gegenseitig ihre Namen ins Ohr brüllen und von zuweilen stark überparfümierten Ehefrauen begleitet werden. Ich nehme meinen Kater mit jedem mir zur Verfügung stehenden Sinn (und dadurch konsequenterweise auch meine schiere Existenz) als Folter wahr.

Anders als an der Expovina im Herbst, befinden wir uns nicht auf einem Weinschiff, sondern in den Hallen des Puls 5. Das ist schade, denn das Puls 5 hat meiner Meinung nach ein starkes Identitätsproblem: Es hat keine Identität. Schon der Name Puls 5 sagt mir schlichtweg rein gar nichts, ausser dass ich an einen alten Mann denken muss, der wirklich ein grosses Problem hat.

So ist auch das Innere des Puls 5 nichts weiter als eine zivilisiert wirkende Lagerhalle, die mit einer anscheinend willkürlichen Auswahl an Restaurants, Geschäften und Anlässen zu einer Art Untoten-Dasein belebt wird. Anlässe wie die heutige Expovina. Roter Teppich und dunkelgraue Wände schaffen eine bürokratische Ordnung in diesem alkoholgetränkten Souk. Man versucht, Klasse zu vermitteln. Ich vermisse das weitaus charakterreichere Schiff.

Die Messe ist trotzdem gut besucht, das Publikum angenehm durchmischt. Das soziale Spektrum beginnt bei den wohl gerade erst 18 gewordenen Skatern, die bei jedem der zu einem Fünftel gefüllten Weingläsern, die man ihnen überlässt, aufs Neue überrascht sind, dass sie tatsächlich gratis Alkohol bekommen. Sie vermögen ihr siegesgewisses Grinsen jeweils kaum zu verbergen. Das andere Ende des Spektrums setzen die Barbesitzerinnen um die 70, denen der jahrzehntelange Alkoholkonsum und die zahllosen Ausflüge in die existenziellen Miseren ihrer Stammgäste durchaus anzusehen sind. Die Liebe zu Wein scheint in der Gesellschaft Brücken zu bauen. Mir steht jetzt schon etwas kalter Schweiss auf der Stirn. Der Entgiftungsprozess lässt grüssen. Meine Begleitung und ich akzeptieren, dass es nur einen Weg gibt, mit der Situation umzugehen: mehr Alkohol.


Da wir zwar mehr trinken, aber möglichst wenig angerempelt werden wollen, suchen wir uns zum Einstieg einen Stand aus, der kaum Gäste zu betreuen hat. Erst als der im ersten Moment wirklich faszinierend gut schmeckende Weisswein sich mit meiner Magensäure vermischt, wird mir klar, dass ich gerade ungarischen Wein trinke—mein auf erlesene Rotweine konditionierter Geschmack lässt grüssen. Schliesslich trinke ich gerne Wein und wurde früh an die Materie herangeführt. Mein Grossvater hatte es sich in meinen jungen und seinen letzten Jahren einige Zeit kosten lassen, mich einigen Wein kosten zu lassen. Er war allerdings ein Freund und Verfechter ebensolcher erlesener Rotweine aus Frankreich und sein Geschmack war zu meinem Geschmack geworden.

Als ich also die ungarische Landeskarte auf dem Tresen entdecke und gleichzeitig die Sprache auf der Etikette des Weins nicht lesen kann, möchte ich instinktiv ausspucken. Aber der Wein schmeckt zu meinem Erstaunen wie erwähnt faszinierend gut und der Verkäufer ist sehr freundlich. Die Qualität des Weins und die Herzlichkeit täuschen fast vollständig darüber hinweg, dass er Akzent und Erscheinung eines persönlichen Handlangers eines transsilvanischen Voivoden hat und aus dem Mund stinkt, als wäre ein Strassenköter darin verendet.

Meine Begleitung und ich haben immer noch nicht genug getrunken, um den Kater nicht mehr zu spüren. Wir versuchen, den Menschenmassen auszuweichen, indem wir ganz hinten in der Halle bleiben. Plötzlich wird meine Begleitung von einer Ausreisserin aus dem vorbeiziehenden Menschenstrom erfasst und jauchzend umarmt. Eine alte und offenbar lange vermisste Freundin begrüsst zuerst sie herzlich, dann mich. Ihr Freund und sie sind nicht zum ersten Mal hier. Sie haben anscheinend mehr Ahnung von Wein als ich, zumindest reden sie von Dingen wie Süsse, Fässern und Abgängen.

Enthusiastisch klären sie uns über die Regeln des Krieges auf, der in Wirklichkeit hinter all den hübsch aufgemachten Schildern und Etiketten tobe und in dem wir nun gemeinsam steckten. Sie weisen uns auf den massgeblichen Unterschied zwischen Weinbauern und Weinhändlern hin. Die anwesenden Weinbauern kämen aus der Schweiz und verkauften ihr eigenes Produkt, während die Weinhändler von irgendwo kämen und irgendein Produkt verkauften. Diese Messe sei also kein Genuss, sondern der Kampf von Kapital gegen Arbeit, Produzenten gegen Schieber, lokal gegen global, Schaffhausen gegen Frankreich.


Auch Cannabis hat eine berauschende Wirkung:


Um das näher zu erläutern, zeigen sie auf einen Typen, der an einem Stand steht, an dem offenbar französischer Wein angeboten wird. Der Typ trägt einen Smoking mit Fliege. „Denkst du, der hat in seinem Leben auch nur eine einzige Rebe angefasst?", fragt der Freund und wir brechen in Gelächter aus. Der Weinhändler in Abendgarderobe bemerkt uns und wirkt peinlich berührt. Ich lasse wie ein Erwachter meinen Blick über die diversen Stände und die dazugehörigen Typen schweifen. In einer Ecke verkaufen anscheinend ein Vater und sein Sohn aus Graubünden mit sonnengegerbter Haut, kariertem Flanellhemd und leicht rot geäderten Nasen die Frucht ihrer täglichen, eigenen, harten Arbeit. Sie müssen gegen den Typen bestehen, der am Stand gegenüber in schwarzer Seide und Solariumbräune die überteuerte und identitätsberaubte Ware aus irgendeiner Ecke der Grande Nation verschachert.

Frankreich, Spanien und Italien sind grosse Weinnationen, denen ihr Ruf vorauseilt—wer trinkt schon einen Cuvée aus Graubünden, wenn gleich gegenüber Bordeaux oder Rioja angeboten wird? Ferner haben viele Weinhändler anscheinend auch kaum Skrupel, wenn es darum geht, den Geschmack des Kunden für sich zu beanspruchen. Das befreundete Pärchen erklärt mir, die Händler würden ganz bewusst für einen Abend lang den Geschmack der Weinkoster beeinflussen.

Ich frage nach, wie denn diese Beeinflussung funktioniere. Das sei ganz einfach, erklären sie mir: Man lasse die Kunden harten Schnaps wie etwa Grappa probieren oder schütte Süssweine ihre erlebnisorientierten Kehlen hinunter. Nach einem Glas Grappa würde niemand mehr einen richtig guten Weisswein wertschätzen, weil der menschliche Gaumen schlichtweg nicht mehr dazu in der Lage sei. So werde die Konkurrenz automatisch auf Kosten der Kunden und jenen Weinhändlern, die ihren Wein aufgrund seiner Qualität verkauft wissen wollen, dezimiert.

Ob das wirklich so ist, kann ich nicht überprüfen. Trotzdem beschliessen wir in diesem Moment, den Rest des abends nur noch mit einheimischen Weinen zu verbringen. So lokal wie möglich lautet die Devise. Wir probieren uns von Schaffhausen über ein Weingut in Embrach, Graubünden und das Wallis bis ins Tessin durch. Wir werden herzlich und informativ beraten, vermutlich weil die Leute Weinbauern und keine ehemaligen Versicherungsvertreter sind. Zudem sparen wir uns durch den Direktverkauf vom Hof auch einiges an Zwischenmargen.

Unser Kater verschwindet standmässig bereits auf der Höhe von Zürich. Alles in Allem bestätigt sich, was auch auf einem der ersten Schilder des Abends durch mein Blickfeld gezogen ist. Stolz prangte es über dem Stand eines Walliser Weinbauern und seine Botschaft wurde mir in abgeänderter Form auch schon von RZA vom Wu-Tang Clan gepredigt: Bewege dich global, trinke lokal.

Till auf Twitter: @Trippmann
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