Super-reich, super-klug, Super-Sex: Angelika Taschen is(s)t so viel besser als wir Durchschnittsmenschen

Im wahrscheinlich absurdesten Interview des Jahres spricht die Verlegerin und Lifestyle-Päpstin auf 'Welt Online' über Wechseljuicer, Flexitarier, Champagner-Sex auf Berliner Toiletten und das Berghain.

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09 Mai 2016, 4:00am

Foto: imago | Drama-Berlin.de

Ich dachte immer, diese Art von Menschen gäbe es nur als Fiktion: super-reich, super-sexy, super-smart, machen Super-Projekte, mit Super-Künstlern, Super-Architekten, trinken viel, feiern viel, schlafen nie oder trotzdem noch genug, machen Charity, wohnen in raumschiffartigen Immobilien, arbeiten von überall und sind trotzdem noch gesünder als ein Neugeborenes, weil sie sich ausschließlich von Säften oder Produkten ernähren, deren Namen wir restlichen 99 Prozent der Menschheit nie gehört haben, geschweige denn buchstabieren könnten. Aber dann las ich das Interview mit Angelika Taschen auf welt.de und stellte fest: Scheiße, es gibt sie doch. Sind das die Übermenschen, die uns Nietzsche prophezeite?

Der Titel des Artikels/Interviews lautet: "Wie viel Sex erlebt man auf Berliner Partys?" Darunter als Intro der kurze Text: "Sie verlegt Bücher, richtet nun auch Villen ein und kennt Berlin wie kaum eine andere. Angelika Taschen erklärt Dagmar von Taube die Must-Do's der Hauptstadt—und wo noch echt der Bär steppt."

Sehr gut. Wie der Zufall es so will, wohne ich in Berlin und will sehr gerne wissen, wo der Bär das Tanzbein flattern lässt. Unter dem Intro kommt auch gleich ein Bild vom besagten Übermenschen: Eine Frau von über 50 Jahren (das Alter musste ich googeln, weil Angelika Taschen zu diesen Wesen gehört, deren Körper ab 35 Jahren einfach zu altern aufhören—unmöglich zu sagen, aus welchem Jahrhundert sie stammt) sitzt auf einem Sessel, dessen Komposition aus Leder, Edelstahl und Mahagoni mit jedem Quadratzentimeter dem Betrachter den Subtext vermittelt: "Ich bin alt, trotzdem modern und Hunderte Designerhände haben länger gebraucht, um mich zu kreieren, als deine Mutter dich auszutragen, ... du Lauch."

Im Hintergrund eine Wand in Schwarz, eingefasst von zwei circa fünf Meter hohen Türen, Bücher liegen auf einem Boden, der seinem prächtigen Glanz nach zu urteilen eine Mischung aus Elfenbein und Discokugeln sein muss. Neben dem Foto von der Überfrau die dazugehörige Erläuterung: "Angelika Taschen in ihrer Wohnung am Prenzlauer Berg, der britische Architekt David Adjaye verführte sie zu schwarzen Wänden." Das einzige, wozu ich in letzter Zeit verführt worden bin, ist der Abschluss einer privaten Altersvorsorge, weil auf den Staat ja nun mal wirklich kein Verlass sein kann, so wie die demographische Pyramide in Zukunft aussehen wird, ...sagt mein Vater. "Architekten verführen zu schwarzen Wänden": Ich hatte das Interview noch nicht mal zu lesen angefangen und wollte jetzt schon Angelika Taschen sein.

Bevor es so richtig losging, stellte die Autorin noch eine kleine Personenbeschreibung dem Frage- und Antwortspiel voran: "Angelika Taschen setzt Trends in Berlin. Vor zwölf Jahren zog sie von Los Angeles in die deutsche Metropole. Sie hat die Stil-Bibel der Stadt geschrieben und weiß als 'Interior Curator', wie Menschen in ihr leben." "Interior Curator" sollte nicht das letzte mir unbekannte Wort in diesem Text bleiben; die Neugier packte mich, nun wollte ich auch wissen, wo Frau Taschen in Los Angeles konkret wohnte. Wikipedia gab die Antwort: Es war ein UFO.

Foto: Wikemedia | CDernbach | CC BY-SA 3.0


Genauer gesagt handelt es sich hier um das berühmte Chemosphere-Gebäude, das bereits für Brian De Palmas Film Der Tod kommt zweimal oder Drei Engel für Charlie als Motiv diente. Leben, wo andere Filme drehen—es wurde immer besser. Nun das Interview ...

Auf die Frage, wohin Taschen ihre Freunde aus dem Ausland in Berlin entführe, antwortet sie:

"In die Alte Nationalgalerie auf die Museumsinsel. Allein die Treppen empor zu schreiten und im Entree den lebensgroßen Prinzessinnen, den Schwestern Luise und Friederike von Gottfried Schadow entgegenzulaufen—ein Genuss! Dann der große Caspar-David-Friedrich-Raum mit seinen Meisterwerken: 'Der Mönch am Meer' wurde gerade restauriert. Der Anblick der radikalen Leere ist, 'als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären', wie Heinrich v. Kleist gesagt hat. Diese Bilder sind Inbegriff der deutschen, romantischen Seele."

Heinrich v. Kleist, Anblicke radikaler Leeren, Mönche am Meer ...: Angelika Taschen ist nicht nur extraterrestrisch, sie ist auch noch gebildet und hat eine tiefe Seele. Frau Taschen ist eigentlich auch Dr. Taschen. Sie hat nämlich mit der Dissertation über "Bühne und Bildende Kunst im Futurismus. Giacomo Balla, Enrico Prampolini, Fortunato Depero" promoviert.

Auf die Frage, welche drei Lokale sie empfehle, nennt Taschen u.a. das Nobelhart und Schmutzig, denn es sei "radikal regional. (...) Die würzen ohne Pfeffer und propagieren eine ganz eigene Küche mit Sauerampfereis und sortenreinem Rhabarbernektar aus der Privatkellerei." Würzen ohne Pfeffer? Sortenreiner Rhabarbernektar? Was wäre denn sortenunreiner Rhabarbernektar und wie wird man eigentlich radikal regional? Dr. Taschen ist also nicht nur super-klug, sie ist auch im Besitz höherer Wahrheiten.

Das alles ist aber nichts im Vergleich zu den Stellen im Interview, wo Dr. Taschen auf ihre Ernährung zu sprechen kommt. Da setzt es bei dem normalsterblichen Leser dann völlig aus. Uns und die Galaktische trennen Lichtjahre, ein anderer Stern:

Frage: Im Kühlschrank: Drei Etagen für Wein und Champagner und im Türfach Basenpulver und Chia-Pudding?
Taschen: Nicht zu vergessen, der Wasserfilter von Leogant, der Quellwasser aus der Leitung zaubert! Ich bin Wechseljuicer und Flexitarier und ernähre mich fast nur von Märkten: Gewürze wie Zatar oder Sumach für meine Ottolenghi-Gerichte finde ich bei meinem Araber auf der Potsdamerstraße, in der Nähe von Murkudis. Immer samstags, nach Yoga, geht's auf den Kollwitzmarkt: Da ist eine Tofumanufaktur aus Kreuzberg, ein ganz toller Bäcker, der Frankenlaibe backt, Slow-Food-Brot, das kann man eine Woche aufheben (...).

Ist das überhaupt noch Deutsch, was Taschen da redet? Leogant trinkende Flexitarier mit ihrem Sumach und Ottolenghi-Gerichten müssen einfach die besseren Menschen sein. Sie machen Yoga und haben Geduld für langsames Brot.

Und neben all der Liebe zur Langsamkeit schafft Taschen es trotzdem, als erfolgreiche Verlegerin genug Geld zu verdienen, um sich einfach ein neues Haus zu bauen oder zu mieten, wenn vor ihrem eigentlichen Domizil Baustellenlärm herrschen sollte:

Frage: Was hilft gegen den Baustellendauerlärm?
Taschen: Ich hatte mal die Idee, ein Wochenendhaus zusammen mit dem japanischen Architekten Shigeru Ban im Grünen zu bauen. Einen kleinen Pavillon, innen Leere; nur große Fenster, die die Landschaft rahmen. Das Grundstück lag in Caputh, direkt am Wald mit Blick über einen See, nahe dem Albert-Einstein-Haus. Mit dem Besitz von Immobilien allerdings verliert man auch an Mobilität, an Spontaneität. Besser, finde ich, sind Häuser auf Zeit: Auf der Website "Boutique Homes" kann man weltweit Paradiese mieten und unter der Rubrik "by architects" echte Schätze finden. Ansonsten empfehle ich: Ohrstöpsel.

Doch nicht nur, dass Angelika Taschen genügend Geld für diverse Häuser besitzt, nein, sie hat auch das, was man sich für kein Geld der Welt kaufen kann: Geschmack.

Frage: Ist Sex besser, wenn sich über dem Bett Charlotte Rampling und Raquel Zimmermann nackt fotografiert von Juergen Teller rekeln?
Taschen: Wer, wie die Menschen in Berlin, vor Fantasie sprüht und ununterbrochen produziert, schwört auf die Ästhetik des Nichts. Man schläft heute besser vor einer nackten Wand.

Klar, nicht nur Profi für Ästhetik und Geschmacksfragen, Taschen weiß auch noch Bescheid, wie richtig geiler Sex abzulaufen hat. Spätestens an dieser Stelle des Interviews wollte ich mich erschießen, um mir und meiner Mittelmaßexistenz ein Ende zu setzen. Nietzsche sagt ja: "Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll." Warum nicht gleich selbst damit anfangen, Paul?

Frage: Wie viel Sex erlebt man auf Berliner Partys?
Taschen: Ja ... ich würde sagen, da tut sich was, so auf den Toiletten. Und dann geht man wieder raus und trinkt das nächste Glas Champagner.

Danke Angelika! Tritt noch nach, während ich schon mit Pistole im Anschlag auf dem Boden liege. Fehlt nur noch, dass du das Berghain als Existenzveredler ganz beiläufig im Gespräch dropst und dann lege ich sogar die Knarre beiseite und fange an, mich vor lauter neidischer Verzweiflung mit den eigenen Fäusten zu erschlagen.

Frage: In welchen Klub zum ein bisschen Musik hören, Wippen, Engtanz?
Taschen
: Micky Rosen eröffnet bald in der Nähe des Kudamms das "Provocateur", ein Hotel mit burlesquer Lounge, die könnte discomäßig werden. Restaurants sind ansonsten die neuen Klubs in meinem Alter. Mein Mantra lautet eh: Der frühe Morgen ist die bessere Nacht. Mittlerweile gehen die Leute auch Sonntagmittags ins Berghain, ist eh dunkel da. Und Montags müde ins Büro kann sich selbst in Berlin keiner mehr leisten.

Danke. Und bescheiden bist du auch noch, Angelika. Du hättest angeben können. Hättest ausbreiten können, wie du durch den Hintereingang direkt Zutritt in den Techno-Tempel bekommst und wie du mit deinem auf Ottolenghi-Gerichten und Superfood hochgezüchteten Götterkörper all die MDMA-Zombies an die Wand tanzt, aber nein: Du besitzt Etikette und Klasse genug, uns Normalos einen letzten Funken Würde zu lassen, du klammerst dich aus und sprichst stattdessen von den 'Leuten im Berghain'. Reicht ja schon, dass du dir das Warten in der Schlange ersparst, wo wir Druffis untereinander verkrampft ins Gespräch zu kommen versuchen, um irgendwie die zwei Stunden Wartezeit totzuschlagen, bis wir endlich an der Tür ankommen und dort abgewiesen werden.

Doch auch gegen diese peinliche Stille zwischen zwei Menschen hast du ein Rezept parat; du weißt, wie man mit fremden Menschen lässig ins Gespräch kommt, ohne wie ein Verlierer zu wirken.

Frage: Ideale Gesprächs-Opener für Galerie-Eröffnungen, Literaten-Treffen, Frauenabende?
Taschen: Auf welchen Partys vom Gallery Weekend warst du? Fährst du auch nach Basel? Hast du noch ein Zimmer im "Spielweg" bekommen? Man erzählt sich gern, wie lange man schon keinen Alkohol mehr getrunken hat—und wann man sich erlaubt, endlich wieder anzufangen. Ob man auch was in der Uckermark kauft oder doch lieber in Sizilien. Wer mit wem flirtet; wer welche Flüchtlinge aufnimmt. Man spricht über Flüchtlingshilfe allgemein wie die Vermittlungsagentur "Be an angel" oder das Frauennetzwerk "Wir machen das". Und unbedingt über immer wieder neue Therapieformen: Somatic Experiencing oder, davon habe ich neulich gehört: Die Alexander-Technik, ein von Tänzern entwickeltes Körperhaltungstraining.

Gut, an dieser Stelle könnte man natürlich den Einwand bringen, dass es etwas uncool daherkommt, Flüchtlinge auf einer Party in einem Atemzug mit gekauften Immobilien in der Uckermark und den neusten Somatic-Experiencing-Techniken beim Körperhaltungstraining zu nennen; anderseits ist auch das eine Demonstration der Nietzscheanischen Umwertung aller Werte—hier präsentiert sich eine neue Moral, denn betrachten wir die Haltung nur mal kurz von einem rein utilitaristischen Standpunkt: Wie ist einem Flüchtling mehr gedient? —> Indem Hunderte von uns Normalo-Menschen vor dem Fernseher "Das ist aber schrecklich" sagen, wenn in der Tagesschau wieder mal von einem gekenterten Flüchtlingsboot berichtet wird, oder wenn Menschen wie Dr. Taschen Flüchtlinge wirklich bei sich wohnen lassen, wenn auch um den Preis, dass sie auf Dinnerpartys als Einsatz beim Penisvergleich der Sittlichkeit herhalten müssen?

Also wenn ich die Wahl hätte, würde ich sofort Angelika Taschen als Existenzentwurf wählen. Immer her mit dem Champagner!

Einladung zu Rotwein-Tastings oder Großwild-Safaris nimmt Paul dankend auf Twitter entgegen.