Interviews

7 Tage auf der Flucht

Omar ist ein palästinensischer Flüchtling aus dem Libanon. Ein Jahr nach seiner Flucht erzählt er uns erstmals von seiner Reise nach Wien.

von Markus Lust
15 Dezember 2016, 5:00am


Laut Al Jazeera verließen 2015 rund 4.000 palästinensische Flüchtlinge den Libanon Richtung Europa aufgrund der wachsenden Gefahr durch die Terrormiliz IS. Einer von ihnen ist Omar. "Wenn mich Menschen fragen, wo ich herkomme, sage ich immer dazu, dass ich Flüchtling bin—und das mit Stolz", erzählt er mir. Es ist ein Satz, den er mehrmals sagt. Sein Status als Flüchtling ist für ihn längst zu einem genauso wichtigen Teil seiner Identität geworden wie seine Herkunft.

Omar ist in und rund um Ein al-Hilweh aufgewachsen; dem größten palästinensischen Flüchtlingscamp im Land. Das Camp ähnelt mehr einer eigenen Stadt als einem Lager im eigentlichen Sinne.

Obwohl seine Mutter aus dem Libanon stammt, konnte Omar für sich nicht die libanesische Staatsbürgerschaft beantragen, weil sein Vater Palästinenser ist. "Palästinensische Flüchtlinge sind im Libanondie am stärksten marginalisierte Gruppe in der gesamten palästinensischen Diaspora", so Omar.

"Terrorgruppen verteilen im Camp ihre Propaganda", sagt er. "Auch die Terrormiliz IS."

Tatsächlich ist der Libanon das Gebiet mit den wenigsten palästinensischen Flüchtlingen, nach Jordanien, dem Gaza-Streifen, der Westbank und Syrien. Amnesty International bezeichnet die Bedingungen, unter denen Refugees im Libanon leben, in einem Bericht von 2007 "entsetzlich" und nennt die Diskriminierung der Palästinenser als Mitgrund für die hohe Arbeitslosigkeit.

Auf diesem Nährboden gedeiht auch der Extremismus besonders gut. Immer wieder erlebte Omar Kämpfe lokaler Gangs im Camp mit. "Terrorgruppen verteilen dort ihre Propaganda", sagt er. "Auch die Terrormiliz IS. Die PLO kontrolliert im Wesentlichen die Sicherheit im Camp, aber es gibt immer wieder Verstöße und Übertretungen."

Vor diesem Hintergrund ist es nicht ganz so verwunderlich, dass er beim ersten Jahrestag seiner Flucht von einem "Flucht-Jubiläum" spricht, als ich mich Ende Sommer 2016 mit ihm unterhalte.

Omars Geschichte zeigt auch, dass Flüchtlinge nicht in ihrer Opferrolle aufgehen—im Gegensatz zu denen, die sie am stärksten kritisieren—, sondern aktiv gegen Klischees ankämpfen, anstatt als unterwürfiger Bittsteller in Kameraobjektive zu starren. Zum Beispiel, indem sich Omar im Triple G Tanzsportverein Wien engagierte und bereits auf der Flucht die Dinge selbst in die Hand nahm.

Markus auf Twitter: @wurstzombie