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Aufwachsen in St. Gallen

Zwischen Olma-Bratwürsten und Müllsammeln am OASG: So sind Kindheit und Jugend im Kanton mit dem unsexy Dialekt.

von Seraina Manser
11 Oktober 2016, 11:02am

ZVG

Wil, Uzwil, Flawil, Gossau, Winkeln: Falls du noch nie diese Bahnhöfe passiert hast, dann geht es dir so wie den meisten meiner Bekannten, die in Zürich oder weiter westlich wohnen. Für manche fängt hinter Winterthur sogar Deutschland an. Oder jedenfalls die Region mit dem unattraktivsten Dialekt der Schweiz.

Ja, dieser gellende Dialekt. Sage ich: "Jo, i chum vo Sanggalle", warte ich darauf, dass das Gegenüber sofort schreit: "Hopp-Sanggalle-ine-mit-em-Balle". Dabei war ich nur einmal an einem FCSG-Match. Anno 2000, als "wir" die Schweizermeisterschaft gewannen. Zum zweiten und bis anhin letzten Mal in der doch 138-jährigen Vereinsgeschichte.

Manche halten mich wegen des Dialekts auch für eine Thurgauerin, und da muss ich mich outen: Sogar ich höre den Unterschied nicht. Sobald sie dann aber anfangen, die inoffizielle Mostindia-Hymne "Lebä und sterbä im Thourgau" zu singen, muss ich eingreifen. Immerhin hat meine Hometown die nicht minder seriöse Hymne "Murderstadt Pussys" hervorgebracht.

Als Kind war noch alles gut. Niemand äffte den Dialekt nach. Alle sagten "Bom", "Bös" und "strätze" und meinten damit: "Baum", "Bus" und "schiffen". St. Gallen war einst die Heimat der wichtigsten Fabrikanten von Stickerei-Produkten und erlebte um 1900 eine Wirtschaftsblüte. Damals entstanden unzählige Jugendstilhäuser. In einem davon wuchs ich auf: Terrazzo-Boden in der Küche, Fischgrätparkett, Badewanne mit Löwenfüssen, ein Erker mit farbigen Fenstern und kirchenschiffhohe Räume. Ein Freund musste beim Umzug nach Zürich sein Regal sogar um 30 Zentimeter kürzen, damit es in sein WG-Zimmer passte. Unsere Wohnung in St. Gallen kostete so viel wie heute ein WG-Zimmer in Schwamendingen.

An die Stickerei-Tradition wird bis heute mit dem Kinderfest, das alle drei Jahre stattfindet, erinnert. Alle Schulkinder werden in Kleider aus St. Galler Spitze (Mädchen), schöne T-Shirts und Hosen (Buben) gepackt und schieben sich in einem Umzug zur Kinderfestwiese hinauf. Meine eigenen Erinnerungen an den Umzug beschränken sich allerdings nur auf zwei Dinge: die immense Hitze und die riesige Bratwurst, die jedem in die Hand gedrückt wurde.

Die "Drei Weieren" waren ursprünglich nicht zum Baden gedacht.

Davon abgesehen verlief meine Kindheit in St. Gallen idyllisch: Schnitzeljagden in der verkehrsberuhigten Nachbarschaft, Schlitteln auf dem "Todes-S" im Wildpark Peter und Paul und Einkaufen in der besten Migros der Schweiz: dem Neumarkt. Dem hat der St. Galler Musiker Manuel Stahlberger sogar einen Song gewidmet.

Die Sommer verbrachte ich in der Rotmontenbadi, denn etwas Grundlegendes fehlt in St. Gallen: ein Gewässer. Eigentlich gäbe es schon eines. Der irische Mönch Gallus sei damals im Jahr 612 dem Fluss Steinach gefolgt und über einen Dornbusch gestolpert. Aber anstatt sich über seine zerrissene Kutte aufzuregen, habe er das als Zeichen Gottes gedeutet und ein Kloster gegründet.

Mittlerweile fliesst die Steinach aber unterirdisch, und so bleiben den St. Gallern nur noch die künstlich angelegten "Drei Weieren", die eigentlich fünf Weiher sind. Sie wurden angelegt, um die städtische Wasserversorgung zu sichern. Mittlerweile baden die St. Galler im schlammfarbenen "Tümpel", in dem die Sicht keine zwei Zentimeter weit reicht. Die Legenden, die sich um diesen Badeplatz ranken, sind so zahlreich wie die Haschdüftli, die von den Kiffern am Uferrand übers Wasser ziehen. Die "Drei Weieren" sind auch ein beliebter Ort für nächtliche Saufgelage oder Nacktbadepläusche, die beide gerne von der Polizei gestört wurden. Im Winter frieren die Weiher manchmal zu, und dann schnürt der St. Galler die Schlittschuhe und dreht dort seine Runden.

Ein Zementblock am Rosenberg: Die Hochschule St. Gallen

Die spannende Zeit kam mit der Kanti. Wer in "Saint City" und Umgebung die Kanti-Prüfung besteht, landet zwangsweise in der Kanti am Burggraben. Eine grosse Schule mit etwa 14 Klassen pro Stufe. Nach den vier Jahren kennt man jedes Gesicht des Jahrgangs. Und der Rektor grüsst beim Kreuzen auf dem Flur alle persönlich.

Während der Kanti-Zeit stürzten wir uns ins St. Galler Nachtleben: Es gab einerseits die HSG-Schuppen wie das Elephant (sag "Ele"), das Trischli (mit einer golden Lounge) oder das Seeger und andererseits die alternative und ein bisschen versiffte Grabenhalle (sag "Grabe"). Jeden Donnerstag findet in der "Grabe" die "Hallenbeiz" statt, wo alle gemeinsam Pingpong-Rundlauf spielen. Wer fies smasht, wird ausgebuht. Respekt gewinnt, wer mit dem Bierbecher zwischen die Lippen geklemmt ein gutes Anspiel hinkriegt. Sonst war oft nicht viel los. Aus Langeweile haben ein Freund und ich mal an einem Samstagabend eine Telefonkabine mit Luftballons gefüllt. 20 Minuten war das eine kleine Meldung im Lokalteil wert.

Genau vor zehn Jahren ging ein neuer Stern am St. Galler Ausgehhimmel auf: das Palace. Das ehemalige Kino mauserte sich bald zum beliebten Ausgangsort, trotz klebrigem Teppich, der ansatzweise unpeinliche Tanzschritte unmöglich machte. Das Beste: Bis heute hat das Palace keinen Türsteher. Wir waren also nie gezwungen, unseren Schülerausweis zu fälschen. Egal wie alt du bist, egal woher du kommst, egal ob du kein Mädchen im Arm hast. Alle waren willkommen. Aber du warst bestimmt nie da.

Wenn du nämlich schon mal Fuss auf St. Galler Boden gesetzt hast, war der Grund mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die heilige Dreifaltigkeit der Klosterstadt: die HSG, die Olma und das Open Air.

Der graue Betonblock auf dem Rosenberg, also die HSG, hat den Ruf, ein Sprungbrett auf die CEO-Sessel zu sein. Ich wuchs in der Nähe der Kaderschmiede auf. Die BWL-Studenten, die in einer WG im selben Haus wie ich wohnten, waren lebende Klischees: Die vier Bayern hatten eine Vorliebe für Poloshirts in irren Farben: violett, orange, neongelb und rosa. Wenn sie nicht gerade auf der Dachterrasse Fussball schauten, in Lederhosen ihre Mannschaft anfeuerten und dabei dosenweise Bier kippten, cruisten sie mit dem von Daddy gesponserten BMW an die HSG—Brutto-Fahrzeit: zwei Minuten.

Die Olma und das OASG sind die Fixpunkte im St. Galler Eventkalender: An der Ostschweizer Milch- und Landwirtschaftsausstellung wird die mächtigste Kuh gekürt, Säulirennen geschaut und natürlich Bratwurst gegessen. Und ehrlich gesagt, nobody cares, ob du die in Senf tunken willst. Eine akute Senfphobie konnte ich bislang bei niemanden eruieren.

Fundort von Schundromanen und alten Würsten: Das Openair St. Gallen

Für viele bot die Olma auch Gelegenheit, das Taschengeld aufzubessern: Da hiess es Bratwürste braten, in der Degustationshalle Wein ausschenken oder am Jahrmarkt Zuckerwatte verkaufen. Ich stand in einem Magenbrot-Chalet. Auf Befehl meines Chefs musste ich einmal einem betrunkenen Rheintaler nachrennen, der einen Sack Magenbrot geklaut hatte. Die Rheintaler Beine waren schneller als meine, und so verschwand der Dieb hinter dem nächsten Schiessstand auf Nimmerwiedersehen.

Mit 16 war ich endlich alt genug für das Openair St. Gallen. Die Vorfreude auf die vier meist schlammigen Tage war immens. Schon mehrere Monate vor dem Festival schrieben wir die Packliste und besprachen, wer mit wem wo und wann anstehen wird.

Einmal arbeitete ich am OASG für einen Gratiseintritt und 150 Franken als "Trash Hero". Dafür musste ich nach dem Festival das Gelände aufräumen. Meine Freunde und ich sammelten: gebrauchte Kondome, 20er-Packungen Würste, die drei Tage in der Sonne gelegen hatten, und andere extra-appetitliche Dinge. Wer Glück hatte, fand Bargeld, eine Kamera oder ein Sackmesser. Ich fand einen Schundroman, von dem ich noch weiss, dass darin eine langstielige Lilie eine zentrale Rolle spielte.

Nach der Aufräumaktion war für mich erstmal Schluss mit St. Gallen: Ich zog wie die meisten, die nicht eine Karriere in der Wirtschaft anstrebten, zum Studieren nach Zürich. Hier geniesse ich die, verglichen mit St. Gallen, tropischen Temperaturen—und ab und zu einen euphorischen "INE-MIT-EM-BALLE"-Schrei.

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