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Meine beste Freundin ist tot – so geht es mir jetzt

Sie war nicht meine Schwester, wir waren nicht verheiratet. Sie war "nur" meine beste Freundin. Viele Leute verstehen deshalb nicht, wie groß mein Schmerz ist.

von Arwa; aufgeschrieben von Alexandra Stanic
10 Februar 2020, 12:33pm

Foto: imago images | Westend61 || Bearbeitung: VICE 

Das Telefonklingeln hatte mich geweckt. "Mona ist tot, Mona ist tot, Mona ist tot", schrie eine Freundin in mein Ohr. Ich legte auf, machte Netflix an. Brooklyn Nine-Nine. Es brauchte zehn Minuten, bis ich verstand, was sie gesagt hatte. Dann brach ich zusammen.

Mona ist tot.

30. Juli 2018 – der Montag, an dem ich meine beste Freundin verlor. Der Tag, von dem an alles bergab ging. Ich weinte, bis keine Tränen mehr da waren. Dann weinte ich ohne Tränen weiter. Ich kriegte mich für Stunden nicht ein. Ich werde nie vergessen, wie viel auch mein Vater an diesem Montag geschrien und geweint hat. Mona war nicht nur meine beste Freundin, sie war Teil unserer Familie. Und seit sie nicht mehr da ist, fehlt sie jede Sekunde.


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Schon am Tag nach dem Anruf wurde sie beerdigt. Ich war zu dieser Zeit in Ägypten, um meine Familie zu besuchen. Weil ich mir den Fuß verletzt hatte und einen Gips trug, schaffte ich es nicht rechtzeitig nach Wien.

Ich bereue es bis heute, dass ich nicht auf ihrer Beerdigung war.

Ich hätte es irgendwie hinkriegen sollen, um sie würdig zu verabschieden; um sie ein letztes Mal zu begleiten. So viele Menschen, so viele Fremde waren da – aber ich nicht. So richtig verzeihen werde ich mir das nie. Aber Mona hätte es mir verziehen. Sie war der großzügigste, nachsichtigste Mensch, den ich kenne. Wenn sie wüsste, wie ich jetzt gerade über sie und ihren Tod spreche, würde sie wahrscheinlich sagen: "Jetzt übertreib mal nicht. So schlimm ist das doch nicht."

Ich muss oft an unsere spontanen Treffen denken. Mona wohnte in der Nähe von mir, sie hat mich ständig in ihrem kleinen, silbernen Auto abgeholt. Keine Ahnung, welche Marke, anders als Mona sind mir Autos egal. Aber ich weiß, dass sie das Auto "Baheya" genannt hat – ein alter, ägyptischer Name.

Wenn wir nicht gerade mit Baheya zu McDonald’s gefahren sind, um uns einen McSundae zu gönnen, haben wir uns in einem unscheinbaren Café im ersten Bezirk getroffen. Das war wie unser zweites Zuhause. In diesem Café habe ich ihren Verlobten kennengelernt. In diesem Café haben wir für gemeinsame Uni-Prüfungen gelernt; uns über Alltägliches aufgeregt; Liebeskummer überwunden. Hier hat sie mir von ihrem ersten Job erzählt – ich war so stolz auf sie. Sie hat sich ihr Leben lang ehrenamtlich engagiert und dann einen Job im sozialen Bereich erhalten, in dem sie Menschen helfen konnte. Dieses Café war Monas und mein Rückzugsort, wir haben Stunden dort verbracht.

Das Café hat geschlossen. Den Ort, an dem ich meine Erinnerungen auffrischen konnte, gibt es nicht mehr. Ich kann nicht mehr hin und mich in die Zeit zurückversetzen, als Mona noch da war. In der einen Ecke der Tisch, an dem ich über meinen Crush geschwärmt hatte. In der anderen der Tisch, an dem wir einen Streit beendet haben.

Ich wünschte, ich könnte einfach wieder mit ihr streiten.

Mona verbrachte viel Zeit im Krankenhaus, weil sie mit starkem Fieber zu kämpfen hatte. Kaum war sie gestresst, bekam sie Herzrasen und Fieber. Natürlich haben wir uns immer alle Sorgen gemacht, aber irgendwann war ihr gesundheitlicher Zustand Teil ihres Lebens. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass sie immer wieder mal ins Krankenhaus muss. Sie hat immer gesagt, dass sie jung sterben wird. Ihre anderen Freundinnen und ich haben das nie so richtig ernst genommen. Heute muss ich oft an ihre Worte denken.

Dann landete sie auf der Intensivstation. Am Samstag wurde sie künstlich ins Koma versetzt. Am Montag ist sie gestorben. Drei Tage zuvor haben wir noch telefoniert. Sie war damals schon für eine Woche im Krankenhaus gewesen, hat sich aber nicht anmerken lassen, wie schlecht es ihr wirklich ging. Das hat sie nie. Stattdessen haben wir darüber gesprochen, dass sie auch nach Ägypten kommt, sobald sie entlassen wird, damit ihre Familie ihren Verlobten kennenlernen kann. Ich habe mich, wie es sich für eine beste Freundin gehört, aufgedrängt und gesagt, dass selbstverständlich auch ich bei dem ersten Treffen dabei sein möchte. Dann habe ich mich noch lustig darüber gemacht, dass sie mir und all ihren Freundinnen ein super kitschiges Lied geschickt hat.

Nach ihrem Tod konnte ich für sehr lange Zeit keine Musik mehr hören. Jedes Lied hat mich an sie erinnert. Oder ich habe gedacht: Diesen neuen Song hätte Mona geliebt.

Vor neun Jahren ist Monas Vater gestorben. Sie hat das nie so richtig verkraftet. Sie ist schlussendlich genauso plötzlich gegangen wie er. Ich wusste, dass ich sie an jedem 19. April ablenken muss. An seinem ersten Todestag sind wir auf Bäume geklettert und haben Chips mit Ketchup-Geschmack gegessen. Wir waren Anfang 20 und haben versucht, das Beste daraus zu machen.

Wir haben nie darüber geredet, was die Trauer mit ihr macht, wie sie sich fühlt. Ich wünschte, wir hätten mehr darüber gesprochen. Ich wünschte, ich hätte nachgehakt, ihr den Raum gegeben. Die Worte haben uns gefehlt, aber der Tod ihres Vaters hat uns zusammengeschweißt.

"Ihr Lächeln hat den Raum gefüllt"

"Sie hat uns immer zum Lachen gebracht"

"Ich vermisse unsere spontanen Roadtrips mit Baheya"

Es versetzt mir einen Stich, wenn ich die vielen Einträge auf Monas Facebook-Profil lese. Hunderte schreiben über sie. Sie erzählen von Momenten, in denen Mona ihnen zur Seite gestanden ist, oder welches Gefühl sie in ihnen ausgelöst hat.

"In Erinnerung an Mona" steht da. Facebook weiß, dass Mona tot ist.

Wir wären dieses Jahr beide 30 geworden. Ein Meilenstein, den ich nicht mit ihr teilen kann. Ich kann sie nicht mehr einfach anrufen, wenn ich Stress auf der Arbeit habe. Ich kann ihr keine lustigen Memes mehr schicken. Sie kann mich nicht mehr aufmuntern und das konnte Mona immer am besten – egal wie schlecht es mir ging, 20 Minuten mit ihr und alles war gut. Sie hat selbst in der auswegslosesten Situation etwas Lustiges gefunden und das hat sie geschafft, ohne Scherze auf Kosten von anderen zu machen.

Eine Bekannte meinte, dass die Anfangsphase nicht die schlimmste Zeit sei und dass die Trauer noch viel unerträglicher wird. Ich wollte ihr nicht glauben, aber sie hatte Recht. Ihr Tod ist jetzt 18 Monate her.

Mona hat ein riesiges Loch in meinem Leben hinterlassen und das wird mir Tag für Tag bewusst. Der Schmerz ist immer da. Mona ist weg. Die Person, der ich am meisten vertraue; die mich immer aufgefangen hat. Ich weiß nicht, ob ich das jemals überwinden werde. Ich meide den Kontakt zu vielen Menschen, die mir früher nahestanden, weil ihre Reaktion auf meine Trauer mich verletzt.

"Du musst loslassen."

"Es ist schon über ein Jahr her. Du weinst noch immer?”

"Mona hätte sicher nicht gewollt, dass du so lange traurig bist.”

Aber auch:

"Wie kannst du behaupten, traurig zu sein, wenn du trotzdem in den Urlaub fährst?”

"Du siehst so glücklich aus, du musst ihren Tod überwunden haben."

Ein Stich ins Herz. Jedes Mal. Sie war nicht meine Schwester, wir waren nicht verheiratet. Sie war "nur" meine beste Freundin. Viele Leute verstehen deshalb nicht, wie groß mein Schmerz ist. Das lässt mich verzweifeln. Dabei war sie doch wie meine Schwester. Ich war in den letzten Jahren viel auf Reisen und habe im Ausland gearbeitet. Immer, wenn ich zurück nach Wien gekommen bin, hat Mona mich erwartet. Selbst spät nachts ist sie mit Baheya vor meine Haustür gefahren und hat mich fest umarmt. "Schön, dass du wieder da bist." Ich war in sieben Jahren Freundschaft nie zu ihrem Geburtstag am 24. September in Wien. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal da. Mona aber nicht.

Die Abende mit meinen Freundinnen, aber ohne Mona sind nicht mehr die gleichen. Sie war wie ein Bindeglied, das Menschen einander nähergebracht hat. Als sich unsere Gruppe das erste Mal nach Monas Tod getroffen hat, so wie wir es früher immer gemacht haben, habe ich realisiert: Nichts wird je so wie früher. Da fehlt etwas, da fehlt jemand.

Wenn es mir besonders schlecht geht, sehe ich mir den animierten Kinderfilm Coco an, der sich mit Trauer und Tod beschäftigt. Dort heißt es: Je mehr du von Verstorbenen sprichst, desto besser geht es ihnen da, wo sie jetzt sind. They won't fade away.

Deswegen versuche ich, Mona mit meinen Worten am Leben zu erhalten.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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