10 Fragen an eine Magersüchtige, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Findest du andere Magersüchtige schön? Kannst du körperliche Nähe zulassen? Willst du sterben?

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25 Oktober 2017, 10:18am

Foto: Hanko Ye

Mit 15 Jahren kam Zita das erste Mal in eine Klinik, sie wog nur 35 Kilogramm. "Das ist ein Gewicht, bei dem man normalerweise über eine Magensonde ernährt werden muss, um die lebenswichtigen Funktionen zu sichern", sagt die 23-Jährige heute. Seitdem lebt sie mit ihrer Krankheit – und den täglichen Gedanken ans Essen: "Es ist mal besser mal schlimmer. Seit einem Jahr habe ich eine gute Phase."

In diesem Jahr hat sie ihren Uniabschluss geschafft und arbeitet seit einigen Wochen in einer Agentur. Ihr Arbeitgeber und auch viele Freunde wissen nichts von ihrer Essstörung, deswegen will sie auch hier anonym bleiben, Zita ist nicht ihr richtiger Name. Sie hat sich selbst bei VICE gemeldet, um dieses Interview zu geben. Sie sagt, sie wolle andere Betroffene schützen: "Mega der Aufklärungsbedarf da draußen", schreibt sie in ihrer Mail.

Als sie in das Café zum Interview kommt, sagt sie, sie sei aufgeregt: "Ich habe mir so viele Gedanken gemacht, was ich bestellen soll. Du weißt, dass ich essgestört bin, also weiß ich, dass du darauf achtest." Zita ist nicht mager, wirkt nicht krank. Sie lächelt schüchtern, schaut einem fokussiert in die Augen und so reflektiert, wie sie spricht, wird klar, dass sie sich seit Jahren jeden einzelnen Tag mit ihrer Krankheit befasst. Dem Stereotyp der "dürren" Frau mit dem "gestörten" Schönheitsideal entspricht sie auf den ersten Blick nicht. Grund für Fragen.

VICE: Was ist der Grund für deine Magersucht?
Zita: Am Anfang wollte ich einfach dünner werden. Ich war ein bisschen moppelig. Irgendwann wurde es eine Sucht. Es war eine Form von Rebellion gegen meine Eltern. Zudem gibt mir diese komplette Disziplin über den eigenen Körper eine Art Machtgefühl. Das Hungergefühl weicht Stolz, weil man dem körperlichen Bedürfnis nicht nachgibt. Dazu kommt: Magersucht verschafft einem Aufmerksamkeit und Mitleid. Ich habe eine Welpenposition eingenommen, in der ich nicht angreifbar bin. So zerbrechlich wie ich mich fühle, sehe ich auch aus. Die Gründe für Magersucht werden oft in dem unrealistischen Schönheitsideal gesehen, das in den Medien und der Mode verbreitet wird. Aber das würde niemals ausreichen, sich so krass kaputt zu machen.

Wann konntest du dir eingestehen, dass du magersüchtig bist?
Das hat lange gedauert. Zuerst lässt man mal ein Essen weg, dann macht man ein bisschen Sport, wiegt sich öfter und irgendwann schafft man es nur noch unter Tränen, einen Apfel zu essen. Magersucht zeigt sich nicht am Gewicht, sondern am Leidensdruck. Obwohl Freunde zu mir meinten "Iss mal wieder ein bisschen mehr, siehst gar nicht gut aus", war ich lange überzeugt, dass ich das im Griff hätte. Dann kam der Punkt, an dem mir bewusst wurde, dass ich nicht alleine aufhören kann zu hungern. Mein Leben bestand nur noch aus dem Thema Essen. Ich war 15, als meine Ärztin die Diagnose "Essstörung" ausgesprochen hat. Erst da bekam es für mich und meine Eltern einen Namen.

Kotzt du Essen wieder aus?
Ich habe eine Mischform der Magersucht. Anfangs war es bei mir nur eine Anorexie, ich habe also kaum gegessen und mir fehlte der Appetit. Dann hatte ich eine Phase, in der ich viel mit Sport ausgeglichen habe: Minimum zehn Kilometer am Tag laufen, dann zwanzig Kilometer. Später bin ich auch erkältet Marathon gelaufen. Bei mir entwickelte sich eine bulimische Anorexie. Das heißt, ich esse normale Portionen und kotze die ab und zu wieder aus. Fressanfälle wie bei einer Bulimie habe ich also nicht. Das ist eine sehr alltagstaugliche Essstörung, weil niemand merkt, dass ich nach dem Essen kotzen gehe. Kotzen ist für mich etwas Positives. Es gibt nichts, mit dem ich meinen Stress so herunterpegeln kann. Ich habe mir gegönnt zu kotzen, wenn ich in der Uni einen Vortrag oder eine Klausur hatte. Wegen des säuerlichen Kotzgeruchs habe ich immer Kaugummis dabei. Nach dem Kotzen mache ich ein Tröpfchen Seife in die Kloschüssel, damit kein Ölfilm zurückbleibt.

Foto: Hanko Ye

Hast du schon mal die berühmte "Watte in Orangensaft" probiert, die Models angeblich essen?
Nein, aber ich habe literweise Gemüsebrühe oder Cola light getrunken, wovon die Geschmacksknospen kaputtgehen. Ich habe mir eklige Anorexie-Gerichte gekocht: Götterspeise nur mit Süßstoff und Wasser oder Schokoladenpudding mit Wasser. Solche Gerichte lernt man in Internetforen oder bei anderen Essgestörten in der Klinik kennen. Wir Essgestörte denken uns die krassesten Dinge aus, um in der Klinik mit den Kalorien zu schummeln: die Butter unter einen Teller streichen, die kleinste Scheibe Brot nehmen, Wurst oder Käse auf eine Serviette legen, damit ein bisschen Fett darauf kleben bleibt, sich vor dem Wiegen Steine und Metall in das Futter des BHs stecken oder in den Dutt. Das ist natürlich ein riesengroßer innerer Konflikt. Auf der einen Seite will ich gesund werden, auf der anderen Seite steht die mega starke Kraft, die sagt: Essen ist verboten.

Findest du andere Magersüchtige schön?
Nein, ich würde ihnen gerne helfen, aber ich weiß, dass das nur die Person selber kann. Aber manchmal triggert es mich auch und ich denke, dass ich fett bin. Bei gemeinsamen Essen habe ich immer geschaut, weniger als meine Freunde zu essen. In der Klinik war es ein kleiner Wettkampf mit den anderen Magersüchtigen: einerseits darum, wer am dünnsten ist. Andererseits natürlich auch, wer am schnellsten wieder aus der Klinik herauskommt.

Willst du sterben?
Ich habe auch Depressionen und die haben bei mir oft ausgelöst, dass ich mir gedacht habe: "Wenn ich mich umbringe, dann geht alles ganz schnell." Der Gedanke an den Tod ist sehr eng an die Magersucht gekoppelt, weil man in manchen Phasen dem Tod extrem nah ist. Seit ich 15 bin, gehe ich immer wieder mit Unterbrechung und Wechseln zur Therapie. Ich nehme auch Antidepressiva, weil meine Essstörung in einer depressiven Episode schlimmer wird. Für mich ist es harte Arbeit, die schönen Dinge im Leben zu sehen. Ich versuche täglich, die Lücke zu füllen, die die Essstörung hinterlassen hat.

Kannst du körperliche Nähe zulassen, hast du Sex?
Ich hatte erst eine einzige feste Beziehung. Darin konnte ich lange keine körperliche Nähe zulassen. Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass die Beziehung meine Essstörung gefüttert hat. Das lag daran, dass er da war, wenn es mir schlecht geht und ich diese Aufmerksamkeit der Essstörung auch als Druckmittel genutzt habe. Aber im Moment bin ich in einer guten Phase, was ich schon daran sehe, dass ich Sex gerade genießen kann.


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Wie verändert sich dein Körper?
Sexualhormone sind das Erste, was der Körper wegstreicht, wenn er keine Energie mehr hat. Meine Menstruation ist ausgefallen, jetzt habe ich unregelmäßig meinen Zyklus. Weil ich meinen Körper so schlecht behandelt habe, kann es sein, dass ich niemals Kinder bekommen kann. Ich kann auch nicht mehr joggen, weil ich danach Probleme mit meiner Verdauung habe. Es ist sprichwörtlich alles im Arsch.

Wie sehr leidet deine Familie wegen deiner Krankheit?
Stark. Als ich mit 18 ausgezogen bin, haben meine Eltern mir gesagt, dass ich die Familie kaputt gemacht habe. Das war super hart und ich habe auch kein gutes Verhältnis mehr zu ihnen. Zu meinem Bruder habe ich ein super Verhältnis, weil er mich als seine Schwester und nicht nur als eine Essgestörte sieht. Viele Freunde, die ich nicht aus der Klinik habe, wissen hingegen nichts über meine Essstörung. Wenn Leute das wissen, fällt es mir schwerer, vor ihnen zu essen, weil ich denke, dass ich für die dem Bild einer Essgestörten gerecht werden muss. Abgesehen davon ist eine Essstörung erstaunlich alltagskompatibel. Ich habe immer gesagt, ich wäre auf Kur, wenn ich in der Klinik war. Ich habe mein Abi und mein Studium trotzdem geschafft – durch Ehrgeiz und Disziplin – mit den gleichen Fähigkeiten, die mir auf der anderen Seite schaden.

Glaubst du, du wirst die Sucht irgendwann los?
Ich bin nicht mehr untergewichtig, aber die Essstörung wird mich mein Leben lang begleiten. Ich habe gerade zwar nicht das Bedürfnis abzunehmen, aber unglaubliche Angst zuzunehmen. Und ich werde wohl niemals aufhören, an Essen zu denken. Wenn ich weiß, dass ich mit Freunden abends etwas trinken gehe, dann spare ich woanders tagsüber etwas ein. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass ich irgendwann mal Schokolade essen kann, ohne einen inneren Konflikt zu haben.


Erkennst du Verhaltensweisen von Zita bei dir oder jemandem aus deinem Freundeskreis oder deiner Familie wieder? Die Wiener Gesundheitsförderung bietet unter dieser Hotline Hilfe an.

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