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Screenshot: Wienerin

Warum löscht die 'Wienerin' einen Artikel zum Thema Abtreibung?

Hanna Herbst

Hanna Herbst

Die 'Wienerin' hat kommentarlos einen Artikel zum Thema Abtreibung gelöscht und durch ein Statement der konservativen 'Aktion Leben' ersetzt. Was ist da los?

Screenshot: Wienerin

Mitte September veröffentlichte das Magazin Wienerin einen Artikel der Journalistin Jelena Gučanin, in dem sich die Journalistin mit den Positionen der wahlwerbenden Parteien zum Thema Schwangerschaftsabbruch beschäftigte.

Der Verein Aktion Leben hatte die Parteien anlässlich der anstehenden Nationalratswahl dazu befragt – Gučanin betrachtete die Ergebnisse. Ihr Hauptkritikpunkt: ÖVP und FPÖ hatten sich im Zuge der Befragung dafür ausgesprochen, die Hintergründe von Abtreibungen statistisch zu erheben. Wenige Tage später wurde der Artikel gelöscht. (Hier ist er allerdings immer noch zu finden.)

Die Wienerin selbst äußert sich dazu bis zu diesem Zeitpunkt nicht öffentlich, obwohl sie seit vergangener Woche auf Twitter und Facebook mehrfach dazu aufgefordert wurde. In privaten Nachrichten an einige Userinnen erklärt man nur, der Artikel sei aus "internen Gründen" gelöscht worden. Auf gewisse Weise bezieht das Magazin aber sehr wohl Stellung – und macht die ganze Angelegenheit damit noch viel merkwürdiger:

Denn anstatt selbst ein Statement zu veröffentlichen, brachte die Redaktion eine Antwort der Aktion Leben auf den gelöschten Artikel, der darin scharf kritisiert wird. Die Wienerin gab somit einer Organisation eine Plattform, die sich gegen liberale Abtreibungspolitik positioniert, und nahm sie gleichzeitig ihrer eigenen Journalistin.

Die Aktion Leben bezeichnet sich selbst als "Bewegung für den Schutz menschlichen Lebens" und möchte auf die "Problematik von Schwangerschaftsabbrüchen" aufmerksam machen. Der Verein fordert schon seit Jahren, Schwangerschaftsabbrüche statistisch zu erheben – was aus verschiedenen Gründen heftig umstritten ist – und wehrt sich immer wieder gegen Vorwürfe, zu eng in Verbindung mit der katholischen Kirche zu stehen.

Unter anderem in Eisenstadt, Klagenfurt und Graz ist der Verein jedoch in den Räumlichkeiten der Erzdiözesen untergebracht. Anna Hollwöger, die 2009 zur Diözese Graz kam, betreute ab 2011 die Aktion Leben. Seit September ist sie neue Chefin der Katholischen Aktion und sieht ihre Hauptaufgabe darin, die "Brücke zwischen Kirche und Welt zu sein". Solche Überschneidungen lassen Kritikerinnen und Kritiker natürlich nicht verstummen.

Unterstützt wird die Initiative, Schwangerschaftsabbrüche statistisch festzuhalten, übrigens auch von Wolfgang Mazal, Mitglied des Vereinsvorstands von Aktion Leben, Arbeits- und Sozialrechtler an der Universität Wien, Mitglied der katholischen Studentenverbindung K.Ö.St.V. Nibelungia zu Wien und zu einem großen Teil für die neue Sozialpolitik der "Neuen ÖVP" verantwortlich.

In einer kurzen Einleitung der Wienerin-Redaktion heißt es, die Stellungnahme von Aktion Leben diene dazu, das Thema von verschiedensten Seiten zu beleuchten.

Mazal war auch jener Experte, der "für Kurz und Familienministerin Sophie Karmasin auch die angestrebte Kürzung der österreichischen Familienbeihilfe für Kinder im EU-Ausland mittels Gutachten untermauert hat", schreibt die Presse. Marzal wurde auch im gelöschten Artikel der Wienerin zitiert.

In einer kurzen Einleitung der Wienerin-Redaktion heißt es, die Stellungnahme von Aktion Leben diene dazu, das Thema von verschiedensten Seiten zu beleuchten. Umso interessanter ist es, dass die andere Seite komplett fehlt und der Ursprungsartikel offline bleibt.

Umso freier lässt man anscheinend die Gegenseite wettern: Allein der Titel des Artikels von Gučanin sei "sprachlicher Nonsens", schreibt die Aktion Leben-Generalsekretärin Martina Kronthaler. Weiter heißt es: "Wer eine Abbruch-Statistik als Einschränkung von Frauenrechten bezeichnet, hat nicht verstanden, worum es geht. Wer das Thema ohne jedwede Fakten behandelt, ist weit im vorigen Jahrhundert verhaftet und unbeweglich."

Laut einer eigenen Stellungnahme, die Dienstagnachmittag auf der Website veröffentlicht wurde, wolle man das Thema weiter behandeln:

"Auf Grund der in den vergangenen Tagen stattgefundenen Debatte rund um das Thema Abtreibung und die Sinnhaftigkeit einer Abtreibungsstatistik wollen wir dieses Thema redaktionell weiterverfolgen und ihm eine breitere Bühne geben."

Weshalb der erste Artikel gelöscht, anschließend das Statement der Aktion Leben veröffentlicht und dann wieder gelöscht wurde, wird in der Stellungnahme nicht erklärt.

Warum handelt die Wienerin so?

Vielleicht hilft beim Verstehen dieses Verhaltens eine Auseinandersetzung mit der Frage, wer die Wienerin ist – beziehungsweise wer hinter ihr steht. Das Magazin ist Teil der Styria Media Group – wie unter anderem auch Die Presse, Kleine Zeitung, miss und willhaben.at.

Der Medienforscher Andy Kaltenbrunner zählte für einen Buchbeitrag kürzlich Styria-Medientitel und Beteiligungen. Bei über 70 habe er vorläufig aufgehört, erklärt er gegenüber VICE. Die Styria steht zu 98,33 Prozent im Eigentum der Katholischen Medien Verein Privatstiftung. Zweck der Stiftung ist unter anderem die Förderung "christlicher Medienarbeit".

Diese Strukturen, die tatsächlich um vieles komplizierter sind, werden für Leser nur selten klar. "Die Styria ist ein Machtfaktor", erklärt Kaltenbrunner. "Problematisch wird das dann, wenn die jeweiligen Eigentumszusammenhänge dem Publikum nicht klar sind oder nicht transparent."

Dass Medien aus der Tradition der katholischen Pressvereine eher nicht Speerspitze der Aufklärung und des gesellschaftlichen Umbruchs seien, überrasche nicht. "Im Umsatz ist der Styria-Konzern heute als Stiftung mit mehr als 400 Millionen jährlich fast gleichauf mit der Mediaprint. Nicht schlecht für etwas, das als katholische Kleindruckerei für Steirer und später, ab 1904, als Regionalblatt unter Obhut des Bischofs begonnen hat."

Dass hinter der Wienerin die Katholische Medien Verein Privatstiftung steht, ist dann problematisch, wenn kritische Berichterstattung dadurch beeinträchtigt wird. Und in diesem Fall hat es den Anschein, so gewesen zu sein. An Transparenz, wie sie Kaltenbrunner erwähnt, fehlt es hier auf jeden Fall. Es ist einer jener Fälle, die zeigen, wie schwierig es in Österreich ist, eine konstruktive Debatte zum Thema Schwangerschaftsabbruch zu führen. Und dabei erreicht gerade die Wienerin eine Zielgruppe, für die Aufklärung über und die Enttabuisierung von Schwangerschaftsabbrüchen enorm wichtig wäre.

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