Sex

Wir waren während der Wiesn zu Besuch in Münchens größtem Bordell

2.500 Prostituierte arbeiten normalerweise in München, zum Oktoberfest sind es 5.000 – und das sind nur jene, die legal arbeiten.

von Christina Hertel; fotos von Manuel Nieberle
29 September 2017, 9:13am

Foto von Manuel Nieberle

In der Straße, in der Eva arbeitet, scheint aus vielen Fenstern rotes Licht. Sie sitzt auf einer schwarzen Ledercouch, Beine überschlagen, in der Hand ein Glas Bier mit rosa Strohhalm drin. Sie schaut Richtung Tür, wartet auf den nächsten Mann, der hineinkommt. Der dafür bezahlt, dass sie mit ihm schläft. Eva arbeitet im Caesars World, einem Bordell im äußersten Münchner Osten. Es ist kurz nach 20 Uhr. Noch gibt es nichts zu tun. Und das wird sich die nächsten Stunden auch nicht ändern. Denn die meisten Männer kommen erst nach 23 Uhr, wenn sie ihre letzte Maß getrunken haben. Nachdem die Bedienung sie aus dem Oktoberfestzelt geschmissen hat.

Zumindest erzählt Erich das so, ein stämmiger Mann, Arme und Hals tätowiert, manche Tattoos schon etwas ausgeblichen, ein silberner Schneidezahn mit Glitzersteinchen. Erich vermietet die Zimmer an Eva und ihre 34 Kolleginnen. Viele von ihnen kommen aus Rumänien, können nicht richtig Deutsch. Auch Eva nicht. Wenn man sie etwas fragt, zuckt sie mit den Schultern, lächelt.

Es antwortet vor allem Erich. Er sagt, er freue sich jedes Mal wieder auf das Oktoberfest: "Es kommen einfach mehr Leute. 10 bis 30 Prozent bestimmt." Kanadier, Italiener, Japaner, Engländer. "Die tanzen und wackeln hier rein. Die sind richtig gut drauf alle."

Seit sechs Jahren kommt Eva aus Rumänien in das Bordell, immer für ein paar Monate.

Wenn Oktoberfest ist, riechen schon vormittags die Münchner U-Bahnen nach Alkohol. Abends wanken Tausende Männer und Frauen durch die Stadt. 2016 haben die Besucher 6,6 Millionen Liter Bier getrunken. Fast 600 Menschen erlitten eine Alkoholvergiftung. Bordellbetreiber Erich sagt: "Vielleicht kotzt mal einer oder schläft ein." Sie müssten mehr sauber machen vor dem Haus, in der Bar, auf den Toiletten; auf den Zimmern machen die Frauen das selbst. Kleinkram. So klingt das. Dabei weiß jeder, der einmal auf dem Oktoberfest war: Wer das Zelt verlässt, stinkt nach Rauch, Bier, Schweiß. Und damit die gute Stimmung nicht verloren geht, legt Erich schon mal die größten Wiesn-Hits auf. DJ Ötzi, Andreas Gabalier. Weiß-blaue Girlanden hängen an der Wand, eine Schaufensterpuppe mit rosa Dirndl und blonder Perücke steht am Eingang.

Erich sitzt in seinem Büro. Hinter ihm Bildschirme von den Überwachungskameras, vor ihm ein Glastisch mit einer goldenen, nackten Frau als Fuß. Seinen vollen Namen möchte er nicht sagen. Auch nicht, wie aus ihm ein Bordellbetreiber wurde. Er sei da so reingewachsen, sagt er. Ihm gehören zwei Bordelle in München. Das Caesars World ist laut Eigenwerbung "Das größte Laufhaus Münchens". Es ist ein Kasten, der nach 80er-Jahre-Bürohaus aussieht wie viele hier im Gewerbegebiet – wären da nicht die roten Leuchtröhren um die Fenster und die zwei Springbrunnen mit Mini-Fontänen. Während der Wiesn seien seine Zimmer immer ausgebucht, sagt Erich. Etlichen Frauen müsse er absagen. Bevorzugen würde er für die Wiesn aber die, die sonst unter dem Jahr auch da seien. "Das ist ja nur fair."

Bordellbetreiber Erich sagt, er freue sich jedes Jahr aufs Oktoberfest. Er legt dann Wiesn-Hits auf.

Während der Wiesn sind etwa doppelt so viele Prostituierte in der Stadt, statt 2.500 rund 5.000, schätzt Bernhard Feiner, Kriminalhauptkommissar bei der Münchner Polizei und dort zuständig für Prostitutionskriminalität. Sie reisen aus allen deutschen Großstädten an, aus Hamburg, Berlin, Köln. Und aus ganz Europa, vor allem aus Rumänien. Diese 5.000 Frauen arbeiteten legal in Bordellen, sagt Feiner.

Im Caesars World läuft es ab wie in einem Hotel. Die Frauen kommen in Erichs Büro, holen sich ihren Schlüssel, gehen aufs Zimmer. Nur dass sie sich seit dem neuen Prostitutionsgesetz, das seit Juli gilt, in der Stadt anmelden und ein Gesundheitsgespräch führen müssen. Erich nennt das Gespräch einen "Schmarrn", weil die Frauen da nur über Krankheiten aufgeklärt werden, aber nicht untersucht. Sonst wisse er nicht viel über seine Damen. Wo sie wohnen, wenn sie nicht arbeiten, zum Beispiel. "Geht mich ja nichts an. Aber die Frauen, die jetzt da sind, fahren nach der Wiesn wieder nach Hause zu ihrer Familie. Und dann kommen neue. Das ist wie ein Wanderzirkus."


Auch bei VICE: Sex im Saarland


Die für Prostitution zuständigen Polizisten haben während der Wiesn Urlaubssperre

Laut Polizei kommen zu den 5.000 angemeldeten Prostituierten noch all die Frauen und Männer, die sich illegal prostituieren, in Hinterhöfen und Hotelzimmern. Wie viele das sind, kann Kriminalhauptkommissar Feiner nicht sagen. Auf jeden Fall habe sein Kommissariat viel zu tun. Während der Wiesn gilt für sein gesamtes Team Urlaubssperre.

Feiner will nicht verraten, wo und wie oft die Polizei Razzien durchführt. Aber erst vor einer Woche hat die Polizei elf Prostituierte im Bahnhofsviertel auffliegen lassen. Frauen aus Osteuropa, Frankreich und Deutschland. Die älteste war 66 Jahre alt. Auch ein 18-jähriger Mann aus Ungarn war dabei. Aber alle Sexarbeiter, legal oder illegal, sagt Feiner, hätten eines gemeinsam: Sie hoffen auf viel Geld. Die Stadt schätzte den Wirtschaftswert des Oktoberfests bereits vor einigen Jahren auf etwa eine Milliarde Euro. Allein auf dem Festgelände geben die Besucher im Schnitt 350 Millionen Euro aus.

Wenn die Zelte schließen, kommen die Männer hierher – meistens in Lederhose.

Eva, die eigentlich anders heißt, sitzt in ihrem Zimmer. Sie sagt, sie sei 34, stimmen muss das nicht. Rote Decke auf dem Bett, roter Lichtschlauch drumherum, Playboy-Bunny-Kissen. Auf dem Nachttisch Babyöl und Küchenrolle, dazwischen ein großer weißer Teddy. "Dieses Jahr", sagt sie, "läuft so lala." Früher sei doppelt so viel los gewesen. Eva glaubt, das liege daran, dass das Oktoberfest so teuer geworden sei. Die Männer hätten dann kein Geld mehr übrig, um hierher zu kommen. "Und alle haben Angst vor Terror und Anschlägen. Die trauen sich nicht in die Stadt." Dann war das vergangene Woche auch noch Italienerwochenende. Die Italiener, sagt Eva, stehen nicht auf sie. Weil sie ihnen zu kräftig sei.

Sie warte auf die Briten, die Polen. Seit sechs Jahren arbeite sie hier, immer für ein paar Monate. Danach packt sie ihre Sachen in große Tüten, lagert sie im Keller und wenn sie wieder kommt, packt sie alles wieder aus. An Erich zahle sie bloß die Miete für ihr Zimmer. Mit wem sie schlafe, bestimme sie selbst. Wie viel sie für den Sex verlange, auch. Ihre Preise seien das ganze Jahr gleich. 50 Euro für 20 Minuten, Oktoberfest spielt da keine Rolle. Wie viele Männer pro Nacht im Schnitt? Sie will das nicht sagen. Eine ihrer Kolleginnen meint später, das zähle man nicht: "Eine Frau ist ja kein Kilometerzähler."

Nicht die Gewalt nimmt zwangsläufig in Bordellen zu – aber der Betrug

Ein Stockwerk höher kommt Anja mit einem Mann aus ihrem Zimmer, Mitte 40, kariertes Hemd, Jeans. Er winkt ihr kurz zu und ist dann schnell weg. "Ich hab' mich beeilt wie ein D-Zug", sagt sie. Anja ist zierlich, hat einen langen Pferdeschwanz, trägt einen schwarzen Slip und ein weißes kurzes Top. Auf ihren Bauch ist eine Sonne tätowiert. Anja hat einen osteuropäischen Akzent, woher sie kommt, will sie nicht verraten, auch nicht, wie sie wirklich heißt, wie alt sie ist, oder wie lange sie hier schon arbeitet. "Ich bin überall und nirgendwo." Im Zimmer ihrer Kollegin setzt sie sich auf eine schwarze Ledercouch, zündet eine Zigarette an. "Ja, natürlich ist jetzt mehr los." Da gingen ganz automatisch auch mehr Männer ins Bordell. "Die sind vorbetrunken, würde ich sagen. Haben gute Laune. Alle sind höflich. Und nett."

Erst vor ein paar Tagen verprügelten zwei betrunkene Amerikaner einen Italiener auf dem Heimweg so sehr, dass er einen Schädelbruch erlitt. Alleine in dieser Woche gab es drei Maßkrug-Schlägereien. Zwei Frauen zeigten Männer an, weil sie ihnen unter den Rock griffen. Ein Mann versuchte, einem anderen mit einem Messer in den Bauch zu stechen. Aber hier sollen alle höflich und nett sein?

Besonders gut gelaufen sei es dieses Jahr noch nicht, sagt Eva. Sonst sei immer mehr los gewesen.

Wer Streit suche, beginne den gleich auf der Wiesn, sagt Bordellbetreiber Erich. "Wer hierherkommt, will feiern, Spaß haben." Mehr Gewalt beobachtet auch Kommissar Feiner nicht. Die Securitys würden aufmüpfigen Männern schon zeigen, wo's lang gehe. Aber dafür registriere seine Abteilung mehr Betrug. Er erzählt von Männern, die eine Flasche Champagner kaufen wollen, ihre Kreditkarte zücken und dann am nächsten Tag auf dem Konto ein Minus von zehntausend Euro sehen. Das passiere jetzt öfter, weil die Männer eben nicht mehr so zurechnungsfähig seien.

"Frauen, die auf die Wiesn gehen, sind wahrscheinlich gefährdeter als die im Bordell", sagt eine Mitarbeiterin vom Mimikry, einer Münchner Beratungsstelle für Prostituierte, die anonym bleiben möchte. Was sie nicht sagt: Einen Türsteher haben die Prostituierten, die auf der Straße arbeiten, nicht. Die Mitarbeiterin der Beratungsstelle kenne Prostituierte, die schon ein paar Mal das Oktoberfest mitbekommen haben, und dann in der Zeit lieber Urlaub machen. "Wenn die Männer betrunken sind, schlafen sie ein, kriegen keinen hoch. Das nervt."

"Der Mann kommt rein. Will ficken, blasen, Massage. Ich bin wie ein Roboter."

Anja hat inzwischen Gesellschaft von vier Kolleginnen bekommen. Sie sitzen in Dessous auf dem Bett, auf der Couch und rauchen. Anja sagt, sie habe solche Geschichten noch nicht erlebt. "Wenn die Männer schon zu besoffen sind, kommen die ja die Treppe zu uns nicht mehr rauf. Das macht doch keinen Sinn." Die anderen nicken. Eine dunkelhäutige Frau mit langer schwarzer Lockenmähne sagt: "Glaubst du, wir lassen jeden rein? Wir können auch Nein sagen." Sie klingt beleidigt.

Eigentlich, da sind sich alle fünf Frauen einig, sei alles nur bisschen mehr, bisschen internationaler, vielleicht mehr Männer, die zuvor noch kein Bordell von innen gesehen haben. "Aber ein Mann ist ein Mann. Und egal, ob klein, groß, dick, dünn, sie wollen alle das Gleiche", sagt Anja. Ein Unterschied fällt ihr dann doch noch ein: Fast alle Männer tragen Lederhosen. "Das gefällt mir. Finde ich sexy." Ihre Kolleginnen lachen.

Eva sagt, ihr seien die Lederhosen egal: "Sie ziehen sie ja eh aus." Wenn Oktoberfest ist, mache sie für die Angetrunkenen alles einfach ein bisschen langsamer. Langsamer sprechen, langsamer ausziehen. Ansonsten sei alles wie immer. "Der Mann kommt rein. Will ficken, blasen, Massage." Eva macht eine Pause. "Ich bin wie ein Roboter. Seit sechs Jahren."

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Twitter.