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AirPods sind eine Tragödie

Sie sehen scheiße aus, sind aber praktisch? Von wegen! Die kabellosen Kopfhörer sind viel schlimmer, als du denkst.

von Caroline Haskins
20 Mai 2019, 12:39pm

Eigentlich sind AirPods ein Produkt der Vergangenheit. Die berüchtigten Apple-Kopfhörer bestehen aus Plastik und enthalten Wolfram, Zinn, Tantal, Lithium und Kobalt. Diese Materialien werden aus Vietnam, Südafrika, Kasachstan, Peru, Mexiko, Indonesien oder Indien nach China gebracht. Dort setzen extrem unterbezahlte Arbeiter und Arbeiterinnen die Kopfhörer zusammen. Das Endprodukt: Sensoren, Mikrofone, kleine Gitter und eine Antenne, verbaut in einer Hülle, die aussieht, wie eine abgeschnittene Zahnbürste. Und verkauft für satte 179 Euro.

18 Monate lang kannst du mit deinen AirPods Musik hören oder telefonieren. Danach wird der Lithium-Ionen-Akku langsam seinen Geist aufgeben. Reparieren lassen sich die Kopfhörer nicht. Die Bauteile sind zusammengeklebt und nur schwer zu öffnen. Wegschmeißen solltest du sie allerdings auch nicht, der Akku könnte sich in der Müllpresse entzünden. Recyceln geht nicht, denn es gibt keine sichere Methode, den Lithium-Ionen-Akku von der Plastikhülle zu trennen. So werden die AirPods am Ende in irgendeiner deiner Schubladen vor sich hingammeln .

Kyle Wiens, der Geschäftsführer des Elektronik- und Reparaturportals iFixit, bezeichnet AirPods als "böse". Laut dem Review auf rtings.com liegen die Kopfhörer in Sachen Klangqualität unter dem Durchschnitt.

Ein Twitter-User beschwert sich über den schlechten AirPod-Akku
Screenshot: Twitter

Dazu kommt: Deine AirPods bleiben der Erde mindestens ein Jahrtausend lang erhalten. Vielleicht finden Archäologen der Zukunft irgendwo ein altes Paar AirPods in verlassenen Häusern. Vielleicht ergründen sie, warum damals Technologie hergestellt und gekauft wurde, die nur 18 Monate lang hält und doch nie verschwindet.

Aber wir können ja schon jetzt einmal darüber nachdenken.

Schlechter Sound, gute Memes

Obwohl AirPods gar nicht das teuerste Wireless-Kopfhörermodell auf dem Markt sind, haben sie es in den sozialen Medien zu einem Meme geschafft – ein Meme, in dem AirPod-Träger automatisch zur reichen Elite der Gesellschaft gehören.

Die Kopfhörer sind so klein, dass sie zeigen: Du kannst sie dir leisten und dir auch leisten, sie zu verlieren. Oder sie versehentlich in der Waschmaschine mitzuwaschen.

Auf der Social-Media-Plattform TikTok hat sich dieser Gedanke in ein Meme verwandelt, bei dem die User so tun, als würden sie ihre AirPods im Klo runterspülen. Andere vergleichen den doch ziemlich auffälligen Look mit dem Kopf einer elektrischen Zahnbürste.

Der weiße Kunststoff ist eigentlich blutverschmiert

Der Wegwerf-Charakter der AirPods unterstreicht, dass sie auch von "Einweg-Arbeitern" hergestellt werden; diese sind von der Laune des Markts abhängig: Wenn die Nachfrage nach einem Produkt oder einer Dienstleistung da ist, haben sie Arbeit. Wenn nicht, dann nicht. Das schließt Leiharbeiter, Teilzeitangestellte und unterbezahlte Arbeiter mit ein, die als "austauschbarer Teil des Herstellungsprozesses" angesehen werden. So schreiben es die sozialistischen Autoren Fred und Harry Magdoff in der amerikanischen Zeitschrift Monthly Review.


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Eigentlich ist fast jedes elektronische Gerät das Ergebnis von Schwerstarbeit in Minen, Raffinerien und Fertigungshallen – mit einem menschlichen Preis. Ein Beispiel dafür ist Foxconn, das chinesische Unternehmen, das laut Business Insider rund die Hälfte aller iPhones und weitere Apple-Produkte zusammenbaut (für AirPods sind Luxshare und Investec zuständig). Foxconn betreibt eine Fabrikstadt in Zhengzhou, die manche auch als "iPhone City" bezeichnen. Laut Business Insider arbeiten dort um die 350.000 Menschen. Die Löhne beginnen bei 300 Dollar pro Monat. Apple bezog zudem jahrelang Kobalt und Tantal für die Lithium-Ionen-Akkus und den Leiterschutz aus der Demokratischen Republik Kongo. Erst nachdem über die dortige Kinderarbeit sowie über Arbeitsunfälle und Todesfälle unter den Arbeitern berichtet wurde, hörte Apple auf, die Metalle aus den dortigen Minen aufzukaufen.

Auf der schneeweißen Verpackung sind der ganze Dreck, das Blut, die Tränen und die Schmerzen der ausgebeuteten Arbeiterschaft natürlich nicht zu sehen.

Apple und das einkalkulierte Versagen

Laut Apple sind AirPods Teil einer größeren Vision einer "kabellosen Zukunft". Kabel und Kabelgewirr seien nur eine Last. Und AirPods dementsprechend eine regelrechte Befreiung.

Natürlich können Kabel nerven. Aber Apples "Befreiung" ist trotzdem eine Farce: Die AirPods wurden 2016 zusammen mit dem iPhone 7 und iPhone 7 Plus eingeführt – die ersten iPhone-Modelle ohne Kopfhöreranschluss. Sie sollen sich nahtlos vom iPhone zum MacBook oder zur Apple Watch verbinden, je nachdem, welches Gerät man gerade benutzt. Aber eigentlich sind sie nur deshalb so "praktisch", weil Apple den Kopfhöreranschluss gestrichen und die neuen iPhones damit weniger benutzerfreundlich gemacht hat.

Durch diesen Schritt werden Apple-Benutzer und -Benutzerinnen quasi dazu gezwungen, weitere kompatible – also firmeneigene – Produkte zu kaufen, die nach ein paar Jahren nicht mehr funktionstüchtig sein werden. "Ich würde hier von einer kalkulierten Veralterung des Produkts sprechen, aber eigentlich ist das Ganze eher ein kalkuliertes Versagen", sagt Kyle Wiens, der Geschäftsführer von iFixit. "Apple wusste von Anfang an, dass sich die Kopfhörer nach 18 Monaten nicht mehr aufladen lassen. Aber so was steht natürlich nicht auf der Verpackung."

Luxus, der eigentlich keiner ist

Eine technische Glanzleistung stecke in diesen kleinen AirPods, sagte Philip Schiller, Apples Marketing-Vizepräsident, bei der ersten Vorstellung der Kopfhörer. Er erzählte vom Chip, von Dual-Beschleunigungsmessern, von optischen Sensoren, von strahlenbündelnden Mikrofonen, von Antennen.

Die grundlegende Technologie, auf der AirPods beruhen, ist jedoch Bluetooth. Also Funkwellen, die Daten von Gerät zu Gerät übertragen. Jim Kardach, ein Intel-Mitarbeiter im Ruhestand, hat Bluetooth damals diesen Namen gegeben. Laut ihm sollte das Ganze die kabellose Übertragungstechnologie für breite Bevölkerung sein, weil sie nicht viel kostet. Dennoch verkaufen verschiedene Unternehmen Bluetooth so, als sei die inzwischen 20 Jahre alte Technologie unglaublich teuer. Auch Apple ist da keine Ausnahme.

Ein umweltschädliches Fossil des Kapitalismus

Einweg-Plastikprodukte – Wasserflaschen, Kaffeebecher, Verpackungen – sind billig für Firmen und praktisch für die Konsumenten. Und sie enden größtenteils als Plastikmüll in den Ozeanen. Manche Wissenschaftler nennen unser Zeitalter deshalb schon das Plastozän. Elektro-Geräte sind nicht anders. Firmen wie Apple haben kein Interesse daran, ihre Produkte reparierbar zu machen. Dann würden die Verkäufe einbrechen. Also machen sie seit Jahren Stimmung gegen Recht-auf-Reparatur-Initiativen. Apple hat sich deshalb sogar mit Amazon zusammengetan, um alle Anbieter von iPhone- und Macbook-Reparaturen von Amazons Plattform zu werfen.

Unser ganzes Wirtschaftssystem lebt davon, dass Dinge nicht lange halten. Für Firmen sind Produkte, die sterben, profitabler als Produkte, die halten.

AirPods sind nichts weiter als die umweltschädliche Verkörperung eines weltweiten Wirtschaftssystems, das es einigen Leuten ermöglicht, Kopfhörer für 179 Euro zu kaufen und sie zu verlieren. Andere Leute stellen unter Lebensgefahr diese Kopfhörer her. AirPods sind die zukünftigen Fossilien des Kapitalismus.

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