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Wenn du eine Schießerei überlebst, ist nichts mehr wie vorher

Nachdem auf mich geschossen wurde, habe ich einen Militärübersetzer und einen Drogendealer gefragt, wie sie Schießereien verarbeitet haben.

von Mahmood Fazal
14 Mai 2018, 8:47am

Foto: Guillaume PaumierFlickrCC BY 2.0

Ich war 21, als mein Cousin anrief und mich bat, ihn abzuholen. Er arbeitete aushilfsweise hier in Australien im Nachtclub eines meth-abhängigen Motorradrockers. Da wusste ich noch nicht, dass ich diesen Abend nur haarscharf überleben würde.

Ich parkte mein Auto beim Club und sah meinen Cousin: Er arbeitete am Eingang und machte einen auf harten Türsteher, obwohl er absolut keine Erfahrung hatte. Er besaß nicht mal eine Security-Lizenz und war nur an der Tür, weil die eigentlichen Aufpasser "im Büro beschäftigt" waren – wahrscheinlich mit Speed-Lines und Crack-Pfeifen. Aber selbst ohne die ganzen Drogen konnte einem der Laden echt Angst einjagen.

Plötzlich hörte ich in der Ferne dumpfes Geschrei und mehrere laute Knallgeräusche, die mich an einen kaputten Auspuff erinnerten. Dann knackte es laut neben meinem Kopf. Der richtige Türsteher warf sich auf den Boden, mein Cousin und ich taten es ihm gleich und wir kauerten uns in eine uringetränkte Ecke. Da bemerkte ich ein Loch in der Wand. Nur Sekunden vorher hatte dort der Security-Mitarbeiter gestanden. Es folgten drei weitere Schüsse und ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand. Obwohl wir im Freien waren, bekam ich Platzangst. Aber vor meinem inneren Auge zog nicht mein bisheriges Leben vorbei, sondern es wiederholte sich in meinem Kopf nur eine einzige Frage: "Scheiße, ducke ich mich tief genug?"

Nach den Schüssen waren meine Ohren überempfindlich. Ich erkannte die Umgebung nicht mehr. Alle um mich herum standen nur benommen da. Der Türsteher erzählte, dass der Clubbesitzer einigen Typen, mit denen nicht zu spaßen war, ziemlich viel Geld schuldete. Danach steckte er sein Hemd zurück in die Hose und nahm wieder seine Arbeitsposition ein. Ich weiß nicht, ob er unter Schock stand oder nur nicht wusste, was er sonst tun sollte. Per Funkgerät wurde er gefragt, ob alles vorbei sei. Die Leute, die in der Warteschlange vor dem Club gestanden hatten, eilten entweder zu ihren Autos oder stellten sich mit ungläubigen Gesichtern wieder an. Ich empfahl meinem Cousin, besser zu kündigen, und wir suchten das Weite.


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Ich glaube, ich bin über diesen Abend nie wirklich hinweggekommen. Ich denke jetzt total willkürlich über das Leben und den Tod nach – zum Beispiel wenn ich im Kino die Tickets kaufe oder meine Haare schneiden lasse. Ich mache mir dann immer Gedanken darüber, warum ich noch lebe und wie knapp es damals eigentlich war. Ich frage mich aber auch, ob sich dieses einschneidende Erlebnis positiv auf mein Leben ausgewirkt hat. Bin ich mir der Konsequenzen meiner Entscheidungen jetzt bewusster? Habe ich einen lebensbejahenderen Weg eingeschlagen?

Solche Gedanken haben mich neugierig gemacht. Wie hat es sich auf andere Menschen ausgewirkt, dass man auf sie geschossen hat? Ich kenne einen ehemaligen Militärübersetzer namens Salim, der mit der australischen Armee mehrmals in Afghanistan war. Ich lernte ihn kennen, als er meine Cousine heiratete. Damals erschien er mir als extrem lebensfreudiger Mensch. Er machte gerne Party, mietete sich dicke Autos und interessierte sich für Rolex-Uhren. Jetzt allerdings weiß ich, dass er sich in den Jahren seit der Hochzeit verändert hat.

Wenn Verwandte Panik auslösen

"Nachdem ich zum ersten Mal in einen Schusswechsel geraten war, wurde mir bewusst, dass die Welt am Arsch ist und wir alle irgendwann sterben", sagt er mir. "Wir waren in diesen großen Lehmhütten, die Vorhänge flatterten. Ich dachte darüber nach, dass es eigentlich gar nicht windig war, als wir plötzlich das Gewehrfeuer hörten. Vor allem das Echo prägte sich direkt ein. Selbst heute träume ich manchmal noch davon, durch Vorhänge zu schauen oder an ihnen zu ziehen. Richtig komisch, fast schon psychedelisch."

Ich kenne Salim jetzt schon lange genug, um zu wissen, dass er seit seinem Ausscheiden beim Militär im Jahr 2009 ziemlich zurückgezogen lebt und kaum aus dem Haus geht. Ich frage ihn, welche Rolle seine Erinnerungen dabei spielen. Er geht nicht direkt darauf ein, sondern beschreibt mir stattdessen, wie andere Menschen besser als er in einer solch extremen Situation klarkommen.

"Er hat Angst davor, zu einem Psychiater gehen zu müssen, falls er mal Dinge hört und verrückt wird."

"Es war total komisch, dabei zuzusehen, wie ein Soldat 'You Got It Bad' von Usher sang und sich dann für präzises Gegenfeuer auf den Boden warf. Die Typen wissen, wie man das nicht an sich ranlässt", erklärt Salim. "Ich wusste das nicht."

Ich sehe mich in Salims Wohnung um und kann keinen einzigen persischen Teppich oder irgendwelche anderen kulturellen Anzeichen seiner afghanischen Herkunft finden. Wie seine Frau erzählt, hängt Salim den ganzen Tag lang nur herum und hört über seine Kopfhörer Rap. Ich will wissen, wie sie über den Zustand ihres Manns denkt.

"Er hat Angst davor, zu einem Psychiater gehen zu müssen, falls er mal Dinge hört und verrückt wird. In unserer Kultur bringt man psychisch Kranken keinen Respekt entgegen", antwortet sie mir. "Er macht sich Sorgen, dass ihn seine afghanische Community als Verräter ansehen könnte. Wenn ihn die Leute dann auch noch für verrückt halten, hat das für sie mit Sicherheit einen abergläubischen Grund. Als Muslim hat er das Richtige getan, nämlich die Bösen besiegt. Dadurch ist er aber als gebrochener Mann zurück nach Hause gekommen."

Der richtige Umgang mit Ängsten ist entscheidend

Bei Salim scheint sich die Gewalt vor allem auf Ängste ausgewirkt zu haben, die mit den Themen Verrat, Nationalität und Zugehörigkeit zu tun haben. "Wir haben nachts afghanische Häuser durchsucht und wurden von Afghanen beschossen. Deswegen fühlte ich mich als Afghane sehr komisch. Wieder zurück in Australien war es dann richtig verstörend, abends und nachts Verwandte zu besuchen – weil sie Afghanen sind."

"Ich dachte immer, dass uns gleich die Fenster um die Ohren fliegen. Und weil ich nicht mit meinem Team unterwegs war, bekam ich schnell Angst und Paranoia. Ich befürchtete ständig, gleich in einen Hinterhalt zu geraten und erschossen zu werden", erzählt Salim weiter. "Ich konnte keine Zeit mit meinen Freunden und Verwandten an den Orten verbringen, die eigentlich meine wahre Heimat sein sollen."

Es scheint so, als ob sich bereits existierende Ängste verstärken, wenn man nur knapp von Kugeln verfehlt wird. Da ist es wichtig, diese Ängste zu erkennen und so zu kontrollieren, dass man sie zu seinem Vorteil nutzen kann.

"Erst dachten wir, dass da irgendwelche kleinen Arschlöcher rumböllern, es waren ja gerade Ferien."

Ich bekomme einen anderen Kontakt vermittelt: ein junger Mann, den es augenscheinlich völlig kalt lässt, dass sein Haus schon einmal zum Ziel eines Drive-By-Shootings geworden ist. Jase* verhielt sich nach der Situation ganz anders als Salim: Anstatt sich um die Zukunft Sorgen zu machen, hatte er sich auf die aufkommenden Gedanken schon vorbereitet.

"Alles begann um 02:30 Uhr nachts", erzählt er. "Ich hatte einige Freunde eingeladen. Wir tranken etwas, zogen ein paar Lines und hörten plötzlich Schüsse. Erst dachten wir, dass da irgendwelche kleinen Arschlöcher rumböllern, es waren gerade Ferien."

Als Drogendealer war Jase schon in jungen Jahren Mitglied in Straßengangs. Er weiß also ganz genau, welche Gewalt seine Tätigkeit mit sich bringen kann. "Glas ging zu Bruch, meine Frau schrie herum. Ich sagte nur zu meinen Kumpels, dass da wohl jemand auf mein Haus scheßt", sagt Jase. "Der Kugelhagel hörte gefühlt nicht mehr auf. Ich schrie den anderen zu, verdammt noch mal unten zu bleiben. Eine Kugel zerstörte auch meinen Kronleuchter."

Die Welt mit anderen Augen sehen

Um hinter Jases coole Fassade zu blicken, spreche ich mit seiner Frau. "Er macht sowas nicht mehr wirklich", sagt sie. "Er ist jetzt viel besonnener, nicht mehr so draufgängerisch. Drogen vertickt er auch nicht mehr, er sucht schon seit einigen Monaten einen Baustellenjob."

Bevor ich gehe, frage ich Jase noch, ob er die Welt seit der Schießerei mit anderen Augen sieht. Er denkt einen Moment lang nach und antwortet dann: "Als ich 15 war, wurde mein Vater zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das hat mich komplett aus der Bahn geworfen. Solche Sachen, Beerdigungen von Freunden und die ganze Scheiße, die man in den Nachrichten liest, das alles zeigt mir, dass die Welt einem jederzeit ohne Vorwarnung richtig hart zusetzen kann."

Das traumatische Erlebnis einer Schießerei scheint eine Reihe an Gefühlen mit sich zu bringen, die im starken Kontrast zueinander stehen: Entweder begünstigen sie eine uneingeschränkt lebens- und schicksalsbejahende Attitüde oder sie zeigen einem die Vergänglichkeit des Lebens auf. Egal in welche Richtung es auch geht, man kann nur hoffen, diese Gefühle richtig einzuordnen und zu verarbeiten – und nie wieder in eine solche schreckliche Situation zu geraten.

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