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Neue Nachbarn

Ein syrischer Flüchtling erzählt vom Feiern mit Österreichern

"Meine Freunde gaben mir eine Lederhose und ein kariertes Hemd und brachten mir bei, wie man so richtig in Österreich tanzt."

von Mahmoud Al Abdallah
29 Mai 2017, 7:00am

Credit Daniel Auer Photography

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie 'Neue Nachbarn', in der junge Geflüchtete aus ganz Europa Gastautoren auf VICE.com sind. Lies hier das Editorial dazu.

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Ich stamme aus einer großen Familie: Acht Geschwister habe ich insgesamt und von klein auf war ich von vielen Verwandten und Freunden umgeben. In Österreich fühlte ich mich ziemlich allein am Anfang und vermisste mein Zuhause. Meine Freunde blieben entweder in Damaskus oder flüchteten in den Libanon.

Als der Krieg ausbrach, legte mir meine Familie ans Herz, die Schule abzubrechen. Sie hatten Angst um mich: In der Schule wurden die Burschen, die groß und stark genug ausschauten, zwangsweise in den Krieg gezogen. In Kürze verließ ich Damaskus und zog in eine kleinere Ortschaft in Südsyrien, in der ich ein paar Jahre lang mit einem Freund zusammen lebte und in eine neue Schule ging.

Anfang Dezember 2015 konnte ich endlich fliehen, nach Österreich zu meinem großen Bruder zu flüchten. Er war bereits seit drei Jahren hier und hatte mir viel über die Gesellschaft, die Schule und vor allem die Sicherheit hierzulande erzählt.

"Schnell wurde meine Deutschgruppe zu meiner zweiten Familie"

Bald bekam ich auch den positiven Asylbescheid. Ich war sehr motiviert, Deutsch zu lernen und ich hatte so viel Glück, den letzten Platz in einem Deutschkurs in der Nähe von meiner Wohnung zu bekommen. Der Deutschkurs wurde von freiwilligen Studenten organisiert, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen wollten, ohne Geld dafür zu verlangen.

Sie waren alle so sympathisch und schnell wurde meine Deutschgruppe zu meiner zweiten Familie. Wir waren zusammen nicht nur täglich im Unterricht, sondern auch in der Freizeit. Ich war wirklich sehr positiv überrascht, zu sehen, wie diese Menschen, die mich seit nur einigen Wochen kennen, mich in ihre Community integrieren wollen.

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Meine besten zwei Freunde sind beide Österreicher. Wir lernten uns im Deutschkurs kennen und ich bin ihnen sehr dankbar für alles, was ich über die deutsche Sprache und österreichische Kultur kenne. Letzten Sommer waren wir zusammen auf dem Donauinselfest und es war etwas Einzigartiges für mich. So viele Menschen am selben Ort, die tanzen und Spaß haben, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen.

Meine Freunde luden mich auch zu ihren Partys ein. Als ich in Syrien lebte, war ich noch zu jung, um Partys mit meinen Freunden zu schmeißen. Das Einzige, das ich kannte, waren Familienfeier, also immer zu Hause und nur mit den Verwandten. Hier wurde ich zu meinen neuen Freunden eingeladen und ich freute mich jedes Mal über ihre Geste. Ich fühlte mich dadurch integriert und akzeptiert.

Ich bin gläubiger Moslem und trinke daher keinen Alkohol. Meine Freunde zeigten immer Verständnis und niemand verurteilte oder verbannte mich deswegen aus der Gruppe. Ganz im Gegenteil: Wir respektieren uns gegenseitig und gerade dieser Respekt befestigt stets unsere Freundschaft. Wenn wir etwas zusammen kochen, achten sie darauf, dass kein Schweinefleisch auf den Tisch kommt. Dafür mache ich sie mit unseren syrischen Spezialitäten bekannt.

"Sie gaben mir eine Lederhose und ein kariertes Hemd und brachten mir bei, wie man so richtig in Österreich tanzt"

Zu Ostern luden sie mich in ihr Elternhaus ein. Das war das erste Mal, als ich die österreichische Tracht trug. Sie gaben mir eine Lederhose und ein kariertes Hemd und brachten mir bei, wie man so richtig in Österreich tanzt. So eine schöne Zeit hatte ich seit langem nicht mehr! Wir versteckten sogar Eier im Garten und suchten sie danach zusammen. Ich fühlte mich privilegiert, an ihren Traditionen direkt teilnehmen zu dürfen.

Natürlich lernten meine Freunde auch unsere zwei großen Feiern kennen: Eid al-Fitr und Eid al-Adha. Sie haben bei uns so viel Bedeutung wie Weihnachten und Ostern bei den Christen. Wir feierten zusammen und es war sehr spannend für sie, dabei mitzumachen.

Mein Leben hat sich drastisch verändert, seitdem ich in Österreich lebe. Ich hatte es nicht leicht in den letzten Jahren. Ich mache mir immer noch täglich Sorgen um meine Familie und ich vermisse meine alten Freunde, aber diese wunderschönen Menschen von meinem Deutschkurs machen meinen Aufenthalt hier viel schöner und zaubern mir immer ein Lächeln ins Gesicht. Ein herzliches Dankeschön an euch alle , ihr seid einfach die Besten!

Unterschreibe hier die Petition des UNHCR, die Regierungen dazu aufruft, eine sichere Zukunft für alle Flüchtlinge zu garantieren.

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